Skizzen aus Wien – Nr. 35

The Sandworm - artwork zoer

Sehr häufig mache ich mir Gedanken zum Thema Sprache, ihrer Verwendung und ihrem Missbrauch. Meistens verfalle ich beim Nachdenken darüber in Rage, weil unsere Sprache seit längster Zeit in einer Art und Weise verwendet wird, die man wahlweise mit den Begriffen „Sprachbrei“ „Geschwurbel“ oder „heiße Luft“ überschreiben kann. Das gilt sowohl für das was man aus Politik, Wirtschaft und Journalismus hört, aber leider auch für die Wissenschaft.

Immer wieder ärgere ich mich dann über inhaltsleere Interviews mit Politikern, über die fehlende Courage der sie befragenden Journalisten – hat sich schon jemals wer überlegt ein Interview einfach abzubrechen, wenn die Frage beim zweiten Mal nicht beantwortet wird? – sowie über den schleichenden Austausch verständlicher Texte oder Kommentare durch die meist wahllos scheinende Aneinanderreihung von hochgestochenen Worten, die, wenn man sie zu analysieren beginnt, eigentlich keinen Sinn ergeben.

Nachdem diese Phänomene keine neuen sind, derzeit aber wieder Hochkonjunktur zu haben scheinen, möchte ich in meinem heutigen Eintrag näher darauf eingehen, nicht zuletzt weil mir diesbezüglich der von mir sehr geschätzte Schriftsteller David Foster Wallace, in einem Essay, voll und ganz aus dem Herzen gesprochen hat. DFW hat die ganze Problematik darüber hinaus nicht nur hochamüsant, sondern logisch schlüssig und vor allem ruhig und überlegt zu Papier gebracht. Derlei möchte ich den Sandwurmlesern nicht vorenthalten, auch auf die Gefahr hin über einen längeren Essay hinweg den einen oder die andere Leserin zu vergraulen.

Der erwähnte Aufsatz trägt den bezeichnenden Titel „Authority and American Usage“ (1) und bezieht sich auf die englische Sprache, respektive amerikanisches Englisch, die darin getätigten Argumente lassen sich jedoch mit Leichtigkeit auch auf den deutschen Sprachraum übertragen.

Eigentlich dreht sich DFWs Essay rund um die Rezension des Wörterbuches „Dictionary of Modern American Usage“, was soviel wie eine Art Stilführer für den Gebrauch amerikanischer Sprache ist, der Aufsatz ist in seiner Gesamtheit jedoch nicht nur eine hochinteressante Analyse zeitgenössischer amerikanischer Linguistik, er ist durch die persönliche Note, die der Autor miteinbringt und wofür ich ihn umso mehr schätze, auch noch hochamüsant. Wie man es von DFW gewohnt ist, schweift er dabei in die eine oder andere Fußnote, den einen oder anderen Exkurs ab und hantelt sich so von der Bewertung des Lexikons weiter zu den Themen Politische Korrektheit (forthin PC) und akademisches Englisch. Er verliert jedoch nie das übergeordnete Motiv aus dem Auge, sondern knüpft eine brillante, logisch schlüssige, Kette, um seine Argumente in Bezug auf das generelle Thema Sprachgebrauch auszuführen und zu begründen. Dabei spricht er mir so sehr aus dem Herzen, dass eine nochmalige Lektüre des Aufsatzes mich fast zu Tränen gerührt hätte.

Ich möchte nicht auf den gesamten Inhalt des Essays eingehen, sondern mich auf die wichtigsten Punkte konzentrieren, nämlich die Problematik der Verwendung einer zunehmend verwaschenen, inhaltsleeren Sprache, die vermutlich nicht nur mich, sondern auch einige andere hierzulande quält. Wer kennt nicht die hohlen Politikerfloskeln, die uns Zuhörer entweder zur Weißglut treiben, oder einen sofortigen Ausschaltimpuls im Fall eines TV-Interviews auslösen. Wem nicht sofort einige Beispiele dazu einfallen, kann sich hier einen ersten Überblick verschaffen.

Das Problem und das ist auch ein Grund, warum ich mich endlich entschlossen habe, darüber zu schreiben, ist aber nicht allein in der Politik zu finden. Die Verwässerung von Inhalten oder die vollkommene Abwesenheit einer Aussage, diese Sprachverwendungskrankheiten scheinen sich durch alle Schichten zu ziehen, die in unserer Gesellschaft noch irgendeinen Einfluss haben. Von der Politik über die Wirtschaft zur Werbung bis hin zur akademischen Gemeinschaft. Nicht zuletzt offenbart die grassierende Inhaltslosigkeit aber auch einen Rückzug aus der persönlichen Verantwortlichkeit. Kein Konzern will mehr für die Nichtwirkung seines Produktes haften, deswegen schwört man auf sinnlose Phrasen, kein politischer Mandatar möchte sich in die Nesseln setzen und seine Haltung zu einem Thema preisgeben, deswegen larviert man um das Thema herum und vergeht sich in Gemeinplätzen, die akademische Elite hat längst bemerkt, dass man unliebsame Eindringlinge am besten von sich fernhält, indem man sich hinter einer kryptischen Pseudosprache versteckt, die zwar inhaltlich kaum Neues bietet, mitunter, wenn man sich mit diversen Publikationen näher auseinandersetzt, sogar überhaupt keinen Inhalt offenbart, die aber und das ist der Zweck der Übung, den elitären Zirkel klein hält und vor allem jenen Schichten, die sozial schwächer sind den Eintritt verwehren. Statistiken dazu muss ich Ihnen wohl keine präsentieren, die gibt es zu Hauf. Ganz oben auf diesem Berg von Geschwurbel sitzt dann etwas was man in den USA und England gern als political correctness (PC) oder hierzulande als politisch korrekte Ausdrucksweise bezeichnet.

DFW setzt sich mit dieser Thematik auf höchst interessante Weise auseinander und ich möchte dazufügen, dass, auch wenn er aufgrund der englischen Sprache, welche die Problematik nicht so eklatant kennt, wie das Deutsche, das Thema „gendergerechte Ausdrucksweise“ nicht ausdrücklich erwähnt, ich es sehr wohl in mein Argument miteinbeziehen werde, weil es genauso dazugehört.

DFW beginnt seine Analyse in der Linguistik, wo sich konservative Präskriptivisten und liberale Deskriptivisten auf Biegen und Brechen bekämpfen („usage wars“) und sich darüber streiten, ob man gewisse Regeln in der Sprache festschreiben soll (präskriptiv), oder ob Sprache sich permanent wandelt und kein einzelner Dialekt per se der richtige ist (deskriptiv). Über den Streit in diesen zwei Lagern hantelt sich der Autor weiter zur PC und kommt damit zur Essenz dessen, was ich hier gerne darlegen möchte: PC und das bezeichnet der Autor als die Ironie an der Geschichte, wäre auf dem Mist der Liberalen, oder der Linken, wie wir sie hier bezeichnen, gewachsen und spiegele eine gewisse „von Lenin zu Stalin“- Ironie wider. Warum? Die ursprüngliche Revolution, so DFW, die zu einer Zurückweisung des traditionellen Verständnisses von Autorität (in den USA getrieben durch die Anti-Vietnam-Bewegung) einerseits und festgeschriebener Ungleichheit (die Bürgerrechtsbewegung) andererseits geführt hat, sei mittlerweile in einer viel unflexibleren Dogmatik gemündet, nämlich jener der Politischen Korrektheit. Und, so die Meinung DFWs, diese wäre nicht nur dumm, sondern würde auch den eigentlichen Zweck, der damit verfolgt wird, beschädigen.

Der Autor stellt dies nicht bloß in den Raum, sondern er begründet seine Sichtweise natürlich. Bestimmte Konventionen im Sprachgebrauch, so meint er, würden auf zweierlei Weise funktionieren. Entweder sind sie die Reflexion einer Veränderung, oder aber sie sind das Instrument, um eine Veränderung zu bewirken. Die zwei Funktionen müsse man jedoch trennen, um nicht den gewaltigen Fehler zu begehen, die politische Symbolik der Sprache, mit politischer Wirksamkeit zu verwechseln. Oder wie DFW es anders ausdrückt, um nicht der bizarren Überzeugung zu verfallen, Amerika (gerne auch mit Österreich auszutauschen) wäre plötzlich allein deswegen nicht mehr unfair oder elitär (wahlweise zu ergänzen mit rassistisch, frauenfeindlich, etc.), weil ein bestimmtes Vokabular nicht mehr verwendet würde. Der große Trugschluss von PC, und ich füge dazu, auch von gendergerechter Sprache, wäre der Glaube, dass die Ausdrucksweise einer Gesellschaft das Produkt ihrer Einstellung sei und nicht umgekehrt.

