Skizzen aus Wien – Nr. 42

Gestern Vormittag war einer jener Tage, die gleich in der Früh ausgezeichnet beginnen. Ich schalte meinen Computer ein und in der Mailbox ist eine Nachricht von Bob Dylan. Natürlich nicht von ihm persönlich, aber von seiner Plattenfirma, die mir höflichst mitteilt, dass Dylan ein neues Video veröffentlicht hat, welches man sich auf Amazon ansehen kann. Was ich auch sofort mache und mich Sekunden später mitten in einem Kunstwerk wiederfinde.

Ich schlage also vor, sich das Video jetzt selbst anzusehen, bevor Sie weiterlesen. Schalten Sie auf den Vollbildmodus (im eingebetteten Clip unten rechts ein fernseherartiges Symbol).

Bob Dylan ist bekannt für kreative Videos, man denke nur an „Subterranean Homesick Blues“ (alles auf Youtube zu finden), er ist selbst auch als bildender Künstler tätig und verwendete für das Video zu „Beyond Here Lies Nothing“ (am Album „Together Through Life“) die Fotografien von Bruce Davidson. Es überrascht also nicht, dass er auch am neuen Weihnachtsalbum („Christmas in the Heart“) einen Künstler für die Gestaltung seines Videos ausgesucht hat. Ich sah mir also den Clip an – „Little Drummer Boy“ – und fand mich durch die darin montierten Aquarelle mit einem Mal in einer anderen Welt, fand mich emotional durch sie angesprochen, weil sie genau das darstellen was Weihnachten für mich bedeutet: Geborgenheit, Wiedersehen, Zusammensein.

Das Video hat mich so sehr angesprochen, dass ich dem Künstler, der übrigens Jeff Sher heißt (alle Infos weiter unten), eine Email geschrieben und ihm zur hervorragenden Arbeit gratuliert habe. Ich ging in diesem Falle einfach von mir selbst aus – ich freue mich wenn mir unbekannte Leute zu meiner Arbeit, meinen Texten gratulieren.

Zu meiner Überraschung geht es ihm offenbar genauso, denn am selben Abend kam eine Nachricht zurück, in er der sich nicht nur für mein Email bedankte, sondern mir auch noch zwei Fotos mitschickte, mir etwas über die Arbeit an dem Video für Bob Dylan sowie ein wenig über seinen persönlichen Hintergrund erzählte. Netterweise gab er mir die Erlaubnis, diese Informationen mit den Kunst- und Musikliebhabern unter den Sandworm-Lesern zu teilen.

Jeff Sher ist bildender Künstler, malt und gestaltet experimentelle Filme und veröffentlicht unter Anderem auch auf dem New York Times’ Opinionator Blog hin und wieder seine Arbeiten. Sein Großvater stammt übrigens aus Wien, verließ die Stadt aber irgendwann kurz nach dem ersten Weltkrieg, um in die USA zu emigrieren. Für Jeff Sher und seine Familie war er eine eher mysteriöse Figur, bekannt ist auf jeden Fall, dass er in Wien als Friseur gearbeitet hat und offensichtlich sehr talentiert war – er sprach z.B. sieben Sprachen. Vielleicht hat er etwas davon an seinen Enkel vererbt, der jedenfalls ist ebenfalls hochtalentiert und hat neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch auf Wien nicht vergesssen. So kam er im Jahr 1969 für ein ganzes Schuljahr lang hierher und scheint bis heute von der morbiden Atmosphäre Wiens beeindruckt. Jedenfalls hat er den Wein, die Bruegels und Dürers und das Kunsthistorische Museum in guter Erinnerung behalten. Und er ist ein großer Bewunderer des Experimentalfilmers Peter Kubelka.

Das Video für Dylan kam kurzfristig zustande. Jeff Sher outete sich als großer Fan Dylans, vor allem aber meinte er, es wäre großartig gewesen, dass Dylan bzw. die Leute, die ihn beauftragt haben, ihm völlig freie Hand gelassen hätten. Ein Videoclip solle es werden, Inhalt egal, Hauptsache Artwork von Jeff Sher. „He wants you to do what you do“ hätten die Leute, die mit Dylan arbeiten gesagt. (Und eben versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn die Leute, die mit Dylan arbeiten, soetwas einmal zu mir sagten.)

Was für eine Arbeit insgesamt in dem Video steckt, hat mir Jeff Sher in einem sehr persönlichen Bild, das er mitgeschickt hat, verdeutlicht: es zeigt sämtliche Einzelbilder, die er malen musste um sie für den Clip abzufilmen (innerhalb von nur 5 Wochen). Alles in allem ungefähr 2000 Bilder!

Es war also gestern einer jener Tage, die gleich in der Früh gut beginnen. Ein hervorragendes, bewegendes, Video, der Entschluss dem Künstler direkt mitzuteilen, wie sehr mir seine Arbeit gefallen hat und darauf eine sehr persönliche Antwort von einem offenbar sehr sympathischen Jeff Sher. Ich werde mich also auf die Suche nach Shers Bildern in Wien machen, vielleicht gibt es auch einmal eine Ausstellung. Sandworm-Leser werden rechtzeitig davon erfahren.

Zusätzliche Informationen zu Jeff Sher:

Opinionator Blog der New York Times

Jeff Shers Webseite

Jeff Sher auf Youtube

Jeff Sher auf Twitter

Susanne, 10. Dezember 2009

Veröffentlicht in:  on Dezember 10, 2009 at 1:23 Kommentar schreiben
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Skizzen aus Wien – Nr. 41

Mittlerweile schreiben wir den 6. Dezember, das Jahr geht unzweifelhaft zu Ende und nachdem ich mir kaum erwarte, dass heuer noch weitere der von mir angebeteten Musikgötter in Wien Halt machen werden, lasse ich das Musikjahr 2009 schon heute Revue passieren und werfe noch einmal einen kurzen Blick auf die Konzerte, die ich besucht habe.

Es war kein besonders intensives Konzertjahr, alles in allem habe ich sechs besucht, wobei ich zwei davon gleich von vorneherein links liegen lassen muss, da ich es über das Foyer des WUK nicht mal in den Konzertsaal geschafft habe. (Falls es jemanden interessiert, am Programm standen Mark Lanegan & Greg Dulli zu Beginn des Jahres und Portugal. The Man Mitte November.) Somit verbleibt die relativ magere Ausbeute von 4 Konzerten, bei denen ich nicht nur physisch anwesend war. Hier also noch einmal ein kurzer Abriss:

Der erste Termin stand im März am Programm und war für mich rückblickend betrachtet das Konzerthighlight des Jahres 2009. Es handelt sich um den Auftritt von Candi Staton, der alles bot, was man sich von einem fantastischen Konzert erwartet. Großartige Stimmung, eine gut gelaunte Staton, die mit hervorragender Stimme, toller Band und ausgezeichneten Backing Vocalists überzeugte. Und trotz des relativ melancholischen Songwriting-Schwerpunktes der beiden jüngsten Alben, hat es die Frau geschafft, das ganze im Porgy&Bess anwesende Publikum mitzureißen. Partystimmung, Rat und Trost für unter der Krise und sonstigem Lebensschmerz leidende Zuhörer (…everything’s gonna be alright…), die eine oder andere nachdenkliche Nummer (Elvis’ „In the Ghetto“) und jede Menge mitreißende, tanzbare Songs aus den verschiedensten Schaffensperioden der Künstlerin. Facit: Einfach genial.

Bis zum nächsten Konzert musste ich dann doch einige Zeit warten und zwar bis Juli, als dann Lambchop im WUK auftraten. Nicht mein erster Lambchop-Abend und somit keine musikalischen Überraschungen, aber für ein relativ langweiliges Monat im Jahr eine willkommene Abwechslung. Frontman Kurt Wagner und Band boten gewohnt gediegenen, entspannten Alt-Country.

