Why, oh why?!

Traveling Sandworm

Der nächste Halt auf meiner Route war Salisbury, gelegen in der Grafschaft Wiltshire. Der Grund für meinen Stopp war zugegebenermaßen nicht Salisbury selbst, sondern zwei Fixpunkte auf meiner Reise, die in der Nähe lagen. Zum einen Stonehenge, etwa 12 km weiter nördlich, zum anderen Bath, das sich etwa 60 km nord-westlich befand und welches sich schon von Beginn an in der Reiseplanung befand, vor allem wegen meiner Bewunderung für Jane Austen. Salisbury bot sich als ausgezeichneter Zwischenstopp an und ich wurde wieder einmal von einer ausnehmend charmanten Kleinstadt überrascht, welche rückblickend betrachtet, allemal einen Aufenthalt wert ist, auch wenn man sich weder für Bath noch für Stonehenge interessiert.

Salisbury, Wiltshire

Gerade Mal am Bahnhof angekommen, wurde mir die große Hilfsbereitschaft der Engländer zuteil, ein positiver Stereotyp (Stichwort: höfliche Briten) den ich übrigens auf meiner gesamten Reise bestätigt fand. Eine überaus nette Dame, die direkt am Bahnhof in einer winzigen Zweigstelle der Touristen-Information tätig war, scheute keine Mühen, mir ein adäquates Quartier, samt wifi Zugang zu suchen, wurde alsbald fündig und verwies mich an ein erst vor kurzem eröffnetes Bed&Breakfast im Zentrum. Einen kurzen Spaziergang später stand ich auch schon vor der Tür und wurde von der Inhaberin Ms. Stephanie Paul, oder Stevie, wie sie sich mir vorstellte, willkommen geheißen und nicht nur hochkomfortabel untergebracht, Stevie erwies sich als liebenswerte Gastgeberin, die es mir während meines gesamten Aufenthaltes an nichts fehlen ließ – erwähnenswert ein voll ausgestatteter Tea-Bereich im Gästezimmer, der mit x Teesorten, frischer Milch, Schokolade und Keksen eine bestmögliche Abhaltung der englischen Tea-Time ermöglichte – nebenbei verfügte die Herberge über kostenloses drahtloses Internet, welches die gesamte Zeit über, die ich dort verbrachte, perfekt funktionierte.

Mein erster Ausflug am Anreisetag führte mich dann auch gleich nach Stonehenge. Von Salisbury aus fahren alle 30 Minuten Busse ab, die gleichzeitig auch Siedlungsreste eines älteren Salisbury namens Old Sarum anfahren. Diese Bustouren sind zwar nicht ganz billig, ermöglichen aber eine kleine Rundreise durch die ausnehmend schöne Landschaft und beinhalten den Eintritt in die Sehenswürdigkeiten, sowie eine über Lautsprecher im Bus abgegebene Info (auf Englisch), die den gemeinen Touristen auf das große Mysterium Stonehenge vorbereitet.

Stonehenge

Ich gebe zu, dass mich neben meiner Leidenschaft für Literatur, auch ein gewisser Hang zur Mythologie nach England führte, wobei ich jedoch davon ausgehe, dass Mythen und Legenden gewissermaßen die Ursprünge jeglicher Literatur darstellen, ihre, mit einem weniger verklärten Blickwinkel getätigte Betrachtung und Erforschung, ist allemal lohnenswert. In diesem Sinne fällt auch meine Beurteilung von Stonehenge aus. Man kann sich kaum erwehren, dieses Zeugnis ältester Zivilisation nicht zu bewundern. Es besitzt unbestritten eine nicht näher definierbare Ausstrahlung, die ich jedoch weniger in den Bereich der Zauberei legen oder als Beweis magischer Erdpunkte sehen will, als ich den Steinkreis viel mehr als beeindruckendes Relikt menschlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten sehe, die bereits vor tausenden von Jahren soweit entwickelt waren, dass man die gewaltigen Gesteinsbrocken nicht nur zu formen, sondern auch aufeinander zu legen vermochte. Der Rest ist Spekulation. Und in diesem Sinne möchte ich auch allen, die irgendwann einmal nach Stonehenge zu reisen gedenken, ausdrücklich folgenden Rat ans Herz legen: Halten Sie sich fern von den Audioguides!

