Skizzen aus Wien – Nr. 29

musical sandworm - artwork zoer

Wenn die Temperaturen steigen, dann gibt es kaum Schöneres als sich einen Platz draußen zu suchen, im besten Fall vielleicht eine Terrasse oder einen ruhigeren Gastgarten, optimalerweise in der Nähe eines breiten Flusses, auf dem man dann zurückgelehnt mit einem kühlen Drink in der Hand seinen Blick ruhen und seinen Tagträumen freien Lauf lassen kann. Meine Suche nach einem derartigen Ort führte mich gestern Abend in die Wiener Praterstraße, zum mexikanischen Lokal „Tacos Lopez“, wo ich trotz uncharmantem Gastgarten – statt einem Fluss strömte der Wiener Individualverkehr vorbei – sehr gutes Essen und vor allem ausgezeichnete Margaritas vorfand. Die seltsame Verquickung von uninspirierter Lokalität und anregenden Speisen und Getränken schließlich trugen meine Gedanken weiter und weckten Erinnerungen an die mexikanische Grenzstadt Tijuana: ein heruntergekommenes, dreckiges, infernalisches Konglomerat aus Ramschläden, Bordellen, Drogen- und Medikamentenumschlagsplatz, in dem sich am Wochenende Horden von jungen Amerikanern, die zu Hause keinen legalen Alk kriegen, ins Koma trinken und sich nebenbei billige mexikanische Huren kaufen. Nichtsdestotrotz – ich habe schon immer ein Faible für eine Mischung aus Schön und Hässlich gehabt, meine gedankliche Reise nach Tijuana war keineswegs albtraumhaft, viel eher spülte sie amüsant skurrile Erinnerungen an die Oberfläche, die mäanderartig von der ersten Bekanntschaft mit dem, für Zucker gehaltenen, Salzrand am Margarita-Glas, über den Kauf eines als hundertprozentig aus Silber gefertigt angepriesenen Nickelarmbandes, bis hin zur Begegnung mit einem US-amerikanischen Zollbeamten, der mir beim Wiedereintritt in die Vereinigten Staaten in Bezug auf meine artige Deklarierung des eingeführten Mezcal augenzwinkernd den Konsum des darin eingelegten Wurmes eindringlichst ans Herz legte, da ich dadurch in den Genuss eines LSD-artigen Trips käme (Zitat: „You gotta eat the worm – it’s like dropping acid“) führten. Bis mir schließlich klar wurde, dass man eine ideale Sommerstimmung überall erzeugen kann, wenn man über die dafür benötigte, allerwichtigste, Zutat verfügt: die richtige Musik. Deswegen möchte ich den heutigen Eintrag auch den bereits angekündigten und zufällig optimal zum Thema passenden musikalischen Neuerscheinungen der letzten Wochen widmen: den aktuellen Tonträgern von Bob Dylan und Conor Oberst.

Beide scheinen auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben, trotz allem sind sie sich auf diesen beiden jüngsten Veröffentlichungen sehr ähnlich, indem sie sich musikalisch an einem „South of the Border“-Klang ausgerichtet haben, welcher im Falle Dylans etwas stärker ausgeprägt und musikalisch um eine Spur entspannter daher kommt, als Obersts Album, das etwas mehr zum Country-Rock tendiert. Nicht zu vergessen, den von Musikkritikern am Beginn von Obersts Karriere gerne strapazierten Hinweis, dieser sei, wenn man sein Songwriting betrachtet, unter Umständen der neue Dylan. Wie immer man das betrachten will, ich schätze beide Musiker über die Maßen und war demnach sehr gespannt auf deren jüngste Veröffentlichungen.

