Skizzen aus Wien – Nr. 35

The Sandworm - artwork zoer

Sehr häufig mache ich mir Gedanken zum Thema Sprache, ihrer Verwendung und ihrem Missbrauch. Meistens verfalle ich beim Nachdenken darüber in Rage, weil unsere Sprache seit längster Zeit in einer Art und Weise verwendet wird, die man wahlweise mit den Begriffen „Sprachbrei“ „Geschwurbel“ oder „heiße Luft“ überschreiben kann. Das gilt sowohl für das was man aus Politik, Wirtschaft und Journalismus hört, aber leider auch für die Wissenschaft.

Immer wieder ärgere ich mich dann über inhaltsleere Interviews mit Politikern, über die fehlende Courage der sie befragenden Journalisten – hat sich schon jemals wer überlegt ein Interview einfach abzubrechen, wenn die Frage beim zweiten Mal nicht beantwortet wird? – sowie über den schleichenden Austausch verständlicher Texte oder Kommentare durch die meist wahllos scheinende Aneinanderreihung von hochgestochenen Worten, die, wenn man sie zu analysieren beginnt, eigentlich keinen Sinn ergeben.

Nachdem diese Phänomene keine neuen sind, derzeit aber wieder Hochkonjunktur zu haben scheinen, möchte ich in meinem heutigen Eintrag näher darauf eingehen, nicht zuletzt weil mir diesbezüglich der von mir sehr geschätzte Schriftsteller David Foster Wallace, in einem Essay, voll und ganz aus dem Herzen gesprochen hat. DFW hat die ganze Problematik darüber hinaus nicht nur hochamüsant, sondern logisch schlüssig und vor allem ruhig und überlegt zu Papier gebracht. Derlei möchte ich den Sandwurmlesern nicht vorenthalten, auch auf die Gefahr hin über einen längeren Essay hinweg den einen oder die andere Leserin zu vergraulen.

Der erwähnte Aufsatz trägt den bezeichnenden Titel „Authority and American Usage“ (1) und bezieht sich auf die englische Sprache, respektive amerikanisches Englisch, die darin getätigten Argumente lassen sich jedoch mit Leichtigkeit auch auf den deutschen Sprachraum übertragen.

Eigentlich dreht sich DFWs Essay rund um die Rezension des Wörterbuches „Dictionary of Modern American Usage“, was soviel wie eine Art Stilführer für den Gebrauch amerikanischer Sprache ist, der Aufsatz ist in seiner Gesamtheit jedoch nicht nur eine hochinteressante Analyse zeitgenössischer amerikanischer Linguistik, er ist durch die persönliche Note, die der Autor miteinbringt und wofür ich ihn umso mehr schätze, auch noch hochamüsant. Wie man es von DFW gewohnt ist, schweift er dabei in die eine oder andere Fußnote, den einen oder anderen Exkurs ab und hantelt sich so von der Bewertung des Lexikons weiter zu den Themen Politische Korrektheit (forthin PC) und akademisches Englisch. Er verliert jedoch nie das übergeordnete Motiv aus dem Auge, sondern knüpft eine brillante, logisch schlüssige, Kette, um seine Argumente in Bezug auf das generelle Thema Sprachgebrauch auszuführen und zu begründen. Dabei spricht er mir so sehr aus dem Herzen, dass eine nochmalige Lektüre des Aufsatzes mich fast zu Tränen gerührt hätte.

Ich möchte nicht auf den gesamten Inhalt des Essays eingehen, sondern mich auf die wichtigsten Punkte konzentrieren, nämlich die Problematik der Verwendung einer zunehmend verwaschenen, inhaltsleeren Sprache, die vermutlich nicht nur mich, sondern auch einige andere hierzulande quält. Wer kennt nicht die hohlen Politikerfloskeln, die uns Zuhörer entweder zur Weißglut treiben, oder einen sofortigen Ausschaltimpuls im Fall eines TV-Interviews auslösen. Wem nicht sofort einige Beispiele dazu einfallen, kann sich hier einen ersten Überblick verschaffen.