Wieder musste ich mich bis zum nächsten Termin etwas gedulden, die Sommermonate sind da eher eine Qual, weil ich mich für Festivals absolut nicht interessiere und sofern es sich gar nicht vermeiden lässt, lieber Solo-Shows der Artists, die ich sehen möchte, ins Auge fasse. Diesbezüglich hat es dann doch bis Oktober gedauert, bis die jeweilige Konzertsaison auch für mich wieder interessant wurde. Magnolia Electric Co., die ich bereits zwei Jahre zuvor in der Wiener Szene erlebt habe, schafften es schließlich mit einer mitreißenden Show, den ersten Kälteeinbruch vergessen zu machen. Jason Molina, der vor kurzem aus Krankheitsgründen Shows absagen musste, befand sich in Hochform, möge er bald gesund werden, denn ich würde mir einen neuerlichen Wien Besuch der Truppe nicht entgehen lassen.

Kurz darauf stand für mich die musikalische (und in Bezug auf Frontman Willy Vlautin, auch literarische) Neuentdeckung des Jahres am Terminkalender: Richmond Fontaine traten im Gasthaus Vorstadt, das sich als sehr nette Konzert-Location entpuppte, auf und lieferten eine großartige Show, die sich in Bezug auf die mir bekannten CD-Veröffentlichungen der Truppe und dem was an diesem Abend live gespielt wurde, als Mischung aus ruhig-entspanntem bis traurig-nachdenklichem Alt-Country beschreiben lässt. Daraus resultierte die große Freude meinerseits, endlich wieder Neues entdeckt zu haben und zwar in gleich zweifacher Weise, da die Personalunion aus hervorragendem Singer-Songwriter UND großartigem Schriftsteller ja nicht gerade häufig vorkommt und sich, wenn man weiß, wie viele gute Leute immer wieder einen Bogen um Wien machen, hierorts noch seltener live erleben lässt.

Das Abschlusskonzert des Jahres 2009 schließlich bestritt Kris Kristofferson, dessen musikalisches Oeuvre ich erst heuer so richtig kennen und schätzen gelernt habe. Diesbezüglich war es auch ein passender Konzertjahresausklang, der mit Anfang November die meist doch eher melancholisch eingefärbte Jahreszeit eröffnet hat. Kristofferson ließ an jenem Abend auch keine Wünsche offen und spielte sich kreuz und quer durch seinen Songkalender, ganz allein auf der Bühne der neuen Halle F der Wiener Stadthalle, lediglich mit Gitarre und Mundharmonika ausgerüstet. Seine warme tiefe Stimme und die als ehrlich empfundene Herzlichkeit dem Publikum gegenüber waren wohl diejenigen Faktoren, mit denen vermutlich auch die hargesottensten Konzertgeher des Abends weichgekocht wurden, die weiblichen Gäste lagen ihm ohnehin zu Füßen. Ein mit dem Song „Don’t Tell Me How the Story Ends“ sehr bewegender Ausklang, gefolgt von einer mehr als 20-minütigen Signierstunde am Bühnenrand, beschlossen für mich ein Konzertjahr, in dem es zwar quantitativ keine Exzesse gab, welches mich dafür aber qualitativ mehr als zufrieden gestellt hat und somit in bester Erinnerung bleiben wird.

Ein Ausblick? Schwer zu sagen, was 2010 bringen wird. Ich hatte bereits heuer auf einen Abstecher von Conor Oberst und seiner Mystic Valley Band gehofft, vielleicht schaut er im neuen Jahr nach Wien, dann wäre die 2010-er Konzertsaison auf jeden Fall gerettet, auch wenn sich sonst niemand mehr hierher verirren sollte. Natürlich würde es mich auch sehr freuen Okkervil River wieder zu sehen. Die Partie rund um den genialen Songwriter Will Sheff wird vermutlich bald ein neues Album herausbringen, dann wäre auch eine größere Tour wieder angesagt. Als besonderen Weihnachtswunsch, welchen ich als ceterum censeo eigentlich ans Ende aller meiner Einträge anfügen könnte, wäre dann noch die Hoffung darauf zu erwähnen, dass Bob Dylan bald wieder nach Wien kommen möge. Dessen erst vor kurzem veröffentlichtes Weihnachtsalbum „Christmas in the Heart“ kann ich übrigens allerwärmstens empfehlen. Man sollte sich durch von einander abschreibende Rezensenten (national wie international) nicht beirren lassen, das Album ist weder seltsam, noch skurril oder absurd, sondern eben ein Weihnachtsalbum und wer zu Weihnachten Weihnachtsmusik hören möchte, der liegt damit absolut richtig.

Susanne, 6. Dezember 2009

Veröffentlicht in:  on Dezember 6, 2009 at 7:49 Kommentar schreiben
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Skizzen aus Wien – Nr. 38

Rocking Sandworm - artwork zoer

Eines kann man mit ziemlicher Sicherheit vorausschicken: Kris Kristofferson hat es gut gefallen in Wien. Nicht nur hat er einen wunderschönen Abend in der Halle F der Wiener Stadthalle gestaltet, sondern nach einem fast zweistündigen Konzert, das durch eine kleine Pause unterbrochen war, auch noch an die zwanzig Minuten die mitgebrachten Bilder, CDs und Tickets seiner treuen Anhänger signiert.

Man hätte es kaum besser planen können, lief doch der Protestmarsch der Studenten an jenem grauen, nasskalten 5. November passenderweise bis zum Märzplatz und ich musste von dort nur ein paar Meter zurücklegen, um zur bis dato noch nie besuchten neuen Halle zu gelangen. Ich fand es auch thematisch treffend, sich nach erfolgter Solidarisierung mit einer guten Sache einen Singer/Songwriter anzuhören, der sich selbst in diversen Protestbewegungen verdient gemacht hatte. Deshalb war ich auch einigermaßen erstaunt über das Publikum, dass sich an diesem Abend die Country-Folk Legende Kristofferson ansehen wollte. Ich hatte nicht nur aufgrund des Song-Katalogs, sondern auch wegen des Genres, zumindest optisch, mit einem gänzlich anderen Spektrum an Leuten gerechnet. Eher im Stile von „Der Mann in den Bergen“ bei den Männern und vielleicht einer älter gewordenen, aber immer noch subversiven Janis Joplin bei den Frauen. Vielleicht habe ich doch zu viele Jahre in den USA verbracht, auf jeden Fall hätte sich die erwartete Menschenmenge von der tatsächlich sich eingefunden habenden kaum stärker unterscheiden können. Da gab es ältere Herren mit kaum noch vorhandenem Haar, dickere Damen mit glitzernden Satinblusen, aufgebrezelte Frauen, die nicht mehr so ganz ins hautenge Wollkleid passten, sich aber für den Abend eine strahlende neue Blondierung geleistet hatten, ältere Ehepaare, die man vermutlich auch auf einem Schlagerkonzert antreffen könnte fanden sich genauso ein, wie Gentlemen im Anzug, Frauen im Businesskostüm, oder einige wenige jüngere Zuhörer und schließlich sah ich sogar noch einen Herrn, der stolz sein aufwändig besticktes Westernhemd ausführte sowie zwei Männer, die sich für den Abend mit einer sogenannten „Bootlace Tie“ schön gemacht hatten. Bis auf die letzteren Country-Exemplare, würde ich mit einer derartigen Menschenmischung auch auf einem, vielleicht etwas provinzielleren, Bahnhof rechnen – eher älteres Durchschnittsalter, aber vollkommen bunt durcheinander gewürfelt.

Kris Kristofferson, Vienna 09

Trotzdem, oder gerade deshalb, war es schön zu sehen, dass all diese gänzlich unterschiedlichen Menschen in den kommenden Stunden etwas gemeinsam hatten, dass alle einem Mann an den Lippen hingen: Kris Kristofferson, der fast pünktlich kurz nach 20 Uhr, ganz allein mit Gitarre und Mundharmonika ausgerüstet, die Bühne betrat. Und es sollte keiner von ihnen enttäuscht werden, auch ich nicht, denn obwohl ich keine große Freundin von Sitzkonzerten bin, hat es nicht lange gedauert bis diese ganz besondere Atmosphäre, die Kristofferson durch seine warme, tiefe Stimme und seine nachdenklich-melancholischen Lyrics an diesem Abend bis zum letzten Winkel der Halle verströmen ließ, die ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft fand. Andächtig, fast religiös, saßen und horchten die Leute im Publikum, denn wenn man zwischendurch in die Reihen blickte, suchte man nicht lange und fand den einen oder die andere, deren Lippen die Wort für Wort verinnerlichten Textzeilen mitformten, samt dazugehörig verklärtem Blick.

