When you’re going to Brighton, all you have to remember is PPL

Traveling Sandworm

Freundin C. hatte mich mit einem handlichen Akronym auf die Reise geschickt. Wir hatten darüber gesprochen, was es in Brighton alles zu sehen gäbe und was davon wirklich zum Pflichtprogramm gehören möge. Ich befand mich noch immer in der anfänglich etwas hektischeren Reiseplanung und hatte nur eine Nacht in Brighton eingerechnet, ein Fehler, der mir danach nicht wieder unterlief. C. meinte schließlich, alles was ich über Brighton wissen müsse und was es wert wäre, gesehen zu werden, ließe sich mit den Buchstaben PPL zusammenfassen, würde ich mir diese Kombination aus Anfangsbuchstaben merken, könne mir in Brighton wirklich nichts passieren. Die Buchstaben standen für „Pavilion, Pier and Lanes“ und würden die allerwichtigsten Sehenswürdigkeiten von Brighton beschreiben. Wenn ich dafür empfänglich wäre und noch extra Zeit hätte, sollte ich darüber hinaus auch den Afternoon Tea im Grand Hotel nutzen. Ein etwas teureres Vergnügen, welches aber zu Brighton passen würde und in Anbetracht der großen Mengen an Speisen, die man dort serviert bekäme auch ökonomisch nicht unklug wäre, da man sich mit Sicherheit das Abendessen ersparen würde.

Also verabschiedete ich mich schließlich von C. und brach endlich auf, um Südengland zu bereisen. Mit dem Bus ging es von Whitstable nach Canterbury, wo ich in den Zug umsteigen wollte, der jedoch wegen Arbeiten am Gleiskörper durch einen weiteren Bus ersetzt wurde, welcher mich nach Ashford brachte – als generell ÖBB Geschädigte war es fast beruhigend zu sehen, dass auch in England so etwas wie Schienenersatzverkehr existierte.

Bereits auf der Fahrt nach Ashford wurde ich das erste Mal auf die wunderschöne Landschaft Südenglands aufmerksam. Im Kleinen hatte ich sie schon in Whitstable und Canterbury wahrgenommen, als mir die gepflegten Gärten und eine nicht zu übersehende Leidenschaft für Landschaftsgestaltung ins Auge stachen. Nun im Bus nach Ashford wurde mir, hinter schmutzigen Fenstern, die kaum den Eindruck schmälerten, klar, dass auch im Großen betrachtet Südengland mit beeindruckender Schönheit gesegnet war. Da zogen Wiesen vorbei, auf denen Schafe grasten, hin und wieder durchschnitten von kleineren Flüsschen, eine liebliche Hügellandschaft, die sich insgesamt mit einem Wort beschreiben ließ: Grün.

England, East Sussex

England ist grün, dieser Eindruck hat sich auf meiner gesamten Reise gefestigt; nie habe ich so viele verschiedene Grüntöne auf einem Flecken Erde gesehen. Grasgrün, dunkelgrün, blaugrün, graugün, braungrün, gelbgrün, hellgrün, smaragdgrün, olivgrün, blassgrün, neongrün, schlammgrün…endlos war die Farbpalette, die an mir vorbeizog, bis nach dem Umsteigen auf die Bahn in Ashford und auf dem Weg nach Brighton, sich das viele Grün im Süden endlich mit dem blassbraunen Sandstrand und dem dahinterliegenden blau des Ärmelkanals kontrastierte.

England, East Sussex

Knapp 3 Stunden nach meiner Abreise, stieg ich in Brighton, welches seit Ende der 1990er etwas uncharmant Brighton and Hove heißt (die beiden benachbarten Städte wurden zu einem Stadtkreis zusammengefasst) aus dem Zug und fand mich erst eine relativ anstrengende dreiviertel Stunde später im gewählten Hotel wieder, welches sich im Stadtteil Kemptown, nicht unweit von der Strandpromenade befand, aber vom Bahnhof gesehen doch etwas mühsam zu erreichen war. Das Gefälle vom Bahnhof bis zur Strandpromenade würde ich am nächsten Tag noch verfluchen, da wandelte es sich nämlich in eine gnadenlose Steigung und führte mir erstmals das Gewicht meines Rucksackes vor Augen. Trotz allem ging sich nach einer kurzen Verschnaufpause doch noch eine gemütliche Erkundungstour durch Brighton aus, und die inkludierte auch die Pflichtpunkte aus Cs Akronym, nämlich zunächst den Pier, später ein Spaziergang rund um den Pavilion und am nächsten Tag beim Rückweg zum Bahnhof noch einen Abstecher durch die Lanes.