Das Problem und das ist auch ein Grund, warum ich mich endlich entschlossen habe, darüber zu schreiben, ist aber nicht allein in der Politik zu finden. Die Verwässerung von Inhalten oder die vollkommene Abwesenheit einer Aussage, diese Sprachverwendungskrankheiten scheinen sich durch alle Schichten zu ziehen, die in unserer Gesellschaft noch irgendeinen Einfluss haben. Von der Politik über die Wirtschaft zur Werbung bis hin zur akademischen Gemeinschaft. Nicht zuletzt offenbart die grassierende Inhaltslosigkeit aber auch einen Rückzug aus der persönlichen Verantwortlichkeit. Kein Konzern will mehr für die Nichtwirkung seines Produktes haften, deswegen schwört man auf sinnlose Phrasen, kein politischer Mandatar möchte sich in die Nesseln setzen und seine Haltung zu einem Thema preisgeben, deswegen larviert man um das Thema herum und vergeht sich in Gemeinplätzen, die akademische Elite hat längst bemerkt, dass man unliebsame Eindringlinge am besten von sich fernhält, indem man sich hinter einer kryptischen Pseudosprache versteckt, die zwar inhaltlich kaum Neues bietet, mitunter, wenn man sich mit diversen Publikationen näher auseinandersetzt, sogar überhaupt keinen Inhalt offenbart, die aber und das ist der Zweck der Übung, den elitären Zirkel klein hält und vor allem jenen Schichten, die sozial schwächer sind den Eintritt verwehren. Statistiken dazu muss ich Ihnen wohl keine präsentieren, die gibt es zu Hauf. Ganz oben auf diesem Berg von Geschwurbel sitzt dann etwas was man in den USA und England gern als political correctness (PC) oder hierzulande als politisch korrekte Ausdrucksweise bezeichnet.

DFW setzt sich mit dieser Thematik auf höchst interessante Weise auseinander und ich möchte dazufügen, dass, auch wenn er aufgrund der englischen Sprache, welche die Problematik nicht so eklatant kennt, wie das Deutsche, das Thema „gendergerechte Ausdrucksweise“ nicht ausdrücklich erwähnt, ich es sehr wohl in mein Argument miteinbeziehen werde, weil es genauso dazugehört.

DFW beginnt seine Analyse in der Linguistik, wo sich konservative Präskriptivisten und liberale Deskriptivisten auf Biegen und Brechen bekämpfen („usage wars“) und sich darüber streiten, ob man gewisse Regeln in der Sprache festschreiben soll (präskriptiv), oder ob Sprache sich permanent wandelt und kein einzelner Dialekt per se der richtige ist (deskriptiv). Über den Streit in diesen zwei Lagern hantelt sich der Autor weiter zur PC und kommt damit zur Essenz dessen, was ich hier gerne darlegen möchte: PC und das bezeichnet der Autor als die Ironie an der Geschichte, wäre auf dem Mist der Liberalen, oder der Linken, wie wir sie hier bezeichnen, gewachsen und spiegele eine gewisse „von Lenin zu Stalin“- Ironie wider. Warum? Die ursprüngliche Revolution, so DFW, die zu einer Zurückweisung des traditionellen Verständnisses von Autorität (in den USA getrieben durch die Anti-Vietnam-Bewegung) einerseits und festgeschriebener Ungleichheit (die Bürgerrechtsbewegung) andererseits geführt hat, sei mittlerweile in einer viel unflexibleren Dogmatik gemündet, nämlich jener der Politischen Korrektheit. Und, so die Meinung DFWs, diese wäre nicht nur dumm, sondern würde auch den eigentlichen Zweck, der damit verfolgt wird, beschädigen.

Der Autor stellt dies nicht bloß in den Raum, sondern er begründet seine Sichtweise natürlich. Bestimmte Konventionen im Sprachgebrauch, so meint er, würden auf zweierlei Weise funktionieren. Entweder sind sie die Reflexion einer Veränderung, oder aber sie sind das Instrument, um eine Veränderung zu bewirken. Die zwei Funktionen müsse man jedoch trennen, um nicht den gewaltigen Fehler zu begehen, die politische Symbolik der Sprache, mit politischer Wirksamkeit zu verwechseln. Oder wie DFW es anders ausdrückt, um nicht der bizarren Überzeugung zu verfallen, Amerika (gerne auch mit Österreich auszutauschen) wäre plötzlich allein deswegen nicht mehr unfair oder elitär (wahlweise zu ergänzen mit rassistisch, frauenfeindlich, etc.), weil ein bestimmtes Vokabular nicht mehr verwendet würde. Der große Trugschluss von PC, und ich füge dazu, auch von gendergerechter Sprache, wäre der Glaube, dass die Ausdrucksweise einer Gesellschaft das Produkt ihrer Einstellung sei und nicht umgekehrt.

