Skizzen aus Wien – Nr. 10

Kaum aus der verschneiten Winterlandschaft in der westlichen Steiermark zurückgekehrt, endet der Weihnachtsfrieden abrupt an meiner Wohnungstür. Ein bunter Prospekt findet sich, wie bei meinen Nachbarn, in die Türschnalle geklemmt und scheint auf den ersten Blick bloß eine weitere, in katastrophalem Design entworfene, Werbesendungen der ständig wechselnden Chinarestaurants und Pizzerias in meinem Bezirk zu sein. Bei genauerem Hinsehen jedoch entpuppt sich das farbenprächtige Pamphlet als Frohbotschaft unseres Herrn Bürgermeisters, der mir bereits auf Seite 2 entgegenlächelt, um mich und hunderttausende Andere zum alljährlichen Neujahrs-Overkill auf den so genannten Silvesterpfad zu locken.

Nachdem es mir nicht im Traum einfallen würde, mich auch nur in die räumliche Nähe dieser Mischung aus Humptata, Mallorca-Besäufnis und Weana Gmiatlichkeit zu begeben, treibt mich die Neugier trotz allem dazu, mir diesen Ankünder genauer anzusehen, denn es interessiert mich natürlich, was die Stadt jenen zu bieten hat, die sich derlei (freiwillig) antun. Laut meiner Einschätzung handelt es sich dabei um die zwei klassischen Ts: Touristen und Trunkenbolde (wahlweise auch: Reisende und Rauschkugeln), die an bestimmten ausgewiesenen Stellen und zu ganz bestimmter Uhrzeit auch in Personalunion anzutreffen sind. Ein heißer Tipp: Stephansplatz um Mitternacht…

Die gewünschten Besucher rekrutieren sich laut der vorliegenden Broschüre offenbar vorwiegend aus dem deutsch-, englisch- und italienischsprachigen Raum – warum man nun auch Wiener dabei haben will und eine örtliche Reklamesendung daraus macht, ist mir nicht ganz klar, offenbar hat man im Rathaus noch immer zu viel Geld übrig. Das scheint man auch in ganz besonders gut aufgelegte Übersetzer zu investieren, denn obgleich der Herr Bürgermeister im Deutschen noch jegliche Zweideutigkeiten vermeidet – ja, sicher soll es super lustig werden – die launische Englische Übersetzung beseitigt alle Unklarheiten: „…., and those who want to wake up the following morning on Rathausplatz to the broadcast of the New Year´s Concert…“! Man geht also davon aus, dass es Teilnehmer des Silvesterpfades gibt, die am nächsten Morgen zur Übertragung des Neujahrskonzert am Rathausplatz aufwachen wollen. Nun, ich stelle mir das schon recht amüsant vor, wenn ich an lauter grün- und gelbgesichtige Alkoholleichen denke, die sich am 1. Jänner zu den lieblichen Walzerklängen der Wiener Philharmoniker am Rathausplatz wälzen.

Weiter im Programm. Diesbezüglich lässt auch die deutschsprachige Ankündigung der bombastischen Highlights, in deren Genuss man Am Hof kommt, kaum ein Auge trocken. Die „coolen Bühnenacts“ umfassen internationale Größen wie Luttenberger*Klug und Mario Lang, sowie einen Act, dessen Name mich fast (aber auch nur fast) auf die Suche nach einer möglicherweise vorhandenen MySpace Seite getrieben hat: Tha Family! Was kann sich dahinter wohl verbergen? Der Artikel „Tha“ verweist auf möglicherweise perfiden Gangster-Rap, das darauf folgende versöhnliche „Family“ wiederum auf lustigen Pop-Schlager à la Village People. Möglicherweise eine rappende Gangsterfamilie aus der Vorstadt?

Ein weiterer Höhepunkt findet ohne Zweifel am Neuen Markt statt. Das Programm kündigt im Deutschen das „Aushängeschild heimischer Popmusik“, im englischen gar das „poster child of Austrian pop music“ an! In einer Quiz-Sendung könnte man mit einer derartigen Frage sicherlich jeden Kandidaten in den Wahnsinn treiben, dass die Antwort tatsächlich Reinhold Bilgeri ist, wäre mir nie und nimmer eingefallen. Den hiesigen Programmverantwortlichen aber schon. Wenigstens hat sich die charmante Übersetzung mit „poster child“ vom üblichen „poster boy“ ferngehalten, das wäre dann doch etwas zu dreist gewesen, wenn man bedenkt, dass die letzten Hits des Herrn Bilgeri mindestens 20 Jahre zurück liegen. Eine Web-Suche hab ich mir in diesem Fall auch erspart, ich wollte mich nicht in die Gefahr begeben, auf automatisch gesteuerte Sound-Player zu stoßen und mich plötzlich mit irgendwelchen Bilgeri-Kompositionen überfahren zu sehen (jeder kennt heimtückische Webseiten, auf denen sich der „aus“-Knopf des Players erst nach minutenlanger Suche findet…).

Im Prater schließlich hat man das architektonische Antikonzept des Vorplatzes auch ins Musikprogramm übernommen – man ist in Wien wenigstens konsequent – und bietet ein Sommer-Urlaubsstimmungs-Misch-Masch-Programm. Dort lädt man den Besucher zunächst auf eine Reise nach Kuba ein, um ihn hernach in die Karibik zu locken – interessanterweise scheint keiner der Programmautoren je davon gehört zu haben, dass Kuba in der Karibik liegt. Aber das macht nichts, die Wiener wissen: dort unten, im Süden, ist es meistens immer lustig! Pros(i)t Neujahr!

Susanne, 27. Dezember 2008

P.S. The Sandworm freut sich auch im neuen Jahr über viele neue Leserinnen und Leser, er wird sich bemühen einigermaßen regelmäßig und in jedem Fall häufiger aus seiner Sandwüste aufzutauchen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s