Skizzen aus Wien – Nr. 22

 

Sandworm (artwork by zoer)

 

Neulich führte mich die Aussicht auf eine vermeintliche berufliche Verbesserung nach Gugging. Gut, jeder vernünftige Mensch wäre bereits bei der gleichzeitigen Erwähnung von Verbesserung und Gugging skeptisch geworden, ein so genanntes Oxymoron mag eine derartige Wortkombination sein, aber, die Aussicht auf einen Ausflug in die Wiener Peripherie und die mögliche Erweiterung meines Horizontes haben mich sofort zusagen lassen, die abenteuerliche Reise anzutreten. Ich muss ganz offen gestehen, dass mich hauptsächlich die Sympathie für das Projekt „Art Brut Galerie“ dorthin getrieben hat, nicht nur eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, sondern vor allem die Neugier, diesen Ort, den ich vor Jahren im Rahmen eines schulischen Ausfluges besucht hatte, wieder zu sehen. Es war also Dienstag, der 24. März, als ich gegen 9 Uhr früh vom 8. Wiener Gemeindebezirk aus aufbrach. Hätte ich geahnt, dass ich erst viele Stunden später wieder heimkommen würde, ich hätte mir Proviant eingepackt.

Nach 3-maligem Umsteigen und einer lauschigen Fahrt im Bus nach Maria Gugging, eine Fahrt, die ungefähr 10x länger dauerte als angenommen und ich somit bereits einiges an Verspätung für den vereinbarten Termin angesammelt hatte, rief der Busfahrer, den ich kurz zuvor gefragt hatte, wie lange es noch dauern möge, lautstark „I.S.T.“ ins Businnere, das Code-Wort für meinen Ausstieg, denn nicht nur eine vereinsamte Künstlerkolonie, deren Schaffende jene eine Gemeinsamkeit verbindet, dass sie unter, nennen wir es psychischen Auffälligkeiten leidet, sondern auch die künftige Brutstätte „Österreichischer Eliteforschung“ (schon wieder fast ein Oxymoron…) sind in Gugging angesiedelt. Kurz nachdem mich also der Bus an der verwaisten Haltestelle von Maria Gugging ausgespuckt hatte, wurde ich dort auch schon vom brüllenden Lärm der Baustelle des I.S.T. willkommen geheißen und spürte sogleich was man auf der Webseite des I.S.T. vollmundig als „Der Campus liegt mitten in der schönen Landschaft des Wienerwalds, nicht weit vom urbanen Zentrum Wiens, der pulsierenden Hauptstadt Österreichs“ angekündigt hatte. Ein Haufen Bauarbeiter, behelmt, Schotterstraßen, Baukräne und Lastwägen – einfach idyllisch. Dass der Begriff „nicht weit“ ein dehnbarer ist, wurde mir ebenso klar, denn von der pulsierenden Hauptstadt (was immer damit gemeint sein mag…) hatte ich bis mitten in die schöne Landschaft des Wienerwaldes etwa eineinhalb Stunden gebraucht. Einen kurzen Fußweg von 500 Metern später, vorbei an zwinkernden Bauarbeitern, hinweg über eine lehmige Schotterstraße, und ich stand auch schon, eine halbe Stunde verspätet, in der Galerie des Art Brut Centers von Gugging.

Über das folgende Gespräch muss ich nicht viele Worte verlieren, außer, dass die dort Beschäftigten offenbar das Schicksal teilen, dass viele, die zu lange mit psychisch Auffälligen zu tun haben, ereilt, es kommt offenbar unvermeidbar zum einen oder anderen induzierten Wahn (nachzulesen bei Wikipedia unter „Formen von Wahn“). Das Interview-Panel war sichtlich verstört über die Frechheit, die ich mir mit dem Zuspätkommen geleistet hatte und konnte absolut nicht einsehen, dass ich die Distanz von Wien nach Gugging unterschätzt hatte. Es muss sich um eine Art Wahrnehmungsstörung handeln, die sich auf des gesamte Team in der Galerie ausgebreitet hat, deren Hauptsymptomatik offenbar darin bestand, die Lokalisation von Gesäß und Nabel zu verwechseln, sich also am Nabel der Welt zu wähnen, wo man sich doch am Gesäß, oder sagen wir wie es ist, am Arsch derselben befand. Gut. Sei das wie es ist, jeder der in der Therapie psychischer Auffälligkeiten geschult ist, wird wissen, dass man wahnhafte Entwicklungen zumindest argumentativ nicht behandeln kann, zur Verschreibung wirksamer Medikamente bin ich von Gesetzes wegen nicht befugt, ich blieb also den Rest des Gespräches über distanziert freundlich.