Die viel größere Ironie aber, so DFW, wäre die Tatsache, dass PC vorgibt der Dialekt einer progressiven, liberalen Reform zu sein, während er – weil man in nahezu Orwell’scher Manier an die Stelle faktischer sozialer Gleichheit einen Euphemismus für soziale Gleichheit setzt – in der Tat den Konservativen eine viel größere Hilfe ist, den Status Quo, bzw. soziale Ungerechtigkeit, aufrecht zu erhalten. Wie das? DFW meint dazu, dass es ihm, wäre er ein Konservativer, der gegen eine Steuerreform zur gerechteren Verteilung nationalen Reichtums wäre, große Freude bereiten würde, wenn die Linke ihre Zeit und Energie damit verschwendet, darüber zu diskutieren, ob man eine „arme Person“ nun besser als „Person niederen Einkommens“ oder als „ökonomisch benachteiligt“ bezeichnet, anstatt sich darauf zu konzentrieren wirksame Argumente für Verteilungsgerechtigkeit oder Vermögensbesteuerung zu entwickeln. Mit einem Wort, so DFW, politische Korrektheit fungiert als eine Art Zensur, und Zensur dient immer der Aufrechterhaltung des (konservativen) Status Quo.

Als lebhaftes Beispiel seiner Logik führt der Autor an, dass es einem Familienvater dessen Einkommen an der Armutsgrenze liegt, wohl relativ egal ist, ob man ihn als „arm“ oder „ökonomisch benachteiligt“ bezeichnet (2). Die Tatsache, dass sich ganze politische Parteien, oder Interessensgruppierungen fast ausschließlich, ja fast manisch, auf die ihrer Meinung nach „korrekte“ Verwendung von Sprache kaprizieren, sich quasi als eine Art Sprachpolizei (DFW verwendet diesen Ausdruck ebenfalls und daneben noch einige andere…) auf jede von ihnen entdeckte „falsche“ Ausdrucksweise stürzen, mag einerseits in den Bereich Überkompensation fallen, die sich vermutlich aus der als frustrierend empfundenen eigenen Machtlosigkeit speist, DFW bringt aber ein weiteres sehr überzeugendes Argument vor.

Er meint, dass die zwanghafte Verwendung politisch korrekter Ausdrucksweisen in vielen Fällen von den Betroffenen als beleidigend empfunden wird (3), nicht nur weil sie herablassend, sondern eigentlich scheinheilig und egoistisch ist. Und zwar deshalb, weil ein Teil der Motivation des Sprechers ein bestimmtes Vokabular zu benutzen immer auch den Wunsch ausdrückt, Dinge über die eigene Person zu kommunizieren. D.h. die Person, die sich auf gewisse Ausdrucksweisen versteift, tut bis zu einem gewissen Grad nichts anderes, als den eigenen Narzissmus zu füttern. Und begeht dabei einen gewaltigen Fehler, mit dessen Analyse DFW das derzeit so grassierende Problem der Linken und eine der Ursachen beschreibt, warum sie gerade in Zeiten, die wirtschaftlich schwierig sind, also bestes Terrain Wählerklientel zu generieren, so eklatant dahinsiechen, dass man sich eigentlich größte Sorgen machen müsste (4). Den Grund dafür sieht DFW (natürlich in Bezug auf die amerikanische Linke) in der Tatsache, dass die eigene Eitelkeit für die Sache der Linken oder Liberalen (wie immer man sie bezeichnen will) deshalb so schädlich ist, weil man dadurch – man sieht sich ja selbst als uneingeschränkt empathisch und großzügig (siehe dazu auch wahlweise Interviews und Reden von diversen politischen Funktionären) und möchte natürlich auch, dass einen die anderen so erleben – die Chance verpasst seine Argumentation in realistischer und realpolitisch glaubwürdiger Art und Weise vorzubringen. D.h. die Argumentation rund um Themen wie Vermögenssteuern, Grundsicherung, etc. könnte durchaus auch auf Eigeninteresse gründen und darauf hinweisen, dass eine Umverteilung der Mittel auch den Besserverdienern nützt, egal ob sie nun Mitleid mit Arbeitslosen oder Benachteiligten haben oder nicht, weil sich dadurch der soziale Frieden im Land aufrecht erhalten lässt und letztlich gerade dadurch das Eigentum der sogenannten Elite geschützt bleibt.

