Why, oh why?!

Traveling Sandworm

Der nächste Halt auf meiner Route war Salisbury, gelegen in der Grafschaft Wiltshire. Der Grund für meinen Stopp war zugegebenermaßen nicht Salisbury selbst, sondern zwei Fixpunkte auf meiner Reise, die in der Nähe lagen. Zum einen Stonehenge, etwa 12 km weiter nördlich, zum anderen Bath, das sich etwa 60 km nord-westlich befand und welches sich schon von Beginn an in der Reiseplanung befand, vor allem wegen meiner Bewunderung für Jane Austen. Salisbury bot sich als ausgezeichneter Zwischenstopp an und ich wurde wieder einmal von einer ausnehmend charmanten Kleinstadt überrascht, welche rückblickend betrachtet, allemal einen Aufenthalt wert ist, auch wenn man sich weder für Bath noch für Stonehenge interessiert.

Salisbury, Wiltshire

Gerade Mal am Bahnhof angekommen, wurde mir die große Hilfsbereitschaft der Engländer zuteil, ein positiver Stereotyp (Stichwort: höfliche Briten) den ich übrigens auf meiner gesamten Reise bestätigt fand. Eine überaus nette Dame, die direkt am Bahnhof in einer winzigen Zweigstelle der Touristen-Information tätig war, scheute keine Mühen, mir ein adäquates Quartier, samt wifi Zugang zu suchen, wurde alsbald fündig und verwies mich an ein erst vor kurzem eröffnetes Bed&Breakfast im Zentrum. Einen kurzen Spaziergang später stand ich auch schon vor der Tür und wurde von der Inhaberin Ms. Stephanie Paul, oder Stevie, wie sie sich mir vorstellte, willkommen geheißen und nicht nur hochkomfortabel untergebracht, Stevie erwies sich als liebenswerte Gastgeberin, die es mir während meines gesamten Aufenthaltes an nichts fehlen ließ – erwähnenswert ein voll ausgestatteter Tea-Bereich im Gästezimmer, der mit x Teesorten, frischer Milch, Schokolade und Keksen eine bestmögliche Abhaltung der englischen Tea-Time ermöglichte – nebenbei verfügte die Herberge über kostenloses drahtloses Internet, welches die gesamte Zeit über, die ich dort verbrachte, perfekt funktionierte.

Mein erster Ausflug am Anreisetag führte mich dann auch gleich nach Stonehenge. Von Salisbury aus fahren alle 30 Minuten Busse ab, die gleichzeitig auch Siedlungsreste eines älteren Salisbury namens Old Sarum anfahren. Diese Bustouren sind zwar nicht ganz billig, ermöglichen aber eine kleine Rundreise durch die ausnehmend schöne Landschaft und beinhalten den Eintritt in die Sehenswürdigkeiten, sowie eine über Lautsprecher im Bus abgegebene Info (auf Englisch), die den gemeinen Touristen auf das große Mysterium Stonehenge vorbereitet.

Stonehenge

Ich gebe zu, dass mich neben meiner Leidenschaft für Literatur, auch ein gewisser Hang zur Mythologie nach England führte, wobei ich jedoch davon ausgehe, dass Mythen und Legenden gewissermaßen die Ursprünge jeglicher Literatur darstellen, ihre, mit einem weniger verklärten Blickwinkel getätigte Betrachtung und Erforschung, ist allemal lohnenswert. In diesem Sinne fällt auch meine Beurteilung von Stonehenge aus. Man kann sich kaum erwehren, dieses Zeugnis ältester Zivilisation nicht zu bewundern. Es besitzt unbestritten eine nicht näher definierbare Ausstrahlung, die ich jedoch weniger in den Bereich der Zauberei legen oder als Beweis magischer Erdpunkte sehen will, als ich den Steinkreis viel mehr als beeindruckendes Relikt menschlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten sehe, die bereits vor tausenden von Jahren soweit entwickelt waren, dass man die gewaltigen Gesteinsbrocken nicht nur zu formen, sondern auch aufeinander zu legen vermochte. Der Rest ist Spekulation. Und in diesem Sinne möchte ich auch allen, die irgendwann einmal nach Stonehenge zu reisen gedenken, ausdrücklich folgenden Rat ans Herz legen: Halten Sie sich fern von den Audioguides!

