Skizzen aus Wien – Nr. 9

Schweinsbraten

 

In Zeiten wie diesen sind Durchhaltevermögen, Kampfgeist und starke Nerven gefordert. Ich spreche nicht von der Weltwirtschaftskrise, sondern vom herannahenden Weihnachtsfest mit dem dazugehörigen Ess- und Trinkmarathon. Wenn also jemand die gesamte Distanz dieses Langstreckenlaufs bewältigen und nicht schon nach 5 bis 10 Kilometern in die Knie gehen möchte, ist es unbedingt nötig frühzeitig mit dem Training zu beginnen. Nachdem ich mich durchaus mit den oben erwähnten Eigenschaften gesegnet sehe, und im Allgemeinen hart im Nehmen bin, ist es für mich eine Frage der Ehre, die Weihnachtsfressorgien bis inklusive dem 2. Weihnachtsfeiertag in Bestform zu absolvieren.

Mit dem Training habe ich natürlich rechtzeitig begonnen, der Auftakt war eine Firmenfeier, bei der mehr getrunken als gegessen wurde, aber man hat ja schließlich zwei Disziplinen in diesem Rennen zu berücksichtigen. Nummer 1, man muss zusehen, dass man bis zum heiligen Abend einigermaßen geeicht ist, um die schweren Rotweine und das Weihnachtsbockbier mit Anstand zu bewältigen und Nummer 2, man darf auch Weihnachtsbraten und jahreszeitliche Süßspeisen wie Kekse und Baumbehang nicht unterschätzen. Es handelt sich quasi um ein Cross-Training – Aufbautraining also im Bereich flüssiger (alkoholhältiger) Substanzen, unterbrochen mit Phasen intensivem Essens, um sich weder in der einen, noch in der anderen Disziplin irgendwelche Blößen zu geben.

Nach dem ersten Aufwärmen bei diversen Arbeits- oder freundestechnischen Zusammenkünften, gerne leider auch am Punsch-Stand (eine meiner konditionellen Schwachstellen), muss man natürlich auch frühzeitig mit der Esserei beginnen. In meinem Fall stand gestern die erste echte Belastungsprobe am Trainingsplan – sozuagen ein durchzulaufender Halbmarathon – das alljährliche Schweinsbratenessen bei Freunden. Man wärmte sich mit Bier, wahlweise Wein, auf und versuchte die Stärken und Schwächen der Mitbewerber frühzeitig herauszufinden, um zum richtigen Zeitpunkt zum Überholen anzusetzen. Die Suppe war ein Kinderspiel, und kein einziger der Anwesenden gab sich die Blöße, einen Nachschlag abzulehnen. Kurze Zeit später stand der Hauptgang am Tisch: ein klassischer Schweinsbraten, mit knuspriger Kruste, als Beilagen standen Rotkraut, Semmelknödel und Rosmarinkartoffel zur Wahl – man nahm sich natürlich von allem, dass der Bratensaft in Strömen floss,  versteht sich von selbst. Auch beim Hauptgang wurde noch gerne nachgenommen, obwohl der Eine oder die Andere durchaus erste Schwächen zu erkennen gab. Beim nachgereichten Nussschnaps waren dann wieder alle gleichauf.

 

Dessert

 

Nach kurzen Lockerungsübungen, die hauptsächlich aus Bier- bzw. Weintrinken und dem einen oder anderen Espresso bestanden, wurde die Nachspeise serviert. Der erste richtige Anstieg auf der Strecke, der seine Tücken hatte. Eine Komposition aus Schokoladencreme und Biskotten, die vom Keks/Bisquitteig, welcher Boden und Deckel bilden sollte, kaum zu zähmen war. Da zeigten sich dann sichtbare Durchhänger, während der Eine den Anstieg zu schnell bewältigte und danach für mehrere Minuten nicht ansprechbar war, ja dem Kreislaufkollaps nahe, kämpfte sich die Andere mühsam und viel zu langsam nach oben und war dann ebenso fertig, wie der nach Luft ringende Mitbewerber. Eine weitere Runde Schnaps, diesmal mit mehreren Geschmacksvariationen zur Auswahl, brachte wieder Erleichterung, man stieg großteils auf Wein um und wähnte diese erste ernsthafte Trainingseinheit bereits als erfolgreich absolviert. Beinahe, denn auch wenn die Stunde schon fortgeschritten, es mittlerweile weit nach Mitternacht war, kam noch ein heimtückischer Angriff von Seiten der Gastgeber, die zu diesem Zeitpunkt noch mit einer Käseplatte attackierten. Nachdem man nun aber schon so weit gekommen war, wollte sich jetzt auch keiner mehr eine Blöße geben und der üppig beladene Teller war schon bald einigermaßen abgeräumt. Ein Stück Brot noch, den letzten Schluck Wein, das obligate Gruppenfoto als Motivation zum Durchhalten und dann machte man sich erschöpft aber glücklich auf den Heimweg.

Nachdem dieser erste Belastungstest gut überstanden ist, blicke ich den Feiertagen optimistisch entgegen. Bereits heute habe ich wieder ein Restaurant betreten, ohne mit der Wimper zu zucken – die erste Lieferung Weihnachtskekse wird für Mittwoch erwartet. Ich befinde mich, das kann ich nunmehr zufrieden feststellen, in bester Form, bis zum heiligen Abend habe ich noch mehr als eine Woche für lockeres Training, den weihnachtlichen Ess-Trink-Biathlon sollte ich mit Links bewältigen, so wie es derzeit aussieht, könnte sogar ein Platz am Podest drinnen sein.  

P.S. Besten Dank an die Gastgeber besagten Schweinsbraten-Essens, es war köstlich!

Susanne, 14. Dezember 2008

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s