Über einen weiteren Einschub schließlich erweitert DFW sein Argument auch auf den Bereich des akademischen Englisch, welches wie die deutsche Wissenschaftssprache, zu einem Gutteil unverständliches Kauderwelsch ist und nicht in erster Linie dazu dient irgendeine Botschaft zu transportieren, sondern wie auch im Falle von PC, viel mehr die Funktion erfülle, das Ego des Verfassers zu streicheln. Dieses Kauderwelsch, welches George Orwell übrigens bereits im Jahre 1946 in einem ausgezeichneten Artikel (5) angeprangert hat – ein Hinweis der DFWs Argumentationslinie in hervorragender Weise nicht nur illustriert, sondern ihr noch mehr Nachdruck verleiht – ist mittlerweile aus der akademischen Welt in Bereiche wie Werbung (Lipidinose X Faltencreme,…), Wirtschaft (downsizing, outsourcing, …), Kunst (kryptische Ausstellungstexte…) und Journalismus (lesen sie diverse Theater-, Literatur- oder Filmrezensionen…) gesickert und Orwell war bereits damals der Meinung, dass es sich um „eine Mischung aus Vagheit und schierer Inkompetenz“ handle, in der es normal wäre „auf lange Passagen zu treffen, die fast völlig jeglicher Sinnhaftigkeit entbehren“. Einer der Hauptgründe dafür wäre, so DFW, dass es den Verfassern dieser sinnlosen Botschaften meist darum ginge, sich als Intellektuelle zu präsentieren und der Griff zu undurchsichtigen Abstraktionen oder protzigem Vokabular lediglich der Funktion diene, den Autor der Zeilen nicht auf eine definitive Botschaft festnageln zu können, eine Botschaft, die man widerlegen könnte, oder die ihn letztlich gar als dumm entlarvt.

Und das ist eine jener Schlussfolgerungen in diesem Essay von DFW, die ich auch selbst als die Ursache für die grassierende Inhaltsleere politischer, wirtschaftlicher oder journalistischer Botschaften deute und womit ich zum Ende dieses zugegebenermaßen sehr langen Eintrags kommen möchte. Keine der Personen, die sich in unserem Land in einer Position der Verantwortung befinden, hat mehr den Mut ihre Meinung verständlich darzutun, weil es offenbar keiner von ihnen darum geht, wirklich etwas zu verändern, sondern weil man sich bloß noch an seine Ämter klammert, die durch eben an dieser Stelle erwähntes Kauderwelsch erworben wurden. Und das nicht einmal, weil die Wähler dieses Gewäsch tatsächlich jemals geglaubt haben, sondern weil es keine Alternative mehr dazu zu geben scheint. Worin letztlich auch der Grund liegen mag, warum immer mehr Wähler es vorziehen, am Wahltag zu Hause zu bleiben.

