Show me the exact spot where Louisa Musgrove fell!

Traveling sandworm - artwork zoerEndlich war ich wieder am Meer angekommen. In Lyme Regis, wo ich die nächsten zwei Tage verbringen würde. Zuvor jedoch ist ein Exkurs zur Anreise dorthin vonnöten. Eine Reise, welche die Strecke zwischen Bath und Lyme betrifft und welche gut und gerne als eine Fahrt durchs Märchenland beschrieben werden kann. Mit der Bahn ging es zunächst nach Dorchester, das nicht ganz 100 km südlich von Bath liegt und sich, wie auch Lyme Regis, in der Grafschaft Dorset befindet. Dorset selbst wird übrigens gern als „Hardy Country“ bezeichnet – der Schriftsteller Thomas Hardy hat dort gelebt und gearbeitet und sich sowohl von Land, als auch Leuten, zu seinen diversen literarischen Werken inspirieren lassen. Von Dorchester, welches kurz auf meiner Liste der Haltepunkte stand, dann aber aufgrund des Fehlens der wesentlichen Eigenschaft „seaside“ von Lyme ausgestochen wurde – glücklicherweise, muss ich zugeben, denn Lyme hat sich sofort bei meiner Ankunft als das Highlight meiner Reise herausgestellt – ging es per Bus weiter und wenn ich bis dato gemeint hatte, dass die südenglische Landschaft nahezu unübertrefflich schön sei, so wurde dieser Eindruck während der Fahrt nach Lyme noch weit in den Schatten gestellt.

Dorset, England

Sattgrüne Weiden mit wollknäuelartig darauf verteilten Schafen, gemächliche Hügel, dahinter versteckt beschauliche Dörfer samt schilfbedeckten Landhäusern, klitzekleine Steinkirchen, all das zog wie aus dem kitschigsten Bilderbuch an meinem Busfenster vorbei – Fairytale Country – und ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn auf diesen Weiden Einhörner gegrast hätten, aus den urigen Häuschen Zwerge spaziert wären. Ich befand mich mitten in Tolkiens Shire (selbst wenn Tolkien seine Inspiration aus etwas nördlicher gelegenen Gegenden gezogen hat). Schließlich gab das viele Grün den Blick auf das Meer frei, nach etwa eineinhalb Stunden spuckte mich der Bus am südlichsten Punkt der Bridge Street nur wenige Meter vom Strand entfernt, im Zentrum von Lyme Regis aus.

Dorset, England

Ich hatte nicht weit entfernt eine überaus hübsche Unterkunft in einem privaten B&B gefunden, samt einer ausnehmend netten Gastgeberin; nachdem ich mich häuslich eingerichtet hatte, führte der erste Weg ans Meer.

Der Grund warum ich nach Lyme Regis gekommen war, war wieder einmal Jane Austen bzw. Persuasion gewesen, das im Titel angeführte Zitat stammt von Tennyson, der – so wie ich – die Stelle sehen wollte, an der eine der Figuren im Roman stürzt (eigentlich springt, aber hier wieder der Hinweis das Buch einfach zu lesen). Diese Stelle liegt an einer Strandbefestigung, die den Hafen vor Überschwemmungen schützt und die bereits seit dem 13. Jahrhundert historisch dokumentiert ist. Diese Befestigung nennt sich Cobb und ist eine Art Mauer, auf der man, so wie die Protagonisten aus Persuasion oder Jane Austen selbst, entlang schlendern und die Aussicht aufs Meer wie auch auf Lyme genießen kann.

Lyme Regis, The Cobb

Lyme ist ein herrliches kleines Städtchen (4.406 Einwohner), dessen hübsche Häuser sich gemütlich an die Bucht schmiegen. Von der in Bezug auf die Seehöhe am tiefsten gelegenen Stelle an der Bridge Street, welche das Zentrum des Ortes bildet, gelangt man zum Strand und kann dort entweder die östlichen Befestigungen, die zu Verteidigungszwecken angelegt wurden besichtigen (Lyme hat im Jahre 1588 Schiffe entsandt, um die spanische Armada zurückzuwerfen, die Schlachten konnten vom Festland aus beobachtet werden), oder man wendet sich westwärts und schlendert an der Marine Parade entlang zum Hafen. Von dort aus biegt sich auch der Cobb beeindruckend den zeitweise ungestümen Gewässern des Ärmelkanals entgegen.