Die viel größere Ironie aber, so DFW, wäre die Tatsache, dass PC vorgibt der Dialekt einer progressiven, liberalen Reform zu sein, während er – weil man in nahezu Orwell’scher Manier an die Stelle faktischer sozialer Gleichheit einen Euphemismus für soziale Gleichheit setzt – in der Tat den Konservativen eine viel größere Hilfe ist, den Status Quo, bzw. soziale Ungerechtigkeit, aufrecht zu erhalten. Wie das? DFW meint dazu, dass es ihm, wäre er ein Konservativer, der gegen eine Steuerreform zur gerechteren Verteilung nationalen Reichtums wäre, große Freude bereiten würde, wenn die Linke ihre Zeit und Energie damit verschwendet, darüber zu diskutieren, ob man eine „arme Person“ nun besser als „Person niederen Einkommens“ oder als „ökonomisch benachteiligt“ bezeichnet, anstatt sich darauf zu konzentrieren wirksame Argumente für Verteilungsgerechtigkeit oder Vermögensbesteuerung zu entwickeln. Mit einem Wort, so DFW, politische Korrektheit fungiert als eine Art Zensur, und Zensur dient immer der Aufrechterhaltung des (konservativen) Status Quo.

Als lebhaftes Beispiel seiner Logik führt der Autor an, dass es einem Familienvater dessen Einkommen an der Armutsgrenze liegt, wohl relativ egal ist, ob man ihn als „arm“ oder „ökonomisch benachteiligt“ bezeichnet (2). Die Tatsache, dass sich ganze politische Parteien, oder Interessensgruppierungen fast ausschließlich, ja fast manisch, auf die ihrer Meinung nach „korrekte“ Verwendung von Sprache kaprizieren, sich quasi als eine Art Sprachpolizei (DFW verwendet diesen Ausdruck ebenfalls und daneben noch einige andere…) auf jede von ihnen entdeckte „falsche“ Ausdrucksweise stürzen, mag einerseits in den Bereich Überkompensation fallen, die sich vermutlich aus der als frustrierend empfundenen eigenen Machtlosigkeit speist, DFW bringt aber ein weiteres sehr überzeugendes Argument vor.

Er meint, dass die zwanghafte Verwendung politisch korrekter Ausdrucksweisen in vielen Fällen von den Betroffenen als beleidigend empfunden wird (3), nicht nur weil sie herablassend, sondern eigentlich scheinheilig und egoistisch ist. Und zwar deshalb, weil ein Teil der Motivation des Sprechers ein bestimmtes Vokabular zu benutzen immer auch den Wunsch ausdrückt, Dinge über die eigene Person zu kommunizieren. D.h. die Person, die sich auf gewisse Ausdrucksweisen versteift, tut bis zu einem gewissen Grad nichts anderes, als den eigenen Narzissmus zu füttern. Und begeht dabei einen gewaltigen Fehler, mit dessen Analyse DFW das derzeit so grassierende Problem der Linken und eine der Ursachen beschreibt, warum sie gerade in Zeiten, die wirtschaftlich schwierig sind, also bestes Terrain Wählerklientel zu generieren, so eklatant dahinsiechen, dass man sich eigentlich größte Sorgen machen müsste (4). Den Grund dafür sieht DFW (natürlich in Bezug auf die amerikanische Linke) in der Tatsache, dass die eigene Eitelkeit für die Sache der Linken oder Liberalen (wie immer man sie bezeichnen will) deshalb so schädlich ist, weil man dadurch – man sieht sich ja selbst als uneingeschränkt empathisch und großzügig (siehe dazu auch wahlweise Interviews und Reden von diversen politischen Funktionären) und möchte natürlich auch, dass einen die anderen so erleben – die Chance verpasst seine Argumentation in realistischer und realpolitisch glaubwürdiger Art und Weise vorzubringen. D.h. die Argumentation rund um Themen wie Vermögenssteuern, Grundsicherung, etc. könnte durchaus auch auf Eigeninteresse gründen und darauf hinweisen, dass eine Umverteilung der Mittel auch den Besserverdienern nützt, egal ob sie nun Mitleid mit Arbeitslosen oder Benachteiligten haben oder nicht, weil sich dadurch der soziale Frieden im Land aufrecht erhalten lässt und letztlich gerade dadurch das Eigentum der sogenannten Elite geschützt bleibt.

Über einen weiteren Einschub schließlich erweitert DFW sein Argument auch auf den Bereich des akademischen Englisch, welches wie die deutsche Wissenschaftssprache, zu einem Gutteil unverständliches Kauderwelsch ist und nicht in erster Linie dazu dient irgendeine Botschaft zu transportieren, sondern wie auch im Falle von PC, viel mehr die Funktion erfülle, das Ego des Verfassers zu streicheln. Dieses Kauderwelsch, welches George Orwell übrigens bereits im Jahre 1946 in einem ausgezeichneten Artikel (5) angeprangert hat – ein Hinweis der DFWs Argumentationslinie in hervorragender Weise nicht nur illustriert, sondern ihr noch mehr Nachdruck verleiht – ist mittlerweile aus der akademischen Welt in Bereiche wie Werbung (Lipidinose X Faltencreme,…), Wirtschaft (downsizing, outsourcing, …), Kunst (kryptische Ausstellungstexte…) und Journalismus (lesen sie diverse Theater-, Literatur- oder Filmrezensionen…) gesickert und Orwell war bereits damals der Meinung, dass es sich um „eine Mischung aus Vagheit und schierer Inkompetenz“ handle, in der es normal wäre „auf lange Passagen zu treffen, die fast völlig jeglicher Sinnhaftigkeit entbehren“. Einer der Hauptgründe dafür wäre, so DFW, dass es den Verfassern dieser sinnlosen Botschaften meist darum ginge, sich als Intellektuelle zu präsentieren und der Griff zu undurchsichtigen Abstraktionen oder protzigem Vokabular lediglich der Funktion diene, den Autor der Zeilen nicht auf eine definitive Botschaft festnageln zu können, eine Botschaft, die man widerlegen könnte, oder die ihn letztlich gar als dumm entlarvt.

Und das ist eine jener Schlussfolgerungen in diesem Essay von DFW, die ich auch selbst als die Ursache für die grassierende Inhaltsleere politischer, wirtschaftlicher oder journalistischer Botschaften deute und womit ich zum Ende dieses zugegebenermaßen sehr langen Eintrags kommen möchte. Keine der Personen, die sich in unserem Land in einer Position der Verantwortung befinden, hat mehr den Mut ihre Meinung verständlich darzutun, weil es offenbar keiner von ihnen darum geht, wirklich etwas zu verändern, sondern weil man sich bloß noch an seine Ämter klammert, die durch eben an dieser Stelle erwähntes Kauderwelsch erworben wurden. Und das nicht einmal, weil die Wähler dieses Gewäsch tatsächlich jemals geglaubt haben, sondern weil es keine Alternative mehr dazu zu geben scheint. Worin letztlich auch der Grund liegen mag, warum immer mehr Wähler es vorziehen, am Wahltag zu Hause zu bleiben.

Wie sieht das DFW? Nachdem der Autor seine Ausführungen zu PC und akademischem Englisch abgeschlossen hat, wendet er sich wieder der Linguistik zu und dem von ihm rezensierten Wörterbuch. Dieses Wörterbuch wurde von einem Mann herausgegeben, den DFW offenbar sehr bewundert, er erklärt dem Leser auch warum. Das Wörterbuch sei deswegen brillant, dessen Autor deswegen ein Genie, weil er sich erst gar nicht auf den Krieg zwischen Präskriptivisten oder Deskriptivisten einließe. Während sich erstere ständig auf die Logik berufen und arroganterweise darauf beharren im Bezug auf die korrekte Sprachverwendung im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, sprich „Autorität“ zu besitzen, würden sich zweitere einem rhetorischen Pathos hingeben, dessen Ursprung in den 1960-ern liegt und der alles ablehnt, was auch nur an Begriffe wie „Autorität“ oder „Elite“ anstreift, de facto wären letztere schließlich nichts anderes als Demagogen. Und während diese beiden Gruppen beständig aneinander vorbeiargumentieren würden, so DFW, läge die Cleverness des Wörterbuchautors darin, sich seine Autorität schlicht und einfach mit Glaubwürdigkeit zu erarbeiten. Der Autor würde sich weder als Sprachpolizist noch als Demagoge gerieren. Diese Art der „Autorität“ schafft er sich durch eine Umdefinierung gerade dieses Begriffes. Autorität sei in diesem Sinne „die Macht zu beeinflussen oder zu überzeugen“ und zwar durch „Wissen oder Erfahrung“. Ein technokratischer Ansatz, laut DFW, der einer Person deshalb Autorität verleiht, weil sie sachkundig, vernünftig, ruhig und fair, in einer Kombination mit klarer, logischer Beweisführung, agiert. Diese Eigenschaften würden dazu führen, dass der Autor des Wörterbuches als glaubhaft empfunden wird – weil man zumeist jenen Experten vertraut, deren Expertise aus einer als ehrlich empfundenen Leidenschaft für ihr Metier entspringt und nicht aus dem Wunsch unbedingt „Experte“ sein zu wollen. Weil der Autor des Lexikons über eben jene Qualitäten verfügt, die ihn als echten Experten erscheinen lassen, nämlich über leidenschaftliche Hingabe zum eigenen Metier, Vernunft, Verantwortung, Bescheidenheit und Integrität.

