Skizzen aus NY – Nr. 2

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Seit gut einer Woche bin ich Dorfbewohnerin. 14th Street im Norden, Houston Street im Süden, Avenue D im Osten sowie Bowery bzw. 3rd Avenue im Westen, bilden die anerkannten Dorfgrenzen. Im örtlichen Jargon spricht man von der East Village, oder auch bloß von der Village – obwohl diesen Titel wohl die Bewohner des Dorfes westlich davon reklamieren würden: Greenwich Village trug ihn Jahrzehnte, jetzt wurde er, zusammen mit den meisten, die hip sein wollen, ostwärts gespült und die East Villagers beanspruchen ihn für sich . The Village – die liegt jetzt im Osten.  

Seit einer guten Woche bin ich also Mitglied in der Dorfgemeinschaft. Dorfbewohner werden ist hier leicht. Man braucht kein Leumundszeugnis, es gibt keine Dorfgrenzposten, die unangenehme Fragen stellen, man muss nur wollen. Und das tun derzeit viele. Es kommt also lediglich darauf an, sich einen der begehrten Schlafplätze zu sichern. Meiner liegt in der 10th Street, direkt hinter der St. Mark’s Church-in-the-Bowery, einer der ältesten Kirchen im Dorf. In der gesamten Stadt. Ich hatte demnach Glück. Und fühle mich seit gut einer Woche als Mitglied in dieser skurrilen Gemeinde, die sich aus Musikern, Filmleuten, Künstlern, Hängengebliebenen, Verlorengegangenen, Suchenden und Noch-Nicht-Gefunden-Habenden zusammensetzt. Die Village ist einzigartig. Man merkt es sobald man eintritt ins Dorf. Für mich war das der vergangene Samstag, als mich das Taxi aus Brooklyn an der 10. Straße freigab. Kurze Zeit später, im Dorfmarkt nach den ersten Vorräten für meinen Aufenthalt suchend, im Marktradio spielte man „Truckin“ von The Grateful Dead, da wusste ich, alles wird gut. 

Seit etwas mehr als einer Woche bin ich Dorfbewohnerin. Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt. Zwischen den langen Exkursionen an meine Arbeitsstätte, die im sterilen Dorf „Midtown“ liegt, erkunde ich die Trampelpfade anderer Dorfbewohner und versuche mir ein Bild von dem zu machen, was das Dorf ausmacht. Hier ein paar Hipster, die mit Hornbrillen ihren Rimbaud auswendig lernen, dort zwei übrig gebliebene Hippies, auf der 6th Street wird gerade ein Film gedreht, in dem angeblich Natalie Portman mitspielt, Kapuzenjacken sind in. Ein Sammelsurium aus einprägsamen Charakteren, die nicht immer herausstechen, aber trotzdem Teil der Gemeinschaft sind. Und man verträgt sich. Zumeist. Geht zivilisiert mit einander um, auch wenn der andere eine der eigenen diametral entgegen gesetzte Weltanschauung besitzt. Im Moment zumindest, denn die Zeiten ändern sich schnell, in der Village.  

Seit gut einer Woche bin ich also Dorfbewohnerin und fühle mich hier wohl. Heute ist Sonntag. Vor kurzem aufgestanden, habe ich meinen Mantel übergeworfen und mich auf den Weg zum Coffeeshop meines Vertrauens gemacht. Ich wandle vorbei an der St. Mark’s Church, eine Handvoll Gläubige, samt Priester und Laien, ausgestattet mit Kreuz und Palmwedeln, macht sich singend auf ihren Palmzug. „This little light of mine, I´m gonna let it shine…“. Fast möchte ich mitziehen, bis mir der Kaffee wieder einfällt und ich weiterschlurfe. Im Coffeeshop spielt man die Sexpistols und alle sind glücklich. Am Nachhauseweg kehrt auch der Palmsonntagszug wieder zurück. Immer noch dasselbe Lied auf den Lippen. „…I’m gonna let it shine“. Für zwei zufrieden wirkende Punks, die sich über die kleine Schar von Gläubigen amüsiert, geht die Nacht vermutlich eben erst zu Ende. Für einen kurzen Augenblick befinden sich die Beiden auf gleicher Höhe mit dem Palmzug und so skurril der Kontrast – die Kleider der Priester, das Outfit der Punks – nach ein paar kurzen Blicken auf einander, wandelt jeder wieder seiner Wege. Die Fotogelegenheit habe ich versäumt und meine im Vorbeigehen zu den beiden lachenden Punks „Ich hätte euch alle auf ein Foto bannen sollen“. „Das hättest du“ entgegnet einer von ihnen freundlich. Das hätte ich wohl. Ich ärgere mich kurz über die verpasste Gelegenheit, bis mir wieder einfällt, wo ich bin. Ich bin im Dorf! Dorfbewohnerin! Derartige Gelegenheiten kommen bald wieder. Sie bieten sich hier an allen Ecken und zu jeder Tageszeit. Ich wünsche den beiden Punks noch einen schönen Sonntag, sie mir auch. „I see you“ – „Yeah, I see you“. Man sieht sich. Man wohnt nicht umsonst im selben Dorf. 

 

Susanne, 16. März 2008

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