Demokratie für Anfänger

peeking sandworm - artwork zoer

 

Kennen Sie die Geschichte mit dem Fuchs, aus Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“? Ja? Ein schönes Gleichnis, nicht? Für alle, die sich im Augenblick nicht daran erinnern, es geht um die Begegnung des kleinen Prinzen mit dem Fuchs und dessen Einladung ihn doch zu zähmen. Das würde allerdings nicht von heute auf morgen von statten gehen, sondern eine Zeit lang dauern, wenn er denn aber einmal gezähmt sei, der Fuchs, dann würde er ihn wirklich kennen lernen, er würde ihm vertraut werden. Erst nachdem der Fuchs und der kleine Prinz sich kennen gelernt hatten, der Fuchs gezähmt war, offenbart ihm dieser den allerwichtigsten Punkt dieses Prozesses:  „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“. Eine große Verantwortung also dieses Zähmen.

Mir geht es dieser Tage ähnlich. Ich bin auf ein sehr scheues Wesen gestoßen und habe beschlossen es mir besser vertraut zu machen. Dieses Wesen nennt sich Politiker und versteckt sich gemeinhin in düsteren Gemeinderatsstuben und Sitzungssälen. Manche von ihnen reagieren nach dem Prinzip „Kampf oder Flucht“ mit ersterem und stürzen sich auf die Leute, brüllen sie von Podesten an, reden unentwegt auf sie ein, andere wieder sind sehr ängstlich und verstecken sich vor dem so genannten Souverän – der hierzulande das Volk ist – trauen sich nur ganz selten aus ihren geschützten Lagern, und wenn, dann meist in Gruppen. Was ihnen aber hierzulande meines Erachtens größtenteils gemein ist, ist die Tatsache, dass sie davon ausgehen, dass ihnen die im Staats- und Parteiwesen zugedachte Funktion, einmal mutig erobert, auf Lebzeiten gehört, und dass man sie ihnen nicht mehr wegnehmen darf, egal was sie über die Jahre nach den Posteneroberungsfeldzügen dafür bereit sind zu leisten.

Nun, in diesem Punkt unterliegt das scheue Politikerwesen einem Irrglauben, denn gewählte Ämter oder Positionen hat man, auch hierzulande, eben deshalb inne, weil man gewählt wurde. Manchmal vom Volk, manchmal von den eigenen Artgenossen. Trotz allem ist das charakteristische in einer Demokratie, auch innerhalb einer Parteidemokratie – meines bescheidenen Wissens nach – die Tatsache, dass eine Wahl weder im einen, noch im anderen Gremium auf Lebzeiten gültig ist.

Diesen Grundsatz lernen manche Politikwesen oft brutal und völlig unvorbereitet, wenn sie abgewählt werden. Einige von ihnen können die erlittene Schmach auf Lebzeiten nicht verkraften, andere weigern sich gar, die Legitimität der Abwahl überhaupt anzuerkennen und leben forthin im Glauben, diese Abwahl kann nur, muss, ein schrecklicher Irrtum gewesen sein.

Nichtsdestotrotz und um in dieser langen Rede auf den Punkt zu kommen, hierzulande gibt es was das Wahlvolk betrifft eine gewisse Trägheit. Man jammert viel und oft, ist unzufrieden mit den Politikern und Politikerinnen, die sich stellvertretend für ihre Artgenossen aus dem schützenden Parteilager trauen und hofft inständig es möge endlich jemand des Weges kommen, den man wieder guten Gewissens wählen kann. Vielen Grünwählern geht es in der letzten Zeit so, auch vielen die irgendwann einmal mit dieser Partei sympathisiert haben, die sich aber enttäuscht abgewandt haben und sich nun zumeist mit traurigen Augen im engen Freundeskreis sitzend wieder finden, und immer und immer wieder dasselbe Problem (einstimmig) lamentieren.

Erfreulicherweise aber gibt es noch Bewegungen, die sich nicht vom trägen Fluss des Jammerns und Zeterns hinwegspülen haben lassen, sondern mutig nach Lösungen suchen. Die Initiative „Grüne Vorwahlen“ ist so eine. Schlaue Leute haben da in den Statuten der Wiener Grünen einen Passus entdeckt, der auch bloßen Sympathisanten, also Leuten wie mir, die Mitgliedschaften in ideologischen Gruppierungen fürchten wie der Teufel das Weihwasser, die Möglichkeit eröffnen, aktiv am politischen Prozess mitzuwirken und ihnen, zumindest theoretisch, ein Stimmrecht für die Wahl der Kandidaten der Grünen bei den Gemeinderatswahlen 2010 geben.