Kris Kristofferson, Vienna 09

Kristofferson eröffnete den Abend mit „Closer to the Bone“, einem Song aus dem gleichnamigen, jüngsten veröffentlichten, Album (welches ich übrigens sehr empfehlen kann), und hantelte sich durch ein abwechslungsreiches Programm, in dem sich unter anderem Songs wie „Love Don’t Live Here Anymore“ oder „Final Attraction“, die Klassiker „Me And Bobby McGee“ oder „Help Me Make It Through the Night“, Kompositionen wie „Sandinista“, „Silver Tongued Devil and I“ oder „Sunday Mornin’ Comin’ Down“ befanden. Schließlich neigte sich der Abend dem Ende zu und ich denke, dass es auch Kristofferson gefallen hat, hatte er doch gerade die letzten Akkorde des vermeintlich letzten Liedes gespielt, als er sichtlich bewegt von der Zuwendung durch das Publikum einen Moment lang in sich zu gehen schien und dann meinte „Wait, I’ve got another one for you“ und das rührende „Don’t Tell Me How the Story Ends“ anstimmte. Ein Lied, das mit folgenden Zeilen beginnt:

This could be our last good night together; we may never pass this way again; just let me enjoy it ’til it’s over, or forever; please don’t tell me how the story ends.

Man mag diese Passage interpretieren wie man will, manche würden vielleicht auch eine Vorahnung Kristoffersons herauslesen wollen, schließlich ist der gute Mann mittlerweile 73 Jahre alt, ich halte mich an das an jenem Abend Erlebte: ein absolut fitter, inspirierender Songwriter, der die gute Stimmung im Saal in sich aufsog und sie, so wie alle Anwesenden, bis zur allerletzten Minute auskosten wollte.

Kris Kristofferson, Vienna 09

Das hat er schließlich auch und in einem dem Konzert folgendenen Autogramm-Marathon nahezu allen Fans ihre mitgebrachten Devotionalien signiert. Mich schließlich hat Kris Kristofferson mit einem herzlichen festen Händedruck auf den Nachhauseweg geschickt – möge er noch lange leben und häufig nach Wien zurückkehren.

Susanne, 7. November 2009

Veröffentlicht in:  on November 7, 2009 at 8:00 Kommentare (2)
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Skizzen aus Wien – Nr. 37

Rocking Sandworm - artwork zoer

Nachdem sich das Jahr langsam zu Ende neigt, außer Kris Kristofferson kein anderes Konzert mehr auf meinem Plan steht und ich darüber hinaus auch nicht glaube, dass sich bis Ende des Jahres noch Aufregendes diesbezüglich tun wird, wird sich Mr. Kristofferson ordentlich anstrengen müssen, um die Rangordnung meiner Konzerthighlights noch durcheinander zu wirbeln. Der gestrige Auftritt von Richmond Fontaine im Gasthaus Vorstadt steht derzeit auf jeden Fall ganz weit oben auf dieser Rangliste.

Richmond Fontaine, Vienna 09

Ich hatte mich rechtzeitig auf den Weg in den 16. Bezirk gemacht, eine der weniger charmanten Ecken Wiens, aber der Abend war so ruhig und friedlich, die Temperaturen gar nicht unangenehm und so war ich bereits vor Eintreffen im Gasthaus Vorstadt bester Laune. Die Konzertlocation stellte sich schließlich auch als sehr sympathisches Lokal heraus, das den Namen Gasthaus zu Recht trägt und zwar im positiven Sinne. Es strahlt ein schlichtes, fast rustikales Ambiente aus, ein Ort, von dem man sich vorstellt, dass am Sonntag hier die Stammgäste ihr gewohntes Wiener Schnitzel essen.

Ich hatte an eben jenem Tag gerade das zweite Buch von Willy Vlautin, der sich als Bandleader und Songwriter von Richmond Fontaine verdient macht, fertig gelesen und war wirklich neugierig, ob mich der Liveauftritt der Band genauso begeistern würde, wie die Lektüre der Bücher und die letzten beiden CDs der Truppe.

Richmond Fontaine, Vienna 09

So saß ich zunächst mit meinen zwei Konzertbegleitern in der Nähe des Eingangs zum Veranstaltungsraum, aus dem bereits erste Richmond-Fontaine’sche Klänge drangen – die Band war offenbar noch beim Soundcheck – und nachdem die Bandmitglieder schließlich sehr entspannt durchs Lokal pilgerten, breitete sich auch unter uns eine gemütliche Stimmung aus, es gab keinen Stress sich gute Plätze zu sichern, man konnte entspannt noch plaudern und sich ganz gemütlich auf das Konzert einstimmen.

Gegen neun schließlich verlagerten wir unseren Standort in besagten Veranstaltungsraum und platzierten uns gleich neben der Schwingtüre, die in den Gastraum hinausführte, mit bester Sicht auf die nicht weit entfernte Bühne. Der Rest der Zuhörer saß an den vor der Bühne aufgestellten Tischen, irgendwie herrschte fast Saloon-Stimmung, was auch hervorragend zur erwarteten Musik passte.

Über die Vorband – Electronic Dictionary – will ich nicht viele Worte verlieren, außer dass sie nicht meinen Geschmack getroffen hat und thematisch nicht zum Headliner passte, wie ich fand. Es spielte dann auch noch ein junger Mann, dessen Namen ich leider nicht hörte, der aber mit Gitarre und Mundharmonika die, für den Hauptakt nötige Stimmung, wieder zurechtrückte. Endlich betraten Richmond Fontaine die Bühne und es folgte eine wirklich ausgezeichnete Performance.

Willy Vlautin, der Frontman der Band, ist, wie erwähnt, auch gleichzeitig Schriftsteller und hat bereits zwei sehr schöne Novellen veröffentlicht, genau wie sein schriftstellerischer Stil schließlich, lässt sich auch sein Songwriting beschreiben. Es geht um Lieder, die so erzählt sind, dass man sich fühlt, als würde man mit einem alten Freund, den man seit Jahren nicht mehr gesehen hat, zusammen sitzen, an einem ruhigen Winterabend, vom Feuer im offenen Kamin und einem Glas Whiskey aufgewärmt und würde diesem Freund dabei zuhören, wie er aus seinem Leben erzählt. Ganz ruhig und unaufgeregt, mit herzerwärmenden Passagen, zu denen man gemeinsam schmunzelt, aber auch mit tieftraurigen, die ehrliches Mitgefühl wecken und einen dazu veranlassen, seine Hand auf dessen Schulter zu legen und ihm zu sagen, dass jetzt wieder alles gut sei.

Richmond Fontaine, Vienna 09

Und so fiel es gar nicht auf, dass Vlautin das Konzert mit einer kurzen Lesung aus seinem neuen Buch begann, weil sein Gitarrist daneben immer wieder die eine oder andere Seite zupfte und diesen verträumten, wie von weit weg kommenden Klang aus seinem Instrument lockte und sich dadurch ganz plötzlich das gesamte Publikum in diesem Kaminzimmer, mit diesem alten vom Leben gezeichneten Freund befand.

Nach wenigen Minuten ging Lesung in Musik über und wir durften Willy Vlautin und seine ausgezeichnete Band durch einen Großteil der Songs ihres jüngsten Albums „We used to think the Freeway sounded like a River“ und einigen aus dem davor veröffentlichten „Thirteen Cities“  begleiten. Da gab es dann nachdenkliche Momente, aber auch solche in denen ordentlich gerockt wurde, denn das Leben mag zwar nicht immer fair sein, was aber nicht gleichzeitig heißt, dass es keinen Grund zum Feiern böte.

Richmond Fontaine, Vienna 09

Schließlich endete ein fantastischer Abend mit Richmond Fontaine; Willy Vlautin, mit dem ich vor Beginn des Konzerts auch ein paar Worte gewechselt hatte und der sich als durch und durch sympathischer  Mensch – wie übrigens auch der Rest der Band – herausgestellt hat, tat seinen Fans noch den Gefallen und signierte Bücher und CDs. So habe ich nun neben einem hübschen T-Shirt, auch noch zwei persönliche Widmungen von ihm in den beiden Büchern, die ich glücklicherweise zum Konzert mitgebracht habe.