Ich habe selten eine größere Ansammlung an Gemeinplätzen, Platitüden, dummen Sound-Effekten (ja, man hat tatsächlich in den Sprechpausen „druidische“ Gesänge eingespielt…!) und jegliche wissenschaftliche Grundlage entbehrender Spekulation gehört. Falls Sie das nicht überzeugt, das Gesamt-Fazit des stonehengeischen Audioguides lässt sich in drei Worten zusammenfassen: „Why, oh why?!“. Hinzu kommen, für diejenigen, die noch mehr wissen möchten, die wiederholte Verwendung folgender Schlüsselwörter: Vielleicht, möglicherweise, könnte sein, mag sein, ist nicht genau geklärt, entzieht sich unseres Wissens, potentiell, man weiß es nicht, usw. usf.

Wer sich damit begnügt in Ruhe um den Steinkreis (der übrigens abgesperrt ist) zu wandern, hat mit Sicherheit, selbst in Anwesenheit der vielen anderen Touristen, mehr von seinem Besuch. Und wer sich den Eintrittspreis überhaupt sparen will und über ein Auto verfügt, der kann ganz einfach die Bundesstraße A303 oder A344 nehmen, seinen Wagen am Straßenrand abstellen und hat auch so beste Sicht auf das Monument.

Am Rückweg hält die Bustour noch am sog. Old Sarum, einer altertümlichen Befestigung, die das frühere Salisbury bildete, bevor die Stadt an ihrer heutigen Stelle gegründet wurde. Man sollte aber auf die Schließzeiten der Monumente achten, in meinem Fall war der innere Kreis von Old Sarum bereits geschlossen, ein Spaziergang rund herum war aber trotz allem lohnenswert, der Bereich in dem die Überreste der ersten Kathedrale von Salisbury stehen, ist auch nach den Schließzeiten zugänglich.

Salisbury Cathedral

Der zweite Tag in Salisbury war der Stadt und vor allem der Kathedrale gewidmet. Salisbury Cathedral ist ein herausragendes Beispiel frühgotischer Baukunst, das Bauwerk besitzt zudem den höchsten Kirchturm in England (123 Meter). Begonnen wurde der Bau an der Kathedrale 1220, wobei der Turm erst einige Zeit später draufgesetzt wurde, was sich nachträglich als beinah fataler Größenwahn herausstellte. Das Grundkonstrukt der Kirche war kaum in der Lage das Gewicht des Turms zu tragen und musste nachträglich verstärkt werden, bis heute ist eine leichte Neigung des Turms festzustellen, ab einer gewissen Windgeschwindigkeit wird die gesamte Kirche gesperrt. Besonders sehenswert in der Kathedrale, neben der ältesten funktionstüchtigen Uhr (AD 1386) ist eine der vier noch verbliebenen Handschriften der Magna Charta (AD 1215). König John Ohneland – der Namenszusatz ist Ausdruck dafür, dass er tatsächlich durch Erbfolgebedingungen kaum über Land verfügte – unterzeichnete das Dokument auf Druck seiner Barone, es ist einer der Vorläufer für spätere grund- und menschenrechtliche Entwicklungen und räumte nicht nur der Kirche gewisse Rechte und Freiheiten gegenüber der Krone ein, es enthält erste Ansätze einer Unschuldsvermutung und prozeduraler Rechte, die, damals beschränkt auf freie Bürger, u. A. einen Schutz vor unrechtmäßiger Verhaftung (habeas corpus) vorsahen. In jedem Fall ein beeindruckendes Dokument westlicher Rechtsgeschichte.

Eine weitere bemerkenswerte Tatsache, die auch an den künftigen Haltepunkten auf meiner Reise einen ganz besonders positiven Eindruck vom Tourismusland England hinterließ, betrifft die Verfügbarkeit von kostenlosen Führungen. Zwar ist bei den meisten Sehenswürdigkeiten Eintritt zu zahlen, vor Ort jedoch gibt es fast ausnahmslos so genannte “Guardians”, meist Senioren und Seniorinnen, die sich als Freiwillige zur Verfügung stellen, um Interessierten die jeweiligen Sehenswürdigkeiten näher zu bringen. Diese engagierten Leute haben sich ausnahmslos als nicht nur hochgebildete Fremdenführer erwiesen, alle unter ihnen waren überaus sympathische, humorige Guides, die keinen unkritischen Lobesgesang anstimmten, sondern die jeweiligen Fakten bestens kannten und diese auch immer wieder mit amüsanten Anekdoten oder typisch britischem trockenen Humor ausschmückten. In Salisbury wurde ich gemeinsam mit drei anderen Interessierten von einer charmanten Mittsiebzigerin mehr als eineinhalb Stunden durch die Kathedrale geführt. Im Raum in dem die Magna Charta zu sehen war, waren wieder eigene „Guardians“, die auf einen zugingen und sich erkundigten, ob man auch alles gesehen habe und ob eventuell noch Fragen offen wären. Ein beeindruckendes Tourismuskonzept!