 

Logo Grüne Vorwahlen

 

Langer Rede kurzer Sinn, ich habe meine Sachen gepackt, bin gestern zur betreffenden Informationsveranstaltung ins Wiener Cafe Westend gefahren und habe mich kurz und schmerzlos als Grüne Vorwählerin registriert. Als die 100. übrigens. Preis hab ich dafür vorerst keinen bekommen, aber der kommt vielleicht noch, denn ich habe die Chance, wie meine Grünen Mitvorwähler auch, einen Schritt zu tun, weg vom bloßen Lamentieren hin zum aktiven Teilnehmen und das kann unter Umständen in einer Bewegung münden, vielleicht in einer fruchtbaren, in der die scheuen Politiker – vorerst beschränkt auf die der Grünen – ganz vorsichtig und sanft aus ihren Verstecken gelockt werden und ein behutsamer Zähmungsversuch gestartet wird. Ein Zähmungsversuch mit großer Verantwortung, das steht fest, aber man weiß ja nie, vielleicht kitzeln wir einen kleinen Obama aus seinem Lager, einen Politiker oder politisch Ambitionierten, der oder die sich mutig seinen oder ihren Wählern stellt und zum Kandidaten wird, den man mit Überzeugung wählen kann? Vielleicht! Man sollte die Hoffnung, dass derartiges auch in Österreich passieren kann noch nicht aufgeben.

Ich kann derzeit noch nicht viel über den Prozess der grünen Vorwahlen sagen, aber ich werde ihn hochneugierig begleiten und an dieser Stelle zu unregelmäßigen Zeiten darüber berichten. Was am Ende steht, oder ob das Ende vielleicht gar ein Anfang ist, wird man sehen. Für alle, die es ebenso wie ich leid sind, sich über die politische Situation in unserem Land zu ärgern und aktiv etwas zu einer Änderung beitragen möchten, für alle, die mit den Grünen sympathisieren und Wien als ihren Lebensmittelpunkt sehen, gibt es bis zum 15. Juni noch die Möglichkeit sich auch als Grüne Vorwähler registrieren zu lassen. Und zwar hier. Dort finden sich zudem viel ausführlichere Informationen, als ich sie an dieser Stelle geben kann. In diesem Sinne darf ich für heute auch mit Saint-Exupéry schließen: „Es gibt keine Lösungen im Leben. Es gibt Kräfte in Bewegung: die muß man schaffen; die Lösungen folgen nach“ (Nachtflug).

 

Susanne, 29. April 2009

6 Kommentare zu “Demokratie für Anfänger

  1. sehr schöner Text.
    Vielleicht gelingt es vielen, „sich nicht vom trägen Fluss des Jammerns und Zeterns hinwegspülen haben lassen“ sondern Politik, diese schwierige, sperrige öffentliche Sache ein wenig zur eigenen zu machen.
    Diese Zeilen sind eine wunderbar formulierte Einladung.
    Ich hab sie schon weitergemailt.

  2. Ich schliesse mich den Worten Christophs an. Musste nur feststellen, dass ich den Kleinen Prinzen lang nicht mehr gelesen habe…

  3. Ich hab ja meiner Begeisterung über diesen Text schon per Twitter Ausdruck verliehen, muss aber jetzt auch hier nochmal was sagen: mir gibt der Text neue Energie. Vielleicht werde ich ihn daher demnächst immer wieder lesen müssen… :) Danke + freu mich auch bei nächster Gelegenheit auf ein Kennenlernen (da ich am Dienstag ja leider nicht dabei sein konnte)

  4. max sagt:

    wunderbar, gratulation!

  5. Alexandra Zöhrer sagt:

    Ich will dir auch mal auf diesem Wege sagen bzw. schreiben, dass mich alle deine Beiträge begeistern, viele bringen mich zum Nachdenken, viele zum Lachen und ich lese sie unglaublich gerne!
    Deine stolze Schwester!

  6. rw sagt:

    Hübsch geschrieben, das tut den Augen gut. Ich komme sicher wieder.

    Auch wenn es ein bisschen aus dem Off kommt. Ich glaube, dass die Zukunft der Wählerschaft oder des Wahlsystems nicht in der Aufforderung zu Wahlen liegt. Sondern in der Vereinfachung der Wahltechnik. Dh., in der Zukunft geht man nicht mehr sonntags zur Wahl, sondern man erledigt die politische Wahl am heimischen Rechner, abends. Das würde zusätzlich den schönen Effekt haben, dass über weitaus mehr Themen abgestimmt werden würde und auch, dass der politische Betrieb (da, wo Politiker gemacht werden) verkleinert würde. Denn Wahlen finden in der Öffentlichkeit für die Öffentlichkeit statt. Ist die digitale Welt irgendwann ein großer Teil der Öffentlichkeit, wird sich die Wahlpraxis wandeln (bis dahin sind technische Krankheiten behoben).

    So etwas zb. könnte ich mir in der Zukunft häufiger vorstellen: https://buergerhaushalt.stadt-koeln.de

    Tatsächlich weiß ich, dass die Stadt Köln viel bewegt, damit die Vorschläge der Bürger tatsächlich bewertet und ggf. umgesetzt werden – damit es kein PR oder Dampft bleibt.

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