Ich habe natürlich nicht vergessen, Richmond Fontaine ausdrücklich einzuladen, bald wieder nach Wien zu kommen, ob sie mir den Gefallen tun werden, weiß ich nicht, aber zumindest gibt es bereits jetzt einen Termin, der mich diesbezüglich mit Freude erfüllt. Im Februar 2010 wird Willy Vlautins neuestes Buch (auf Englisch) erscheinen. Es trägt den Titel „Lean on Pete“ und ich werde es mit Sicherheit sofort nach seiner Veröffentlichung bestellen. Wer das Konzert versäumt hat, dem empfehle ich allerwärmstens die beiden, oben erwähnten, jüngsten Alben von Richmond Fontaine sowie natürlich Vlautins bereits veröffentlichte Bücher „Northline“ und „Motel Life“. Die Rezension, die ich zu letzterem verfasst habe, findet sich übrigens hier.

Weiterführende Links:

Richmond Fontaine

Willy Vlautin

Susanne, 22. Oktober 2009

Veröffentlicht in:  on Oktober 22, 2009 at 4:41 Kommentar schreiben
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Skizzen aus Wien – Nr. 36

Rocking Sandworm - artwork zoer

Gestern Abend gab es zwei Ereignisse, die ganz zufällig, aber nicht ungünstig, zeitlich zusammenfielen. Im Wuk traten Magnolia Electric Co. auf und der Winter schickte einen ersten kalten Gruß nach Wien. Die warmen Zeiten sind also für heuer vorbei und so fand ich mich auf dem Weg in den 9. Bezirk wieder, mit der großen Hoffnung, die Kälte würde sich mit einer ordentlichen Dosis wärmespendendem Alt-Country vertreiben lassen.

Magnolia Electric Co. at Wuk Vienna, Austria. Photo by: Martin Vogelhuber

Das war dann auch tatsächlich der Fall und die Band rund um Frontman Jason Molina legte einen ausgezeichneten Auftritt hin, der rockiger vonstatten ging als vermutet. Wer „Josephine“, das jüngste Album der Truppe kennt, der hätte wohl eher einen schwermütigen Abend erwartet, ganz wie vor etwas mehr als zwei Jahren, als ich die Band zum ersten mal in der Wiener Szene erlebt habe. Und so hatte ich fast ein Déjà-vu-Erlebnis, als Molina mit seinem streckenweise sehr an Neil Young erinnernden Tenor zum Eingangslied „Josephine“ anstimmte. Eine Ballade, die er aber nach den ersten Takten dankenswerterweise zu Gunsten einer flotteren Gangart aufgab. Das schloss zwar dazwischen eingestreute melancholische Töne, wie z.B. das wunderschöne „Shenandoah“ nicht aus, legte das Hauptgewicht des Abends jedoch auf eine rockige Variante des Alt-Country. Und dafür war nicht nur ich, sondern auch das übrige Publikum, sehr dankbar.

Überhaupt war der Abend genau das richtige Gegengift zum aktuellen Wetter, denn die Musik führte den Zuhörer thematisch in südlichere Gefilde und man vergaß schlicht und einfach auf den nass-kalten Herbst der draußen lauerte. Mehr noch, nach den ersten Songs legte Molina seine Jacke ab und gab den Blick auf ein T-Shirt frei, dessen Bedruckung mich den ganzen restlichen Abend beschäftigte. Vorderseite: „Gus’s world famous fried chicken“. Rückseite: „You haven’t eaten chicken until you’ve eaten Gus’s fried chicken. Downtown Memphis.“ Dazu sei erwähnt, dass ich Memphis (Tennessee) kenne und bei meinem damaligen Aufenthalt dort die besten Barbeque Spareribs meines bisherigen Lebens gegessen habe, dass ich also den Anspruch von diesem Gus, er würde das weltbeste Fried Chicken zustande bringen, durchaus ernst nahm. Und so verging der Abend mit großartiger Musik, mit Erinnerungen an eine schöne und vor allem warme Gegend in den USA und mit dazwischen gestreuten Träumen von herzhaftem Essen.

Der Funke ist auf jeden Fall aufs Publikum übergesprungen und ich hatte auch den Eindruck, dass die Band einen vergnüglichen Abend hatte, denn nach dem Ende des Konzerts und auf dem Weg nach draußen, fanden sich gleich drei Mitglieder der Partie, die dort gemütlich ihre Zigaretten rauchten und uns mit einem überaus freundlichen „Good Night!“ persönlich verabschiedeten. Dass wir uns für ein tolles Konzert bedankt und sie zum baldigen Wiederkommen eingeladen haben, versteht sich von selbst.

Fazit: Besser konnte man den alljährlichen Kälteeinbruch kaum begehen.

Susanne, 13. Oktober 2009

Veröffentlicht in:  on Oktober 13, 2009 at 7:04 Kommentar schreiben
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Skizzen aus Wien – Nr. 33

Rocking Sandworm - artwork zoer

Der Herbst ist da und auch wenn er sich noch milde und versöhnlich präsentiert, es gibt kein Herumreden mehr, die kalte Jahreszeit steht vor der Tür. Das Gute daran ist, dass sich die Trägheit des Sommers langsam löst und man rings herum eine Art gespanntes Vorbereiten auf den drohenden Winter spürt. Es wird schneller dunkel, aber anstatt schon in einen vorzeitigen Winterschlaf zu driften, scheint es mir fast, als rüste man sich präventiv mit gesteigerter Aktivität gegen novemberliche Tristesse und vorweihnachtliche Verzweiflung. Und so hat es sich ergeben, dass auch mein Konzertkalender noch die eine oder andere Addition erfahren hat.

Allesamt Termine, die mich mit Vorfreude erfüllen und die ich den Sandwurm-Lesern auf keinen Fall vorenthalten möchte, vor allem, weil sich unter ihnen vielleicht einige befinden, die selbst noch auf der Suche nach musikalischer Ablenkung für den Herbst sind.

Der erste Termin steht am 12. Oktober am Programm. Magnolia Electric Co. werden im Wuk auftreten und wenn sie sich daran halten, was sie in ihrem jüngsten Album „Josephine“ präsentieren, dann sollte einem nachdenklich-entspannten Abend nichts im Wege stehen. Die Truppe rund um Jason Molina war das letzte Mal 2007 in der Szene Wien aufgetreten – ich hatte das Vergnügen diesen Auftritt mitzuerleben – und lässt sich gemeinhin unter dem Kürzel „Americana“ einordnen. Eine gefällige Mischung aus Country, Rock, Folk und Indie, gerne auch als Alt-Country bezeichnet, was mich aber immer wieder zur Feststellung veranlasst, dass man sich mit Kategorisierungen generell am besten zurückhalten sollte, weil sich auch der Oberbegriff ganz gut eignet, um zu beschreiben, was man zu hören bekommen wird: gute Musik. Tickets gibt es um moderate 16 Euro im Vorverkauf beim Wuk. Wer es zum angegebenen Termin nicht dorthin schafft, dem sei zumindest das neue Album von Magnolia Electric Co. ans Herz gelegt.

Kurz darauf spielt am 21. Oktober eine Formation, von der ich erst vor kurzem das erste Mal gehört habe (mein Dank an Mitblogger Martin) und die den blumigen Namen Richmond Fontaine trägt. Deren Bandleader Willy Vlautin beherrscht nicht nur exzellentes Songwriting, auch in der US-amerikanischen Literaturszene hat er sich bereits einen Namen gemacht. Ein erstes Hineinhören in das jüngste Album „We Used to Think the Freeway Sounded Like a River“ sowie in dessen Vorgänger „Thirteen Cities“ haben die Vorfreude auf dieses Event ungemein gesteigert, umso mehr, als ich mir mit dem Gasthaus Vorstadt auch eine für mich unbekannte Wiener Konzertlocation ansehen werde können. Ganz nebenbei habe ich mir auch das Erstlingswerk „Motel Life“ von Willy Vlautin bestellt – es wird also nach dem 21. Oktober nicht nur eine Konzert- sondern auch eine Literaturrezension geben. Wer sich das musikalisch-literarische Ereignis nicht entgehen lassen will, der sollte sich bald Tickets besorgen, denn soweit ich informiert bin, ist die Kapazität im Gasthaus Vorstadt begrenzt und der Preis von 12 Euro pro Karte ein echtes Schnäppchen. Die Vienna Songwriting Association, die den Act lobenswerterweise nach Wien bringt, ist dafür der richtige Anspechpartner. Auf jeden Fall eine ganz besondere Empfehlung vom Sandwurm!

