Welcome to the Holy Hole!

Traveling Sandworm - artwork zoer

Lyme lag hinter mir, eine Fahrt noch durchs Märchenland bis nach Dorchester, während das immer mehr mit dem Horizont verschwimmende blassblaue Meer langsam und unweigerlich aus meinem Blickfeld verschwand und sich das satte Grün Südenglands wieder in den Vordergrund drängte. Meine Reise neigte sich langsam dem Ende zu, mein letzter Halt würde Winchester sein. Die Wahl des Ortes hat wieder einmal Jane Austen beeinflusst, die Autorin hat die letzten Tage ihres Lebens in der Stadt verbracht und ist nach langer Krankheit erst 41-jährig 1817 dort verstorben. Aber nicht nur Austen war verantwortlich dafür, dass ich mich für Winchester als letzten Tourstopp entschieden habe, auch Poet John Keats war dort gewesen und hat sich von der Schönheit der Landschaft inspirieren lassen. Nicht zuletzt musste der gewählte Ort eine gewissen Nähe zum Flughafen Gatwick aufweisen, denn es blieben mir nur noch 2 Tage bis zur geplanten Abreise.

Winchester, Hampshire

Von Dorchester aus gelangt man mit dem Zug in etwas mehr als eineinhalb Stunden nach Winchester, welches in der Grafschaft Hampshire liegt. Selbst wenn es banal anmuten mag, aber nein, es handelt sich nicht um die Stadt, in der die gleichnamige Flinte erfunden wurde – ich erwähne das sicherheitshalber, da ich mir selbst darüber Gedanken gemacht habe und auch jedes mal, wenn ich anmerkte, dass ich nach Winchester fahren würde, gefragt wurde, ob denn das berühmte Gewehr von dort stamme (zur Information: es kommt, wie kann es anders sein, aus den USA, die Firma, die es produziert nennt sich Winchester Repeating Arms Company). Ich hatte mir ein wunderschönes B&B im Süden der Stadt gesichert, der überaus nette Gastgeber lud mich sofort auf die obligate Tasse Tee ein und kurze Zeit später machte ich mich auf die erste Erkundungstour. Winchester, das sich bei strahlendem Sonnenschein und warmem Frühsommerwetter von seiner besten Seite präsentierte, beeindruckte wie die anderen Städte, die ich bisher besucht hatte, mit grandioser Schönheit, herrlich restaurierten mittelalterlichen Häusern und vermittelte darüber hinaus eine auffällig gediegene Stimmung, die der Stadt eine eigene Noblesse verlieh. Nicht zu unrecht, zählt Winchester doch zu den ältesten Städten Englands.

Winchester, King Alfred the Great

Spaziergänge lassen sich viele durch Winchester und seine schöne Umgebung unternehmen, besonders die High Street, die wie in den meisten englischen Städten mit historischem Stadtkern, das Zentrum bildet, lädt zum Flanieren und Einkaufen ein, sie ist jedoch fast zu belebt und so driftet man unweigerlich in eine der Seitenstraßen ab und findet sich früher oder später rund um die Kathedrale von Winchester wieder. Diese zählt zu den beeindruckendsten gotischen Bauwerken Englands, mit einem Kirchenschiff, welches als das längste in ganz Europa gilt. Diese mächtige Kathedrale dominiert Winchester und es schien mir fast, als würde sie eine magische Anziehungskraft ausüben, nicht nur durch ihre imponierende Größe, sondern auch durch die, eine besondere Ruhe ausstrahlenden, Anlagen, die sie umgaben. Selbst wenn sie geografisch gesehen nicht das Zentrum der Stadt bildete, immer wieder führten meine Wege zu ihr zurück, sei es über den großzügig angelegten Park, der sich vor ihrer gewaltigen Front ausbreitet und zu dem es sichtlich auch die Bürger Winchesters zog, waren seine Wiesen doch übersät mit Leuten, die dort im Gras ruhten, lasen oder ihren Lunch einnahmen, sei es durch die hübschen Wege, welche um die Kirche und zu ihren Verwaltungsgebäuden führten, wo man über Plätze wandeln konnte, in deren Mitte gigantische Libanonzedern thronten. Weiter zu jenem Haus in dem 1817 Jane Austen verstarb, von dort zu den Ruinen von Wolvesey Castle, das im 12. Jahrundert Bischofssitz war, wieder nordwärts, entlang am River Walk, einem beschaulichen Spazierweg am Fluss Itchen bis zum Denkmal von König Alfred dem Großen, der im 9. Jahrhundert das angelsächsische Königreich Wessex regierte. Irgendwann bemerkt man schließlich, dass man einen großen Kreis beschritten hatte und sich, wie von unsichtbarer Hand geführt, wieder vor der Kathedrale befand.

