Skizzen aus NY – Nr. 7

 

Stefan Nemeth   (Stefan Németh)

 

Nach mehr als zwei Monaten in New York kann ich vom ersten musikalischen Highlight dieses Aufenthaltes berichten. Es stimmt schon, ich habe mich die meiste Zeit hier nicht wirklich intensiv mit dieser Kunstform beschäftigt und mein Interesse Live-Konzerte zu besuchen hielt sich ebenfalls in Grenzen. Wer will schon Billy Joel oder Josef Ratzinger in irgendwelchen Baseballstadien erleben? Ich nicht. Und somit hat meine Aufmerksamkeit bis dato der bildenden Kunst gegolten.

Gestern jedoch durfte ich, in Zeiten musikalischer Revivals und Re-Revivals, einen wirklich interessanten, unerwartet innovativen Musikabend erleben. Nach einem einigermaßen ermüdenden Arbeitstag flatterte die Einladung in ein Etablissement namens „Knitting Factory“ in mein elektronisches Postfach und obwohl ich totmüde war und meine Augen kaum noch offen halten konnte, kam mir dieser Name bekannt vor und nach kurzer Recherche wusste ich: das muss ich mir ansehen. 

Ich habe, zugegebenermaßen, eine gewaltige Schwäche für den sogenannten Underground – und damit meine ich diesmal ausnahmsweise nicht die New Yorker U-Bahn – düstere Spelunken und abgefuckte Konzertvenues lassen mein Herz höher schlagen. Hier kann man nicht nur die skurrilsten Gestalten erleben und mitunter ausnehmend interessante Gespräche führen, auch musikalisch ist es zumeist ein Garant für hochgradiges Amüsement und/oder die Entdeckung ungeschliffener Musikdiamanten. Hin und wieder sind auch bereits geschliffene dabei, das hängt von der jeweiligen Sichtweise ab.

Nachdem ich die Ausweiskontrolle zur Feststellung des legalen Trinkalters passiert hatte, marschierte ich nichts ahnend in Richtung Konzertraum, aus dem mir bereits dumpfe Klänge entgegendröhnten. Mit der Tür zum Aufführungssaal schien sich gleichzeitig auch das Tor zur Hölle zu öffnen – vor der Bühne hatten drei satanische Wesen Aufstellung genommen und bearbeiteten Micro, E-Gitarre und Schlagzeug, auf dass es einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Truppe, die sich „Bonedust“ nannte und deren Name offenbar Programm war, bestand, wie sich erst auf den zweiten Blick herausstellte, aus drei Frauen, die, in burtonesker Kostümierung (Stichwort „The Nightmare before Christmas“) wahlweise auf die Drums eindroschen, die Saiten an den Rand des Berstens brachten oder in markerschütternder Fasson ins Mikrophon brüllten. Sicherheitshalber hielt ich mich im Hintergrund, auch aus Angst, ich könnte bei zu intensivem Konsum dieser musikalischen Kost auf Lebzeiten unter Albträumen leiden, trotz allem war ich wie der Rest der Zuhörer fasziniert. Die für mich brennendste Frage: Wenn es schon Angstanfälle auslöst, sich derlei anzuhören, was veranlasst jemanden dazu, Musik wie diese herzustellen?! 

Nach etwa 45 Minuten war der Spuk dann vorbei und dass die drei Damen ihre eigenen Instrumente schließlich selbst abbauen und wegtragen mussten, verlieh der ganzen Show dann noch den Extratouch an Pathos – gequälte, malträtierte Satansbrut, die auch noch dazu verurteilt war ihren eigenen Krempel wegzuräumen. Ein erstes Highlight des Abends.

Der zweite Act fiel Bierkonsum und Zigarettenrauchen zum Opfer. Dass dies soviel Zeit in Anspruch nahm, liegt aber nicht, wie manche vermuten würden, an der psychologischen Reaktion zu „Bonedust“, die sicherlich darin liegen könnte, das entstandene Angstausmaß mit übermäßigem Alkohol- und Zigarettenkonsum zu betäuben, sondern viel mehr an der Tatsache, dass die Konsumierung dieser Stimulantien in New York nie und nimmer in einer viertel Stunde zu bewältigen ist. Schließlich ist Rauchen im Lokal nicht mehr erlaubt, man muss raus auf die Straße, Alkohol wiederum darf beim besten Willen nicht nach draußen mitgenommen werden. Wer dann auch noch aufs Klo musste, hätte selbst beim dritten Musikact die Hälfte, und somit den Höhepunkt des Abends, versäumt.

 

    (Martin Siewert)

 

Besagter bestand aus Stefan Németh (seines Zeichens Österreicher) und Martin Siewert (in Wien lebender Deutscher), die gemeinsam als „Nemeth“ für ein denkwürdiges Musikerlebnis sorgten. Beide Musiker waren einander gegenüber aufgestellt, Stefan Németh am Synthesizer, Martin Siewert mit Synthesizer, Hawaii- und E-Gitarre, und begannen über die Dauer von nicht ganz einer Stunde eine Klangkulisse aufzubauen, die Ihresgleichen sucht! Langsam schwebende Klänge, grillenartiges Zirpen, Herzrhythmusstörungen auslösende Beats, morriconeartige Gitarrenriffs bauten sich da auf, wurden wieder zu leiseren, flächenartigen Klangteppichen heruntergeschraubt, breiteten sich bis in die letzten Winkel des dunklen Saals aus und legten sich über die bewegungslosen, auf ihren Stehplätzen festgefroren scheinenden Zuhörer. Immer wieder entstand durch diese Kompositionen eine fast unerträgliche Spannung – die mit grünen, gelben und roten Drähten verkabelten Geräte der Musiker, die bis auf wenige Blickkontakte hochkonzentriert „arbeiteten“ und bloß über ihre Instrumente kommunizierten, weckten Assoziationen mit Filmszenen in denen Bomben entschärft werden müssen. Wird er den richtigen Draht durchschneiden? Fliegt hier bald alles in die Luft?! Endlich – ein ryhthmischer Drumbeat, der die aufgestaute Spannung mitnimmt und das Publikum in die nächste Klangwelle spült. 

Zwei „Lieder“ wurden an diesem Abend bloß gespielt, das erste ca. dreißig, das letzte etwa fünfzehn Minuten lang, trotz allem – nachdem der letzte Ton verklungen war, erwachten die hypnotisierten Zuhörer aus ihrer Trance und konnten endlich wie befreit den beiden Performern den würdigen Tribut zollen. Frenetischer Applaus, alle waren glücklich, ein musikalisches Erlebnis der Sonderklasse.

 

Susanne, 22. Mai 2008

 

Weiterführende Links:

http://www.thrilljockey.com/artists/index.html?id=11190

 

http://siewert.klingt.org/


Ein Kommentar zu “Skizzen aus NY – Nr. 7

  1. Judith sagt:

    ach ja, die klingt.org leute sind immer wieder für überraschungen gut – und oft sinds positive! :-)
    gibt immer wieder nette veranstaltungen von denen im wiener fluc!

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