Dieses herausragende Fazit DFWs lässt sich gleichermaßen auf seine vorangegangene Analyse zum Thema PC und akademisches Englisch heranziehen, lässt sich somit auch auf die Probleme, die Linke wie Rechte quälen umlegen und lässt mich diesen sehr langen heutigen Eintrag damit schließen, dass auch ich dafür plädiere, dass sich derartige Qualitäten in unserer Politik, in der Werbung, der Wirtschaft, im Journalismus und in der Wissenschaft endlich wieder durchsetzen mögen. Erst dann werden soziale Ungerechtigkeiten abnehmen, werden Wirtschaftsbetrug und Korruption in der Politik nicht mehr grassieren und werden die Wähler wieder echte Alternativen am Wahlzettel vorfinden.

(1)  David Foster Wallace „Authority and American Usage“ (1999). In: „Consider the Lobster“; erstmalige Publikation 2005 durch Little, Brown and Company. S. 66 – 127.

(2)  Dieses Beispiel kann man beliebig erweitern, im Falle gendergerechter Sprache möchte ich z.B. anführen, dass es einer Frau vermutlich herzlich egal ist, ob in einem Inserat ein Binnen-I eingefügt ist, wenn sie den ersehnten Job letztlich deswegen nicht bekommt, weil hierzulande gehobene und Führungspositionen noch immer in ungleich größerer Proportionalität an Männer vergeben werden.

(3)  ich bestätige das in meinem Fall: ich als Frau finde es herablassend, wenn sich die Politik auf Binnen-Is und Geldverbrennungsmaschinen namens „Gender Mainstreaming“ kapriziert, während sich die Einkommensschere in Österreich stetig vergrößert.

(4)  Man muss sich diesbezüglich nur die großen Verluste der SPÖ bei der vergangenen Landtagswahl in Oberösterreich, bzw. der SPD bei der Bundestagswahl in Deutschland vor Augen halten.

(5)  George Orwell „Politics and the English Language“ (1946). Horizon, London. Der ganze Artikel ist im englischen Original hier nachzulesen.

Susanne, 11. Oktober 2009.

Skizzen aus Wien – Nr. 34

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Vor nicht allzu langer Zeit habe ich an dieser Stelle ein paar Veranstaltungshinweise in Sachen Musik gegeben, darunter befand sich eine Band namens Richmond Fontaine (nachzulesen hier), die am 21. Oktober im Gasthaus Vorstadt auftreten wird.

Nachdem mich bereits die beiden jüngsten Alben der Truppe überzeugt haben, nicht nur musikalisch, sondern vor allem in Bezug auf das Songwriting, für welches Frontman Willy Vlautin verantwortlich zeichnet, habe ich mir auch gleich dessen Debütroman „The Motel Life“ besorgt und gelesen. Ich möchte Vlautins Erstlingswerk nun rechtzeitig vor dem Konzert kurz rezensieren, da ich der Meinung bin, dass es sich um ein außerordentlich gelungenes literarisches Debüt handelt, darüber hinaus sollte jeder der sich für Musik und Literatur interessiert die Gelegenheit bekommen, sich noch Karten für den Auftritt von Richmond Fontaine zu besorgen, denn es begibt sich ja nicht häufig, dass man in Wien eine gute Band zu hören bekommt, dessen Sänger auch noch ein hervorragender Schriftsteller ist. Diese Chance kann man jetzt noch nutzen. Und nun zum besagten Buch.

The Motel Life, by Willy Vlautin, published 2006, by Faber and Faber Ltd.

„The Motel Life“, erschienen 2006, ist eines dieser Bücher, die man nicht alle Tage zu lesen bekommt, vor allem deshalb, weil es einen nicht überfährt und mit Wortfluten überschwemmt, oder mit Satzkaskaden betäubt, sondern weil es durch seine Schlichtheit und Direktheit besticht. Und das auf gerade einmal etwas mehr als 200 Seiten. Es ist ein ruhiges, unaufgeregtes Werk, das mit seinem schnörkellosen, aber poetisch einfachen Stil von Beginn an eine Überzeugung aufkommen lässt: hier wird es kein Hollywood-Happy-Ending geben.

Frank Flannigan erzählt von sich und seinem Bruder Jerry Lee, der eines Nachts betrunken einen Unfall verursacht. Ein Vorfall, der dem Leben der beiden Brüder den letzten Rest an Kontrolle zu entziehen scheint und eine Abfolge von Ereignissen nach sich zieht, die allem anderen als dem entsprechen, was man gemeinhin unter dem amerikanischen Traum versteht. Zwei Verlierer, die von vornherein keine reelle Chance hatten, auch nur ansatzweise ein Leben zu führen, in dem Zustände wie Sicherheit oder Geborgenheit als stabile Größen vorkommen. Man bekommt einen Einblick, was es heißt, wenn man in einer Spielerstadt wie Reno lebt und das große Glück sich trotz allem überall anders breitmacht, als im eigenen Leben.

Dass man das Buch nicht nach wenigen Seiten wieder zuklappt und frustriert zur Kenntnis nimmt, dass das Leben eben nicht fair ist, liegt am schriftstellerischen Talent von Willy Vlautin, der es schafft, trotz der dunklen, resignativen Stimmung Räume zu öffnen, die einen durchatmen und Hoffnung fassen lassen. Räume, die sich beide Brüder zurecht gelegt haben, um zumindest für kurze Momente ihrer desperaten Realität zu entfliehen. Jerry Lee zeichnet Bilder und kreiert sich so Nischen, in denen er sein Glück findet, Frank schafft sich diese, indem er den wenigen Menschen, die ihm etwas bedeuten, insbesondere seinem Bruder, erfundene Geschichten erzählt.

Mit diesen, in den Erzählstrang eingeflochtenen, Passagen gelingt dem Autor das Kunststück, aus einem durch und durch deprimierenden Buch mehr zu machen, als man je für möglich gehalten hätte. Vlautin verleiht dadurch seiner Erzählung eine gänzlich neue Qualität, die skurril und sonderbar anmuten mag, die die Leserin aber schmunzeln lässt, zum Lachen bringt und sie letztlich sogar optimistisch stimmt. Das ist es auch was dieses Buch zu einem überaus gelungenen Debüt des Autors macht. Eine tieftrauriges, aber wunderschönes Leserlebnis. Eine besondere Leseempfehlung vom Sandwurm.

Buch Nummer 2 von Willy Vlautin nennt sich „Northline“ und wird demnächst bestellt; ganz besonders freue ich mich jetzt auf das Konzert.

Susanne, 4. Oktober 2009

p.s. Diese Rezension bezieht sich auf das englische Original von „The Motel Life“.

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Skizzen aus Wien – Nr. 32

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Es ist eine Weile her seit den letzten Skizzen und ich musste erst nachsehen, welche Nummer der Eintrag damals hatte, war ich doch in den vergangenen Wochen so damit beschäftigt diverse Reiseberichte zu publizieren, kluge Mobiltelefone zu testen oder mich von den Politikstrapazen der Grünen Vorwahlen zu erholen, dass ich mich an derlei Details schon lange nicht mehr erinnern konnte. Ein Blick auf das Datum der letzten Skizze zeigte mir auch, dass der Eintrag mittlerweile mehr als zwei  Monate zurückliegt!

