Yes, it’s me

The Sandworm

Wenn man sich Gedanken über eine anstehende Reise macht und ich halte es da fast quasireligiös mit einer der Grundregeln des Dalai Lama (Besuche einmal im Jahr einen Ort, den du noch nicht kennst), dann überlegt man sich zunächst wohin man eigentlich reisen möchte. Ich lasse mich diesbezüglich gerne von der Literatur inspirieren und nach einem begeisterten Einstieg in die Welt des James Joice (A Portrait of the Artist as a Young Man, danach Dubliners), stand zunächst Irland im Zentrum meiner Suche. Nach einigen Wochen auf diversen Webseiten verschiedenster Fluglinien, fand ich mich schließlich durch ein unschlagbares Angebot der Aer Lingus erstmals zum Nachdenken darüber verführt, was wohl wäre, wenn ich nicht nach Irland, sondern nach England führe. 30 Euro hin und retour (inklusive Taxen) waren nicht zu überbieten und fast gleichzeitig mit dem geografischen Gedankensprung, fanden sich auch noch weitere triftige Gründe für eine Reise nach England. Erstens eine gute Freundin, die südöstlich von London in der Grafschaft Kent lebt und schon seit viel zu langer Zeit nicht mehr gesehen war und nicht zuletzt die Leidenschaft für englische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, noch weiter präzisiert, die Tatsache, dass Jane Austen mit Sicherheit einen der Topplätze in meiner Liste von hochgeschätzten Schriftstellern einnimmt.

Ein paar Klicks und wenige Wochen später fand ich mich also im Flugzeug besagter Airline wieder, Direktverbindung Wien – Gatwick mit dem ersten Reisestopp „Whitstable“ am Programmplan. Durch eine tageszeitlich (für meine Begriffe, denn ich kann nichts weniger ausstehen, als im Morgengrauen zum Flughafen zu fahren) günstige Reisezeit, betrat ich gegen 17 Uhr Ortszeit den Boden ihrer königlichen Majestät Elisabeth II. und fand mich im Weltrekordtempo über eine Bahnverbindung nach London Victoria (Züge fahren je nach Betreiber in etwa alle 15 Minuten, die Verbindung über Southern Railways benötigt nur wenig länger als der angepriesene Gatwick Express, ist dafür aber mit ca. 10 Pfund pro Strecke wesentlich billiger), im Zug nach Whitstable sitzend wieder, gegen 20 Uhr schließlich hatte ich mein Ziel erreicht, Freundin C. stand bereits winkend am Bahnsteig.

Whitstable, High Street

Über Whitstable gibt es so einiges zu erzählen und selbst wenn ich den Ort bloß deswegen in meine Reiseroute aufgenommen hatte, weil ich Freunde und Unterkunft dort fand, so zeigte sich auf meiner weiteren Reise, dass Whits, so nennen es die Einheimischen gern, unter den Engländern relativ bekannt war und insbesondere von der betuchteren Londoner Gesellschaft gerne für Wochenendausflüge ans Meer genutzt wird. Whitstable also liegt knapp 100 km östlich von London und etwa 11 km nördlich von Canterbury, was die Attraktivität von Whits zusätzlich steigerte, war doch schnell beschlossen, dass Canterbury Reisestopp Nummer 2 werden würde.

Whitstable - Segelhafen

Der malerische kleine Ort an der Küste Südostenglands besticht durch hübsch aneinander gereihte Häuschen, mit gepflegten Gärten, die dank der Jahreszeit alle in voller Blüte standen und welche sich in einem länglichen Streifen von West nach Ost an den Strand schmiegten. Über mögliche Unterkünfte und deren Qualität kann ich an dieser Stelle leider keine Auskunft geben, nachdem sich der Ort aber zunehmender Beliebtheit, vor allem wegen seiner Nähe zu London, erfreut, bin ich sicher, dass sich adäquate Quartiere leicht finden lassen (so sie nicht ausgebucht sind!). Am Wochenende herrscht dann schließlich auch Hochbetrieb und Einheimische wie Erholungssüchtige treibt es auf die Straßen, wobei sich ein Großteil davon früher oder später entweder in einem der Cafés und Restaurants am Strand, oder in der zentralen High Street einfindet. Nach Norden spaltet sich die High Street in die Harbour und die Sea Street auf, von jeder dieser Straßen ist es bloß ein Katzensprung zum Strand, den man immer wieder auch auf kleinen, „alley“ genannten, Schleichwegen erreicht, die mit dichtem Grünzeugs umwuchert fast schmugglerpfadartig zum Hin- und Herschleichen einladen.

