Demokratie für Anfänger – Teil IV

 

literary sandworm - artwork zoer

 

Am 30. November 1834 schreibt Charles Darwin im Bericht über seine Reise auf der HMS Beagle (The Voyage of the Beagle, 1845) Folgendes:

Early on Sunday morning we reached Castro, the ancient capital of Chiloe, but now a most forlorn and deserted place. The usual quadrangular arrangement of Spanish towns could be traced, but the streets and plaza were coated with fine green turf, on which sheep were browsing. (1)

Sicherlich werden Sie sich fragen, was das mit dem aktuellen Demokratiekurs zu tun hat. Nun, ich werde versuchen den Zusammenhang auf den nächsten Absätzen darzulegen bzw. zumindest den gedanklichen Faden, der beim Lesen dieses Satzes gesponnen wurde, zu erläutern.

Seit 28. April, also seit etwas mehr als einem Monat, bin ich Grüne Vorwählerin und warte wie alle anderen Anwärter auf meine Aufnahme als Unterstützerin der Wiener Grünen, um am 15. November auf der Landesversammlung stimmberechtigt zu sein, also direkten Einfluss auf die Wahl der Kandidaten für die Wiener Landtags- und Gemeinderatswahlen ausüben zu können. Seit diesem Tag hat sich viel getan, es wurden neue Bekanntschaften geschlossen, persönliche Gespräche geführt, es gab Diskurse im Internet, manche davon mehr, manche weniger erfreulich, alles in Allem aber, so behaupte ich, dreht sich die Debatte um ein Faktum: werden die Unterstützer aufgenommen, oder nicht bzw. wie ist ein winziger Satz im Statut der Wiener Grünen zu interpretieren? Nebenbei lese ich wie gewöhnlich vor mich hin, derzeit oben angegebenen Reisebericht von Charles Darwin (dem ich gelegentlich eine eigenständige Rezension widmen möchte). Was mich beim Lesen dieses Buches fasziniert, ist die Tatsache, dass Darwin sich als erst 22-Jähriger auf eine fast fünfjährige, nicht ungefährliche, Reise auf der HMS Beagle begeben hatte, eine Reise, auf der er nicht nur viele Erfahrungen machte, welche mit Sicherheit sein weiteres Leben signifikant beeinflussten, sondern auch abertausende Präparate und Proben sammeln konnte, welche als Forschungsgrundlagen für die erst Jahre später veröffentlichte Evolutionstheorie (On the Origin of Species, 1859) dienten. Charles Darwin war also ein junger Mann, der mit offenen Augen durch die Welt ging und sich auf diese Weise frisch und wenig voreingenommen eine völlig neue Meinung über den Ursprung der Arten bildete.

In Bezug auf mein aktuelles Demokratieexperiment lassen sich hier durchaus Parallelen finden. Demokratie erfordert offene Augen und die Anstrengung, sich damit so wenig vorurteilsbehaftet wie möglich zu beschäftigen. Darüber hinaus ist eine prozesshafte Auseinandersetzung wesentlich, um die jeweiligen mit ihr verbundenen Werte und Regeln immer wieder neu auf ihre Tauglichkeit prüfen und beim Auftreten von Fehlentwicklungen korrigieren zu können. Im vorliegenden Testfall Wiener Grüne geht es darum, dass sich Politiker gerne als weltoffen und vor allem als unerbittliche Verteidiger demokratischer Grundprinzipen geben, auf dass das Volk, dessen Vertretung sie – durch Wahlen dazu ermächtigt – übernommen haben, sicher sein kann, dass weder der Staat an sich, noch einzelne Vertreter dieses Staates, die ihnen anvertraute Repräsentation missbräuchlich verwenden mögen. Die Wiener Grünen erleben derzeit hautnah, was passiert, wenn „das Volk“ sich die in der jeweiligen Staatsverfassung (das sind auf kleinerer Ebene auch die Wiener Grünen bzw. im aktuellen Fall deren Statuten) verankerten Prinzipien genauer ansieht und sie gegebenenfalls auf ihre Tauglichkeit oder ihren Wahrheitsgehalt überprüft. In derartigen Fällen kann es dann passieren, dass es ganz plötzlich zu einer Art Rollentausch kommt, in dem die Politiker, die bis dato mehr oder weniger ungestört vor sich hin gearbeitet haben, sich direkter mir ihrem Wahlvolk konfrontiert sehen als ihnen lieb ist, ja, in dem plötzlich das so genannte Volk die Kontrolle und Überprüfung der Einhaltung demokratischer Regeln übernimmt. Derartige Konfrontationen bzw. Rollentausche dürften nicht allen Politikern ausnahmslos angenehm sein, das zeigen auch die verschiedenen Argumentationsstränge, die sich über die Debatte, wie besagtes Statut nun tatsächlich auszulegen sei, in den vergangenen Wochen entsponnen haben. Alles in Allem kristallieren sich zwei Gruppen von Personen aus diesen Wiener Grünen heraus – die Anpassungs- und Änderungsfreudigen und die Reformresistenten.

