Will no one rid me of this turbulent priest?

Traveling Sandworm - artwork zoer

 

Ich begann erst kurz vor der Abreise nach England meine Wunschroute festzulegen. Diese Route ergab sich aus einer Kombination jener Dinge, die ich während der Reise unbedingt sehen wollte und Personen, die ich aufzusuchen gedachte. Da gab es eine gute Freundin, die besucht werden wollte, eine Vielzahl von Autoren, die an diesem oder jenem Ort gelebt und gearbeitet hatten, wichtige historische Stätten und in jedem Fall eine Mindestaufenthaltszeit am Meer. Kurz vor der Abreise war schließlich mein Reiseführer eingetroffen (Lonely Planet England – den ich übrigens sehr empfehlen kann) und mir wurde sofort klar, die Reise musste entweder auf mindestens drei Monate ausgedehnt werden oder es war unvermeidlich den einen oder anderen Tourstopp einfach zu streichen. Da ersteres nicht möglich war, musste es zweiteres sein, was nachdem ich in England gelandet war, noch offensichtlicher wurde und ich erkannte, dass dieses Land nicht im Eiltempo bereist werden will, schon gar nicht als eine Art „Race Across Southern England“, sondern in einer Manier erlebt werden sollte, die eher dem entspricht, was man im 18. oder 19. Jahrhundert als Reisen definierte: eine gemächliche Erkundung, die genügend Raum und Zeit lässt, die Orte, die man besucht, auch zu erleben.

Einer der Orte, welcher der anfänglichen Reisehektik zum Opfer fiel war Canterbury und ich gebe mit Bedauern zu, dass ich nur einen Nachmittag in dieser wunderschönen Stadt verbracht habe. Ein Glück jedoch, dass ich ortskundige Führer an meiner Seite hatte, denn so war es auch in relativ kurzer Zeit möglich das Wichtigste zu sehen und sich zumindest vorzunehmen, Canterbury bei nächster Gelegenheit mehr Zeit zu widmen.

 

Canterbury Westgate

 

Canterbury liegt knapp 11 km südlich von Whitstable und egal, ob man mit Bus oder Auto fährt, man kommt irgendwann unweigerlich vor die Tore der Stadt, sprich zum sogenannten Westgate, welches das einzig verbliebene Stadttor der mittelalterlichen Befestigung rund um Canterbury ist. Es gibt auch noch Teile dieser Stadtmauer, die erhalten sind, auf Abschnitten dieser „wall“ kann man entlang spazieren und einen schönen Blick auf die Stadt erhaschen.

Durch das Westgate hindurch, tritt man ein in die historische Altstadt von Canterbury und somit in ein kleines Universum aus alten Gassen, Brücken und mittelalterlichen Fachwerkbauten. Gleich hinter dem westlichen Stadttor beginnt die St. Peter’s Street, welche in die High Street übergeht, diese wiederum wird zur Parade und endet schließlich als St. George’s Street –  der gesamte Straßenzug durchschneidet die Altstadt Canterburys von Nordwesten nach Südosten und lädt zum Promenieren und Entdecken ein.

 

Canterbury, Kent

 

Biegt man von der Parade in Richtung Südosten nach links in die Butchery Lane ab, gelangt man nach ein paar Schritten zum Herzstück der Stadt: zur Canterbury Cathedral, einer der berühmtesten und ältesten Kathedralen Englands. Das grandiose Bauwerk ruht wie viele mitteleuropäische Kirchen auf Grundfesten von Gebetsstätten älterer Kulturen, der Bau, so wie er sich heute präsentiert, wurde gegen Ende des 11. Jahrhunderts begonnen und zählt mit Sicherheit zu den schönsten gotischen Kirchenbauten Europas. Zusätzlich ist die Kathedrale der Amtssitz des anglikanischen Erzbischofs, der das geistliche Oberhaupt der Kirche von England ist.

 

Canterbury Cathedral

 

Der Eintritt in die Kathedrale ist mit 7,50 Pfund zwar nicht billig, es zahlt sich aber aus ihn zu berappen, denn hinter dem Christ Church Gate, durch das man vom Buttermarket Square hindurch tritt, eröffnet sich ein spektakulärer Blick auf die Kathedrale, umliegende Gartenanlagen und weitere Kirchengebäude. Die Kathedrale selbst ist eine architektonische Glanzleistung, über die Jahrhunderte haben sich romanische, früh- und spätgotische Teile zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk gefügt. Nicht zuletzt sind Kirchen aber immer auch ein ausgezeichneter Ort für jede Menge blutrünstige Geschichten, Anekdoten und wilde Spekulationen.