Wie sieht das DFW? Nachdem der Autor seine Ausführungen zu PC und akademischem Englisch abgeschlossen hat, wendet er sich wieder der Linguistik zu und dem von ihm rezensierten Wörterbuch. Dieses Wörterbuch wurde von einem Mann herausgegeben, den DFW offenbar sehr bewundert, er erklärt dem Leser auch warum. Das Wörterbuch sei deswegen brillant, dessen Autor deswegen ein Genie, weil er sich erst gar nicht auf den Krieg zwischen Präskriptivisten oder Deskriptivisten einließe. Während sich erstere ständig auf die Logik berufen und arroganterweise darauf beharren im Bezug auf die korrekte Sprachverwendung im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, sprich „Autorität“ zu besitzen, würden sich zweitere einem rhetorischen Pathos hingeben, dessen Ursprung in den 1960-ern liegt und der alles ablehnt, was auch nur an Begriffe wie „Autorität“ oder „Elite“ anstreift, de facto wären letztere schließlich nichts anderes als Demagogen. Und während diese beiden Gruppen beständig aneinander vorbeiargumentieren würden, so DFW, läge die Cleverness des Wörterbuchautors darin, sich seine Autorität schlicht und einfach mit Glaubwürdigkeit zu erarbeiten. Der Autor würde sich weder als Sprachpolizist noch als Demagoge gerieren. Diese Art der „Autorität“ schafft er sich durch eine Umdefinierung gerade dieses Begriffes. Autorität sei in diesem Sinne „die Macht zu beeinflussen oder zu überzeugen“ und zwar durch „Wissen oder Erfahrung“. Ein technokratischer Ansatz, laut DFW, der einer Person deshalb Autorität verleiht, weil sie sachkundig, vernünftig, ruhig und fair, in einer Kombination mit klarer, logischer Beweisführung, agiert. Diese Eigenschaften würden dazu führen, dass der Autor des Wörterbuches als glaubhaft empfunden wird – weil man zumeist jenen Experten vertraut, deren Expertise aus einer als ehrlich empfundenen Leidenschaft für ihr Metier entspringt und nicht aus dem Wunsch unbedingt „Experte“ sein zu wollen. Weil der Autor des Lexikons über eben jene Qualitäten verfügt, die ihn als echten Experten erscheinen lassen, nämlich über leidenschaftliche Hingabe zum eigenen Metier, Vernunft, Verantwortung, Bescheidenheit und Integrität.

Dieses herausragende Fazit DFWs lässt sich gleichermaßen auf seine vorangegangene Analyse zum Thema PC und akademisches Englisch heranziehen, lässt sich somit auch auf die Probleme, die Linke wie Rechte quälen umlegen und lässt mich diesen sehr langen heutigen Eintrag damit schließen, dass auch ich dafür plädiere, dass sich derartige Qualitäten in unserer Politik, in der Werbung, der Wirtschaft, im Journalismus und in der Wissenschaft endlich wieder durchsetzen mögen. Erst dann werden soziale Ungerechtigkeiten abnehmen, werden Wirtschaftsbetrug und Korruption in der Politik nicht mehr grassieren und werden die Wähler wieder echte Alternativen am Wahlzettel vorfinden.

(1)  David Foster Wallace „Authority and American Usage“ (1999). In: „Consider the Lobster“; erstmalige Publikation 2005 durch Little, Brown and Company. S. 66 – 127.

(2)  Dieses Beispiel kann man beliebig erweitern, im Falle gendergerechter Sprache möchte ich z.B. anführen, dass es einer Frau vermutlich herzlich egal ist, ob in einem Inserat ein Binnen-I eingefügt ist, wenn sie den ersehnten Job letztlich deswegen nicht bekommt, weil hierzulande gehobene und Führungspositionen noch immer in ungleich größerer Proportionalität an Männer vergeben werden.

(3)  ich bestätige das in meinem Fall: ich als Frau finde es herablassend, wenn sich die Politik auf Binnen-Is und Geldverbrennungsmaschinen namens „Gender Mainstreaming“ kapriziert, während sich die Einkommensschere in Österreich stetig vergrößert.

(4)  Man muss sich diesbezüglich nur die großen Verluste der SPÖ bei der vergangenen Landtagswahl in Oberösterreich, bzw. der SPD bei der Bundestagswahl in Deutschland vor Augen halten.

(5)  George Orwell „Politics and the English Language“ (1946). Horizon, London. Der ganze Artikel ist im englischen Original hier nachzulesen.

Susanne, 11. Oktober 2009.

2 Kommentare zu “Skizzen aus Wien – Nr. 35

  1. rw sagt:

    Ehrlich gesagt,

    ist mir das ein wenig zu grob. Du verurteilst an mehreren Stellen „diese da“ als Demagogen oder Polizisten oder/und/so weiter. Ich kann unmöglich auf den gesamten Text eingehen. Auch bin ich kein Linguistiker, trotzdem ich sehr viel schreibe, literarisch und sprachphilosophisch, usw.

    Anscheinend störst Du Dich an der political correctness (PC), richtig? Das heißt, eine Gesellschaft gibt den Code vor, über den wir uns verständigen. Dir wäre es lieber, man würde auf diesen Code verzichten und Tacheles reden, richtig? Der Anschein des Missbrauchs oder der Wirklichkeits-Erschaffung bei inkorrekter PC stört Dich.

