Skizzen aus Wien – Nr. 12

Chinarestaurant Modern

 

Es war eine ereignisreiche Woche. Zwei Erlebnisse halte ich persönlich für nachrichtenwürdig, ich möchte sie den Lesern nicht vorenthalten.

Nummer 1: Eine Broschüre an meiner Tür, die sich als Werbebotschaft des Chinarestaurants meiner Wahl entpuppte, informierte mich darüber, dass dessen japanische, chinesische & thailändische Spezialitäten von einem Haubenkoch zubereitet würden. Das verstand ich nicht ganz, denn obwohl ich dort immer wieder Mittagsmenüs bestellte, hatte ich bisher eigentlich nicht den Eindruck, es handle sich um haubenwürdige Küchenkunst. Es konnte also bloß zwei Gründe für diese vollmundige Ankündigung geben. Entweder die internationale Gourmetvereinigung hat Natriumglutamat zum Gewürz des Jahres 2009 erhoben, oder aber die derzeit arktischen Temperaturen haben den Chef de Cuisine dazu gezwungen seine Winterhaube auch beim Kochen aufzubehalten.

Nummer 2: Der Trend hochqualifizerten Arbeitskräften Hungerlöhne zu zahlen, scheint in der Medienbranche auch bei so genannten Big-Budget-Produktionen um sich zu greifen. So war ich gestern aus Neugier darüber, wie die Serie „Die Tudors“ das Schicksal der Anne Boleyn aufarbeiten würde, ebendort hängen geblieben. In jedem Fall würde sie enthauptet werden und während die arme Ex-Königin in ihrer Zelle auf die bevorstehende Hinrichtung vorbereitet wurde, sprach ein Priester salbungsvolle Worte. Diese ließen mich kurz wieder die Aufmerksamkeit auf meine Zeitungslektüre richten, als mich ein Satz des würdigen Herrn abrupt aufhorchen ließ: „…es ist die Zeit des…bla, bla….des Zerreißens und des Zusammennähens, die Zeit des bla, bla…“. Was?! Das klang nun wirklich nicht nach einem Zitat aus der heiligen Schrift! Zerreißen und Zusammennähen! Nach kurzem Überlegen wurde mir schließlich klar, dass man offenbar bei der Übersetzung den Sparstift angesetzt hatte. Der werte Dolmetsch hatte wohl die Worte „Reap and Sow“, was soviel heißt wie Ernten und Säen, mit den Worten „rip and sew“, also Zerreißen und Nähen, verwechselt. Hier macht sich auch der Trend in Schulen und Universitäten nur mehr in spezialisierte Ausbildungen zu investieren bezahlt, denn dadurch werden wenigstens gleich ordentliche, bombastische Fehler gemacht. Ich habe auf jeden Fall sehr gelacht und ich freue mich schon darauf, wenn nach dem Auslagern entsprechender Arbeitskräfte, die Synchronisationen mit indischem oder chinesischem Akzent daherkommen. Vielleicht kann sogar mein Chinarestaurant mit qualifiziertem Personal aushelfen?

Susanne, 11. Jänner 2009

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