Salisbury, Wiltshire

Der Rest der Zeit in Salisbury verging mit Entdecken – so wurde ich darauf aufmerksam dass Nobelpreisträger William Golding hier als Lehrer gearbeitet und in weiterer Folge sogar ein Buch über den Kirchturm der Salisbury Cathedral verfasst hat („The Spire“) – mit Flanieren – Salisbury liegt am Fluss Avon (einer von drei in England, der diesen Namen trägt), entlang des Flusslaufes lässt sich herrlich spazieren und wieder einmal die besondere Liebe der Engländer in Sachen Stadtbegrünung bewundern – sowie mit Essen – was sein muss, muss sein, auch nach einem ausführlichen Full English Breakfast. Das urige Pub „The Wig and Quill“ z.B. verfügt über eine ausgezeichnete Küche, besonders die Fish&Chips (ein MUSS wenn man in England ist) sind zu empfehlen.

The Wig and Quill, Salisbury, Wiltshire

Und wenn man so wie ich nebenbei auch interessiert an skurrilen Begegnungen ist, dann musste man einfach eine Dame, die dem Bartender mit schlechtem Englisch erklärte, dass sie aus „Austria“ sei, ansprechen. Das endete schließlich damit, dass die gute Frau, die über ein schreiend-türkis-farbenes Glitzershirt, Leggings und zu einem Turm toupiertes Haar verfügte, mir erklärte, dass die Engländer modisch schon ziemlich altväterisch wären…ich enthielt mich jeglichen Kommentars, widmete mich wieder meinem Ale und schwor mir, auf meiner weiteren Reise nur mehr in Notfällen Österreicher anzusprechen.

Nächster Stopp: Bath

Hilfreiche Informationen:

Salisbury liegt ca. 150 km südwestlich von London. Die Anreise ist öffentlich mit der Bahn bzw. mit dem Bus möglich, die Bahn ist zwar wesentlich schneller (etwa 1,5 Stunden), der Bus jedoch ungleich günstiger (Hin und Retour bereits ab 10 Pfund).

Alle Informationen zu den Bustouren, die von Salisbury aus Stonehenge und Old Sarum anfahren finden sich hier.

Übernachtungsmöglichkeiten in Salisbury sind zahlreich und können über die örtliche Touristen-Information ausfindig gemacht werden. Ich persönlich kann, als ausgesprochen angenehme und im Verhältnis zum Komfort preisgünstige Unterkunft, das B&B von Stephanie Paul, 50 Trinity Street, nur allerwärmstens empfehlen!

Susanne, 17. Juli 2009

Veröffentlicht in: on Juli 17, 2009 at 4:20 Kommentar schreiben
Tags: , , , ,

The Sandworm als Mobile Blogger

The Sandworm - artwork zoer

Ab 20. Juli wird sich der Sandwurm ausgiebig mit dem neuen iPhone 3GS beschäftigen. Nicht dass ich den Unterschied zum „alten“ kennen würde, ich habe ja keines. Hatte noch nie eines, nicht mal ein sogenanntes Smartphone ist bis dato in meinem Besitz gewesen. Das macht aber nichts, denn in meinem Fall geht es um etwas ganz anderes. Ich blogge seit mehr als einem Jahr zum Themenkreis Kultur und Politik und sehe mich irgendwie maximal als halber Geek, dennoch interessiere ich mich für neue Technologien und möchte sie nicht als störende, piepsende Nervensägen abtun, sondern mich auf einer etwas anderen Ebene mit ihnen auseinandersetzen. Der Frage nachgehen, was ist der Mehrwert eines iPhones, worin ist es normalen Mobiltelefonen überlegen und wie lässt es sich am besten für das nutzen, was ich unter einer ausgewogenen Mischung aus analogem und digitalem Leben verstehe.