    Ich kenne den linguistischen Forschungsstand nicht, allerdings kommt man um einen öffentlichen Code der Sprache nicht umhin. Dass man ihn explizit bezeichnet als PC, heißt nicht, dass er nicht bereits vorher existiert hatte.

    Und es spielt sehr wohl eine Rolle, ob ich einen Menschen Hebräer oder Jude oder Jud nenne. Genauso ist es wichtig, darauf zu achten, dass wir nicht von einer Judenschuld sprechen, denn diese ist von den Nazis sehr konnotiert. In Deutschland dagegen vermeidet man es, anders als bspw. in Osteuropa, die agitatorischen Deutschen des 2. Weltkrieges als Nazis zu zeichnen, während sie im Ausland einfach als Deutsche heißen. Das ist sehr interessant, da man hierzulande spricht, als ob der 2. WK ohne Deutsche, dafür mit Nazis stattfand; hierdurch schützt man das Deutsche, könnte man behaupten, man wählt einen anderen Terminus und schwupp: sima raus. Der Begriff Nazi ist, wenn Du so willst, PC für Deutscher des 2. WK: denn man meint damit häufig nicht nur Partei- oder SS-Mitglieder.

    Ein anderes Beispiel für PC: Menschen mit Migrationshintergrund. Eigentlich ist es ein gut gemeinter Begriff, der den negativ konnotierten Begriff Ausländer meidet. Nur hat der Mensch, der einen Migrationshintergrund hat, nie die Möglichkeit diesen Sonderstatus zu verlassen. Er ist für immer der Mensch mit Migrationshintergrund, auch nach zehn Generationen. Wäre er dagegen nur Ausländer, würde er irgendwann schon zum Inländer mutieren. Menschen, die einen jüdischen Hintergrund haben, wurden in gewissen Zeiten beispielsweise auch noch auf Generationen hinaus gebrandmarkt als Menschen mit jüdischem Hintergrund, gleich ob sie mit dem Judentum nichts mehr gemeinsam hatten, so sie.

    Sprache ist ein Medium, es ist eines der wichtigsten Medien, die wir haben. Selbstverständlich konnotieren wir bestimmte Begriffe mit Macht, Aufstieg, Zerfall oder Tod oder Unterdrückung. Wie das stattfindet, ist hinwieder eine andere Frage. Menschen oder Systeme nehmen Codes an, um sich innerhalb einer Menge von Systemen (einem neuen System) zusammenzufinden. Vergemeinschaftlichung findet überhaupt nur auf diese Weise statt. Man grenzt sich mit einem Code gegen andere aus, nicht unbedingt absichtlich oder böswillig. Vielmehr braucht ein System diese Differenz, um selbst zu sein. Ein Wissenschaftler, der eine unglückliche, jedoch geschliffene Sprache spricht, ist daher nicht unbedingt narzisstisch: vielleicht weiß er es nicht besser und möchte bloß zu dem illustren Kreis der Wissenschaftler gehören. Narzissmus würde ich gar nicht einwerfen, weil das an eine Kategorie impliziert, die sehr weitfassend und damit wenig sagend ist.

    Natürlich verwenden Politiker, Wissenschaftler, Schriftsteller, überhaupt viele Menschen und im besonderen öffentliche Akteure eine schlechte Sprache: sie können häufig nicht schreiben. Das ist aber eine ganz andere Rede, fürchte ich. Auch in Deinem Text habe ich grobe stilistische Schnitzer entdecken können. Viele Abschnitte sind im Passiv geschrieben, in anderen fällt Du auf den alten Substantivierungstrick herein, der seit zweihundert Jahren gerade an Wissenschaftlern bemängelt wird, seitens so Stilisten wie Schopenhauer, Goethe, Nietzsche oder Tucholsky:

    „Er meint, dass die zwanghafte Verwendung politisch korrekter Ausdrucksweisen in vielen Fällen von den Betroffenen als beleidigend empfunden wird (3), nicht nur weil sie herablassend, sondern eigentlich scheinheilig und egoistisch ist.“