Winchester, River Walk (Itchen River)

Am ersten Nachmittag verzichtete ich darauf einzutreten, ich widmete mich den Spaziergängen durch Winchester. Dabei verstärkte sich der Eindruck, dass ich mich in einer überaus gepflegten, wohlhabenden Stadt befand. Einer Stadt, die auch für ihre Schulen bekannt ist, die pädagogischen Einrichtungen genießen im ganzen Land einen hervorragenden Ruf. Winchester College zum Beispiel zählt zu den ältesten, ohne Unterbrechung betriebenen, Buben-Internaten des Landes, man läuft den wohlfrisierten, schuluniformierten Knaben auch immer wieder über den Weg, Bücher oder Sportgeräte halten sie in Händen, Harry Potter lässt grüßen.

Winchester, Wykeham Arms

Der Abend in Winchester klang so beschaulich aus wie der Nachmittag begonnen hatte, ich fand mich in einem der bekanntesten Pubs der Stadt ein, dem Wykeham Arms. Da zeigte sich auch wieder die Herzlichkeit der Engländer und vor allem deren Sorge um das Wohlbefinden des Gastes. Ich hatte mich bereits am frühen Nachmittag dort eingefunden und mich erkundigt, ob noch warmes Essen serviert würde, der Bartender musste mich leider enttäuschen – es ist in englischen Pubs gang und gäbe, dass die Küche über die Mittagsstunden zusperrt – ich drehte also sozusagen am Absatz um und musste anderswo nach Essbarem suchen. Das Interieur des Lokals hatte mich aber beeindruckt und ich beschloss mich später, zum, zu diesem Zeitpunkt meiner Reise, bereits gewohnten Abend-Ale, wieder dort einzufinden. Als ich wie geplant zurückkehrte, erkannte mich derselbe Barman zu meinem eigene Erstaunen sofort wieder und erkundigte sich fürsorglich, ob ich denn am Nachmittag noch etwas Anständiges zu Essen gefunden hätte! Paul hieß der gute Mann, ich verbrachte schließlich einen überaus unterhaltsamen Abend im Pub und weil wenig los war, erfuhr ich von ihm und seinem netten Kollegen Luke so einiges Interessantes über Winchester und seine Einwohner.

Winchester Cathedral

Der nächste Vormittag war dem Besuch der Kathedrale gewidmet und ich gestehe, ich habe kaum jemals längere Zeit in einer Kirche zugebracht. Die Tatsache jedoch, dass Winchester Cathedral mit Sicherheit zu den schönsten englischen Kathedralen zählt und dass auch dort das Tourguide-System, welches mich schon in Salisbury und Bath beeindruckt hatte, hervorragend funktionierte, war ausschlaggebend, dass ich mich mehr als drei Stunden dort herumtrieb. Ein älterer Herr, wie gewohnt ausgesprochen nett, überaus gebildet und mit einem beeindruckenden historischen Spezialwissen beschlagen, führte mich und ein australisches Ehepaar geschlagene zwei Stunden durch die Kirche.

Winchester Cathedral, Memorial Brass to Jane Austen

Vorbei am Grab von Jane Austen, die, wie wir erfuhren in der preisgünstigeren nord-westliche Ecke beerdigt wurde – Höchstpreise werden für östliche Lagen gezahlt – und die erst später, zu ihren Ehren, eine Gedenktafel gewidmet bekam, in der auch ihre schriftstellerischen Leistungen erwähnt werden. Unser Tourguide erklärte, dass es damals für Frauen nicht schicklich gewesen wäre zu schreiben, deren Romane wären stets ohne Namen publiziert worden, lediglich mit dem Hinweis „von einer Lady“ versehen. Es freut einen dann nachträglich, dass Jane Austen heute zu den bekanntesten Schriftstellern weltweit zählt und ihr zumindest posthum jene Aufmerksamkeit zukommt, die sie sich auch zu Lebzeiten verdient hätte.

Winchester Cathedral...welcome to the Holy Hole!