 

Grüne Vorwahlen

 

Das bringt mich nun wieder zu Charles Darwin zurück. Der politische Prozess ist in seinen Grundstrukturen wohl an die Prinzipien der Evolution angelehnt – „survival of the fittest“ also und wer es sich zu bequem macht, überlebt zwar im einen oder anderen Fall, findet sich aber mitunter allein auf einem Eiland als träge Schildkröte wieder, die zwar keine natürlichen Feinde hat und als einziges Individuum in ihrem Staate die direkteste Demokratie, die überhaupt möglich ist, leben kann, die aber vermutlich auch furchtbar einsam ist (und keine Wähler mehr hat…).

Einige Evolutionsschritte weiter landen wir dann beim Schaf und befinden uns direkt im obigen Zitat. Schafe sind Herdentiere und unabhängig davon, dass es sich um friedliebende Tiere handelt, schreibt man ihnen mitunter auch sehr große Dummheit zu. Ob diese Zuschreibung zurecht erfolgt, kann ich nicht bestätigten, da ich mich aktuell nicht mit der Intelligenzforschung an Schafen beschäftige, aber im übertragenen Sinne glauben auch so manche Amtsinhaber, das träge Wahlvolk sei die ihnen zum Hüten überlassene Schafsherde. Manchmal wird jedoch selbst die friedlichste Herde bockig und lässt sich ohne Einspruch nicht alles gefallen, in unserem Falle hat sich im, wenn auch kleinen, Versuchsfeld, eine besondere Spezies dieses Herdentiers hervorgetan, nämlich das browsende Schaf. Dass Darwin mit der Verwendung dieses Begriffs nicht prophetische Voraussicht in Bezug auf das Internet und seine Möglichkeiten bewiesen hat, liegt auf der Hand, übersetzt meint er ja bloß die Tätigkeit des Grasens, trotz allem musste ich bei der Vorstellung „browsender Schafe“ zwangsläufig lächeln und nachdem die werten Kursteilnehmer mittlerweile wissen, dass ich einen Hang zum Gleichnis habe, war der Weg von Darwin zum demokratisch aufbegehrenden Web-User nicht mehr weit, der Bogen spannt sich nun vom gemütlichen Herdentier bis hin zum Internet-Benutzer, der sich irgendwann nicht mehr mit browsen allein zufrieden geben wollte und sein demokratisches Grundbedürfnis in aktiver Teilnahme an oben erwähntem Prozess zu stillen gedachte.

