Skizzen aus NY – Nr. 1

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Gerade von der Einreiseschleuse ausgespuckt, am Zoll vorbei geschlichen, stehe ich auf der Plattform des Airtrain. Bindeglied zwischen Flughafen und öffentlichem Verkehr in New York. Entscheidungen müssen getroffen werden, ich habe die Wahl zwischen Howard Beach und Jamaica. Das Wetter entspricht keiner der beiden Wahlmöglichkeiten. Ich wähle den Strand. Gestrandet fühle ich mich in gewisser Hinsicht auch. Die Plattformadministratorin, diesen Namen habe ich ihr gegeben, fragt nach, ob jemand russisch spricht. Das angesprochene ältere Paar steht verloren am Bahndamm und unterhält sich in breitem Wiener Dialekt. Ich überlege kurz, meine nicht vorhandenen Russischkenntnisse zu deklarieren und als des Wienerischen Mächtige unerkannt zu bleiben, bis mich das Mitleid überkommt. Die beiden Wiener bedanken sich, dann fährt auch schon ihr Zug ein. Ich merke, wie mich insgeheim Freude überkommt, dass sie nicht mit mir an den Strand fahren werden. Dann kündigt die Plattformadministratorin meinen Zug an, ich steige ein und werde in dem sterilen Behälter, vorbei an den restlichen JFK-Terminals wie in einer Sci-Fi-Sardinenbüchse in Richtung New York befördert. Am letzten Terminal schweift mein Blick in die Ferne, die klirrende Kälte hat am wolkenfreien Horizont, die erste Sicht auf die Stadt freigegeben. Mittendrinnen streckt sich das Empire State Building als nunmehr höchstes Gebäude dem Himmel entgegen. Fast stolz wirkt es, jetzt, da es seine Vorrangstellung wieder inne hat. Zwei Ausschläge in der Frequenzlinie der Stadt fehlen. Vor fast 8 Jahren, als ich New York das letzte Mal sah, waren sie noch da gewesen. Unverkennbar. Jetzt sind sie nicht mehr Teil des Klangspektrums der Stadt und auch über die weite Distanz nach Europa hat ihre Entfernung den Ton hier merklich verändert. Im gesamten Land. Ausgespuckt vom schnittigen Hightech-Zug, lande ich endlich am Strand. Minuten später sitze ich bereits im dreckigen U-Bahnwagen nach Brooklyn. Umgeben von Menschen, für die das Wort Beach vermutlich auch eher die Assoziation zum Schiffbruch weckt. Und trotz allem fühle ich mich merklich wohler, ich werde zumindest nicht allein gestrandet sein, auf dieser Insel.

 

Susanne, 29. Februar 2008

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