Weiter ging es durch die gewaltige Kirche, bis unser Führer vor einem Loch halt machte und uns mit dem im Titel zitierten Ausspruch darauf aufmerksam machte, dass es sich dabei um ein heiliges handle. Ich gebe zu, dass sofort nach seinem Ausspruch eine ganze Bilderflut von Monty Python Sketches vor meinem geistigen Auge abliefen, eine derartige Bezeichnung konnte man sich auch wirklich nur in England einfallen lassen. Weiterführende Assoziationsketten zum besagten „heiligen Loch“ werde ich an dieser Stelle anständigerweise nicht ausführen. Bei der Konstruktion handelt es sich um eine Art Kriechgang, in den angereiste Pilger klettern konnten und der sie schließlich nahe an die Gebeine des Heiligen Swithun führte, dem Schutzheiligen der Kathedrale von Winchester. Das alles hatte, wie man vermuten wird, rein wirtschaftliche Gründe, ohne Anreiz der Reliquien eines verehrten Heiligen wenn schon nicht angesichtig zu werden, dann zumindest ihnen physisch nahe zukommen, waren keine Pilger in die Stadt zu locken und wurden ohne selbige auch keine kostbaren Gaben zurückgelassen. Ein großes Geschäft im Mittelalter. Bautechnisch war es jedoch nicht möglich, diesen Zugang anders zu bewerkstelligen, als den besagten Kriechgang rund um die eingemauerten Gebeine des Hl. Swithun anzulegen.

Winchester Cathedral, Crypt

Es gibt noch jede Menge hochinteressante Geschichten zur Kathedrale von Winchester. Zum Beispiel jene von William Walker, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschlagene 6 Jahre damit zubrachte unter den Grundfesten der Kirche herumzutauchen (die Grundfeste wurden bereits Jahrhunderte davor vom angrenzenden Fluss unterspült und ausgehöhlt – schiefe Wände und abgesunkene Böden zeugen noch heute davon), auf diese Weise die Fundamente sicherte und das Bauwerk somit ganz alleine vor dem Einsturz rettete. Oder die Anekdote von der über achthundert Jahre alten handgemalten Bibel, aus deren Seiten Bischofskinder im 19. Jahrhundert nicht wenige prachtvoll gemalte Anfangsbuchstaben ausgeschnitten hatten, lediglich einer davon konnte wieder gefunden werden – ein überzeugendes Plädoyer für den Zölibat, wenn man so will…oder man besucht die gespenstisch schöne Krypta, wo man eine Skulptur des bekannten englischen Künstlers Anthony Gormley („Sound II“) bewundern kann. Alles in Allem Grund genug für eine Kunstliebhaberin und Freundin skurriler Geschichten, sich stundenlang in der Kirche aufzuhalten und sich dabei keine einzige Minute zu langweilen.

Winchester, Keats' Walk

Schließlich nahm die letzte der angebotenen Touren ihr Ende und ich beschloss die verbleibenden Stunden in Winchester mit Aktivitäten an der frischen Luft zu verbringen. Dass ich dadurch den Blick auf die gefälschte „historischen Tafel“ Artus’ versäumte, bereitete mir gar kein Kopfzerbrechen, ich zog einen realen Dichter dem mythologischen König vor und machte mich nach einem ausgiebigen Mahl im Wykeham Arms (ich musste mich schließlich irgendwann von dessen Küche überzeugen) auf, um denselben Weg entlang zu schlendern, welcher den Poeten John Keats zu seinem Gedicht „To Autumn“ inspiriert hat. Es handelt sich dabei um einen fast kitschig beschaulichen Pfad, der entlang dem Flüsschen Itchen und den Water Meadows zu einer weiteren Sehenswürdigkeit, einem historischen Armenspital namens St. Cross, führt.

Winchester, Keats' Walk

Es schien fast, als hätte die örtliche Tourismusbehörde den Auftrag gegeben, mir den Weg von seiner allerbesten Seite zu präsentieren. So passierte ich auf dem einen Feld einen Bogenschützen, der seine Kunst übte, auf dem nächsten zwei in strahlendes Weiß gekleidete Kricketteams, die sich einem gemächlichen Übungsspiel hingaben, auf dem beschaulich vor sich hinfließenden Gewässer thronte irgendwann ein melancholisch vor sich hintreibender Schwan, auf der Wiese zum Spital weideten zwei Pferde, überbordende landschaftliche Schönheit, die leicht nachvollziehen lässt, wie es einem romantischen Poeten fast 200 Jahre zuvor gegangen sein mag:

Season of mists and mellow fruitfulness,
Close bosom-friend of the maturing sun
Conspiring with him how to load and bless
With fruit the vines that round the thatch-eves run…
(aus John Keats „To Autumn“)