The Sandworm beschäftigt sich mit unkonventionellen Blickwinkeln in Bezug auf die Themen Kunst, Musik, Literatur &c., in diesem Sinne möchte ich als Ausgangspunkt meines 3-wöchigen iPhone Tests Umberto Eco aus einer im vergangenen Jahr in New York zum Thema Fiktion und Realität gehaltenen Lesung zitieren:

„Die Moskauer Prawda zur Zeiten der UdSSR ist in vieler Hinsicht der sonntäglichen New York Times ähnlich. In der Prawda gab es keine Informationen, in der NYT gibt es viel zu viele“.

Genau darum wird es bei meinem dreiwöchigen Testexperiment gehen: wie nutzt jemand der nicht 24 Stunden am Tag im Web verbringen will ein Smartphone? Auf sinnvolle und ökonomische Weise. Ich bin selbst schon sehr gespannt darauf…

Susanne, 15. Juli 2009

Veröffentlicht in: on Juli 15, 2009 at 3:16 Kommentar schreiben
Tags: ,

On the road in England – Part III: Brighton, East Sussex

Flying Sandworm - artwork zoer

It was time to say goodbye to my friendly hosts in Whitstable and head out on the road to explore southern England. The first stop on my itinerary was going to be Brighton, which became yet another victim of my overzealous travel-planning. I had only allocated one overnight stay and thus my time is Brighton was going to be rather short. A mistake I wouldn’t make again on this trip.

I had debated with my friend over what I really have to go see in Brighton and after going over a list of things that might be pleasant and others which were a must, my friend simply said to me: „When you’re going to Brighton all you have to remember is PPL“. This acronym came in handy, because it contained the vital sights of Brighton and it was easy to remember: PPL meaning Pier, Pavilion and Lanes. So I said farewell and got myself on the road.

Kent - East Sussex

I took the bus from Whitstable to Canterbury and then another bus from Canterbury to Ashford, where I got on the train to Brighton. During this trip I realized that southern England would always remain as one word in my memory: green. Southern England in June was green as can get. I had never seen so many shades of the colour in combination with such a beautiful landscape. As the rolling hills of Kent and then East Sussex flew by, I found myself inside a colour chart that left me in awe: Every possible hue of green was there – light green, dark green, bluegreen, mudgreen, brightgreen, olivegreen and thousands more, which hypnotized me until my eyes finally met with the darkblue of the sea and I knew that Brighton couldn’t be much farther.

East Sussex

After a little more than 3 hours I finally exited the train and headed to my hotel, which was quite a walk from the train station in the district of Kemptown. After recovering from the first encounter with the weight of my backback, which would turn out to be even more unpleasant the next day, when the downhill walk from the station turned into an uphill climb to the station, I was ready to head out to explore Brighton and the deeper meaning of PPL.

Brighton Pier

The first P on the list was the pier. Not far from my hotel, after a short walk on the Marine Parade it turned out to be what piers usually are: centers of entertainment and supposed fun. I wasn’t very interested in the specific fun that was offered on Brighton Pier, a craggy iron construction further to the west grabbed a much stronger hold of my attention. The spidery monument, which exuded a melancholic charm, turned out the be the remains of Brightons once famous Westpier. A glorious example of English seaside architecture, it was constructed by the architect Eugenius Birch and opened in 1866. For quite a while it was the center of the then upper-class seaside entertainment, drawing the rich and famous to perform or watch, however, with time and two world wars the pier’s importance waned. Officially closed to the public in 1975 it began to fall apart, an enormous fire in 2003 destroyed the remaining structures, what is left today is a slowly deteriorating iron skeleton. A skeleton that nevertheless fits Brighton,  because it rests there right in front of the party people as an almost stubborn reminder of the ephemeral. What could be more sobering after a night out, than to wake up on the beach, hung over, and to cast the first look onto the rusting ruins of Brighton’s Westpier?

Brighton Westpier

I didn’t have long to reflect on issues such as mortality and transitoriness, it had begun to rain and ironically I found myself inside a most comfortable pub. The Victory Inn was hospitable, warm and on top of all offered free wifi access. I was lucky though, and after a brief shower, the sun was out again and it was time for the second P on the list.

The Pavilion, or Royal Pavilion, is definitely the most exotic monument in Brighton, possibly in England. King George IV (1762-1830), then Prince Regent and known to be a man of taste, loved Brighton and its parties, all that was missing, in his opinion, was a place worthy of housing the future King of England. So he commissioned architect John Nash to build what can be seen today: an exotic palace, which combines elements of Mughal and Islamic architecture, with a richly decorated interior influenced by Chinese and Indian styles. Spartanic Queen Victoria didn’t like the Pavilion as much and sold it to the city, after removing the interior fittings to either Buckingham Palace and Windsor – most of what can be seen in the palace today are replicas of the originals.