Nun, trotz ungewöhnlich warmer Tage hier in Wien, lässt es sich nicht leugnen, dass der Herbst so gut wie vor der Tür steht, Reisen und damit verbundene Berichte stehen demnächst nicht am Programm, höchste Zeit also auch hierorts wieder ein bisschen Routine einziehen zu lassen und einen kleinen Ausblick auf die nächsten Wochen und Monate zu geben. Im Vordergrund werden wie gewohnt die Themen Musik und Literatur stehen, dem Film möchte ich gerne etwas mehr Raum widmen, sollte mir nicht doch noch der Geduldsfaden reißen, dann wird die Berichterstattung zum derzeit noch in der Sommerpause verweilenden Politikexperiment Grüne Vorwahlen fortgesetzt werden und auch sonst sollen jede Menge weitere kulturaffine Themen Platz finden. Auch die Zweisprachigkeit soll beibehalten, der eine oder andere englische Eintrag hier veröffentlicht werden. Wer weiß, vielleicht packt mich doch noch einmal das Fernweh und es gibt im auslaufenden Jahr noch einen kleinen Reisebericht. Eröffnet soll die neue Skizzen-Saison mit einer musikalisch-literarisch-cineastischen Rundschau werden:

Musik

Das bisherige Konzertjahr war eher weniger ereignisreich, ein Jahr ganz im Zeichen der Wirtschaftskrise. Bis auf den fulminanten Auftritt von Candi Staton im Porgy & Bess diesen März sowie einem gemütlichen Abend mit Lambchop im Wuk Anfang Juli, war eigentlich wenig los in Wien – bedingt natürlich auch durch meinen sehr selektiven Musikgeschmack. Trotz allem hoffe ich auf einen starken Herbst und es gibt auch bereits ein Event, das, sollte sich nichts mehr tun in der Konzertbranche, mein Musikjahr zufriedenstellend ausklingen lassen wird: Am 5. November wird Kris Kristofferson in der Wiener Stadthalle auftreten, im Oktober erscheint sein neues Album „Closer To The Bone“ – die Vorfreude ist groß.  Davor werde ich vielleicht noch einen Abstecher ins Wuk machen – dort spielt am 12. Oktober eine Truppe namens Magnolia Electric Co, die ich bereits vor zwei Jahren in der Wiener Szene erleben konnte und die für eine äußerst gefällige Mischung aus Folk/Country/Indie – oder was man gemeinhin gern als Alt-Country bezeichnet – steht. Mit „Josephine“ hat die Band rund um Jason Molina erst vor kurzem ein sehr schönes neues Studioalbum veröffentlicht. Vielleicht macht auch Conor Oberst mit seiner Mystic Valley Band noch einen Abstecher nach Wien – im Mai war mit „Outer South“ das neue Album erschienen, ein Konzert würde also ausgezeichnet in den Terminkalender passen!

Literatur

Im heurigen Sommer wurde trotz aktiven Reisens und nachheriger Berichterstattung auch einiges gelesen, unter anderem:

Consider the Lobster“ von David Foster Wallace: Wieder eine Sammlung von Essays, die DFWs Stellung als mein aktuell absoluter Lieblinglingsautor zementiert hat und die hierorts zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher rezensiert werden soll. DFWs Debüt-Roman „The Broom of the System“ liegt bereits in meinem Regal und wird ebenfalls demnächst gelesen werden.

Revolutionary Road“ von Richard Yates: Zu Beginn des Jahres kam die Verfilmung des Romans in die Kinos, ich habe sie bisher noch nicht gesehen, Richard Yates’ Roman auf jeden Fall ist, um es mit einem Wort auszudrücken, brillant. Stilistisch erinnert Yates ein wenig an F. Scott Fitzgerald, so schreibt er in einer eindringlichen, sehr plastischen Manier, die einen lakonisch-distanzierten Unterton aufweist und so auf ungemein treffende Weise das Leiden der beiden Protagonisten, des Ehepaars Frank und April Wheeler, am Leben in der verspießerten amerikanischen Vorstadt anschaulich macht. Allerhöchste Leseempfehlung!

The Brief Wondrous Life of Oscar Wao“ von Junot Diaz: Bei diesem zu Beginn des Jahres sehr gehypten Roman zeigt sich was passiert, wenn Literatur-Rezensenten von einander abzuschreiben beginnen. Irgendwann hat offenbar irgendwer einmal geschrieben, dass Junot Diaz der neue Foster Wallace wäre, was sich dann in den Rezensionen fortpflanzte und dazu führte, dass auch ich mir das Buch gekauft habe. Eines ist auf jeden Fall festzuhalten, Junot Diaz hat wirklich nichts gemein mit Foster Wallace, es scheint offenbar zu genügen, dass man Fußnoten verwendet, um mit ihm verglichen zu werden. Nicht, dass Diaz ein schlechter Autor wäre, mir hat die Geschichte, die er erzählt, durchaus gut gefallen, vom Aufbau und Stil her würde ich ihn am ehesten noch mit Jeffrey Eugenides vergleichen, trotz allem wurde mir bei der Lektüre nicht klar, warum man diesen Mann als neues US-amerikanisches Literaturtalent feiert, warum dieses Buch mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Es ist zugegebenermaßen gut, aber nicht sehr gut und vor allem weit entfernt von herausragend. Stilistisch reicht es in keinem Fall an Größen wie z.B. Yates heran, oder eben an David Foster Wallace. Ich würde es eher wie der San Francisco Chronicle im Klappentext zusammenfassen: „a kick-ass work of modern fiction“, sehr unterhaltsam, Junot Diaz ist vielleicht ein Quentin Tarantino der Literaturszene, aber kein herausragender Schriftsteller.

The Voyage of the Beagle“ von Charles Darwin: Wir befinden uns immer noch im Darwin-Jahr, Grund genug für mich, endlich auch einmal die Werke von ihm zu lesen. Die Lektüre des erwähnten Reiseberichts habe ich bereits abgeschlossen, um das Bild abzurunden, lese ich aktuell gerade das Hauptwerk Darwins „On the Origin of Species By Means of Natural Selection“. Beide Werke sollen zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher rezensiert werden, soviel sei bereits erwähnt, es handelt sich bei beiden Büchern um hervorragende Beispiele von Wissenschaftsliteratur in höchster Perfektion und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich um wissenschaftliche Werke, die auch allerhöchsten literarischen Ansprüchen gerecht werden.

Film

Filmtechnisch gestehe ich, dass ich seltener ins Kino gehe, als ich es eigentlich möchte, dass man aber glücklicherweise – der DVD sei Dank – sehr viele herausragende Filme jederzeit auch daheim ansehen kann. Wobei diesbezüglich erwähnenswert ist, dass es so mancher Film hierzulande gar nicht erst in die Kinos schafft und man so gesehen darauf angewiesen ist, einen Verleih zu finden, der einem auch ausgefallene Werke zukommen lässt – mein Dank gilt dabei vorwiegend meinem überaus zuvorkommenden Blog-Kollegen Martin. Einer dieser Filme, der hierbei auch gleich wärmstens empfohlen sei, nennt sich „The Three Burials of Melquiades Estrada“ – ein skurriler und unglaublich fesselnder Film, bei dem Tommy Lee Jones nicht nur die Hauptrolle übernahm, sondern auch Regie führte. Jones verkörpert darin einen Rancharbeiter im Westen von Texas, der bis an seine Grenzen geht, um das seinem, von einem Grenzpolizisten erschossenen, Freund gegebene Versprechen einzulösen, ihn in seiner mexikanischen Heimat zu beerdigen. Sehenswert!

Im Oktober schließlich eröffnet wie gewohnt die Viennale ihre Pforten und ich habe mir vorgenommen, meine letztjährige Frequenz zu verdoppeln. Das sollte nicht schwer sein, denn ich habe vergangenes Jahr sage und schreibe einen (1) Film gesehen, wobei sich jedoch „Chop Shop“ von Regisseur Ramin Bahrani als hervorragende Wahl herausstellte. Mal sehen, ob mir das heuer gleich zweimal gelingt.

In diesem Sinne sei hiermit der Skizzen-Spätsommer eröffnet, über jedwede Kritik, Anregung oder Tipps freut sich wie immer – der Sandwurm.

Susanne, 30. August 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 30

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Morgen beginnt der Juni, womit der Sommer naht und damit auch die Urlaubszeit. Urlaubszeit ist immer auch Lesezeit und selbst wenn ich generell viel lese, so ist die Wahl der Urlaubslektüre immer eine etwas heikle. Zunächst sollte sie in Abhängigkeit davon geschehen, was man für die Zeit, in der man vorgeblich nicht arbeitet, geplant hat. Verbringt man die freien Tage zu Hause, dann könnte das die Gelegenheit sein, sich endlich an den 1000+-seitigen Wälzer zu machen, den man schon seit Jahren lesen will (Krieg und Frieden, Der Mann ohne Eigenschaften, Der Zauberberg, etc.), hat man aber tatsächlich vor, eine Reise zu tun, dann empfiehlt es sich vermutlich auf die, auch im physischen Sinne, schweren Bücher zu verzichten. In diesem Fall bleibt bloß noch abzuwägen, wo man hinfahren möchte und was sich am besten mit dem gewählten Urlaubsort vereinbaren lässt. Hektische Städtereise vs. Urlaub am Strand. Natürlich kann man immer thematisch wählen, so könnte man die Gelegenheit nutzen und für den Urlaub im Ausland ein Buch wählen, das von einem prominenten Autor, einer berühmten Autorin dieses Landes stammt (z.B. Urlaub in der Türkei – Lektüre von Orhan Pamuk, Städtetrip nach New York – Lektüre von Edith Wharton, usw.). Oder aber man wählt thematisch je nach Urlaubsbedürfnis – will man das von der Arbeit gestresste Hirn kalmieren, könnte man sich einer ruhigen Erzählung z.B. von Marcel Proust widmen, sucht man hingegen Abenteuer und Aufregung, dann wäre ein vor Lebenslust überschäumender Roman z.B. von Jack Kerouac zu empfehlen.

