Skizzen aus Wien – Nr. 34

Literary Sandworm - artwork zoer

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich an dieser Stelle ein paar Veranstaltungshinweise in Sachen Musik gegeben, darunter befand sich eine Band namens Richmond Fontaine (nachzulesen hier), die am 21. Oktober im Gasthaus Vorstadt auftreten wird.

Nachdem mich bereits die beiden jüngsten Alben der Truppe überzeugt haben, nicht nur musikalisch, sondern vor allem in Bezug auf das Songwriting, für welches Frontman Willy Vlautin verantwortlich zeichnet, habe ich mir auch gleich dessen Debütroman „The Motel Life“ besorgt und gelesen. Ich möchte Vlautins Erstlingswerk nun rechtzeitig vor dem Konzert kurz rezensieren, da ich der Meinung bin, dass es sich um ein außerordentlich gelungenes literarisches Debüt handelt, darüber hinaus sollte jeder der sich für Musik und Literatur interessiert die Gelegenheit bekommen, sich noch Karten für den Auftritt von Richmond Fontaine zu besorgen, denn es begibt sich ja nicht häufig, dass man in Wien eine gute Band zu hören bekommt, dessen Sänger auch noch ein hervorragender Schriftsteller ist. Diese Chance kann man jetzt noch nutzen. Und nun zum besagten Buch.

The Motel Life, by Willy Vlautin, published 2006, by Faber and Faber Ltd.

„The Motel Life“, erschienen 2006, ist eines dieser Bücher, die man nicht alle Tage zu lesen bekommt, vor allem deshalb, weil es einen nicht überfährt und mit Wortfluten überschwemmt, oder mit Satzkaskaden betäubt, sondern weil es durch seine Schlichtheit und Direktheit besticht. Und das auf gerade einmal etwas mehr als 200 Seiten. Es ist ein ruhiges, unaufgeregtes Werk, das mit seinem schnörkellosen, aber poetisch einfachen Stil von Beginn an eine Überzeugung aufkommen lässt: hier wird es kein Hollywood-Happy-Ending geben.

Frank Flannigan erzählt von sich und seinem Bruder Jerry Lee, der eines Nachts betrunken einen Unfall verursacht. Ein Vorfall, der dem Leben der beiden Brüder den letzten Rest an Kontrolle zu entziehen scheint und eine Abfolge von Ereignissen nach sich zieht, die allem anderen als dem entsprechen, was man gemeinhin unter dem amerikanischen Traum versteht. Zwei Verlierer, die von vornherein keine reelle Chance hatten, auch nur ansatzweise ein Leben zu führen, in dem Zustände wie Sicherheit oder Geborgenheit als stabile Größen vorkommen. Man bekommt einen Einblick, was es heißt, wenn man in einer Spielerstadt wie Reno lebt und das große Glück sich trotz allem überall anders breitmacht, als im eigenen Leben.

Dass man das Buch nicht nach wenigen Seiten wieder zuklappt und frustriert zur Kenntnis nimmt, dass das Leben eben nicht fair ist, liegt am schriftstellerischen Talent von Willy Vlautin, der es schafft, trotz der dunklen, resignativen Stimmung Räume zu öffnen, die einen durchatmen und Hoffnung fassen lassen. Räume, die sich beide Brüder zurecht gelegt haben, um zumindest für kurze Momente ihrer desperaten Realität zu entfliehen. Jerry Lee zeichnet Bilder und kreiert sich so Nischen, in denen er sein Glück findet, Frank schafft sich diese, indem er den wenigen Menschen, die ihm etwas bedeuten, insbesondere seinem Bruder, erfundene Geschichten erzählt.

Mit diesen, in den Erzählstrang eingeflochtenen, Passagen gelingt dem Autor das Kunststück, aus einem durch und durch deprimierenden Buch mehr zu machen, als man je für möglich gehalten hätte. Vlautin verleiht dadurch seiner Erzählung eine gänzlich neue Qualität, die skurril und sonderbar anmuten mag, die die Leserin aber schmunzeln lässt, zum Lachen bringt und sie letztlich sogar optimistisch stimmt. Das ist es auch was dieses Buch zu einem überaus gelungenen Debüt des Autors macht. Eine tieftrauriges, aber wunderschönes Leserlebnis. Eine besondere Leseempfehlung vom Sandwurm.

Buch Nummer 2 von Willy Vlautin nennt sich „Northline“ und wird demnächst bestellt; ganz besonders freue ich mich jetzt auf das Konzert.

Susanne, 4. Oktober 2009

p.s. Diese Rezension bezieht sich auf das englische Original von „The Motel Life“.

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