Skizzen aus Wien – Nr. 6

In der Stadt sitzt bereits jetzt, mitunter tagelang, der Herbstnebel. Ein Vorgeschmack auf die kommenden Wochen, vielleicht Monate, in denen sich die Sonne nur mehr selten in Wien zeigen wird. Das Gros der Leute ist mürrisch bis aggressiv – keine saisonale Besonderheit, eher Dauerzustand hier. Umso willkommener ist in dieser Hinsicht ein Ausflug aufs Land. In die Steiermark soll es gehen und nachdem ich die Fahrt im 13A ohne sichtbare Schäden überstanden habe, begrüßt mich endlich der herbe Charme des Südbahnhofes. Das Ticket ist ausnahmsweise schnell gekauft, jedoch exorbitant teuer und nicht erst beim Besteigen eines Zuges, der den Eindruck erweckt bereits seit den Zeiten Kaiser Franz-Josefs in Betrieb zu sein, fragt man sich, wofür das ganze Geld denn aufgewendet wird, bei den österreichischen Bundesbahnen. Der Blick in die Tageszeitung gibt Antwort: Spekulationsgeschäfte mit isländischen Banken, oder so, ganz durchschaut man derlei Geschäfte nie, aber vielleicht hatte man langfristig eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Wien und Reykjavik ins Auge gefasst. Nach kurzer Suche finde ich einen gemütlichen Platz im stimmungsvollen Sechserabteil, wir sind zu viert, was bedeutet, dass der jeweils mittlere Platz der beiden Dreiersitzbänke noch frei ist – ein Luxus. Ein wenig dauert es noch, bis ich es endlich aus der Stadt herausgeschafft habe, bis zur Abfahrt versuche ich mich auf die Zeitung zu konzentrieren. Das gelingt nur ganz kurz. Schon geht die Tür vom Abteil auf und ein schüchterner junger Mann, unübersehbar ausländischer Herkunft, steckt vorsichtig den Kopf herein und versucht noch ein Exemplar seiner wohltätigen Zeitschrift anzubringen. Er ist nicht mal bis zur Schulter im Abteil, als ihn mein Sitznachbar mit einem herzhaften „Reiß o“ wieder auf den Gang hinaus verabschiedet. Auf mein sichtbares Kopfschütteln meint er viel mehr zu sich als zu mir: „Des san nämlich rumänische Betrüger und de gengan sunst net mehr. Des hob i amoi glesen“. Ich erspare mir die Diskussion und stecke meinen Kopf wieder in die Tageszeitung. Wien ist anders. Ich freute mich jetzt sehr auf das Wochenende am Land.

 

Susanne, 2. November 2008

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s