Ich habe selten eine größere Ansammlung an Gemeinplätzen, Platitüden, dummen Sound-Effekten (ja, man hat tatsächlich in den Sprechpausen „druidische“ Gesänge eingespielt…!) und jegliche wissenschaftliche Grundlage entbehrender Spekulation gehört. Falls Sie das nicht überzeugt, das Gesamt-Fazit des stonehengeischen Audioguides lässt sich in drei Worten zusammenfassen: „Why, oh why?!“. Hinzu kommen, für diejenigen, die noch mehr wissen möchten, die wiederholte Verwendung folgender Schlüsselwörter: Vielleicht, möglicherweise, könnte sein, mag sein, ist nicht genau geklärt, entzieht sich unseres Wissens, potentiell, man weiß es nicht, usw. usf.

Wer sich damit begnügt in Ruhe um den Steinkreis (der übrigens abgesperrt ist) zu wandern, hat mit Sicherheit, selbst in Anwesenheit der vielen anderen Touristen, mehr von seinem Besuch. Und wer sich den Eintrittspreis überhaupt sparen will und über ein Auto verfügt, der kann ganz einfach die Bundesstraße A303 oder A344 nehmen, seinen Wagen am Straßenrand abstellen und hat auch so beste Sicht auf das Monument.

Am Rückweg hält die Bustour noch am sog. Old Sarum, einer altertümlichen Befestigung, die das frühere Salisbury bildete, bevor die Stadt an ihrer heutigen Stelle gegründet wurde. Man sollte aber auf die Schließzeiten der Monumente achten, in meinem Fall war der innere Kreis von Old Sarum bereits geschlossen, ein Spaziergang rund herum war aber trotz allem lohnenswert, der Bereich in dem die Überreste der ersten Kathedrale von Salisbury stehen, ist auch nach den Schließzeiten zugänglich.

Salisbury Cathedral

Der zweite Tag in Salisbury war der Stadt und vor allem der Kathedrale gewidmet. Salisbury Cathedral ist ein herausragendes Beispiel frühgotischer Baukunst, das Bauwerk besitzt zudem den höchsten Kirchturm in England (123 Meter). Begonnen wurde der Bau an der Kathedrale 1220, wobei der Turm erst einige Zeit später draufgesetzt wurde, was sich nachträglich als beinah fataler Größenwahn herausstellte. Das Grundkonstrukt der Kirche war kaum in der Lage das Gewicht des Turms zu tragen und musste nachträglich verstärkt werden, bis heute ist eine leichte Neigung des Turms festzustellen, ab einer gewissen Windgeschwindigkeit wird die gesamte Kirche gesperrt. Besonders sehenswert in der Kathedrale, neben der ältesten funktionstüchtigen Uhr (AD 1386) ist eine der vier noch verbliebenen Handschriften der Magna Charta (AD 1215). König John Ohneland – der Namenszusatz ist Ausdruck dafür, dass er tatsächlich durch Erbfolgebedingungen kaum über Land verfügte – unterzeichnete das Dokument auf Druck seiner Barone, es ist einer der Vorläufer für spätere grund- und menschenrechtliche Entwicklungen und räumte nicht nur der Kirche gewisse Rechte und Freiheiten gegenüber der Krone ein, es enthält erste Ansätze einer Unschuldsvermutung und prozeduraler Rechte, die, damals beschränkt auf freie Bürger, u. A. einen Schutz vor unrechtmäßiger Verhaftung (habeas corpus) vorsahen. In jedem Fall ein beeindruckendes Dokument westlicher Rechtsgeschichte.