Bob Dylan, Together Through Life, VÖ: 24. April 2009, Sony Music

Beginnen wir bei Dylan. Aus rein chronologischen Gründen. Sein Album „Together Through Life“ erschien Ende April und ist sein mittlerweile 33. Studio-Album. Die Musikpresse reagierte mit unterschiedlichsten Rezensionen, manch alteingesessener Dylan Fan war enttäuscht, weil seiner Meinung nach der Meister mit diesem Werk die Musikgeschichte nicht ein weiteres mal zu revolutionieren vermochte, für andere wiederum ist jeder neue Song von Dylan schon per se weltbewegend, allein weil er eben von Dylan höchstpersönlich stammt und alles was von Dylan stammt, hat weltbewegend zu sein. Ich selber sehe das relativ entspannt. Ich gebe zu, ich bin Dylan Fan, trotzdem werde ich es tunlichst vermeiden, irgendwelche musikhistorischen Vergleiche anzustreben, geschweige denn eine Analyse vor dem Hintergrund des gesamten Dylan-Kanons zu versuchen. Ich fühle mich zu keinem von Beiden befähigt, ich bin viel mehr eine Kraut-und-Rüben Dylan-Hörerin. Ich mische bunt und höre das, wonach mir der Sinn steht. Im Bezug auf das neueste Album also kann ich mich nicht beschweren, es ist vielleicht keine musikgeschichtliche Revolution, es ist aber trotz allem ein gutes Album geworden. Mit bluesigen Noten und Tex-Mex Feeling, mit einigen Songs, die durch David Hidalgos (Los Lobos) Akkordeonspiel richtiggehend geadelt werden, mit launischen Texten, die mal abgeklärt, mal einfach entspannt sind und dem einen oder anderen ausgezeichneten Song. Mein aktueller Favorit „This Dream of You“.

Conor Oberst And The Mystic Valley Band, Outer South, VÖ: 6. Mai 2009, Merge Records

Conor Oberst begab sich nach dem Album Cassadaga (2007), welches er noch unter dem Bandnamen „Bright Eyes“ veröffentlicht hat, nach Mexico und hatte vorgehabt nach langer Zeit wieder ein Solo-Album zu veröffentlichen. Irgendwie kam dort jedoch eine Truppe von Freunden und Bekannten zusammen und Oberst fand sich plötzlich inmitten der Mystic Valley Band wieder. Das Resultat davon war „Conor Oberst“ (2008). Erwachsener und viel entspannter klingt Oberst auf diesem Tonträger, vor allem geht auch er musikalisch stärker in Richtung Country-Rock, eine stilistische Entwicklung, die ich nur gutheißen kann, die aber offenbar einige seiner hartgesottenen Indie-Anhänger etwas verstört. Oberst macht trotzdem was er will, gut so, denn mit „Outer South“ hat er – noch stärker auf das Kollektiv Mystic Valley Band gestützt – den Nachfolger dieses Tex-Mex-Country-Alt-Rock-Fabrikats veröffentlicht. Da lamentieren dann die einen, dass es nicht gut wäre, wenn man Freunde auf seinem Album singen lässt, die anderen wiederum beklagen, dass Oberst der neue entspanntere Stil überhaupt nicht bekäme, alle scheinen sich die von Teenager-Angst besetzten früheren Bright Eyes Alben herbeizuwünschen. Selber schuld ist in diesem Fall meine Antwort, denn Oberst hat mit dem neuen Tonträger ein musikalisches Oeuvre veröffentlicht, das sich insgesamt sehr gut anhört. Da finden sich dann rockig-abgeklärte Nummern à la „Roosevelt Room“, country-lastigere Songs wie „Big Black Nothing“ oder entspannte Tracks wie „Ten Women“. Mein aktueller Favorit: „I got the Reason #2“. Auf jeden Fall bekommt man beim Zuhören das Gefühl, dass hier schlicht und einfach unverkrampft gejammt wird und wirklich gute Musik ganz nebenbei entsteht, unabhängig davon ob jetzt Oberst höchstpersönlich am Mikro steht, oder nicht.

Alles in Allem hat man mit diesen Alben zwei ausgezeichnete Sommerplatten, die, egal wo man sie anhört, gute Laune aufkommen lassen. Ob man sich nun in Texas, zurückgelehnt auf der Terrasse einer alten Hacienda, mit Blick auf den Rio Grande, oder im abgefuckten Hinterhof einer Bar in Tijuana befindet. Im einfachsten Fall tut es sogar die eigene Couch. Dann benötigt man nur noch einen halbwegs funktionstüchtigen CD-Player – einschalten, kaltes Getränk in die Hand, zurücklehnen, Augen zu – und schon ist man „South of the Border“.

Susanne, 24. Mai 2009

Ein Kommentar zu “Skizzen aus Wien – Nr. 29

  1. tomblues sagt:

    Hab mir während des Lesens mal grad bei Amazon die Dylan Scheibe angehört. Ist wohl die einzige Seiner Werke, die ich noch nicht gehört hatte. Beim ersten hinhören haut Sie mich ja nicht gleich um. Erinnert mich irgendwie an Tom Waits, dabei fällt mir ein. Über Rain Dogs wollte ich noch schreiben.

    Aber ansonsten, was soll ich sagen. An schlechte Kritiken und Drohbriefe ist Bob ja gewöhnt.

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