Skizzen aus Wien – Nr. 14

 

Mad Sandworm - Artwork ZOER

Österreich ist ein seltsames kleines Land. Regelmäßig überschätzt man hierzulande die Bedeutung unserer Nation in Bezug auf ihre Rolle auf der Weltbühne (ausgenommen z.B. Doping, Stichwort: Austria is a too small country… © Peter Schröcksnadel). Einen ganz besonderen Fall bildet in dieser Hinsicht die Medienszene. Am Printsektor dominiert die Kronenzeitung, das Fernsehen der ORF – beides würde ich nicht unbedingt als qualitativ hochwertige Medien bezeichnen, doch obwohl auch in Österreich mittlerweile Internet und Konsorten Einzug gehalten haben, von einer bunten Medienlandschaft (außer in Bezug auf die farbliche Darstellung), kann man wohl kaum sprechen. Da ist es dann besonders erstaunlich, wenn so genannte Qualitätszeitungen, oder Radiosender, die sich in den vergangenen Jahren einen Ruf erarbeitet haben, genau denselben Fehler machen, wie die Marktführer am Boulevard, wenn sie sich nämlich nicht mehr nur darauf beschränken qualitätsvolle Artikel, oder Radioprogramme zu machen, sondern den Begriff der Qualität schon per se rein auf das eigene Medium beschränkt sehen. Alle anderen produzieren natürlich nur Schrott. Der gemeine Journalist im jeweiligen Medium bleibt von der systemischen Selbstüberschätzung natürlich nicht verschont und läuft über die Jahre des gemütlichen Vor-Sich-Hinschreibens (oder Redens) Gefahr einer gewissen Hybris anheimzufallen. Nämlich jener, dass nicht nur das Medium für das er arbeitet das beste in Österreich sei, sondern überhaupt auch er selbst der beste Journalist, den es je gegeben habe. Irgendwann nimmt er dann für sich selber die Deutungsmacht über das, was hierzulande als gut oder schlecht zu gelten hat, in Anspruch.

Worauf ich hinaus will? Nun, ich bin sicher nicht die Einzige, die in den vergangenen Tagen den öffentlich ausgetragenen Streit zwischen den Herren Karl Fluch (Der Standard) und Martin Blumenau (FM4), ihres Zeichnes Musikredakteure im Bereich Pop/Rock bzw. alles was man nicht als E-Musik bezeichnet, mitverfolgt hat. Der Streit schien bereits seit längerer Zeit zu schwelen und nachdem sich Herr Blumenau offenbar am Montag dieser Woche nicht entblödete Herrn Fluch öffentlich zu kritisieren, brachen alle Dämme der Zurückhaltung und, soweit ich im Bilde bin, sind wir mittlerweile bei der 3. Veröffentlichung von Herrn Blumenau und der 2. Replik von Herrn Fluch angekommen. Das Ganze ist für die meisten Beobachter ein Heidenspaß, man braucht nur in den jeweiligen Postingforen nachzulesen und ich gebe zu, dass ich selber nicht darüberstehe, mich über die Sandkistenraufereien zweier sogenannter Qualitätsjournalisten zu amüsieren. 

Das Ganze hat aber einen weiteren Aspekt, den ich nicht aus dem Auge verlieren möchte. Dieser Blickpunkt wurde von Herrn Blumenau, unter dem Vorwand Herrn Fluch eine drüber zu ziehen, als Grund für seinen Zorn vorgeschoben: Die Lage der Nation in Sachen Musikkritik. Ich gebe zu, dass ich Herrn Blumenau noch nicht ein einziges Mal zugehört habe, Herrn Fluchs Kritiken lese ich regelmäßig, aber auch wenn ich mir bei ersterem keine Kritik erlauben sollte, bei letzterem oft nur deshalb zustimme, weil er offenbar einen annähernd ähnlichen Musikgeschmack zu haben scheint wie ich, so möchte ich trotz allem beide Herren zurechtweisen. Zum Einen, weil ich den Eindruck habe, dass es hierzulande offenbar bloß eine Handvoll von Musikredakteuren gibt, die sich ständig auf den selben Konzerten die Hand schütteln (oder eben nicht…) und dadurch die Zahl der lesbaren Musikrezensionen selbst niedrig halten, zum anderen, weil ich nicht verstehe, warum sich Musikredakteure, wenn sie schon das Privileg besitzen, in einem qualitativ höherwertigen Medium, gegen Bezahlung, arbeiten zu dürfen, trotz allem auf die immer gleichen Konzerte begeben, um dann zu erwartende Konzertberichte abzuliefern. Ich gebe zu, die Konzertlandschaft in Österreich ist einigermaßen trist und viele hochkarätige Musiker machen einen Bogen um unser Land, aber trotzdem verstehe ich nicht, warum ein Qualitätsmedium darauf zu bestehen scheint, ihre Journalisten trotz allem Massenware rezensieren zu lassen. Ein Beispiel? Wenn Herr oder Frau Superstar, die für einen billigen, faden, uninsprierten Pop (wahlweise zu ersetzen mit Hip Hop oder RnB) stehen, sich nach Wien bequemen, dann kann ich mir die gnadenlos bissige Musikkritik am nächsten Tag Wort für Wort vorstellen, ohne sie überhaupt lesen zu müssen. Warum also erspart man den Redakteuren diese Pflichtkonzertbesuche nicht einfach. Dass sich also die österreichische Rezensionskultur in einer scheinbar niemals endenden Talsohle befindet ist nicht erstaunlich, schließt aber den Schöpfer dieser blumig formulierten Beschreibung, Herrn Blumenau (nomen est omen…), ebenso wenig aus, wie den angegriffenen Herrn Fluch. Und das liegt vermutlich daran, dass hierzulande einmal ersessene Posten auf Lebenszeit ausgeübt werden, oder aber, weil man als Inhaber der jeweiligen Positionen, schon per se davon ausgeht, dass ausschließlich das eigene Medium Recht hat. Aber nachdem es nun eben hierzulande schon von vornherein wenige Medien gibt, und im Speziellen sehr wenige, die sich eingehender mit Qualitätsjournalismus beschäftigen, bleibt schließlich jene Handvoll Auserwählter übrig, die sich auf Lebenszeit auf immer wieder denselben Konzerten über den Weg laufen und immer wieder dieselben Rezensionen schreiben. Ich schließe mit Jean-Paul Sartre: „Die Hölle, das sind die anderen.“ 

Der Blogeintrag von Martin Blumenau

Die Replik(en) von Karl Fluch

 

Susanne, 28. Jänner 2009

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