Was das vorläufig Fazit aus dieser Geschichte betrifft, so befinden sich die Grünen Vorwähler derzeit in einer Art Warteposition, da noch nicht klar ist, ob man sie tatsächlich als Unterstützer akzeptiert. Eines aber steht auf jeden Fall fest, der Versuch sich aktiver am politischen Prozess zu beteiligen war mit Sicherheit bereits jetzt schon ein lohnenswerter und selbst wenn die browsenden Schafe in Charles Darwins Reisebericht die Vorstellung nahelegen, dass sich die betroffenen Politiker schon längst aus dem Staub gemacht haben und die Herde nunmehr allein auf weiter Flur ist, so möchte ich dem ausdrücklich widersprechen, denn selbst Darwin wusste nicht, was sich hinter dem nächsten Hügel verbirgt, der einzige Weg dies herauszufinden war für ihn, den Hügel zu erklimmen, um sich selbst ein Bild davon zu machen, was hinter der Anhöhe liegt. Was er natürlich auch getan hat und was ihn am 06. Dezember 1834 just zur nächsten hochinteressanten Begegnung führte, jener mit einem vermeintlich gezähmten Fuchs, wozu er Folgendes zu berichten hat:

A fox (Canis fulvipes), of a kind said to be peculiar to the island, and very rare in it, and which is a new species, was sitting on the rocks. He was so intently absorbed in watching the work of the officers, that I was able, by quietly walking up behind, to knock him on the head with my geological hammer. This fox, more curious or more scientific, but less wise, than the generality of his brethren, is now mounted in the museum of the Zoological Society. (2)

Ob es sich dabei um gerade jenen Fuchs handelt, über den ich im ersten Teil meines Demokratiekurses geschrieben habe, und wenn ja, wer von den beiden Parteien letztlich der Fuchs ist, darüber möchte ich vordergründig nicht spekulieren, außer dass ich darauf hinweise, dass es sich mit größerer Wahrscheinlichkeit um die Spezies reformunwilliger Politiker handeln könnte, als um jene des demokratieinteressierten Wählers. Doch bevor jetzt irgendjemand einen Aufruf zu einem gewalttätigen Umsturz aus diesen Zeilen liest, möchte ich lieber darauf aufmerksam machen, dass ich persönlich ausschließlich friedliche Absichten hege, viel mehr, dass ich auch sicher bin, dass der Großteil der grünen Vorwähler das ebenso sieht und nachdem sich in den vergangenen Wochen auch so einiges Positives getan hat, sollten sich diejenigen, die sich dafür interessieren an diesem demokratiepolitischen Experiment noch mitzumachen, auf jeden Fall noch vor dem 15. Juni bei den Grünen Vorwahlen registrieren. Oder noch besser, am 2. Juni zum Open House Camp bei den Wiener Grünen kommen, denn da gibt es ein intensives gegenseitiges Beschnuppern. Ich werde dort sein, und zwar ganz sicher ohne geologischen Hammer!

 

Open House Camp am 2. Juni, 18:30, Lindengasse 40, 1070 Wien

 

 

(1) Früh am Sonntag Morgen erreichten wir Castro, die alte Hauptstadt von Chiloe, jetzt jedoch ein überaus einsamer und verlassener Platz. Die übliche quadratische Anordnung spanischer Städte konnte man erahnen, die Straßen und der Hauptplatz jedoch waren mit feinem grünem Rasen überwachsen, auf welchem Schafe grasten (eigene Übersetzung).

(2) Ein Fuchs (canis fulvipes), von der Art wie man sie für die Insel typisch hielt, die dort sehr selten vorkommt und eine neueartige Spezies ist, saß auf den Felsen. Er war so darin vertieft den Offizieren bei der Arbeit zu zusehen, dass ich ihm, in dem ich mich leise von hinten heranschlich, mit meinem geologischen Hammer auf den Kopf schlagen konnte. Dieser Fuchs, neugieriger oder wissenschaftlicher, aber weniger schlau, als die Allgemeinheit seiner Art, steht nun ausgestellt im Museum der Zoologischen Gesellschaft (eigene Übersetzung).

 

Susanne, 29. Mai 2009

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