Am 5. November schließlich steht mit dem Auftritt von Kris Kristofferson in der Wiener Stadthalle vermutlich ein Highlight des Konzertjahres 2009 am Programm. Rechtzeitig wird vorher auch noch das neue Album des Country-Altmeisters erscheinen („Closer to the Bone“), wer sich einhören will, sollte sich dessen Vorgänger „This Old Road“ besorgen – schöner kann ein nebelig kalter November mit Sicherheit nicht beginnen.

Ich werde mich bemühen hierorts bald nach den jeweiligen Konzerten ausgiebige Rezensionen zu veröffentlichen, sollte sich noch der eine oder andere Musiker, der es wert ist, live gesehen zu werden, nach Wien verirren, werde ich natürlich nicht zögern, dies hier zu verkünden. Das gilt selbstverständlich auch für Musikerinnen, aber diesbezüglich gibt es meiner Meinung nach, zumindest für das Jahr 2009, kaum eine, die die Performance von Candi Staton im März wird übertreffen können – vom Gegenteil lasse ich mich natürlich jederzeit gerne überzeugen.

Links zu den empfohlenen Artists:

Magnolia Electric Co.

Richmond Fontaine auf Myspace

Kris Kristofferson

Tipps, Informationen, geheime Tourpläne etc. immer gerne an The Sandworm!

Susanne, 20. September 2009

Veröffentlicht in:  on September 20, 2009 at 9:20 Kommentar schreiben
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Skizzen aus Wien – Nr. 32

The Sandworm - artwork zoer

Es ist eine Weile her seit den letzten Skizzen und ich musste erst nachsehen, welche Nummer der Eintrag damals hatte, war ich doch in den vergangenen Wochen so damit beschäftigt diverse Reiseberichte zu publizieren, kluge Mobiltelefone zu testen oder mich von den Politikstrapazen der Grünen Vorwahlen zu erholen, dass ich mich an derlei Details schon lange nicht mehr erinnern konnte. Ein Blick auf das Datum der letzten Skizze zeigte mir auch, dass der Eintrag mittlerweile mehr als zwei  Monate zurückliegt!

Nun, trotz ungewöhnlich warmer Tage hier in Wien, lässt es sich nicht leugnen, dass der Herbst so gut wie vor der Tür steht, Reisen und damit verbundene Berichte stehen demnächst nicht am Programm, höchste Zeit also auch hierorts wieder ein bisschen Routine einziehen zu lassen und einen kleinen Ausblick auf die nächsten Wochen und Monate zu geben. Im Vordergrund werden wie gewohnt die Themen Musik und Literatur stehen, dem Film möchte ich gerne etwas mehr Raum widmen, sollte mir nicht doch noch der Geduldsfaden reißen, dann wird die Berichterstattung zum derzeit noch in der Sommerpause verweilenden Politikexperiment Grüne Vorwahlen fortgesetzt werden und auch sonst sollen jede Menge weitere kulturaffine Themen Platz finden. Auch die Zweisprachigkeit soll beibehalten, der eine oder andere englische Eintrag hier veröffentlicht werden. Wer weiß, vielleicht packt mich doch noch einmal das Fernweh und es gibt im auslaufenden Jahr noch einen kleinen Reisebericht. Eröffnet soll die neue Skizzen-Saison mit einer musikalisch-literarisch-cineastischen Rundschau werden:

Musik

Das bisherige Konzertjahr war eher weniger ereignisreich, ein Jahr ganz im Zeichen der Wirtschaftskrise. Bis auf den fulminanten Auftritt von Candi Staton im Porgy & Bess diesen März sowie einem gemütlichen Abend mit Lambchop im Wuk Anfang Juli, war eigentlich wenig los in Wien – bedingt natürlich auch durch meinen sehr selektiven Musikgeschmack. Trotz allem hoffe ich auf einen starken Herbst und es gibt auch bereits ein Event, das, sollte sich nichts mehr tun in der Konzertbranche, mein Musikjahr zufriedenstellend ausklingen lassen wird: Am 5. November wird Kris Kristofferson in der Wiener Stadthalle auftreten, im Oktober erscheint sein neues Album „Closer To The Bone“ – die Vorfreude ist groß.  Davor werde ich vielleicht noch einen Abstecher ins Wuk machen – dort spielt am 12. Oktober eine Truppe namens Magnolia Electric Co, die ich bereits vor zwei Jahren in der Wiener Szene erleben konnte und die für eine äußerst gefällige Mischung aus Folk/Country/Indie – oder was man gemeinhin gern als Alt-Country bezeichnet – steht. Mit „Josephine“ hat die Band rund um Jason Molina erst vor kurzem ein sehr schönes neues Studioalbum veröffentlicht. Vielleicht macht auch Conor Oberst mit seiner Mystic Valley Band noch einen Abstecher nach Wien – im Mai war mit „Outer South“ das neue Album erschienen, ein Konzert würde also ausgezeichnet in den Terminkalender passen!

Literatur

Im heurigen Sommer wurde trotz aktiven Reisens und nachheriger Berichterstattung auch einiges gelesen, unter anderem:

Consider the Lobster“ von David Foster Wallace: Wieder eine Sammlung von Essays, die DFWs Stellung als mein aktuell absoluter Lieblinglingsautor zementiert hat und die hierorts zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher rezensiert werden soll. DFWs Debüt-Roman „The Broom of the System“ liegt bereits in meinem Regal und wird ebenfalls demnächst gelesen werden.

Revolutionary Road“ von Richard Yates: Zu Beginn des Jahres kam die Verfilmung des Romans in die Kinos, ich habe sie bisher noch nicht gesehen, Richard Yates’ Roman auf jeden Fall ist, um es mit einem Wort auszudrücken, brillant. Stilistisch erinnert Yates ein wenig an F. Scott Fitzgerald, so schreibt er in einer eindringlichen, sehr plastischen Manier, die einen lakonisch-distanzierten Unterton aufweist und so auf ungemein treffende Weise das Leiden der beiden Protagonisten, des Ehepaars Frank und April Wheeler, am Leben in der verspießerten amerikanischen Vorstadt anschaulich macht. Allerhöchste Leseempfehlung!

The Brief Wondrous Life of Oscar Wao“ von Junot Diaz: Bei diesem zu Beginn des Jahres sehr gehypten Roman zeigt sich was passiert, wenn Literatur-Rezensenten von einander abzuschreiben beginnen. Irgendwann hat offenbar irgendwer einmal geschrieben, dass Junot Diaz der neue Foster Wallace wäre, was sich dann in den Rezensionen fortpflanzte und dazu führte, dass auch ich mir das Buch gekauft habe. Eines ist auf jeden Fall festzuhalten, Junot Diaz hat wirklich nichts gemein mit Foster Wallace, es scheint offenbar zu genügen, dass man Fußnoten verwendet, um mit ihm verglichen zu werden. Nicht, dass Diaz ein schlechter Autor wäre, mir hat die Geschichte, die er erzählt, durchaus gut gefallen, vom Aufbau und Stil her würde ich ihn am ehesten noch mit Jeffrey Eugenides vergleichen, trotz allem wurde mir bei der Lektüre nicht klar, warum man diesen Mann als neues US-amerikanisches Literaturtalent feiert, warum dieses Buch mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Es ist zugegebenermaßen gut, aber nicht sehr gut und vor allem weit entfernt von herausragend. Stilistisch reicht es in keinem Fall an Größen wie z.B. Yates heran, oder eben an David Foster Wallace. Ich würde es eher wie der San Francisco Chronicle im Klappentext zusammenfassen: „a kick-ass work of modern fiction“, sehr unterhaltsam, Junot Diaz ist vielleicht ein Quentin Tarantino der Literaturszene, aber kein herausragender Schriftsteller.