Man möchte nun meinen, dass ich nach dieser kuriosen Unterhaltung in der Galerie so schnell wie möglich die Heimreise angetreten hätte, das war jedoch nicht der Fall, im Gegenteil, meine Neugier war geweckt und ein leiser Verdacht hatte in mir zu keimen begonnen. Das mag zwar wiederum die Frage aufwerfen, ob sich von dem oben beschriebenen wahnhaften Geschehen, nicht vielleicht doch ein wenig auch auf mich übertragen haben könnte, wer aber so wie ich (nach überstandenem Interview) einen kleinen Spaziergang durch das benachbarte Dorf wagt, und, so wie ich, bewandert ist, was die Abgründe und Niederungen der österreichischen Seele betrifft, dem wird hernach auch so einiges klarer erscheinen.

Zunächst darf ich allen, die sich für Kunst interessieren den Besuch der Galerie ausdrücklich ans Herz legen. Vielleicht im Rahmen eines Sonntagsausfluges und am besten ausgestattet mit einem Auto. Dann lohnt es sich allemal. Darüber hinaus jedoch war mir schon bei der Anreise eines klar geworden, die Ansiedelung einer so genannten Elite-Forschungseinrichtung in Maria Gugging konnte bloß ein brillanter österreichischen Schachzug sein. Es geht nämlich nicht, wie in den offiziellen Quellen angegeben, um die Etablierung einer „Elite-Uni“, nein, man müsste es vermutlich eher als potemkinsches Uni-Dorf beschreiben. Die Absiedelung der psychiatrischen Klinik aus Gugging war dementsprechend bloß ein Täuschungsmanöver, um, nach der Eröffnung des I.S.T. Austria, genauso weiter zu machen wie zuvor. Man behandelt oder verwahrt (je nach Sichtweise) nennen wir es „psychisch auffällige“ Personen, die unter der größenwahnsinnigen Einbildung leiden, sie wären Eliteforscher. Eliteforscher also als Euphemismus für Personen, die sich einbilden, sie wären Eliteforscher. I.S.T. steht möglicherweise auch gar nicht für Institute for Science and Technology, sondern vielleicht zum Beispiel für Institute for Sociophobic Technologyfreaks (Institut für sozialphobische Technologienarren) oder Ähnliches.

Man könnte sich dann fragen, warum hier Millionen von Euros dafür verwendet werden, einigen wahnhaften Leuten vorzugaukeln, sie wären tatsächlich Teil eines Elite-Forschungsnetzwerkes? Nun, derlei hat in Österreich Tradition. Man muss sich nur unsere Regierung ansehen, dann wird jedem klar, dass dort dasselbe Prinzip vorherrscht. Ein Haufen Leute, die sich selber für ausgezeichnete Staatsmänner und -frauen halten, die davon überzeugt sind, über einen herausragenden politischen Instinkt zu verfügen und vorzügliche Regierungsarbeit zu leisten. Wer sich das nüchtern und von außen betrachtet ansieht, kann nur zur Überzeugung gelangen, dass es sich hierbei um eine Art konzentriert auftretender Psychose handeln muss, eine Massenpsychose wenn man so will. Dasselbe gilt übrigens für Manager in staatsnahen Betrieben und Vorstände von Banken. Jeder der sich in letzter Zeit Interviews mit diesen Menschen angesehen hat, wird mit Sicherheit zur Auffassung gelangen, dass es sich bei den jeweiligen Interviewten NICHT um brillante Politiker, erfolgreiche Manager, besonnene Banker handeln kann, sondern viel mehr um Personen, die voll und ganz dem Wahn erlegen sind, sie WÄREN brillante Politiker, erfolgreiche Manager, besonnene Banker.

Dieses System funktioniert in Österreich! Warum also eine erfolgreiche Idee nicht auch auf die Forschung umlegen. In Wien nagen die Universitätsassistenten am Hungertuch, welcher vernünftige Mensch würde da nicht auf den naheliegenden Gedanken kommen, ein Exzellenzzentrum in Gugging zu errichten, um die österreichische Tradition innovativer Forschungskonzepte erfolgreich weiterzuführen. Das muss sich ganz sicherlich auch rentieren, denn stellen Sie sich vor, wie froh andere Länder sind, wenn sie sämtliche ihrer Eliteforscher in Österreich parken können. Vermutlich werden da Ablösesummen gezahlt, welche die Bau- und Erhaltungskosten des I.S.T. um ein Vielfaches übersteigen.