Lyme Regis, Dorset

Der erste Tag in Lyme, der sich durch ungünstige klimatische Bedingungen dunstverhangen präsentierte, ging langsam zu Ende und es wurde Zeit, den mittlerweile einsetzenden Hunger zu stillen. Diesbezüglich finden sich in der Stadt (vorwiegend entlang der Broad Street) sowie am Hafen jede Menge tauglicher Lokale, meine Wahl fiel auf das Cobb Arms, einem Restaurant/Pub/Hotel, welches direkt am Hafen an der Cobb Road liegt. Essenstechnisch kann ich zwar nur die Pommes Frites empfehlen, sie werden unter dem Namen Chips in England gewöhnlich in gigantischen Portionen serviert, darüber hinaus jedoch konnte das Lokal eine große Auswahl am mir mittlerweile lieb gewonnenen Ale vorweisen.

Lyme Regis, Dorset

Den Rest des Abends verbrachte ich in einem weiteren Pub namens Nags Head Inn, das man vom Hafen aus über die steil ansteigende Cobb Road erreicht und wo man am selben Abend idealerweise mit Live-Musik aufwartete. Ich kann in dieser Hinsicht jedem und jeder raten sich in England nicht in der Herberge zu vergraben, man findet in den diversen Pubs immer schnell Anschluss, das Inselvolk hat sich als überaus kommunikativ und gastfreundlich erwiesen…es wurde später.

Der nächste Tag in Lyme begann mit dem bereits gewohnten ausgiebigen Frühstück und der Aussicht auf einen Programmpunkt, den ich bereits bei der Ankunft ins Auge gefasst hatte, vor allem weil mir danach war, die übliche Touristen-Routine zu durchbrechen, das betreffende Angebot hervorragend mit meiner damals aktuellen Lektüre von Charles Darwins Reise auf der Beagle harmonierte und ich mich nicht zu den bekannt krebsroten Briten, die sich bereits am wettermäßig verhangenen Vortag am Strand gedrängt hatten, gesellen wollte. Und das, obwohl Lyme mit einem aus Frankreich importierten Sandstrand aufwarten kann. Der Kieselstrand stammt übrigens von der Isle of Wight – was dem Charme der Küstenstadt aber nicht im Geringsten schadet. Der oben erwähnte Programmpunkt war die Teilnahme an einem sogenannten Fossil-Walk. Dazu muss man wissen (oder erfährt man so wie ich spätestens wenn man die Räume der Touristeninformation betritt), dass Lyme Regis von einer Steilküste umgeben ist, die aus Kalksteinformationen aus der erdgeschichtlichen Epoche des Jura besteht, regelmäßige Abbrüche von diesen Hängen hinterlassen dann an bestimmten Stellen der Küste jede Menge Fossilien, die der interessierte Besucher unter Anleitung suchen und beim Fündigwerden auch behalten darf. Erwähnenswert ist dazu die Tatsache, dass es eine Frau war, eine gewisse Mary Anning (1799 – 1847), die die paläontologischen Bestrebungen in der Gegend pionierte. Bereits im Alter von nur 12 Jahren entdeckte sie das erste Saurierskelett, hat später noch unzählige weitere Verdienste rund um die Paläontologie erworben und damit der noch jungen Wissenschaft entscheidende Impulse verliehen.