Ich möchte hier zum Beginn der Urlaubssaison, neben dem einen oder anderen Reisebericht – denn ich werde mich natürlich auch „on the road“ begeben – ein paar Leseempfehlungen abgeben, von denen ich meine, dass sie in jede der oben genannten Urlaubssituationen passen, Bücher, die sich meiner Meinung nach immer und überall gut lesen.

In dieser Hinsicht sind wohl Krimis die optimale Wahl. Sie liefern die nötige Spannung, wenn sie gut gewählt sind, außergewöhnliche literarische Qualität (darauf legt der Sandwurm besonderen Wert) und im besten Falle auch hervorragende Unterhaltung. Für den geplanten Urlaub hätte ich diesbezüglich drei Empfehlungen, die ich allesamt, auch unabhängig von der Kategorie Krimi, als literarischen Hochgenuss einschätzen würde.

 

Raymond Chandler (1888 – 1959) Chandler zählt zu den Mitbegründern des modernen Detektiv-Romans, der sogenannten „hardboiled detective fiction“, sein Protagonist Philip Marlow ist der Prototyp des hartgesottenen Privatdetektivs. Chandler besticht durch einen äußerst eleganten Stil, ausgefeilte Plots und brillante Dialoge der federführenden Figuren, allen voran Philip Marlow, der die Lektüre durch selbstironisch-abgeklärte Sager zum Genuss macht. Ein Beispiel gefällig? „She drove beautifully. When a woman is a really good driver she is just about perfect“ (Sie fuhr wunderbar. Wenn eine Frau wirklich gut Auto fährt, ist sie so gut wie perfekt). Von den leider nur 7 veröffentlichten Romanen kann ich alle empfehlen, es gibt wohl bessere und weniger gute, das bleibt aber mit Sicherheit eine Frage des Geschmacks, wer lange Urlaub macht, sollte gleich alle sieben lesen, wer weniger Zeit hat, dem empfehle ich meinen persönlichen Favoriten: „The Long Goodbye/Der lange Abschied“.

Patricia Highsmith (1921- 1995) Sie schrieb nicht nur „Strangers on a Train/Zwei Fremde im Zug“, sie erfand auch den Soziopathen Tom Ripley, dessen erstes Abenteuer im Klassiker „The talented Mr. Ripley/Der talentierte Mr. Ripley“ nachzulesen ist. Darin findet man nicht nur einen hochspannenden Kriminalroman, der auch einige Male verfilmt wurde, Highsmith zeichnet die Figur des Ripley so überzeugend, dass man das weinerliche Selbstmitleid des pathologischen Lügners und Mörders nicht nur nachvollziehen kann, sondern auch tatsächlich selbst in den Bann des geschickten Manipulanten gezogen wird. Ich selbst habe erst zwei Teile der insgesamt 5 Ripley Romane gelesen, offen gesagt, ist der zweite zum vergessen, der erste Teil jedoch ist mit Sicherheit einer der spannendsten Kriminalromane, die ich kenne, besonders wegen seiner äußerst gelungenen Charakterstudie.

Henning Mankell (geb. 1948) Der schwedische Autor Henning Mankell wurde durch die Kreation des Kurt Wallander berühmt. Wallander ist Kriminalkommissar in einer schwedischen Kleinstadt, lässt sich gut als verschlossener Einzelgänger und grüblerischer Eigenbrötler beschreiben, der sich mit viel Verstand und Hartnäckigkeit in seine Fälle vertieft, dessen private Sorgen aber nicht verborgen bleiben und der gerade dadurch sympathisch wird. Ich habe erst drei seiner Fälle gelesen, als Einstieg würde ich persönlich „Wallanders erster Fall und andere Erzählungen“ empfehlen. Mankell schreibt schnörkellos und direkt, ausgefeilte Plots jedoch machen die Erzählungen äußerst spannend, darüber hinaus hat man auch Gelegenheit Kurt Wallander und dessen Werdegang kennen zu lernen.

 

Natürlich gibt es noch eine unüberschaubare Menge von Büchern außerhalb des Krimi-Genres, die sich bestens als Urlaubslektüre eignen, ich denke da zum Beispiel an Liebesgeschichten (Nr. 1 Empfehlung diesbezüglich: Gabriel Garcia Marquez – Liebe in Zeiten der Cholera), oder Gesellschaftsromane (brillant: Thomas Mann – Buddenbrooks), Unterhaltsames (ungeschlagen bis dato: Philip Roth – Portnoy’s Complaint/Portnoys Beschwerden) und vieles mehr. Ich denke, dass für die paar kurzen Monate, in denen man hierzulande wirklich von Sommer sprechen kann, diese Literaturtipps vollends ausreichen sollten, falls es das eine oder andere unschlagbare Sommerlesebuch gibt, auf das ich hier vergessen habe, oder welches mir bisher verborgen geblieben ist – Vorschläge sind hochwillkommen!

 

Susanne, 31. Mai 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 27

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1079 Seiten und einige Wochen später liegt David Foster Wallaces Infinite Jest nun als gelesenes Buch vor mir (1). Eine Rezension dieses Werkes ist aber nicht nur aufgrund seiner Länge, sondern hauptsächlich wegen seiner beeindruckenden Dichte kein einfaches Unterfangen, trotz allem will ich versuchen einen kleinen Einblick in das Geschehen zu geben, um all jene, die sich für Literatur interessieren, auf diesen außergewöhnlichen Autor aufmerksam zu machen und vielleicht den einen oder die andere davon zu überzeugen, sich ebenfalls auf die Welt des D.F.W. einzulassen.

 

David Foster Wallace, Infinite Jest, Back Bay 10th anniversary paperback edition, 2006

 

Lassen Sie mich mit einer Aufzählung beginnen, denn im Universum von Infinite Jest tummeln sich so viele Figuren, spielen so viele Ereignisse eine Rolle, dass man einen Einstieg am ehesten findet, wenn man einen kleinen Einblick davon kriegt, was einem dort unter Anderem alles unterkommt. In diesem Buch gibt es nämlich wirklich alles, was man in einer absurden Welt vorfinden möchte, die folgende Liste ist also auch nicht ansatzweise abschließend, sondern viel mehr beispielhaft. Oder um es im Juristenjargon zu definieren, demonstrativ, nicht taxativ. Da gibt es (2):

  • Einen Protagonisten namens James O. Incandenza, der sich auf spektakuläre Weise aus dem Leben befördert hat;
  • dessen erstgeborenen Sohn Orin, der sich als Punter der Arizona Cardinals seinen Lebensunterhalt verdingt;
  • dessen zweitgeborenen Sohn Mario, der körperlich behindert, mit einer Kamera auf einem Helm befestigt mehr oder weniger Dokumentierenswertes in einer Tennis Akademie namens Ennfield Tennis Academy (E.T.A.) festhält;
  • und den jüngsten Sohn Hal, der Schüler an oben genannter Institution ist und dessen Lebensinhalt nicht ausschließlich aus hochprofessionellem Tennistraining besteht, sondern zu einem nicht geringen Teil aus dem Ge-/Missbrauch von psychoaktiven Substanzen;
  • die Mutter dieser drei jungen Männer, Avril Incandenza, die an der E.T.A. arbeitet, einer radikalen Gruppierung namens Militant Grammarians of Massachusetts (M.G.M) angehört und stets besorgt um den richtigen Gebrauch der englischen Sprache ist (so erfährt man etwa, dass die Aufforderung von sog. Supermarktexpresskassen „10 items or less“ sie zur Weißglut treiben kann…);
  • des weiteren die Tatsache, dass die USA nunmehr unter dem Akronym O.N.A.N. existieren und sich dieses neue Staatengebilde nicht mehr dem Imperialismus, sondern viel mehr dem Experialismus verschrieben hat;
  • das Faktum, dass man die herkömmliche Zeitrechnung abgeschafft hat und die einzelnen Jahre nunmehr an den meistbietenden Konzern verkauft werden, was zur Folge hat, dass es Jahre gibt, die da z.B. „Year of the Depend Adult Undergarment“ (Y.D.A.U.) oder „Year of the Perdue Wonderchicken“ (Y.P.W.) heißen;
  • ein Gebiet im Nordosten der nunmehrigen O.N.A.N. das durch Müllablagerungen gänzlich unbewohnbar geworden ist, ja quasi ein mutierendes Eigenleben entwickelt hat und das je nach Betrachtungsweise entweder als „Great Concavity“ oder „Great Convexity“ bezeichnet wird;
  • das Faktum, dass die ehemaligen U.S.A. diese unbewohnbaren Gebiete in experialistischen Feldzügen Kanada aufgehalst haben – sehr zum Unmut der Provinz Quebec;
  • was wiederum terroristische quebecois’sche Einheiten auf den Plan gerufen hat, darunter eine gnadenlose Truppe namens A.F.R., deren Hauptcharakteristikum jenes ist, dass alle ihre Mitglieder in Rollstühlen sitzen;
  • eine kurze Karriere des verblichenen J.O. Incandenza, der von seinen Kindern gerne als „Himself“ bezeichnet wird, die im Drehen von Experimentalfilmen bestand;
  • ein daraus resultierender infernalischer Film, der jeden der ihn zu Gesicht bekommt, in ein sabberndes Gemüse verwandelt und der wiederum titelgebendes Objekt des Buches ist; und
  • hinter dem sämtliche Agenten des sog. O.U.S. hinterherjagen, und nicht zuletzt auch die Kämpfer der A.F.R.; erwähnenswert wären dann auch noch
  • eine der Tennisakademie benachbarte Drogenrehabilitationseinrichtung;
  • ein Mann namens Don Gately, seines Zeichens ehemals von allen möglichen hochgradigen Opiaten Abhängiger und mittlerweile Angestellter der Rehab-Anstalt;
  • eine verschleierte Frau, die wahlweise unter dem Synonym Madame Psychosis bzw. P.G.O.A.T. vorkommt; und
  • jede Menge anderer schräger Charaktere, verworrener Situationen und absurder Begebenheiten, welche