The Voyage of the Beagle“ von Charles Darwin: Wir befinden uns immer noch im Darwin-Jahr, Grund genug für mich, endlich auch einmal die Werke von ihm zu lesen. Die Lektüre des erwähnten Reiseberichts habe ich bereits abgeschlossen, um das Bild abzurunden, lese ich aktuell gerade das Hauptwerk Darwins „On the Origin of Species By Means of Natural Selection“. Beide Werke sollen zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher rezensiert werden, soviel sei bereits erwähnt, es handelt sich bei beiden Büchern um hervorragende Beispiele von Wissenschaftsliteratur in höchster Perfektion und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich um wissenschaftliche Werke, die auch allerhöchsten literarischen Ansprüchen gerecht werden.

Film

Filmtechnisch gestehe ich, dass ich seltener ins Kino gehe, als ich es eigentlich möchte, dass man aber glücklicherweise – der DVD sei Dank – sehr viele herausragende Filme jederzeit auch daheim ansehen kann. Wobei diesbezüglich erwähnenswert ist, dass es so mancher Film hierzulande gar nicht erst in die Kinos schafft und man so gesehen darauf angewiesen ist, einen Verleih zu finden, der einem auch ausgefallene Werke zukommen lässt – mein Dank gilt dabei vorwiegend meinem überaus zuvorkommenden Blog-Kollegen Martin. Einer dieser Filme, der hierbei auch gleich wärmstens empfohlen sei, nennt sich „The Three Burials of Melquiades Estrada“ – ein skurriler und unglaublich fesselnder Film, bei dem Tommy Lee Jones nicht nur die Hauptrolle übernahm, sondern auch Regie führte. Jones verkörpert darin einen Rancharbeiter im Westen von Texas, der bis an seine Grenzen geht, um das seinem, von einem Grenzpolizisten erschossenen, Freund gegebene Versprechen einzulösen, ihn in seiner mexikanischen Heimat zu beerdigen. Sehenswert!

Im Oktober schließlich eröffnet wie gewohnt die Viennale ihre Pforten und ich habe mir vorgenommen, meine letztjährige Frequenz zu verdoppeln. Das sollte nicht schwer sein, denn ich habe vergangenes Jahr sage und schreibe einen (1) Film gesehen, wobei sich jedoch „Chop Shop“ von Regisseur Ramin Bahrani als hervorragende Wahl herausstellte. Mal sehen, ob mir das heuer gleich zweimal gelingt.

In diesem Sinne sei hiermit der Skizzen-Spätsommer eröffnet, über jedwede Kritik, Anregung oder Tipps freut sich wie immer – der Sandwurm.

Susanne, 30. August 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 29

musical sandworm - artwork zoer

Wenn die Temperaturen steigen, dann gibt es kaum Schöneres als sich einen Platz draußen zu suchen, im besten Fall vielleicht eine Terrasse oder einen ruhigeren Gastgarten, optimalerweise in der Nähe eines breiten Flusses, auf dem man dann zurückgelehnt mit einem kühlen Drink in der Hand seinen Blick ruhen und seinen Tagträumen freien Lauf lassen kann. Meine Suche nach einem derartigen Ort führte mich gestern Abend in die Wiener Praterstraße, zum mexikanischen Lokal „Tacos Lopez“, wo ich trotz uncharmantem Gastgarten – statt einem Fluss strömte der Wiener Individualverkehr vorbei – sehr gutes Essen und vor allem ausgezeichnete Margaritas vorfand. Die seltsame Verquickung von uninspirierter Lokalität und anregenden Speisen und Getränken schließlich trugen meine Gedanken weiter und weckten Erinnerungen an die mexikanische Grenzstadt Tijuana: ein heruntergekommenes, dreckiges, infernalisches Konglomerat aus Ramschläden, Bordellen, Drogen- und Medikamentenumschlagsplatz, in dem sich am Wochenende Horden von jungen Amerikanern, die zu Hause keinen legalen Alk kriegen, ins Koma trinken und sich nebenbei billige mexikanische Huren kaufen. Nichtsdestotrotz – ich habe schon immer ein Faible für eine Mischung aus Schön und Hässlich gehabt, meine gedankliche Reise nach Tijuana war keineswegs albtraumhaft, viel eher spülte sie amüsant skurrile Erinnerungen an die Oberfläche, die mäanderartig von der ersten Bekanntschaft mit dem, für Zucker gehaltenen, Salzrand am Margarita-Glas, über den Kauf eines als hundertprozentig aus Silber gefertigt angepriesenen Nickelarmbandes, bis hin zur Begegnung mit einem US-amerikanischen Zollbeamten, der mir beim Wiedereintritt in die Vereinigten Staaten in Bezug auf meine artige Deklarierung des eingeführten Mezcal augenzwinkernd den Konsum des darin eingelegten Wurmes eindringlichst ans Herz legte, da ich dadurch in den Genuss eines LSD-artigen Trips käme (Zitat: „You gotta eat the worm – it’s like dropping acid“) führten. Bis mir schließlich klar wurde, dass man eine ideale Sommerstimmung überall erzeugen kann, wenn man über die dafür benötigte, allerwichtigste, Zutat verfügt: die richtige Musik. Deswegen möchte ich den heutigen Eintrag auch den bereits angekündigten und zufällig optimal zum Thema passenden musikalischen Neuerscheinungen der letzten Wochen widmen: den aktuellen Tonträgern von Bob Dylan und Conor Oberst.

Beide scheinen auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben, trotz allem sind sie sich auf diesen beiden jüngsten Veröffentlichungen sehr ähnlich, indem sie sich musikalisch an einem „South of the Border“-Klang ausgerichtet haben, welcher im Falle Dylans etwas stärker ausgeprägt und musikalisch um eine Spur entspannter daher kommt, als Obersts Album, das etwas mehr zum Country-Rock tendiert. Nicht zu vergessen, den von Musikkritikern am Beginn von Obersts Karriere gerne strapazierten Hinweis, dieser sei, wenn man sein Songwriting betrachtet, unter Umständen der neue Dylan. Wie immer man das betrachten will, ich schätze beide Musiker über die Maßen und war demnach sehr gespannt auf deren jüngste Veröffentlichungen.

Bob Dylan, Together Through Life, VÖ: 24. April 2009, Sony Music

Beginnen wir bei Dylan. Aus rein chronologischen Gründen. Sein Album „Together Through Life“ erschien Ende April und ist sein mittlerweile 33. Studio-Album. Die Musikpresse reagierte mit unterschiedlichsten Rezensionen, manch alteingesessener Dylan Fan war enttäuscht, weil seiner Meinung nach der Meister mit diesem Werk die Musikgeschichte nicht ein weiteres mal zu revolutionieren vermochte, für andere wiederum ist jeder neue Song von Dylan schon per se weltbewegend, allein weil er eben von Dylan höchstpersönlich stammt und alles was von Dylan stammt, hat weltbewegend zu sein. Ich selber sehe das relativ entspannt. Ich gebe zu, ich bin Dylan Fan, trotzdem werde ich es tunlichst vermeiden, irgendwelche musikhistorischen Vergleiche anzustreben, geschweige denn eine Analyse vor dem Hintergrund des gesamten Dylan-Kanons zu versuchen. Ich fühle mich zu keinem von Beiden befähigt, ich bin viel mehr eine Kraut-und-Rüben Dylan-Hörerin. Ich mische bunt und höre das, wonach mir der Sinn steht. Im Bezug auf das neueste Album also kann ich mich nicht beschweren, es ist vielleicht keine musikgeschichtliche Revolution, es ist aber trotz allem ein gutes Album geworden. Mit bluesigen Noten und Tex-Mex Feeling, mit einigen Songs, die durch David Hidalgos (Los Lobos) Akkordeonspiel richtiggehend geadelt werden, mit launischen Texten, die mal abgeklärt, mal einfach entspannt sind und dem einen oder anderen ausgezeichneten Song. Mein aktueller Favorit „This Dream of You“.