Dass ein weltberühmter Mordfall mich, neben meinem Interesse für Kunst und Kultur, in die Kirche trieb, will ich nicht leugnen, die Geschichte von Thomas Becket schreit auch danach sich selbst hunderte Jahre später noch am vermeintlichen Ort des Meuchelmordes nach eventuell physisch sichtbaren Spuren der Gewalt umzusehen. Wer sie nicht kennt, hier kurz das, was als Fakten (angereichert mit Hörensagen, Mythos und Legende) über die Jahrhunderte ins Heute gespült wurde: Thomas Becket, seines Zeichens Vertrauter und Freund des damaligen Regenten Henry II., wurde von diesem nicht nur als Zeichen der Verbundenheit, sondern auch um die Machposition in der Kirche mit einem Verbündeten (zeitgenössisch vielleicht als Spezi zu bezeichnen) zu besetzen, zum Erzbischof von Canterbury befördert. Nachdem Thomas Becket aber absolut keine Lust hatte, sich lenken und kontrollieren zu lassen, im Gegenteil, er eine Reihe von Scharmützeln mit dem König über Einfluss und Zuständigkeit der Kirche austrug, wurde es Henry zu bunt und um zur Essenz einer langen Geschichte zu kommen, dieser soll in seiner Verzweiflung über den renitenten Priester oben angeführten Ausspruch getan haben, wodurch sich auch gleich vier, wenig zimperliche, Gefolgsleute bzw. ehrbare Ritter (je nach Sichtweise) fanden, die die Umsetzung des vermeintlichen Befehls in die Tat pflichtgetreu auf sich nahmen. Am 29. Dezember 1170 schließlich begab sich das rücksichtlose Quartett in die Kathedrale, schlug mit ihren Schwertern auf den Bischof ein und zwar in einer Art und Weise, dass es dem armen Mann den Schädel spaltete. (Wer die Geschichte nachlesen möchte, auf Wikipedia zum Beispiel gibt es die grausigen Details – wobei die englische Ausgabe um einiges informativer ist).

Noch heute ziert ein in rotem Stein gehaltenes „Thomas“ den Ort des Verbrechens, Henry schließlich blieb, nachdem Becket in einem Schnellsiedeverfahren bereits 1173 heilig gesprochen worden war und sich die Pilgerscharen nach Canterbury verdichteten, nichts anderes übrig, als um Vergebung zu bitten. Anno dazumal hatten diese Gesten auch noch entsprechend ausholenden Charakter: Henry machte sich barfuß, in Sack und Asche gekleidet, auf den Weg in die Kathedrale, kniete am Ort des Verbrechens nieder und wurde nach öffentlicher Reue und priesterlicher Absolution auch noch von allen 80 Mönchen, diversen Bischöfen und Äbten ausgepeitscht. Die folgende Nacht durfte er betend und fastend in der kalten Krypta der Kathedrale verbringen. 

 

Canterbury Cathedral

 

Thomas’ Reliquien schließlich wurden zu einem Magnet in Sachen Pilgerschaft. In Scharen strömten die Gläubigen aus ganz Europa nach Canterbury, bis ein weiterer Henry dem Treiben ein Ende setzte. Der 8. In der Reihe der Heinriche, machte sich aufgrund einer heiklen Privatangelegenheit schlicht zum Oberhaupt der Kirche von England und beendete die katholische Herrschaft im Lande. Der Schrein der zum Zwecke der Anbetung des Heiligen errichtet worden war, wurde vernichtet, ebenso Thomas‘ Gebeine, heute ziert eine simple Kerze die Stelle wo das Monument einmal gestanden hat. Die Kathedrale lädt aber trotz blutrünstiger Vergangenheit zum Umherwandeln und Betrachten ein, außergewöhnliche Steinmetzkunst und herrliche Glasfenster versetzen die Kunstliebhaberin in Staunen, besonders schön der gotische Kreuzgang.

 

Canterbury Cathedral (Cloisters - Kreuzgang)

 

Die Kirche, die tragischen Ereignisse rund um die diversen Personen, die in ihr und um sie herum wirkten, mit Sicherheit auch die Stadt und ihre malerischen Gassen und Straßen haben schließlich auch in der Literatur ihren Niederschlag gefunden. Am bekanntesten ist wohl Geoffrey Chaucer (ca. 1343 – 1400) – Fluch jedes Anglistikstudenten – dieser hat sich, obwohl in London geboren, mit seinen Canterbury Tales verewigt und der Stadt ein Denkmal gesetzt. Größter Stolz ist vielleicht Shakespeare-Zeitgenosse, Dichter und Spion, Christopher Marlowe (1564 – 1593), der in Canterbury geboren wurde, sein Ende jedoch in London fand (nicht weniger dramatisch übrigens als Thomas Becket).

 

Canterbury, river Stour

 

Wer nun noch nicht genug gesehen hat von Canterbury, der begibt sich hernach einfach auf eine der launigen Historic River Tours, auf der man, gerudert vom charmanten Boots- und Stadtführer, jede Menge Wissenswertes über die historischen Gebäude entlang des Flüsschens Stour erfährt. Wenn sich der Tag dann dem Ende zuneigt und man wieder weiterreist, steht eines auf jeden Fall fest: ein einzelner Nachmittag ist viel zu kurz, um Canterbury auch nur annähernd kennen zu lernen. Auf ein nächstes Mal also!

 

Hilfreiche Informationen:

Anreise von London: Mit dem Zug via Nationalrail, hin und retour muss man aber mit etwa 40 Pfund Fahrtpreis rechnen, ungleich günstiger die Fahrt mit dem Bus, die zwar etwas länger dauert, aber bereits um 10 Pfund (hin und retour) zu haben ist.

Wissenswertes rund um Canterbury liefert die offizielle Webseite der Stadt, dort finden sich auch Informationen in Sachen Unterbringung. Die Bootstouren sind mit einem Preis von 7 Pfund und einer Dauer von 40 Minuten nicht nur günstig, sondern auch sehr informativ und äußerst unterhaltsam.

 

Nächster Stopp: Brighton

 

Susanne, 1. Juli 2009

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