 

die Lektüre dieses Buches zu einem kaum beschreibbaren, hochintensiven Lesegenuss machen, wie ich ihn bisher noch nie in dieser Konzentration und Qualität erlebt habe.

Was macht dieses Buch so besonders? Wie bereits in den Skizzen Nr. 17 ausgeführt, bin ich erst im vergangenen Jahr auf D.F.W. aufmerksam geworden und habe als Einstieg zunächst seine Essays im Buch A supposedly fun thing I’ll never do again gelesen. Das würde ich auch allen anderen empfehlen, die vorhaben D.F.W. zu lesen, denn sein außergewöhnlicher Stil ist sicher nicht jedermanns Sache, allen, die Gefallen an den Essays finden, kann ich jedoch garantieren, dass sie von Infinite Jest umso mehr begeistert sein werden. Das Buch bietet nicht nur ein ausgefeiltes Universum an peinlich genau gezeichneten Charakteren und Situationen, es ist insgesamt derart hoch konzentriert, dass man bereits nach wenigen Seiten von der großen sprachlichen Fülle, mit der man in dem Buch konfrontiert ist, in Bann gezogen ist.

D.F.W. besitzt ein nahezu lexikalisches Vokabular und schafft es, mit einer fast beängstigenden Perfektion, den verschiedenen Figuren Leben einzuhauchen, ihnen eine absolut glaubwürdige Stimme zu verleihen, sodass man geneigt ist, zu vermuten, der Autor hat einiges von dem was er in höchstem Detailreichtum beschreibt, selbst erlebt. Das hat er vermutlich auch, wenn man seine Biographie liest, aber es ist müßig darüber zu spekulieren, denn die große Leistung D.F.W.s besteht nicht im vermeintlichen Selber-Erlebt-Haben, sondern in der perfekten sprachlichen Umsetzung der Inhalte, die im Buch eine wichtige Rolle spielen. Da gibt es dann unterschiedliche Dialekte, Slang, Spezialwissen, das wahlweise Sportjournalisten, Mathematiker oder Pharmazeuten vor Neid erblassen lassen kann und als für meine Begriffe beeindruckendste Fähigkeit, eine unglaublich eindringliche Unmittelbarkeit Gefühle und Gedanken zu beschreiben, eine Tiefgründigkeit, die einmal zu Lachstürmen reizt, ein anderes mal wieder tiefe Traurigkeit auslöst, Ekel oder Angewidertsein, Überraschung, Verblüffung und Mitgefühl. Ich habe noch kaum einen Autor gelesen, der einerseits so wortgewaltig ist, andererseits aber nie in unlesbares Kauderwelsch abdriftet, noch nie jemanden, der es schafft in Nebensätzen Lebensweisheiten unterzubringen, über die man selbst Wochen später noch staunt.

Es ist unnötig hier auf den Plot einzugehen, oder auf das, was genau passiert im Buch, ich denke auch nicht, dass es dem Autor vordergründig überhaupt um den Plot gegangen sein mag, wer sich eine schlüssige Kriminalgeschichte erwartet, hat sich das falsche Buch ausgesucht, wer jedoch Sprache, in allerhöchster Präzision erleben möchte, wer offen ist, sich auf diese Geschichte einzulassen, wer banal ausgedrückt so etwas wie den „Harry Potter für Erwachsene“ sucht, der hat ihn mit Infinite Jest garantiert gefunden. Und der wird, so wie ich, spätestens wenn sich das Buch seinem Ende zuneigt, dieses heimlich hinauszögern, weil er sich wünscht, dass dieses mehr als 1000-seitige Werk, das er in Händen hält, erst der Anfang einer vielbändigen Reihe sein möge, der wird nach dem Zuklappen des Buches verwirrt, glücklich und traurig zugleich sein und der wird nicht zuletzt dann wissen, dass er hier eines der Bücher gefunden hat, die es wert sind mehrmals gelesen zu werden.

David Foster Wallaces Infinite Jest sei hiermit vom Sandwurm ausdrücklich und eindringlich empfohlen (3)!

 

(1): Eine deutsche Übersetzung des Buches erscheint voraussichtlich im Herbst 2009, allen, die des Englischen ausreichend (es handelt sich um keine leichte Lektüre, im sprachtechnischen Sinn) mächtig sind, empfehle ich beim Original zu bleiben!

(2): Ich habe nicht alle Akronyme hier erklärt, ein wesentlicher Teil des Lesegenusses ist es auch, herauszufinden, was die einzelnen Abkürzungen bedeuten.

(3): In einer abschließenden Fußnote sei hier auch noch D.F.Ws brillanter Einsatz eben jener Fußnoten erwähnt. Diese entwickeln im Roman de facto ein Eigenleben, funktionieren zwar manchmal durchaus als Erklärung und Erläuterung, bilden aber oft eigene Erzählstränge, die z.B. im Falle einer peinlich genauen Filmographie von J.O. Incandenzas Oeuvre als Filmemacher nicht nur sprachlos machen, sondern die auch den ausdrücklichen Wunsch wecken, J.O.I. möge doch tatsächlich existiert haben, damit man sich eine an Irrwitz kaum zu übertreffende Filmauswahl auch wirklich anschauen würde können.

 

Susanne, 3. Mai 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 25

literary sandworm

 

Eigentlich hatte ich vorgehabt heute eine umfassende Rezension von David Foster Wallaces Infinite Jest zu veröffentlichen, das Wetter jedoch hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn nachdem sich dieses Buch absolut nicht als „Unterwegs-Buch“ eignet (über 1000 Seiten und laut Küchenwaage ein Gewicht von exakt 1.100 Gramm) und eine auf die Wohnung begrenzte Lektüre meinem durch die langen und harten Wintermonate extrem ausprägten Sonnen- und Farbhunger diametral entgegenstand, mussten in der vergangenen Woche transporttauglichere Bücher herhalten, was schließlich dazu geführt hat, dass ich Infinite Jest noch nicht fertig lesen konnte und folglich auch nicht rezensieren kann. Nachdem es aber trotz allem wieder einmal höchst an der Zeit ist, ein paar Literaturempfehlungen zu geben, erlaube ich mir noch vor der Rezension von D.F.W.s Hauptwerk, den Sandwurm-Lesern ein paar kleinere Lesevorschläge aus dem Fundus jener Bücher zu unterbreiten, die ich vor kurzem gelesen, und welche einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben.

 

Arthur & George, published by Random House, Vintage 2006

Nummer eins und damit auch an 1. Stelle der Bücher, die ich ohne jede Einschränkung allerwärmstens empfehlen kann: Arthur & George von Julian Barnes. Der Autor hat mit diesem Buch nicht nur ein exzellent erzähltes, hervorragend recherchiertes und ab der ersten Seite fesselndes Werk geschaffen, er liefert gleichzeitig einen eindringlichen Appell an Zivilcourage und Antirassismus mit, ohne dabei jemals zu predigen oder die Moralkeule zu schwingen. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit, den sogenannten „Great Wyrley Outrages“, im Großbritannien rund um die Wende zum 20. Jahrhundert und beschreibt wie sich die Lebenswege zweier grundverschiedener Männer durch dieses Ereignis zufällig kreuzen. Der eine – George Edalji – dunkelhäutiger Brite indischer Abstammung, arbeitet sich diszipliniert bis zum Advokaten hoch, der andere – Arthur Conan Doyle – wird durch die Erfindung der Romanfigur des Sherlock Holmes weltberühmt und bereits zu Lebzeiten zur bewunderten und respektierten Person des öffentlichen Interesses. Julian Barnes hat mit Arthur & George ein absolut brillantes Erzählwerk geschaffen, welches spannend, berührend und aufwühlend ist, aber auch nachdenklich macht, umso mehr, als der mehr als hundert Jahre alte Fall erstaunliche Aktualität besitzt. Barnes’ ausgefeilter, eleganter Stil schließlich runden das Leseerlebnis ab, wer des Englischen mächtig ist, unbedingt im Original lesen!