Conor Oberst And The Mystic Valley Band, Outer South, VÖ: 6. Mai 2009, Merge Records

Conor Oberst begab sich nach dem Album Cassadaga (2007), welches er noch unter dem Bandnamen „Bright Eyes“ veröffentlicht hat, nach Mexico und hatte vorgehabt nach langer Zeit wieder ein Solo-Album zu veröffentlichen. Irgendwie kam dort jedoch eine Truppe von Freunden und Bekannten zusammen und Oberst fand sich plötzlich inmitten der Mystic Valley Band wieder. Das Resultat davon war „Conor Oberst“ (2008). Erwachsener und viel entspannter klingt Oberst auf diesem Tonträger, vor allem geht auch er musikalisch stärker in Richtung Country-Rock, eine stilistische Entwicklung, die ich nur gutheißen kann, die aber offenbar einige seiner hartgesottenen Indie-Anhänger etwas verstört. Oberst macht trotzdem was er will, gut so, denn mit „Outer South“ hat er – noch stärker auf das Kollektiv Mystic Valley Band gestützt – den Nachfolger dieses Tex-Mex-Country-Alt-Rock-Fabrikats veröffentlicht. Da lamentieren dann die einen, dass es nicht gut wäre, wenn man Freunde auf seinem Album singen lässt, die anderen wiederum beklagen, dass Oberst der neue entspanntere Stil überhaupt nicht bekäme, alle scheinen sich die von Teenager-Angst besetzten früheren Bright Eyes Alben herbeizuwünschen. Selber schuld ist in diesem Fall meine Antwort, denn Oberst hat mit dem neuen Tonträger ein musikalisches Oeuvre veröffentlicht, das sich insgesamt sehr gut anhört. Da finden sich dann rockig-abgeklärte Nummern à la „Roosevelt Room“, country-lastigere Songs wie „Big Black Nothing“ oder entspannte Tracks wie „Ten Women“. Mein aktueller Favorit: „I got the Reason #2“. Auf jeden Fall bekommt man beim Zuhören das Gefühl, dass hier schlicht und einfach unverkrampft gejammt wird und wirklich gute Musik ganz nebenbei entsteht, unabhängig davon ob jetzt Oberst höchstpersönlich am Mikro steht, oder nicht.

Alles in Allem hat man mit diesen Alben zwei ausgezeichnete Sommerplatten, die, egal wo man sie anhört, gute Laune aufkommen lassen. Ob man sich nun in Texas, zurückgelehnt auf der Terrasse einer alten Hacienda, mit Blick auf den Rio Grande, oder im abgefuckten Hinterhof einer Bar in Tijuana befindet. Im einfachsten Fall tut es sogar die eigene Couch. Dann benötigt man nur noch einen halbwegs funktionstüchtigen CD-Player – einschalten, kaltes Getränk in die Hand, zurücklehnen, Augen zu – und schon ist man „South of the Border“.

Susanne, 24. Mai 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 26

musical sandworm - Artwork ZOER

 

Dienstag, 21. April 2009, Porgy & Bess, Wien. Auftritt von Candi Staton & Band und der erste ernstzunehmende Konzerttermin in diesem Jahr. Ich war zwar physisch bereits im Jänner beim Termin von Marc Lanegan und Greg Dulli im Wuk anwesend, außer dass dieses Konzert, soweit ich es hören konnte, akustisch recht angenehm klang, kann ich jedoch nicht viel mehr darüber berichten, da ich im Foyer in eine hochinteressante Diskussion verwickelt wurde und es so nicht einmal bis in den Konzertsaal geschafft habe. Anders jetzt bei Candi Staton. Ich hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, vor dem Sommer noch ein akzeptables Konzert zu sehen, da hat mir mein Blogkollege Martin vom geplanten Auftritt erzählt, die Karten waren schnell gekauft und vergangenen Dienstag war es soweit.

Im Gegensatz zu meinem letzten Besuch im Porgy & Bess (Skizzen aus Wien Nr. 8 ) haben sich die Veranstalter diesesmal gottseidank dafür entschieden, die Bestuhlung wegzulassen, einem vergnüglichen Konzerterlebnis stand also nichts im Wege. Zwar hatte ich, nach dem was auf den letzten zwei Alben Statons zu hören ist, eher mit einem besinnlicheren Ton gerechnet, es kam aber ganz anders. Candi Staton, mittlerweile 66 Jahre alt, betrat die Bühne sichtlich gut gelaunt und legte los. Begleitet von einer exzellenten Band (darunter auch einer ihrer Söhne, zuständig für Percussions) kündigte sie gleich selbst an, dass es sich hier um eine Party handle. Ein besonders sympathischer Aspekt war übrigens die Tatsache, dass die beiden Background Sänger nicht in den wortwörtlichen Background verbannt waren, sondern ebenbürtig neben Staton vorne auf der Bühne ihren wohlverdienten Platz fanden. Was folgte war ein unerwartet mitreißendes Konzert, in dem auch der eine oder andere besinnlich-traurige Song nicht unterschlagen wurde (z.B. eine ausgezeichnete Version von Presleys „In The Ghetto“), in dem aber das Wohlbefinden des Publikums ein Hauptanliegen der Künstlerin und ihrer musikalischen Unterstützung zu sein schien. Staton zeigte sich als zutiefst sympathische Performerin, die den Abend fast im Zwiegespräch mit den Zuhörern bestritt und die vom ersten Augenblick an mit ihrer unglaublichen Energie und einer fantastischen Stimme beeindruckte. Die gute Laune Statons übertrug sich sofort aufs Publikum, songtechnisch war dann auch für Jeden und Jede etwas dabei. Von „I’d Rather Be An Old Man’s Sweetheart“ und „Stand By Your Man“, bis zu „Who’s Hurting Now“ (vom aktuellen Album) und der mit dem Publikum gemeinsam gesungenen weiteren Presley-Nummer „Suspicious Minds“. Nicht zu vergessen auch „Young Hearts, Run Free“, jenem Song, mit dem Staton 1976, anno disco, einen veritablen Hit geliefert hat.

Stilistisch im Cross-Over zwischen Soul, Funk, Country, R&B und Gospel, gab es zwischen den Songs Aufmunterung und Durchhalteparolen für die weltwirtschaftskrisengeplagten Zuhörer – „everything’s gonna be alright“  – oder Staton philosophierte über ihr Leben und ihre Lieder, die sich zum allergrößten Teil mit jenem Thema beschäftigen, das auch den Rest der Menschheit permanent in Atem hält: die Liebe. Trotz allem aber musste man an diesem Abend nicht die Taschentücher auspacken (dafür empfehle ich private Hörabende der letzten beiden Alben Statons), sondern konnte wahlweise mitsingen, -klatschen oder -tanzen. Sprichwörtlich lud Staton dann noch zum Kirchenbesuch ein – wer ihre Biographie liest lernt, dass sie sehr lange ausschließlich im Kirchenchor sang, um persönliche Probleme zu bewältigen – trotz allem gab es aber keine Missionierungsversuche, im Gegenteil, es ging ja auch in die „Church of Soul“ und nach diesem Konzert kann ich guten Gewissens sagen, dass ich in dieser Glaubenskongregation sofort Kirchgängerin würde. Nach zwei Zugaben ging der Abend schließlich zu Ende und ich kann nicht behaupten, dass ich beim Verlassen der Konzertlocation auch nur ein unzufriedenes Gesicht erblickt hätte. Dazu fällt mir ein, dass Candi Staton bereits nach dem ersten Song des Abends zum Publikum meinte: „I’m so glad I came today“, darauf kann ich nach diesem Konzert bloß eines erwidern: „So were we, Candi, so were we!“.

Allen, die Soul und verwandte Musikrichtungen schätzen, seien Candi Statons aktuelles Album „Who’s Hurting Now“, sowie der Vorgänger „His Hands“ wärmstens empfohlen, mir bekannt auch noch eine Zusammenfassung ihrer Alben „I’m Just A Prisoner“ und „Stand By Your Man“, die sich „Candi Staton – The Sweetheart of Soul“ nennt und einen guten Einblick in ihre künstlerische Arbeit Ende der 1960er und Anfang der 1970er gibt. Wer sein Herz für Soul et. al. noch nicht entdeckt hat, dem empfehle ich die Compilation „Dirty Laundry – the Soul Of Black Country“, eine exzellente Songsammlung, welche die unterschiedlichen Zugänge afroamerikanischer Gesangskoryphäen wie Bobby Womack, The Pointer Sisters, James Brown, Solomon Burke oder eben auch Candi Staton zur Country-Musik eindrucksvoll darlegt und für Genrenovizen ein idealer Einstieg ist (ein herzliches Dankeschön diesbezüglich an Mitblogger Martin!).