Winchester, Keats' Walk

Den letzten Abend schließlich verbrachte ich in einem kuriosen Pub namens Black Boy, welches nicht nur mit allerlei skurriler Möblierung und sonstigem bizarrem Tand voll gestopft ist und eine beeindruckende Selektion lokal gebrauter Ales vorweisen kann, sondern auch einen äußerst gemütlichen Gastgarten besitzt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich es nicht verabsäumen, darauf hinzuweisen, dass sich hinter der Theke diverser Lokale nicht selten auch talentierte Künstler verdient machen. Im Black Boy zum Beispiel werkt eine junge Dame, auf dessen Arbeit ich vom Gastgeber meines B&B aufmerksam gemacht wurde. Sie heißt Polly und ist Sängerin in einer Band, die ich sehr gerne auch mal in Wien auftreten sehen würde. „Polly and the Billets Doux“ nennt sich die Formation und produziert einen ausnehmend gefälligen Mix aus Rock, Jazz, Country und Folk, die junge Sängerin erinnert entfernt an Norah Jones. Diese Mischung scheint auch in England zu gefallen, Polly und ihre Band wurden bisher bereits zweimal beim wohl bekanntesten Musikfestival des Landes in Glastonbury engagiert, sie haben vor kurzem ihr erstes Album veröffentlicht.

Winchester, The Black Boy Pub

Irgendwann neigte sich auch der letzte Abend dem Ende zu, ich kehrte zurück in meine Herberge, am nächsten Morgen ging es nach 10 Tagen Aufenthalt in England wieder heimwärts. Ich hatte bei weitem nicht alles gesehen was zu Beginn der Reise am Plan gestanden war, gleichzeitig jedoch habe ich aber viel mehr erlebt, als ich es je erhofft hätte. Während meiner Reise durchs südliche England habe ich fast überirdisch schöne Landstriche zu sehen bekommen, unzählige unvergessliche Erlebnisse und Erfahrungen gesammelt und nicht zuletzt fast ausschließlich liebenswerte Leute kennen gelernt. Dass ich zurückkehren werde steht so gut wie fest, nur das Wann muss noch geklärt werden, bald, hoffe ich.

Hilfreiche Informationen

Anreise von London: mit dem Zug erreicht man Winchester in einer guten Stunden, mit dem Bus ist man zwar um einiges länger unterwegs, das Ticket ist dafür aber wesentlich günstiger (Hin und Retour bereits ab 10 Pfund).

Die wichtigsten Informationen über Winchester finden sich auf der offiziellen Homepage der Stadt, auf der Seite kann man sich auch über diverse Übernachtungsmöglichkeiten schlau machen. Ich persönlich kann das von mir gewählte B&B Wolvesey View wärmstens empfehlen, es liegt immer noch zentral, aber in der ruhigeren Umgebung südöstlich der Kathedrale, das gelbe Zimmer bietet einen schönen Blick auf die Ruine Wolvesey Castle, der Hausherr persönlich liefert die Times an den reich gedeckten Frühstückstisch. Zusätzliche Informationen über Winchester finden sich auch auf Wikipedia.

Es gibt in Winchester unzählige Restaurants, das Wykeham Arms ist nebenbei auch Hotel und bietet abends gehobene Gastronomie, über Mittag bekommt man herzhaftes, exzellentes, Pub-Food – empfehlenswert der „Wyk Pie“! Das Lokal ist wegen seiner Ausstattung in jedem Fall einen Besuch wert. Daneben sind noch das oben erwähnte Black Boy zu empfehlen sowie das Eclipse Inn, welches ein traditionelleres Pub ist.

Die Kathedrale von Winchester verlangt derzeit pro Erwachsenem 6 Pfund Eintritt. Die geführten Touren in der Kirche sind gratis, Touren auf den Turm kosten 3 Pfund extra. Es lohnt sich in jedem Fall die Kathedrale zu besuchen, weitere Informationen (auf Englisch) finden sich hier, spärliche deutschsprachige Infos auch auf Wikipedia.

Zur Webseite der Band „Polly and the Billets Doux“ gelangt man hier.

Ich konnte keine deutsche Übersetzung von Keats‘ Gedicht finden, hier eine versuchte Eigenübersetzung der zitierten Verse: Zeit der Nebel und zarter Frucht, Busenfreund der reifen Sonne, mit ihr verbündet, um mit Trauben zu beladen und zu segnen, den Wein, der sich um strohbedeckte Dächer rankt,…

Susanne, 16. August 2009

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