 

Elisabeth Gaskell, North and South, published by Penguin Popular Classics 1994

Auf dem aktuell zweiten Platz liegt mit einem weiteren englischen Buch Elizabeth Gaskells North and South. Gaskell war Zeitgenössin bekannter britischer Autorinnen wie Emily oder Charlotte Brontë (über letztere hat sie auch eine Biographie veröffentlicht), sie hat ihre relative Unbekanntheit jedoch keinesfalls verdient. In diesem Sinne soll ihr hier die Aufmerksamkeit zukommen, die ihr eigentlich zustünde. Wer, so wie ich, den literarischen Stil angloamerikanischer Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts schätzt (z.B. Hardy, Thackeray, die Brontë Schwestern, Austen, Wharton, James…), dem sei hiermit garantiert, dass ihm auch Elizabeth Gaskell gefallen wird. North and South ist diesbezüglich ein ungemein spannendes, ereignisreiches Buch, das in England, in der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts, spielt und die Geschichte einer jungen Frau namens Margaret Hale erzählt. Dabei geht es keineswegs bloß um Heirats- und Liebesgeschichten (keine Angst, die gibt es auch!), Gaskell setzt sich kritisch mit den Auswirkungen der Industrialisierung, der Kluft zwischen den sozialen Klassen und der Ausbeutung von Arbeitskräften auseinander. Einziger Wermutstropfen ist dabei eine etwas oberflächliche Einflechtung eben erwähnter Liebesgeschichte, die denn auch etwas abrupt im – Achtung Spoiler! – von Beginn an vorauszusehenden Happy Ending mündet. Nichtsdestotrotz ist North and South sehr zu empfehlen, aufgrund seiner Einteilung in relativ kurze Kapitel (das Buch wurde als Serie in einer Zeitschrift veröffentlicht) eignet es sich besonders als U-Bahn- und Bus-Buch.

 

Marcel Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte, erschienen im Suhrkamp Verlag 2004

Nummer drei schließlich das bis dato einzige deutschsprachige Buch, welches ich im noch jungen Jahr auf meiner Leseliste abhaken kann, welches aber durch seinen Umfang die allgemeine Verteilung zwischen den beiden Sprachen, in welchen ich mich derzeit in der Lage sehe anspruchsvolle Literatur zu lesen, doch fast ausgewogen erscheinen lässt: Marcel Prousts Im Schatten junger Mädchenblüte. Obwohl ich des Französischen mächtig bin, haben mich der Umfang und die Komplexität des Lebenswerkes Prousts, welches aus insgesamt sieben Teilen besteht und den Titel Auf der Suche nach der verlorenen Zeit trägt, dann doch zur deutschen Übersetzung greifen lassen und ich wurde bis dato nicht enttäuscht. Prousts ausführlicher, extrem detailreicher Stil nimmt einen von Beginn an mit auf eine Reise, die unablässig Bilder vorm inneren Auge heraufziehen lässt und welche die Lektüre dieser Erzählung zu einem nie langweiligen, ungemein imaginativen Leseabenteuer macht. Selbst wenn Proust seitenweise das langsame Leben an der Küste der Normandie, an die sich der mittlerweile im Jugendalter befindliche Protagonist mit seiner Großmutter zurückgezogen hat, um die Sommermonate zu genießen, beschreibt, nie sind seine Schilderungen langatmig. Launisch berichtet er von der ersten Liebe zur jungen Gilberte, oder von jener zu Albertine, von der feinen Gesellschaft der Belle Époque oder einfach vom Blick aus seinem Fenster aufs Meer. Im Schatten junger Mädchenblüte ist über 800 Seiten lang, macht aber große Lust sich einen Schritt weiter auf die Suche zu begeben, die Suche nach der Zeit, die bei der Lektüre Prousts zwar verloren geht, aber niemals vergeudet ist. Im Gegenteil – unbedingt lesen!

Abschließend noch ein musikalischer Tipp: obwohl es bereits so ausgesehen hat, als ob dieses Jahr konzerttechnisch eine Totalkatastrophe wird, gibt es am Dienstag, dem 21. April, den ersten Lichtblick: Soul-Ikone Candi Staton tritt im Porgy & Bess auf!

 

Susanne, 19. April 2009

Skizzen aus Wien – Nr. 17

literary sandworm - Artwork ZOER

 

Schon hatte ich geglaubt, mich bis Juni von sämtlichen Schlagzeilen fernhalten und meine Nerven schonen zu dürfen, da kommen schon die nächsten Meldungen, die einem ungeübten Nachrichtenkonsumenten hierzulande zur Weißglut treiben mögen. Nicht so mich. Ich bin ein Profi und obwohl ich hier zur Debatte stellen wollte, wie obsolet die pseudo-feministische Kritik, an dem was den Grünen gerade zu schaffen macht, ist, obwohl ich die Horden, die in Bezug auf den Umgang mit der weiblichen Führungsriege dieser Partei gerne „Sexismus“ rufen, fragen wollte, warum sie nicht auch aufschreien, wenn man z.B. unsere ungeliebte Innenministerin mit sämtlichen nur erdenklichen Schimpfnamen belegt und überhaupt in den Raum stellen wollte, wie es in der Partei der Fleißigen und Anständigen eigentlich möglich ist, dass einem der ihren nach nur 3 Jahren Arbeit eine Abfindung von über 200.000 Euro zustehen soll, will ich den wertvollen Raum lieber einem widmen, der es wirklich verdient hat.

Ich habe mir mein nachrichten-nihilistisches Nervenschonprogramm nämlich zu Herzen genommen und meinen Kopf in ein Buch gesteckt. Und wurde belohnt. Mit mehreren Stunden unbeschreiblichen Lesevergnügens und anfallsartigen Lachstürmen, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe und die ich hier jedem, der es leid ist, sich über dies oder jenes aus dem tristen Alltag zu ärgern, nicht vorenthalten möchte. Vor allem aber ist der heutige Eintrag dem Autor gewidmet, denn auch wenn mich hier die Schuld trifft, erst aufgrund der Meldung seines Ablebens über ihn gestolpert zu sein, so soll ihm an dieser Stelle zumindest posthum Ehre erwiesen werden, denn die hat er auf jeden Fall mehr als verdient. Und Literaturkritik hat The Sandworm ohnehin noch keine veröffentlicht – höchste Zeit also!

David Foster Wallace ist der, um den sich in den folgenden Zeilen alles drehen soll. Schon mit seinem Debüt 1987 wurde er von der Literaturkritik als Genie, als das junge Talent der US-amerikanischen Literatur-Szene gefeiert, bekam Preise und wurde mit Lob überhäuft. Ich, wie gesagt, habe erst durch die traurige Meldung über seinen Tod, seinen Suizid, von ihm erfahren und möchte hier nicht über das Leben des Autors spekulieren, sondern viel mehr über sein Werk berichten. D.F.W. hat sich mit einem Roman namens „Infinite Jest“ – einem tausendseitigen Wälzer – in die allerhöchsten Sphären der sogenannten postmodernen amerikanischen Literatur katapultiert und wurde bereits als legitimer Nachfolger von Thomas Pynchon gefeiert. Dieses Werk hat mich interessiert und nach ein paar Mausklicks war es auch schon bestellt (1), zusammen mit einem weniger voluminösen Buch, welches ich zum Aufwärmen und Einlesen dazugekauft hatte – 4 Tage später fand sich beides in meinem Briefkasten (2). Mitschuld am Bestellen des Aufwärmbuches war mit Sicherheit sein Titel, der mich nicht unberechtigt vermuten ließ, dass es sich um eine recht humorige Angelegenheit handeln könnte, er lautete: „A supposedly fun thing I’ll never do again“ (3).