Lyme, Dorset

Zunächst jedoch galt es den Vormittag in und um Lyme zu vertrödeln, ein Zeitvertreib, der am Meer immer viel zu leicht fällt, sei es, dass man sich bereits morgens außer Haus begibt und zur eigenen Freude von strahlendem Sonnenschein begrüßt wird, an den Strand eilt und von einem Marineblau des Meeres, das man bestenfalls in der Karibik erwartet hätte, so eingenommen ist, dass man sich sofort in ein Strandcafé setzen muss, allein um geschlagene 90 Minuten mit „aufs Meer schauen“ zu verbringen, sei es, dass man noch einmal zum Hafen spaziert, am Cobb entlang schlendert und erstaunt feststellt, dass der Tidenhub in Lyme gewaltig sein muss, saßen doch die Boote im Hafen noch gestern auf schlammigem Meerboden auf, während sie jetzt, bei einer vermuteten Wassertiefe von etwa 2-3 Meter, fast triumphierend vor sich hin schaukelten, oder man sich schließlich noch ein allerorts angepriesenes Crab-Sandwich kauft und euphorisch feststellt, dass dessen Geschmack die perfekte Synästhesie für jemanden wie mich darstellt – jemand der nichts mehr schätzt als den Geruch des Meeres – weil sich die Krabbenfülle am Gaumen plötzlich als exaktes Äquivalent zum bis dato wahrgenommenen Meeresgeruch entpuppt, ein Geruch der sich kaum in Worte fassen lässt und doch so eindeutig ist, dass man ihn überall und zu jeder Zeit sofort wieder erkennt, dass man also plötzlich nicht nur in der Nase, sondern auch auf der Zunge, diese Mischung aus Salz, Zitrone, Seetang, Fisch und Frische spürt und ganz langsam, kaum, dass man aus dem fast psychedelischen Rausch, den diese Geschmacks-, Geruchsdroge Meer ausgelöst hat, wieder einigermaßen nüchtern augeftaucht ist, erkennt: es ist schon fast 13 Uhr, der Fossilien-Spaziergang ruft!

Lyme Regis, Dorset

Diesbezüglich hatte ich, es werden in Lyme verschiedene dieser Touren angeboten, aus akademischer Solidarität, jene mit einem gewissen Dr. Colin Dawes gewählt. Selbst wenn die Tour um einen Pfund teurer war als die anderen von denen man wählen konnte – in dieser Hinsicht hieß meine Devise: ein langes und mühsames Studium, ein mit Schweiß und Tränen erworbener Doktortitel, sollte und musste belohnt werden – die Wahl erwies sich als goldrichtig. Dr. Dawes, der sich wie es in angloamerikanischen Ländern angenehmerweise üblich ist, gleich als Colin vorstellte, war nicht nur der Inbegriff dessen, was man sich unter einem Geologen/Paläontologen, der seinen Beruf als Berufung sieht, vorstellt, optisch war er das, was man vermutlich erhält, wenn man Indiana Jones mit einem Fossil kreuzt, es preist seine Touren auch passenderweise als Fossilienjagd an, darüber hinaus präsentierte er sich als exzellenter, bestens gelaunter, Tourguide.

Lyme Regis, Fossil walks with Dr. Colin Dawes (front right)

Mehr als zwei Stunden waren wir, eine Gruppe von etwa 10 Leuten, inklusive Kinder, die Dr. Dawes bei jeder seiner Erklärungen ganz besonders berücksichtigte, unterwegs. In dieser Zeit erfuhren wir warum man nach „Jurassic Beef“ Ausschau halten solle, jenes Gestein, in welchem man am Häufigsten Fossilien findet und welches, wenn man es aufschlägt eine fast rindfleischartige Textur aufweist (daher der Name), wo in Lyme sich der „Friedhof der Ammoniten“ befindet und dass man eine versteinerte Austernart wegen ihres eigentümlichen Aussehens auch „Devil’s Toenail“ (Zehennagel des Teufels) nennt. Selbst einen doch recht seltenen Ichthyosaurier-Wirbelknochen haben Dr. Dawes‘ geschulte Augen erspäht. Am Ende waren alle glücklich, um einen großen Brocken geologischen Wissens und ihr jeweils selbst gefundenes Fossil (in meinem Fall ein sog. Nautilus) reicher – eine Teilnahme an Dr. Dawes’ Fossilienspaziergängen kann ich in jedem Fall allerwärmstens empfehlen.