Hier noch der Link zu Candi Statons Webseite für alle, die mehr über sie wissen möchten.

Und nachdem in meinem Fall der Konzertkalender derzeit wieder völlig leer ist, noch schnell ein paar Hinweise auf die nächsten interessanten Alben, die eine längere konzertfreie Phase möglicherweise (mir auf jeden Fall) erträglicher machen. Da gibt es Bob Dylans „Together Through Life“ sowie Conor Oberst and The Mystic Valley Band mit „Outer South“. Wer sonst noch über geheime Informationen in Sachen Konzerte, Wien und Albenreleases verfügt, bitte keine Hemmungen und Kommentar an The Sandworm!

 

Susanne, 26. April 2009

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Skizzen aus Wien – Nr. 25

literary sandworm

 

Eigentlich hatte ich vorgehabt heute eine umfassende Rezension von David Foster Wallaces Infinite Jest zu veröffentlichen, das Wetter jedoch hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn nachdem sich dieses Buch absolut nicht als „Unterwegs-Buch“ eignet (über 1000 Seiten und laut Küchenwaage ein Gewicht von exakt 1.100 Gramm) und eine auf die Wohnung begrenzte Lektüre meinem durch die langen und harten Wintermonate extrem ausprägten Sonnen- und Farbhunger diametral entgegenstand, mussten in der vergangenen Woche transporttauglichere Bücher herhalten, was schließlich dazu geführt hat, dass ich Infinite Jest noch nicht fertig lesen konnte und folglich auch nicht rezensieren kann. Nachdem es aber trotz allem wieder einmal höchst an der Zeit ist, ein paar Literaturempfehlungen zu geben, erlaube ich mir noch vor der Rezension von D.F.W.s Hauptwerk, den Sandwurm-Lesern ein paar kleinere Lesevorschläge aus dem Fundus jener Bücher zu unterbreiten, die ich vor kurzem gelesen, und welche einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben.

 

Arthur & George, published by Random House, Vintage 2006

Nummer eins und damit auch an 1. Stelle der Bücher, die ich ohne jede Einschränkung allerwärmstens empfehlen kann: Arthur & George von Julian Barnes. Der Autor hat mit diesem Buch nicht nur ein exzellent erzähltes, hervorragend recherchiertes und ab der ersten Seite fesselndes Werk geschaffen, er liefert gleichzeitig einen eindringlichen Appell an Zivilcourage und Antirassismus mit, ohne dabei jemals zu predigen oder die Moralkeule zu schwingen. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit, den sogenannten „Great Wyrley Outrages“, im Großbritannien rund um die Wende zum 20. Jahrhundert und beschreibt wie sich die Lebenswege zweier grundverschiedener Männer durch dieses Ereignis zufällig kreuzen. Der eine – George Edalji – dunkelhäutiger Brite indischer Abstammung, arbeitet sich diszipliniert bis zum Advokaten hoch, der andere – Arthur Conan Doyle – wird durch die Erfindung der Romanfigur des Sherlock Holmes weltberühmt und bereits zu Lebzeiten zur bewunderten und respektierten Person des öffentlichen Interesses. Julian Barnes hat mit Arthur & George ein absolut brillantes Erzählwerk geschaffen, welches spannend, berührend und aufwühlend ist, aber auch nachdenklich macht, umso mehr, als der mehr als hundert Jahre alte Fall erstaunliche Aktualität besitzt. Barnes’ ausgefeilter, eleganter Stil schließlich runden das Leseerlebnis ab, wer des Englischen mächtig ist, unbedingt im Original lesen!

 

Elisabeth Gaskell, North and South, published by Penguin Popular Classics 1994

Auf dem aktuell zweiten Platz liegt mit einem weiteren englischen Buch Elizabeth Gaskells North and South. Gaskell war Zeitgenössin bekannter britischer Autorinnen wie Emily oder Charlotte Brontë (über letztere hat sie auch eine Biographie veröffentlicht), sie hat ihre relative Unbekanntheit jedoch keinesfalls verdient. In diesem Sinne soll ihr hier die Aufmerksamkeit zukommen, die ihr eigentlich zustünde. Wer, so wie ich, den literarischen Stil angloamerikanischer Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts schätzt (z.B. Hardy, Thackeray, die Brontë Schwestern, Austen, Wharton, James…), dem sei hiermit garantiert, dass ihm auch Elizabeth Gaskell gefallen wird. North and South ist diesbezüglich ein ungemein spannendes, ereignisreiches Buch, das in England, in der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts, spielt und die Geschichte einer jungen Frau namens Margaret Hale erzählt. Dabei geht es keineswegs bloß um Heirats- und Liebesgeschichten (keine Angst, die gibt es auch!), Gaskell setzt sich kritisch mit den Auswirkungen der Industrialisierung, der Kluft zwischen den sozialen Klassen und der Ausbeutung von Arbeitskräften auseinander. Einziger Wermutstropfen ist dabei eine etwas oberflächliche Einflechtung eben erwähnter Liebesgeschichte, die denn auch etwas abrupt im – Achtung Spoiler! – von Beginn an vorauszusehenden Happy Ending mündet. Nichtsdestotrotz ist North and South sehr zu empfehlen, aufgrund seiner Einteilung in relativ kurze Kapitel (das Buch wurde als Serie in einer Zeitschrift veröffentlicht) eignet es sich besonders als U-Bahn- und Bus-Buch.

 

Marcel Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte, erschienen im Suhrkamp Verlag 2004

Nummer drei schließlich das bis dato einzige deutschsprachige Buch, welches ich im noch jungen Jahr auf meiner Leseliste abhaken kann, welches aber durch seinen Umfang die allgemeine Verteilung zwischen den beiden Sprachen, in welchen ich mich derzeit in der Lage sehe anspruchsvolle Literatur zu lesen, doch fast ausgewogen erscheinen lässt: Marcel Prousts Im Schatten junger Mädchenblüte. Obwohl ich des Französischen mächtig bin, haben mich der Umfang und die Komplexität des Lebenswerkes Prousts, welches aus insgesamt sieben Teilen besteht und den Titel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit trägt, dann doch zur deutschen Übersetzung greifen lassen und ich wurde bis dato nicht enttäuscht. Prousts ausführlicher, extrem detailreicher Stil nimmt einen von Beginn an mit auf eine Reise, die unablässig Bilder vorm inneren Auge heraufziehen lässt und welche die Lektüre dieser Erzählung zu einem nie langweiligen, ungemein imaginativen Leseabenteuer macht. Selbst wenn Proust seitenweise das langsame Leben an der Küste der Normandie, an die sich der mittlerweile im Jugendalter befindliche Protagonist mit seiner Großmutter zurückgezogen hat, um die Sommermonate zu genießen, beschreibt, nie sind seine Schilderungen langatmig. Launisch berichtet er von der ersten Liebe zur jungen Gilberte, oder von jener zu Albertine, von der feinen Gesellschaft der Belle Époque oder einfach vom Blick aus seinem Fenster aufs Meer. Im Schatten junger Mädchenblüte ist über 800 Seiten lang, macht aber große Lust sich einen Schritt weiter auf die Suche zu begeben, die Suche nach der Zeit, die bei der Lektüre Prousts zwar verloren geht, aber niemals vergeudet ist. Im Gegenteil – unbedingt lesen!

Abschließend noch ein musikalischer Tipp: obwohl es bereits so ausgesehen hat, als ob dieses Jahr konzerttechnisch eine Totalkatastrophe wird, gibt es am Dienstag, dem 21. April, den ersten Lichtblick: Soul-Ikone Candi Staton tritt im Porgy & Bess auf!

 

Susanne, 19. April 2009