Eine weitere bemerkenswerte Tatsache, die auch an den künftigen Haltepunkten auf meiner Reise einen ganz besonders positiven Eindruck vom Tourismusland England hinterließ, betrifft die Verfügbarkeit von kostenlosen Führungen. Zwar ist bei den meisten Sehenswürdigkeiten Eintritt zu zahlen, vor Ort jedoch gibt es fast ausnahmslos so genannte „Guardians“, meist Senioren und Seniorinnen, die sich als Freiwillige zur Verfügung stellen, um Interessierten die jeweiligen Sehenswürdigkeiten näher zu bringen. Diese engagierten Leute haben sich ausnahmslos als nicht nur hochgebildete Fremdenführer erwiesen, alle unter ihnen waren überaus sympathische, humorige Guides, die keinen unkritischen Lobesgesang anstimmten, sondern die jeweiligen Fakten bestens kannten und diese auch immer wieder mit amüsanten Anekdoten oder typisch britischem trockenen Humor ausschmückten. In Salisbury wurde ich gemeinsam mit drei anderen Interessierten von einer charmanten Mittsiebzigerin mehr als eineinhalb Stunden durch die Kathedrale geführt. Im Raum in dem die Magna Charta zu sehen war, waren wieder eigene „Guardians“, die auf einen zugingen und sich erkundigten, ob man auch alles gesehen habe und ob eventuell noch Fragen offen wären. Ein beeindruckendes Tourismuskonzept!

Salisbury, Wiltshire

Der Rest der Zeit in Salisbury verging mit Entdecken – so wurde ich darauf aufmerksam dass Nobelpreisträger William Golding hier als Lehrer gearbeitet und in weiterer Folge sogar ein Buch über den Kirchturm der Salisbury Cathedral verfasst hat („The Spire“) – mit Flanieren – Salisbury liegt am Fluss Avon (einer von drei in England, der diesen Namen trägt), entlang des Flusslaufes lässt sich herrlich spazieren und wieder einmal die besondere Liebe der Engländer in Sachen Stadtbegrünung bewundern – sowie mit Essen – was sein muss, muss sein, auch nach einem ausführlichen Full English Breakfast. Das urige Pub „The Wig and Quill“ z.B. verfügt über eine ausgezeichnete Küche, besonders die Fish&Chips (ein MUSS wenn man in England ist) sind zu empfehlen.

The Wig and Quill, Salisbury, Wiltshire

Und wenn man so wie ich nebenbei auch interessiert an skurrilen Begegnungen ist, dann musste man einfach eine Dame, die dem Bartender mit schlechtem Englisch erklärte, dass sie aus „Austria“ sei, ansprechen. Das endete schließlich damit, dass die gute Frau, die über ein schreiend-türkis-farbenes Glitzershirt, Leggings und zu einem Turm toupiertes Haar verfügte, mir erklärte, dass die Engländer modisch schon ziemlich altväterisch wären…ich enthielt mich jeglichen Kommentars, widmete mich wieder meinem Ale und schwor mir, auf meiner weiteren Reise nur mehr in Notfällen Österreicher anzusprechen.

Nächster Stopp: Bath

Hilfreiche Informationen:

Salisbury liegt ca. 150 km südwestlich von London. Die Anreise ist öffentlich mit der Bahn bzw. mit dem Bus möglich, die Bahn ist zwar wesentlich schneller (etwa 1,5 Stunden), der Bus jedoch ungleich günstiger (Hin und Retour bereits ab 10 Pfund).

Alle Informationen zu den Bustouren, die von Salisbury aus Stonehenge und Old Sarum anfahren finden sich hier.

Übernachtungsmöglichkeiten in Salisbury sind zahlreich und können über die örtliche Touristen-Information ausfindig gemacht werden. Ich persönlich kann, als ausgesprochen angenehme und im Verhältnis zum Komfort preisgünstige Unterkunft, das B&B von Stephanie Paul, 50 Trinity Street, nur allerwärmstens empfehlen!

Susanne, 17. Juli 2009

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