Skizzen aus Wien – Nr. 3

 

In Anbetracht der Tatsache, dass wir die Wahl nunmehr hinter uns haben, man aber davon ausgehen kann, dass der nächste Urnengang praktisch schon vor der Tür steht, möchte ich mich diesmal dem Thema Geschwurbel widmen. Egal ob Wahl oder nicht, inhaltsleeres Gerede scheint in zu sein und wer sich nach dem Ergebnis vom letzten Sonntag diesmal ernsthaft überlegt, endlich auch unter die Politiker zu gehen und fürs Nichtstun gut bezahlt zu werden, dem seien die Top 3 meiner Lieblingsleerformeln – unverzichtbare Grundausstattung im Rhetorikkanon jedes angehenden Politstars – wärmstens ans Herz gelegt.

 

Nr. 1: „Am Ende des Tages“

Am Ende des Tages sagt man zwar gemeinhin gute Nacht, nicht so hierzulande. Nein, man bringt damit immer wieder gerne auf den Punkt, dass man zwar unter Tags nichts zustande gebracht hat, aber im Laufe des Tages immerhin bemüht war, den Eindruck zu erwecken, man habe doch irgendetwas weitergebracht. Ungemein tröstlich in dieser Hinsicht, dass auch der nächste, potentiell unproduktive, Tag mit Sicherheit ein Ende mit sich bringt.

 

Nr. 2: „…lade die Wähler ein, ein Stück des Weges mit uns zu gehen“

Das ist in jeder Lage sehr gut einsetzbar, denn man appelliert an müde Wanderer genauso, wie an zufällige Begegnungen auf der Strecke, schließlich ist das Wegstück in seiner Länge nicht definiert und noch viel besser, es gilt kein Ziel zu erreichen. Es ist kaum Anstrengung damit verbunden und Erwartungshaltungen oder Ansprüche werden von vornherein nicht geweckt, können also auch nicht enttäuscht werden. Und kein potentieller Wähler kann einem je vorhalten, man hätte Versprochenes nicht gehalten, schließlich ist ein Weg ohne Ziel trotz allem ein Weg und zumindest hätte man sich über die Dauer der gemeinsamen Wanderung doch köstlich amüsiert (wenn schon nicht der Wähler, dann wenigstens der Gewählte, aber das muss man nicht dazuerwähnen).

 

Nr. 3: „Lassen Sie es mich ganz offen sagen…“

Lügen und Täuschen sind Grundausstattung jedes guten Wahlkämpfers. Oder sagen wir es etwas weniger drastisch: man muss es als angehender oder praktizierender Politiker mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen. Schließlich haben Lügen zwar kurze Beine, aber lange Strecken muss man ohnehin nicht zurücklegen, denn der Wähler wurde ja bloß angehalten ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen (siehe dazu Nr. 2 oben). Nachdem sich aber im Laufe mehrerer aneinander gereihter Wegstücke doch Ermüdungserscheinungen unter dem Wahlvolk breitmachen können, erfüllt unsere Nummer 3 die Funktion einer erfrischenden Pause. In dieser Hinsicht kommt die hin und wieder eingestreute Betonung, dass man es ehrlich meint, ein grader Michl sei, immer gut an und macht dem potentiellen Wähler Hoffnung, dass man es vielleicht diesmal, und zwar jetzt wirklich, ernst mit ihm meint.

Abschließend sei dem hoffnungsfrohen Neopolitiker ein herzhafter Einsatz der hier vorgeschlagenen Redewendungen ans Herz gelegt, man kann sie einzeln oder kombiniert einsetzen und bringt damit mühelos auch den längsten Wahlkampf, das bohrendste Interview, hinter sich.

Für besonders Ambitionierte an dieser Stelle noch eine Literaturempfehlung: Harry G. Frankfurts philosophische Abhandlung „On Bullshit“ (Princeton University Press, 2005), erhältlich in jeder gut sortierten Buchhandlung.

 

Susanne, 5. Oktober 2008

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