Skizzen aus Wien – Nr. 16

musical sandworm - Artwork ZOER

Ich war wieder mal viel zu optimistisch. Keineswegs hat gab’s im Februar bis jetzt nennenswert Positives zu berichten. Die Grünen demontieren sich systematisch und scheinen das nicht mal zu bemerken bzw. befinden sich offenbar noch auf der schon einmal an dieser Stelle beschriebenen 1. Stufe der Kübler-Ross’schen Trauerphasen (zur Erinnerung: es handelt sich um den Prozess des Verleugnens). In der österreichischen Bundesverwaltung werden ganz munter Millionenbeträge veruntreut und das mittlerweile komatöse Wahlvolk regt sich darüber scheinbar auch nicht mehr auf. Und mich quält das Dilemma, soll ich aktuelle Nachrichten überhaupt noch verfolgen und mich täglichen Wutausbrüchen aussetzen, oder ist es sinnvoller eine Art Nachrichten-Nihilismus zu praktizieren und sich nur den schönen Künsten zu widmen, einem guten Buch oder vielleicht einer beruhigenden CD?

Die geistige Lethargie, die sich seit Jahren in diesem Land fast epidemieartig ausgebreitet hat, lässt sich gut mit dem Zitat eines Posters mit dem Nicknamen Ralf M., der auf derstandard.at zum Schlamassel der Grünen folgendes anzumerken hatte, zusammenfassen:

Langsam gehen mir die Wahloptionen aus...Der Demokratie fehlt irgendwie der gewisse Reiz wenn man nur die Wahl zwischen Not und Elend hat.“

Sie haben vollkommen recht Herr M.! Dieses Sentiment ist hierzulande jedoch nichts Neues – seit gefühlten Jahrzehnten scheint sich unser Land wieder in einem geistigen Tiefschlaf zu befinden. Politiker können schalten und walten wie sie wollen, haarsträubende Äußerungen von Menschen, die ein öffentliches Amt ausüben, resultieren schon lange nicht mehr in Rücktritten, im Gegenteil, diese Menschen werden im gelindesten Fall ignoriert, im schlimmsten Fall befördert (siehe 3. Nationalratspräsident…). Was nun die aktuelle Misere der Grünen anlangt, so ist es natürlich so, dass die Funktionäre der Partei sehr genau wissen, dass die sprichwörtliche Kacke am Dampfen ist, dass sich aber auch bei den Grünen mittlerweile eine Art Polit-Sprache breitgemacht hat, die sich durch nichts mehr von den bekannten Floskeln der anderen Parteien in unserem Land unterscheidet. Das ist umso bedauerlicher, da gerade die Grünen für Viele noch ein sicherer Hafen bei den Wahlen waren, eine Alternative, die man zumindest ohne größeres Bauchweh ankreuzen konnte, eine Wahl nach der man sich auch nach dem Urnengang noch halbwegs in den Spiegel schauen konnte.

Wie hätte man reagieren sollen? Eine ausgemachte Strategie habe ich auch nicht parat, aber mir fällt zum Vergleich dazu und als Alternative, wie man die Arbeit als Politiker vielleicht auch mal anders angehen hätte können, nur der derzeitige Welthoffnungsträger Barack Obama ein. Der meinte in der vergangenen Woche auf die Fehlbesetzung in seinem Kabinett schlicht und einfach, er habe es vergeigt („I screwed up“) und wolle das wieder gutmachen. Was für eine erfrischende Ehrlichkeit. Derartiges ist hierzulande seit Ewigkeiten nicht mehr zu hören gewesen. Welcher Politiker hat auf Fehler oder Misswirtschaft in seinem Ressort jemals mit dem Eingeständnis reagiert, etwas falsch gemacht zu haben? Ich kann mich an keinen erinnern. Und genau dasselbe passiert jetzt bei den Grünen. Nein, Fehler wurden keine gemacht, wir haben so entschieden, wie es das Beste für die Partei war..bla..bla..bla…die Sorgen der Wähler würden ernst genommen usw. usf.

Nun, die Rechung wird im Juni präsentiert werden, aber nach dem allgemeinen Tenor in den Online-Foren kann sich jeder ausrechnen, dass die Europaparlamentswahlen mit einer Schlappe für die Grünen enden werden. Wer darüber Zweifel hegt, dem empfehle ich die Lektüre der Kolumne von Rainer Nikowitz im aktuellen Profil. Der hat schon jetzt eine realistische und vor allem hochamüsante Prognose, wie die Reaktionen der Grünen auf die verlorene Wahl aussehen werden. Damit findet sich für mich auch ein ausgezeichneter Kompromiss zwischen oben erwähntem Nachrichten-Nihilismus und dem Bedürfnis, sich doch hin und wieder darüber zu informieren, was in unserem Land los ist. Herr Nikowitz hat mir netterweise bereits jetzt Einblick verschafft was im Juni passieren wird, ergo kann ich mich bis dahin ohne schlechtes Gewissen meinen Steckenpferden widmen, kann getrost die täglichen Meldungen in diversen Zeitungen ignorieren und setze mich auch nicht der Gefahr aus an einer chronischen Gastritis zu erkranken. Dafür bin ich ihm wirklich sehr dankbar.

Profil-Kolumne von Rainer Nikowitz

 

Susanne, 7. Februar 2009

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