Brighton Pier

Der Pier ist kaum zu übersehen, befindet er sich doch zentral an der Strandpromenade gelegen und ist das was man im angloamerikanischen Raum gemeinhin unter einem Pier versteht, nämlich hauptsächlich Vergnügungszentrum mit allen möglichen Attraktionen, die angeblich Spaß machen. Nachdem ich mich dafür kaum erwärmen konnte, ließ ich eine genauere Erkundung bleiben, viel interessanter schien mir der nur wenige hundert Meter weiter westlich gelegene West Pier. Oder das was vom West Pier übrig war, denn aus dem Wasser ragte bloß noch das rostige Skelett des Bauwerks, welches 1866 in Glanz und Glorie vom Architekten Eugenius Birch als herausragendes Exempel viktorianischer „seaside architecture“ konstruiert und aufgestellt wurde. Bereits 1975 wurde der Pier geschlossen und dem Verfall überlassen. Stürme und ein gewaltiger Brand 2003 machten jegliche Renovierungspläne zunichte, die verbliebenen Überreste des West Pier lassen nur noch ganz entfernt auf die einstigen Hochzeiten schließen, das traurige Gerippe jedoch mag Brightons vergnügungssüchtigen Besuchern, die sich wochenends von einer Bar zur nächsten drängen, vielleicht den nötigen Schuss Vergänglichkeit in den Drink mischen. Ich stelle mir kaum Ernüchternderes vor als nach einer durchzechten Nacht am Strand aufzuwachen und den ersten Blick auf das verrottende Gerüst des ehemaligen West Piers zu werfen.

Brighton Westpier

Derlei Gedanken hielten nicht lange und ich suchte alsbaldig selbst ein Pub auf, denn es hatte mittlerweile zu regnen begonnen. The Victory Inn, welches sich für die Regenpause anbot, war dann auch gut besucht, sehr gastfreundlich und verfügte sogar über einen gratis Wifi-Zugang. Nachdem der Regen nachgelassen hatte und sich auch die Abendsonne noch durchsetzen konnte, setzte ich meinen Spaziergang durch Brighton fort und kam schließlich zum zweiten P. dem Pavilion oder Royal Pavilion, der mit Sicherheit die herausragendste und exotischste Sehenswürdigkeit in Brighton, vermutlich ganz England, darstellt. König George IV. (1762-1830), damals noch Prinz und ein genauso kunstliebender wie unterhaltungsfreudiger Mann, hatte sich Brighton als seinen bevorzugten Aufenthaltsort auserkoren und sich mit diesem architektonischen Exoten ein Denkmal gesetzt. Ein Prunkbau im Stile von indischen Mogulbauten, mit Einflüssen aus der islamischen Architektur und einer Inneneinrichtung in chinesisch-indischem Stil, allesamt umgesetzt und verwirklicht vom Architekten John Nash (zwischen 1812 und 1822). Nachdem das Gebäude Mitte des 19. Jahrhunderts an die Stadt verkauft wurde und ein Großteil der Inneneinrichtung im Buckingham Palace und in Windsor landete, ist der Gutteil der aktuell im Inneren befindlichen Ausstattung nachgebaut.

Ich selbst habe mir das Innere des Pavilion nicht angesehen, ich kann deshalb auch keinerlei Auskunft darüber geben, ob die aktuell 8,80 Pfund Eintritt lohnenswert sind oder nicht. Ich hatte mich für die Abendsonne entschieden und in dieser Hinsicht war die Entscheidung noch ein wenig entlang der Strandpromenade zu wandeln nicht nur lohnenswert sondern auch gratis.

Royal Pavilion, Brighton

Der nächste Morgen brachte nicht nur das Auschecken aus dem Hotel und die Bewältigung des einigermaßen anstrengenden Anstiegs bis zum Bahnhof, sondern auch noch eine kurze Frühstückspause im letzten Pflichtprogrammpunkt, in den sogenannten Lanes, die günstigerweise am Weg zum Bahnhof lagen. Viel gibt es dazu nicht zu sagen, außer dass es sich um ein kleineres Netz von hübschen Straßen handelt, welche als einzige den großen Brand, den die Franzosen bei einem Angriff auf Brighton 1514 gelegt hatten, unbeschadet überstanden haben. Dort finden sich dann kleinere Shops und Antiquitätengeschäfte und es hätte sich dort wunderbar entlang schlendern lassen, hätte ich nicht die nächste Station meiner Reise erreichen wollen. So aber musste ich Brighton schließlich verlassen, ich machte mich auf die Weiterreise und nahm nicht nur einen herrlichen Ort an der Südküste Englands in die Erinnerung auf, ich hatte auch beschlossen künftig keinem Halt entlang der Route weniger als 2 Übernachtungen zu widmen. Irgendwie war mir das dann alles etwas zu schnell gegangen, schließlich habe ich zwar die Punkte PPL im Reiseplaner abhaken können, aber der Afternoon Tea im Grand Hotel harrt noch immer meines Besuches.

Nächster Stopp: Salisbury

Hilfreiche Infos:

Die Anreiseplanung mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten via Nationalrail oder Nationalexpress, wobei die Bus-Variante wesentlich preisgünstiger ist.

Brighton bietet jede Menge Übernachtungsmöglichkeiten, das von mir gewählte Hotel Brighton Breeze, erwies sich als günstige (30 Pfund/Nacht) und saubere, aber etwas uncharmante und relativ weit vom Zentrum entfernte Option. Diverse Hotelsuchmaschinen bieten eine insgesamt sehr große Auswahl, es sollte sich in jeder Preisklasse und Lokalität Passendes finden lassen.

Zusätzliche Informationen über Brighton finden sich auf Wikipedia sowie auf diversen weiteren (meist englischsprachigen) Webseiten.

Susanne, 9. Juli 2009

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