Lyme Regis, Fossil on Lyme beach

Am Nachmittag flanierte ich dann noch durch den charmanten Ort, der mit scheinbar unzähligen Plätzen aufwarten kann, von denen jeder für sich eine eigene Geschichte verbirgt. So ging es zum Beispiel entlang der Sherborne Lane, einer der ältesten Straßen in Lyme, wo jedes Häuschen seinen eigenen verspielten Namen am Eingang trägt, oder zum Long Entry, jener Gasse, in welcher der Schriftsteller Henry Fielding (1707 – 1754) 1725 den Versuch verpatzte, eine junge Dame zu entführen, ein Erlebnis, welches in seinem Roman „Tom Jones“ literarische Verwertung fand. Der Maler James Abott McNeill Whistler (1834 – 1903) lebte eine Zeitlang in Lyme und malte dort unter Anderem das Portrait „Litte Rose of Lyme Regis“. John Fowles (1926 – 2005) schrieb hier den Roman „Die Geliebte des französischen Leutnants“, welcher 1981 vor Ort mit Meryl Streep verfilmt wurde. Man kann über die Monmouth Street zur St. Michaels Kirche wandern und gelangt dann über den Kirchenfriedhof, wo auch Mary Anning begraben liegt, auf eine Anhöhe an der Küste, auf der sich ein paar Bänke finden und von wo aus man einen herrlichen Ausblick aufs Meer genießen kann.

Lyme Regis, St. Michael's Church graveyard

Irgendwann jedoch neigte sich auch der letzte Tag dem Ende zu und der Hunger zwang mich meinen Streifzug zu beenden. Meine Mahlzeit fiel, auch aufgrund des angestrengten Fossiliensuchens, üppiger aus, diesmal fand ich mich im Harbour Inn ein, welches über eine äußerst exquisite Auswahl von Fisch- und Meeresfrüchten verfügt, ich optierte für die Muscheln im klassischen Butter/Zwiebel/Wein/Stangenzellersud – nicht ganz günstig, dafür aber hervorragend zubereitet. Ein Pint Ale noch bevor es zurück in die Herberge ging, am nächsten Tag musste ich Lyme verlassen und ich verspürte tatsächlich so etwas wie einen leisen Herzschmerz beim Gedanken daran.

Letzter Stopp: Winchester

Hilfreiche Informationen:

Anreise von London: mit der Bahn nach Dorchester (Reisezeit ca. 2h 30 min), von dort mit dem Bus nach Lyme Regis (Fahrtzeit etwa 1h 30 min, Einzelfahrt ca. 3 Pfund). Man kann auch per Bus von London nach Dorchester fahren, das kommt zwar wesentlich günstiger, dauert jedoch länger.

Wissenswertes über Lyme Regis, die nähere Umgebung sowie Informationen zu Unterkünften finden sich auf der offiziellen Webseite von Lyme. Ich hatte mein B&B durch Zufall über die Vermittlung einer anderen Herberge gefunden, meine überaus nette Gastgeberin betreibt ihren Herbergsdienst jedoch nur nebenbei und möchte keine Werbung dafür machen. Passende Unterkünfte finden sich jedoch in jeder Preiskategorie im Ort, es empfiehlt sich in den Sommermonaten frühzeitig zu buchen, Lyme Regis ist bei Engländern ein äußerst beliebtes Ferienziel, grundsätzlich würde ich daher jedem empfehlen die Vor- oder Nachsaison für einen Besuch zu wählen, am besten unter der Woche, wer es noch ruhiger mag, im Winter ist Lyme laut den Einheimischen so gut wie ausgestorben. Weitere, wenn auch spärliche Informationen (auf Deutsch) auch auf Wikipedia.

In Lyme gibt es eine Vielzahl von Restaurants, Strandbars, kleinere Cafés, an der Strandpromenade reihen sich auch Imbissstände. Im ganzen Ort spezialisiert man sich auf Fisch und Meeresfrüchte, gute Tipps dafür sind das „Harbour Inn“ oder „The Royal Standard“. Hervorragende Krabbensandwiches gibt es am Hafen bei „The Lyme Bay Sandwich Co.“

Informationen zu Dr. Colin Dawes‘ Fossilienjagden finden sich hier. Die Ausflüge beginnen von Juni bis September jeden Sonntag um 13 Uhr, keine Reservierung notwendig. In den Ferien gibt es zusätzliche Touren am Mittwoch. Es empfiehlt sich festes Schuhwerk, eine Kopfbedeckung (die Sonneneinstrahlung ist bisweilen sehr intensiv) und adäquate Kleidung (der Wind kann auch bei warmem Wetter frisch bis kalt sein).

Susanne, 8. August 2009

ps. Untenstehend dann doch noch ein Blick auf den Ort an dem Louisa Musgrove stürzte…

Lyme Regis, The Cobb - Grannie's Teeth (the exact spot where Louisa Musgrove fell...)

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