    Mit Substantiven wie „Verwendung“ impliziert man einen überflüssigen Adjektiv „zwanghaft“, außerdem einen Bastel-Substantiv wie „Ausdrucks-weise“, an dem noch ein Adjektiv anschließt. Dann wären da die „Betroffenen“, die empfinden, usw. Manche Autoren verwenden daher total gerne Ausdrücke „Inkraftsetzung“ – und wenn ich einen Blick in meine aktuelle Lektüre riskiere: „Rückführung“, heißt es da von einem Philosophieprofessor. Wenn ich mich recht erinnere, nennt man so etwas Substantivierung des Verbs. Es erzeugt einen groben, missverständlichen, starren Text, den man sogar mehrere Male lesen muss. Es ist überhaupt einer der Hauptgründe, warum Hegel oder Kant unverständlich sind, genauso Heidegger. Die Pappschachtel Heidegger geht gar einen Schritt weiter und bastelt sich neue Substantive, die nach Kanzleisprache aussehen: „Sich-in-der-Welt“ usw., „Sich-haben“. Solche Termini sind unnötig und zeugen eher von geistiger Verwirrung, scheint mir.

    Aber auch ich: soeben schrieb ich „zeugen eher von geistiger Verwirrung“, anstatt klar zu sagen: „Solche Termini sind unnötig und entstammen wohl einem verwirrten Geist“. Viel lieber verwendete ich eine Floskel: „zeugen… von… Verwirrung“. Floskeln sind Wortgruppen, die wir häufig verwenden. Wenn die Wortgruppen abgenutzt sind, sind es Floskeln, wenn sie überraschend sind, fesseln sie uns beim Lesen. Schlechte Autoren wie Kant oder Heidegger oder Hegel (oder, wie ich finde, auch Thomas Mann) verwenden solche Floskeln, weil diese Begriffe aber nicht fesseln und somit meine Konzentration steigern, bauen sie groteske Wörter ein, die uns noch stärker verwirren. Und so weiter. Damit möchte ich ausdrücken: Unverständlichkeit ist kein leichtes Thema und Unterfangen.

    Jetzt schrieb ich aber mehr, als ich wollte. Natürlich lassen sich noch mehr Beispiele nennen. Ich hoffe, ich konnte die zwei Themen political correctness (sprachliche Tradition; öffentlicher Code) und Verständlichkeit grob anreißen.

  2. thesandworm sagt:

    Hallo Rafael,
    schön mal wieder von dir zu lesen und dann gleich so ausführlich. Danke auf jeden Fall für deine Kritik. Ich gebe zu, dass das Medium Blog vermutlich nicht die beste Plattform ist, um Themen wie das obige ausführlich zu analysieren. Ich bin schon froh, wenn jemand den ganzen Text überhaupt liest, weil er für das Medium zu lang, für eine wirkliche Analyse aber eben viel zu kurz ist. DFWs Aufsatz ist knappe 60 Seiten lang. Aber es sei von meiner Seite hinzugefügt, dass ich natürlich nicht gleichzeitig mein ok gebe Tacheles zu reden, ohne darauf zu achten, ob man den Empfänger der Botschaft nicht damit beleidigt. Es gilt eine Umgangsform gegenseitigen Respekts zu wahren. Und dass die Verwendung gewisser Worte und Sätze, die in der Nazizeit geprägt wurden, wieder ein gänzlich anderes Thema ist, ist ohnehin klar. Dass ich selbst stilistisch nicht perfekt bin, davon gehe ich von vorneherein aus. Ich habe nicht Germanistik studiert, vollkommene Fehlerfreiheit ist auch nicht mein Anspruch. Der liegt vielmehr darin, meine Texte so zu verfassen, dass sie verständlich und lesbar sind. Das fällt gerade bei komplexen Themen nicht leicht, aber ich versuche es zumindest. Und nachdem mir DFW mit seinem Aufsatz aus der Seele gesprochen hat, wollte ich zumindest den Versuch wagen, den Inhalt davon einigermaßen nachvollziehbar und korrekt wiederzugeben. Nun, vielleicht ergibt sich ja auch mal eine Gelegenheit, die ganze Thematik in einem passenderen Forum als dem Internet ausführlich zu diskutieren. Ich bin nach wie vor sehr daran interessiert.
    Lg
    Susanne

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