 

A supposedly fun thing I'll never do again - David Foster Wallace

 

Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Nicht nur stellte sich heraus, das sich D.F.W. der hochtrabenden Lobeshymen als voll und ganz würdig erwies, „A supposedly fun thing I’ll never do again“ ist mit Sicherheit nicht nur die unterhaltsamste Lektüre, die ich seit langem gelesen habe, sie hat mich auch mit ihrem literarischen Stil nachhaltig beeindruckt. Das Buch ist angelegt als Sammlung von insgesamt 7 Essays, die sich mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigen. Erschienen 1997, stammen auch die Aufsätze aus den frühen 1990ern und richten sich an eine Leserschaft um die 30, wobei ich nicht davon ausgehen möchte, dass nicht wahlweise auch jüngere oder ältere Literaturliebhaber die Geschichten interessant und unterhaltsam finden könnten, der Inhalt wird aber wohl eher den sog. „thirtysomethings“ liegen, vor allem jenen, die belesen und eher amerikanophil veranlagt sind. Eine hierzulande möglicherweise recht eingeschränkte Zielgruppe, die dafür aber voll und ganz auf ihre Kosten kommt. Analysen über Tennis und die Psychologie des Qualifying für bestimmte ATP Tourniere (4), Literaturkritik und Notizen vom Set von David Lynchs „Lost Highway“ finden sich dort genauso wie Betrachtungen über den Besuch des State Fair von Illinois (5) und schließlich das Highlight, ein minutiöser Bericht über die Teilnahme des Autors an einer Luxuskreuzfahrt in die Karibik. Letzterer trug die Überschrift, die schließlich auch zum Buchtitel werden sollte und ist unter Garantie einer der besten Essays, die ich je gelesen habe.

D.F.W. schreibt unterhaltsam und mit großem Detailreichtum, er schafft es mühelos den Bogen zu spannen zwischen elaborierter Sprachverwendung und fast slapstickartiger Komik, er erzählt mit großer sprachlicher Finesse, ohne dass sein Text kompliziert oder unleserlich würde und fabuliert trotz allem mit bodenständiger Klarheit, ohne je banal zu werden. Zuviel soll nicht verraten werden, aber der Autor berichtet mit unglaublicher Leichtigkeit und gnadenloser Offenheit nicht nur über die Absurditäten, die das Leben und die Leute an Bord zu bieten haben, er nimmt sich auch selbst, als Fremdkörper unter den Kreuzfahrtprofis, nicht von der Kritik aus und verschafft dem Leser dieses fast 100-seitigen Essays Stunden ungetrübter Lesefreude. „A supposedly fun thing I’ll never do again“ von David Foster Wallace sei hiermit allerwärmstens empfohlen.

 

(1) danke Amazon.de!

(2) und wäre wohl auch dort verblieben, hätte ich es nicht unter Aufwand fast übermenschlicher Kräfte aus dem Postfach gezerrt, in welches es vom Briefträger unter maximaler Ausnützung des dort vorhandenen Platzes hineingepresst wurde.

(3) auf Deutsch: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“

(4) auch österreichische Tennisfreunde kommen auf ihre Kosten, so finden Horst Skoff und Julian Knowle Erwähnung, wenn auch eher am Rande.

(5) eine Art landwirtschaftlicher Leistungsschau samt „Dingel-Dangel“ für Unterhaltungszwecke.

 

P.S.: falls Sie sich mit dem Stil in dem dieser Eintrag verfasst wurde schwer tun, dann wird ihnen vermutlich auch D.F.W. nicht gefallen, der wird nämlich nicht zu Unrecht von vielen „Meister der Fußnoten“ genannt…wobei meine hommageartige Anwendung dieses Instruments noch harmlos ist – zum ersten mal im Leben habe ich Fußnoten gelesen, die ihre eigenen Fußnoten hatten, sozusagen Fußfußnoten.

P.P.S.: ich kann hier bloß über die englische Originalfassung des Buches berichten, ob die deutsche Übersetzung gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Susanne 15. Februar 2009

 


Skizzen aus Wien – Nr. 4

Der Herbst hat Einzug gehalten in Wien und mit ihm verdichten sich auch die nennenswerten kulturellen Veranstaltungen. Nach einem denkwürdigen Konzert von Conor Oberst im September, beginnt der Oktober mit einem herzerwärmenden Theaterabend. Eine Bühne im 15. Wiener Gemeindebezirk, der so genannte Salon 5, zeichnet dafür verantwortlich. Für mich persönlich wenig überraschend, da mich der letzte Besuch im Burgtheater, der auch schon wieder fast ein Jahr zurückliegt, wahrlich nicht vom Hocker gerissen und meine Meinung gefestigt hat, dass die hochnotwendige Theaterrevolution sicherlich nicht dort stattfinden wird, zumindest nicht zum aktuellen Zeitpunkt. Ein kleines, flexibles, Innovationen aufgeschlossen gegenüberstehendes Bühnenprojekt, das auch vor dem Kontakt mit dem Publikum nicht zurückschreckt – der Salon 5 – scheint diesbezüglich schon einiges mehr an Potential zu beherbergen.

Nachdem mir zu Beginn des Jahres Fortuna hold war und mir einen Besucherpass, der mich samt Begleitung zu ganzen drei Vorstellungsbesuchen einlud, ins elektronische Postfach wehte, hat es New York-bedingt bis Oktober gedauert, bis mich mein Weg gestern Abend endlich in die Fünfhausgasse 5 führte. Am Spielplan stand „Ich und Kaminski“ nach einem Roman von Daniel Kehlmann, den ich zugegebenermaßen nicht gelesen habe.

Bereits der erste Eindruck der Spielstätte war ausgenommen positiv. Durch einen Durchgang geht es in einen hübschen Innenhof, der den Blick auf die herrliche Ziegelfassade der Spielstätte freigibt. Das Erdgeschoß bildet ein offener loftartiger Raum, in dem man sich bei herzlicher Bewirtung und gratis (!) Tapas auf die Vorstellung einstimmen kann. Es gibt noch einen ausgesprochen einladenden Innenhof, der Einen laue Sommernächte herbeiwünschen lässt, um hier gemütlich zu loungen. Das Gebäude ist Teil des ehemaligen jüdischen Sportvereins Makkabi, wurde geschmackvoll renoviert und wird jetzt von Brick 5, dem Verein zur Förderung der multimedialen Kunst und Technik, betrieben. Es gäbe vermutlich, allein die Geschichte des Hauses betreffend, einiges zu sagen, ich ziehe es für den Moment vor, mich über die dort stattfindende Theaterkunst auszubreiten.

Die Vorstellung beginnt bereits in der Lounge, an Ort und Stelle werden die Protagonisten vorstellig und unvermutet befindet man sich mitten im Geschehen. Nach der Aufwärmrunde begibt man sich samt und sonders in den ersten Stock, in dem eine ebenerdige schmale Bühne sich an die hintere Raumwand schmiegt. Der Boden ist mit feinem Sand bedeckt, an der Wand hängen Bilder, die zugleich als Projektionsfläche dienen, sowie eine größere Videowand, der im Laufe der Vorstellung nicht unbeträchtliche Wichtigkeit zukommt. Das Stück handelt von Sebastian Zöllner (Daniel Frantisek Kamen), seines Zeichens Kunstkritiker und Biograph, der sich mit der Biographie des alternden Kunststars Manuel Kaminski (Isabella Wolf) selbst ein Denkmal setzen möchte. Zwischen Rückblenden auf die Recherchearbeit des selbstgefälligen Zöllner, in denen via Videowall dessen Interviewpartner mehr oder weniger willig Einblicke in das vermeintliche Leben des Kaminski geben und den Dialogen mit dem kränkelnden, altersschwachen Künstler und dessen Tochter (ebenfalls Isabella Wolf) begibt sich der Besucher auf eine Reise, auf der ganz nebenbei Fragen nach Identität, Sein und Schein, Geltungsdrang und Lebenszweck aufgegriffen werden. Aufgelockert wird das Ganze durch eine dynamische Spielführung, in der so gut wie nie Langeweile aufkommt, dem vollen (körperlichen) Einsatz der drei Darsteller (Jens Ole Schmieder ist der Dritte im Bunde) und den Video-Gastauftritten prominenter Schauspieler.

Nach dem gerne und großzügig spendierten Applaus begibt man sich zurück in die Lounge und trifft, welch nette Überraschung, auf die Schauspieler selber. Hat Gelegenheit nachzufragen, sich bei einem Glas Wein noch mal in die Thematik des Stückes zu vertiefen, oder über das Theater an sich zu philosophieren. Über die Freude, ein diesbezügliches Juwel, noch dazu in Wien, entdeckt zu haben, über die innovative Inszenierung (Bühnenfassung und Regie: Anna Maria Krassnigg), über alles was in der hiesigen Kulturszene falsch läuft und die unfassbare Frechheit, dass ein Projekt wie dieses, wenn es blöd läuft, ab dem nächsten Frühjahr nicht mehr gefördert wird. Das gilt es zu verhindern! Ich zumindest werde meine zwei verbleibenden Besuche in jedem Fall konsumieren, ein Abonnement fürs nächste Jahr ist ins Auge gefasst und für alle, die den Weg in den Salon 5 noch nicht gefunden haben: Allerwärmste Empfehlung!

Weiterführende Links:

Salon 5

Brick 5

Susanne, 12. Oktober 2008

Veröffentlicht in:  on Oktober 12, 2008 at 12:42 Kommentar schreiben
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