Whitstable, Strandpromenade

Entlang der Strandpromenade finden sich wahlweise Hafenbars und Cafés, Badestrände oder Anlegeplätze für die unzähligen Segelboote, die sich bei günstigem Wind in der Bucht drängen. Die Lage macht Whitstable schließlich zum idealen Erholungsort, egal ob man nun segeln will, oder bloß ein Wochenende lang dem Großstadttrubel entkommen möchte, ob man fein Essen geht (Whitstable ist in ganz England für seine Austern bekannt) oder ob man sich, wenn es das Wetter erlaubt, an den Kieselstrand legt (einfache Strandhütten werden zu einem Preis von bis zu 15.000 Pfund gehandelt!), es findet sich für jeden irgendwas in diesem Ort. In meinem Fall war es morgens ein gigantisches Frühstück in Howard’s Kitchen – einem kleinen Café-Restaurant mit hübschem Wintergarten und ausgezeichneter Küche. Ein typisches englisches Frühstück schließlich, also das was sich vor Ort dann „full English breakfast“ nennt, ist eine optimale Unterlage, um bis mindestens zum frühen Abend ohne jegliches Hungergefühl touristischen Aktivitäten nach zu gehen. Bestehend aus (im Regelfall) zwei Eiern (als Omelett oder Spiegeleier), zwei Würsteln, zwei Streifen Speck (jeweils gebraten), den obligaten Baked Beans und je nach Tradition gebratenen Champignons oder Tomaten (in Abhängigkeit von der Region in der man sich aufhält, kann auch geräucherter Fisch dazustoßen) und jede Menge dick mit Butter bestrichenem Toastbrot (im Idealfall geschnittenes Weißbrot statt dem herkömmlichen Industrietoast), habe ich nach ungefähr 2/3 der auf meinem Teller aufgehäuften Nahrungsmittel oder gefühlten 5000 Kalorien w.o. gegeben. Mit genügend Energie ausgestattet reichte es jedoch für eine ausgiebige Erkundung von Whitstable, die über den Hafen zur Strandpromenade führte, vorbei an einem sehr netten kleinen Café namens „Tea Gardens“, welches nur in der warmen Jahreszeit geöffnet hat und wo man stilvoll in einem gepflegten Garten den englischen Pflichttee zu sich nehmen kann, bis zur Stätte an der meine Freundin C. eine recht eigentümliche Begegnung mit einem nach Whitstable gereisten Prominenten namens Rod Stewart hatte.

Whitstable, Tea Garden

Zugetragen hat sich das „celebrity sighting“ im Hotel Continental (passender hätte der Herr auch kaum auswählen können), das über einen sehr netten Tea-Room samt Meerblick verfügt und in dem man, so wie es in England oft üblich ist, seine Bestellung an einer Art Tresen selbst ordert und auch gleich bezahlt. Ebendort hatten sich ausgerechnet Herr S. und meine Bekannte C. eingefunden, als C., die einigermaßen kurzsichtig ist und die, um die Tafel mit den Tagesangeboten zu lesen, ihre Augen zusammenkniff, schließlich mit entsprechend fragendem Gesichtsausdruck nicht nur auf die Anbotstafel, sondern zufällig auch in die Richtung des neben ihr stehenden Herrn S. starrte, woraufhin dieser sich zu ihr drehte und mit einer Mischung aus Wohlwollen und Freude erkannt worden zu sein folgenden Satz von sich gab: „Yes, it’s me.“ Natürlich hat C. erst zu diesem Zeitpunkt erkannt, dass es sich tatsächlich um Rod Stewart handelte, hat höflich gelächelt, ihren Tee in Empfang genommen und dann doch lieber das Weite gesucht.

Whitstable, The Old Neptune

Nach derlei Abenteuern, die sich in Whitstable mit Sicherheit täglich zutragen, sollte man für eine sinnvolle Abendgestaltung am besten ein klassisches Pub auswählen. C. und ich haben uns für „Old Neptune“ entschieden, welches an jenem Abend nicht nur ausgzeichnete Live-Musik bot, sondern auch voll mit Einheimischen war, was in Bezug auf die Lokalwahl immer ein gutes Zeichen ist. Old Neptune liegt darüber hinaus direkt am Strand, das machte es für mit Binnenlandstatus gestrafte Reisende wie mich eindeutig zur ersten Wahl gegenüber jenen Pubs, die sich auch zu Hauf in den Whitstabler Straßen fernab vom Meer finden. Bei einem Ale und musikalisch untermalt fand schließlich ein gemütlicher Tag in Whitstable seinen entsprechend entspannten Ausklang.

Nützliche Links:

Neben der von mir erwähnten Aer Lingus, gibt es auch noch zahlreiche andere Airlines die Direktflüge zu den verschiedensten Flughäfen rund um London anbieten, ich empfehle eventuell eine Flugsuche mit Checkfelix.

Wissenswertes über Whitstable findet sich auf der offiziellen Webseite von Canterbury, es finden sich aber mittels Google-Suche noch jede Menge anderer Seiten, die Informationen über Whitstable zur Verfügung stellen.

Anreise von London: Mit Southern Railway – One Way Ticket ca. 20 Pfund, je nach Tageszeit und Verfügbarkeit – es empfiehlt sich bei der Benützung des öffentlichen Verkehrs in England grundsätzlich (wenn möglich) Hin-und Retourfahrten zu kaufen, da sich dadurch der Fahrpreis mitunter erheblich reduzieren lässt.

Nächster Stopp: Canterbury

Susanne, 24. Juni 2009

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