Skizzen aus Wien – Nr. 13

Barack Obama

 

Kann man es sich in Zeiten wie diesen erlauben, sich von Ereignissen wie jenem vom vergangenen Dienstag, der Angelobung des neuen US Präsidenten, ganz unvoreingenommen mitreißen zu lassen und für kurze Augenblicke den Zynismus hintanzustellen? Zynismus, der in der Welt von heute geradezu überlebensnotwendig geworden scheint, um die haarsträubenden Nachrichten, mit denen wir tagtäglich bombardiert werden, wenigstens einigermaßen ertragen und verarbeiten zu können. Unabhängig davon, ob man nun das eigene Land betrachtet, in dem auf dem Weg an die Spitze der Bananenrepublikskala täglich mehrere Plätze übersprungen werden, oder das Ausland. Als Beispiel für ersteres seien hier mit wenigen Ausnahmen sämtliche Vertreter unserer Regierung zu erwähnen, insbesondere die neue Justizministerin, die noch vor Wochen einen Prozess geleitet hat, auf dessen Berufungsverfahren sie jetzt als Weisungsberechtigte direkt Einfluss nehmen kann, unsere Innenministerin, deren Performance vergangene Woche eigentlich nicht mehr kommentiert werden muss, ein dritter Nationalratspräsident, der einer rechtsradikalen Burschenschaft angehört usw. usf. – die Liste lässt sich mittlerweile endlos fortsetzen. Auch der Blick über die Grenzen stimmt nicht fröhlicher, Italien wird von einem eitlen Medienmogul regiert, der Gesetze bloß noch für die eigene Klientel (und mitunter auch für sich selbst) entwirft und dafür sorgt, dass sie auch erlassen werden, in Frankreich herrscht ein selbstverliebter kleiner Mann, der bereits von der Besteigung des gesamteuropäischen Throns träumt und man muss nicht unbedingt auch noch die anderen Kontinente mitbetrachten, um entweder in einen Blutrausch oder Katatonie zu verfallen.

Die meisten, wie gesagt, halten sich wie ich mit einer gesunden Portion Zynismus über Wasser. Bin ich demnach naiv, wenn mich die Inauguration Barack Obamas bewegt hat, wenn ich seine Rede inspirierend fand, wenn mich die in den Augen der Menschen sichtbare Hoffnung angesteckt hat? Ich sage: Nein! Wenn jemand wie ich, der sich die Beobachtung aktueller Geschehnisse zu Eigen gemacht hat und vermeint, über genug Bildung zu verfügen, um nicht in blindes Anhängertum zu verfallen, sich erlaubt Gedanken zu äußern, die einmal nicht in sarkastischen Abschlussbemerkung enden, dann nur deswegen, weil ich es mittlerweile für dringend notwendig befinde Eigenschaften wie Intelligenz, Demut, Verantwortung und vor allem das bewusste Erkennen, dass man ein Amt nicht aufgrund der Tatsache ausübt, weil man sich für auserwählt hält oder von einer Elite, die sich dieses Prädikat selbst zuerkannt hat, dafür bestimmt wurde, sondern lediglich über eine begrenzte Zeit das Recht und viel mehr die Pflicht hat, dieses Amt mit bestem Wissen und Gewissen auszuüben, dass also diesen Eigenschaften endlich wieder mehr Gewicht zuerkannt werden sollte. Barack Obama erscheint mir in dem Sinne tatsächlich als leuchtender Streifen am Horizont und selbst wenn er gerade ein paar Tage im Amt ist und die Erwartungen vermutlich viel zu hoch sind, bin ich der Meinung, dass ein Präsident, der nicht erst in seiner Amtsantrittsrede bewiesen hat, dass er im Gegensatz zu anderen, auch komplexe Wörter richtig aussprechen kann, ein Mensch, der über eine hervorragende Bildung verfügt und trotzdem nicht herablassend wirkt, zurecht Begeisterung auslösen sollte. Wie lange ist es her, dass man, egal wo, jemand gewählt hat, weil man überzeugt war, diese Person ist der/die Richtige für den Job? Es scheint ewig her zu sein und die Onlineforen sind nach jeder Wahl voll von Bekenntnissen, dass man seit Jahren sein Kreuz bloß noch dort macht, wo man vermeint, das Geringste aller Übel zu wählen. Das Ansehen von Politikern rangiert mittlerweile vermutlich hinter dem des gemeinen Taschendiebs und düstere Zunkuftsszenarien à la „Die Welt steht nimmer lang“ kursieren allein deswegen, weil fast tagtäglich jemand unter den Volksvertretern auf dieser Welt, den Begriffen Gier, Korruption oder Verantwortungslosigkeit eine neue Dimension verleiht.

Am Dienstag dem 20. Jänner standen hunderttausende Menschen auf der Mall von Washington, D.C., viele Millionen waren via TV dabei wie Barack Obama vereidigt wurde und ich bin überzeugt davon, dass ich nicht die Einzige war, die sich gewünscht hat, einen Politiker oder eine Politikerin mit denselben Eigenschaften, wie er sie zu haben scheint, endlich auch im eigenen Land als Anwärter für das eine oder andere Amt sehen zu dürfen. Diesbezüglich bin ich auch der Meinung, dass unter dem Vorbehalt der genauen Beobachtung dessen, was Präsident Obama in den nächsten vier Jahren leistet oder nicht leistet, es angebracht ist, dem vertraut gewordenen Zynismus, eine Pause zu gönnen und sich zur Abwechslung einmal ein bisschen Hoffnung zu erlauben. Denn wenn gerade in dem Land, das in den letzten acht Jahren in vielerlei Hinsicht neue negative Maßstäbe gesetzt hat, die Vernunft siegt und ein Mann gewählt wird, der nicht in die gewohnte Trickkiste greift und billige Ressentiments instrumentalisiert, dann ist der Glaube daran, dass Hopfen und Malz noch nicht verloren sind, auf jeden Fall gerechtfertigt.

 

Susanne, 23. Jänner 2009

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