Skizzen aus NY – Nr. 4

Fast jeden Tag sitzen sie da. Zwei geisterhafte Gestalten auf einer Wartebank in der U-Bahnstation Astor Place. Zwei Frauen, soviel kann man anhand ihrer sandalenartigen Schuhe und dem wallenden Gewand ausmachen. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet sitzen sie – lehnen sich aufeinander – die Gesichter ebenfalls mit schwarzen Schals vermummt. Kleinste Hautstellen sind sichtbar und es ist kaum zu erkennen, welcher Ethnie sie angehören. Ist es überhaupt wichtig das zu wissen? Würde es in meinem Denken einen Unterschied bewirken? Mehr Mitgefühl, wenn es sich um weiße Frauen handelt, größeres Verständnis für Schwarze? Im Grunde ist es einerlei. Beide Frauen sitzen dort in der U-Bahnstation am Astor Place, samt ihren trolley-artigen Koffern und ich frage mich jedes Mal, wenn ich vorbei gehe, verschämt vorbei schleiche, weil ich bereits beim Betrachten der beiden Figuren Schuldgefühle entwickle, Schuldgefühle das Derartiges sein kann, sein darf, ich frage mich jedes mal, was diese zwei Frauen in diese Situation gebracht hat. Ich frage mich, ob es zulässig ist sie anzustarren, ob es ein Eindringen in ihre Privatsphäre wäre, sie zu betrachten – diese zwei Figuren, die fast statuenhaft auf dieses Stück Sitzbank gegossen wirken, ein Stück Sitzbank, das mit ihrer Anwesenheit nicht mehr öffentlicher Raum, sondern Teil dieser beiden Personen geworden ist. Deren Schlafzimmer, Wartezimmer, Wohnraum. Jeden Tag, an dem ich die beiden hier sitzen sehe, will ich sie fotografieren. Weil ich trotz aller Bedenken, den Blick kaum von ihnen abwenden kann. Mich magisch angezogen fühle und wünsche dieses Bild fest zu halten, um es daheim zu betrachten – um es öffentlich zu machen. Tag für Tag kann ich mich trotz allem nicht überwinden meine Kamera auch nur aus der Tasche zu nehmen, weil ich das Gefühl habe, ihnen mit einem Foto den letzten Rest an Würde zu nehmen. Sofern davon noch irgendetwas übrig ist. Beide Frauen sitzen also hier in der U-Bahn Station Astor Place. Ich sehe sie nur vormittags, vermummte Gesichter, schwarze Kleidung, schwarze Socken, schwarze Sandalen, schwarzes Gepäck. Reisefertig für den letzten Trip. Wohin? Reisefertig, oder bereits angekommen? Endstation Astor Place.

Susanne, 14. April 2008

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