Nachdem ich also die Baustelle, die nicht weit vom urbanen Zentrum Wiens, der pulsierenden Hauptstadt Österreichs lag, wieder verlassen hatte, und der nächste Bus erst in 20 Minuten kommen sollte, machte ich mich auf und marschierte gemütlich in Richtung pulsierender Hauptstadt Österreichs. Auf dem Weg dorthin kam ich in das dem Forschungszentrum am nächsten liegende urbane Zentrum, welches den poetischen Namen „Kierling“ trug (ich begann mir bereits in Gedanken Tragödien á la Mayerling auszumalen…). Ein beschauliches Städtchen, dessen Häuserreihen sich einladend an die charmante Bundesstraße B 14 schmiegen. Kierling hätte nebenbei das Zeug zum Zentrum für quantenphysikalische Forschung zu werden, im Ort selber nämlich scheint es auffällige Zeitsprünge zu geben, von einer Bushaltestelle zur nächsten sind es mit Sicherheit 500 Meter, der auf den Fahrplänen angekündigte Bus jedoch hält bei beiden Haltestellen in derselben Minute! Ich rieche bereits die Nominierung für den nächsten Nobelpreis. Und die Einwohner von Kierling bereiten sich auch schon voller Freude auf den Einzug der Eliteforscher vor. Da liest man dann Willkommensschilder wie „Warnung vor den 4 Hunden“ auf den vergitterten Hauseinfahrten.

Als ich schließlich bei der dritten Haltestelle in Kierling angekommen war und mich laut Fahrplanaushang auch wieder in einer Zone befand, in welcher die Zeit normal voranschritt, wurde ich schließlich eines Schildes angesichtig, das mir all das, was ich hier ausgeführt habe, und was schließlich auch einen Teil jener Gedanken widerspiegelt, die mir beim Ausflug selbst durch den Kopf gegangen waren, nicht bloß als paranoide Fantasie, sondern als absolute Realität bestätigte. Ich blickte gedankenverloren vor dem Wartehäuschen stehend nach oben und sah ihn, den Beweis, dass nichts von dem was ich mir ausgemalt hatte, Einbildung war, das Hinweisschild auf den „Franz Kafka Gedenkraum“! Soetwas kann kein bloßer Zufall sein, das muss Schickalsfügung und Zeichen zugleich sein. Hier in Kierling, an der Hauptstraße 187 steht jenes Gebäude, das am Beginn des 20. Jahrhunderts das Sanatorium Hoffman war und in dem am 3. Juni 1924 Franz Kafka, seines Zeichens Schutzherr absurder, albtraumhafter, aber doch im Kern wahrer, österreichischer Lebensrealitäten, sein Leben ausgehaucht hat. Ich kniete nieder, bekreuzigte mich, 5 Sekunden später tauchte der Bus aus dem Zeitwurmloch auf, ich stieg ein und trat die lange Heimreise in die pulsierende Hauptstadt Österreichs an.

 

Eventuell nützliche Links:

I.S.T.A.

Art Brut Center Gugging

 

Susanne, 29. März 2009

Ein Kommentar zu “Skizzen aus Wien – Nr. 22

  1. Hi!
    Witziges Zusammentreffen – gerade erst folge ich dir bei Twitter – finde deinen Blog – lese über das Museum Wien (wo ich auch am Sonntag war) – bin schlussendlich auch im gleichen Lokal gelandet – lese jetzt hier, dass du dich auch bei „Gugging“ beworben hast. (Ich wurde allerdings nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen und habe gestern ein launiges Mail geschrieben, ob man mir nicht irgendwann einmal absagen möchte, ich brenne nicht dauernd auf Bereitschaft.)
    Da ich die Gegend recht gut kenne, finde ich es überaus witzig, wie du sie beschreibst. Der typische Blick von oben, der mir mittlerweile schon fehlt.
    Alles in allem: Nach Gugging mit den Öffis zu fahren ist ein Abenteuer. Ob das künftig die Elite auch macht, wage ich zu bezweifeln.

    P.S.: Wenn du eine kürzere Anfahrtszeit zur künftigen Arbeitsstätte möchtest, das Museum Essl sucht auch!
    Liebe Grüße!

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