Royal Pavilion, Brighton

Whether the glamorous inside of Brighton Pavilion is actually worth the 8.80 Pounds, which are currently charged to get in, I couldn’t tell – I chose to walk around Brighton in the evening sun, which was not only pleasant, but free of charge as well.

The next morning I was left with the last letter of my Brighton acronym, the L, which stands for Lanes and which luckily were on the way to the train station. There’s not much to be said about the Lanes, except that they’re a small web of charming little streets and alleys, the only ones that survived the great fire, that was set during a French raid in 1514. They might invite you to stroll around and look at the antique shops or take a break in one of the cafés, not me however, I had to catch a train. But I left Brighton with most pleasant memories and a decision for the next stops on my intinerary, effective immediately: Never to stay at another place less than two nights. After all, I remembered that my friend from Whitstable had made an extra remark to the three letter sightsseeing acronym. Do go for the Afternoon Tea in the Grand Hotel, if you get a chance. Well, I’ll just have to postpone that until the next time I shall visit Brighton.

Next stop: Salisbury

Useful Information:

Travel to Brighton from London: With Nationalrail or Nationalexpress, the coach being the considerably cheaper option.

There are plenty of Hostels, Hotels and similar accommodation in Brighton. I stayed at the Brighton Breeze Hotel, which is quite a distance from the trainstation. It turned out to be a clean hotel with great rates (around 30 Pounds per night), the atmosphere could have been a little more charming.

More information on Brighton and its various sights can be found on the official website of the city or via Wikipedia (as well as on many other related websites).

Susanne, July 12 2009

Veröffentlicht in: on Juli 12, 2009 at 3:21 Kommentar schreiben
Tags: , ,

When you’re going to Brighton, all you have to remember is PPL

Traveling Sandworm

Freundin C. hatte mich mit einem handlichen Akronym auf die Reise geschickt. Wir hatten darüber gesprochen, was es in Brighton alles zu sehen gäbe und was davon wirklich zum Pflichtprogramm gehören möge. Ich befand mich noch immer in der anfänglich etwas hektischeren Reiseplanung und hatte nur eine Nacht in Brighton eingerechnet, ein Fehler, der mir danach nicht wieder unterlief. C. meinte schließlich, alles was ich über Brighton wissen müsse und was es wert wäre, gesehen zu werden, ließe sich mit den Buchstaben PPL zusammenfassen, würde ich mir diese Kombination aus Anfangsbuchstaben merken, könne mir in Brighton wirklich nichts passieren. Die Buchstaben standen für „Pavilion, Pier and Lanes“ und würden die allerwichtigsten Sehenswürdigkeiten von Brighton beschreiben. Wenn ich dafür empfänglich wäre und noch extra Zeit hätte, sollte ich darüber hinaus auch den Afternoon Tea im Grand Hotel nutzen. Ein etwas teureres Vergnügen, welches aber zu Brighton passen würde und in Anbetracht der großen Mengen an Speisen, die man dort serviert bekäme auch ökonomisch nicht unklug wäre, da man sich mit Sicherheit das Abendessen ersparen würde.

Also verabschiedete ich mich schließlich von C. und brach endlich auf, um Südengland zu bereisen. Mit dem Bus ging es von Whitstable nach Canterbury, wo ich in den Zug umsteigen wollte, der jedoch wegen Arbeiten am Gleiskörper durch einen weiteren Bus ersetzt wurde, welcher mich nach Ashford brachte – als generell ÖBB Geschädigte war es fast beruhigend zu sehen, dass auch in England so etwas wie Schienenersatzverkehr existierte.

Bereits auf der Fahrt nach Ashford wurde ich das erste Mal auf die wunderschöne Landschaft Südenglands aufmerksam. Im Kleinen hatte ich sie schon in Whitstable und Canterbury wahrgenommen, als mir die gepflegten Gärten und eine nicht zu übersehende Leidenschaft für Landschaftsgestaltung ins Auge stachen. Nun im Bus nach Ashford wurde mir, hinter schmutzigen Fenstern, die kaum den Eindruck schmälerten, klar, dass auch im Großen betrachtet Südengland mit beeindruckender Schönheit gesegnet war. Da zogen Wiesen vorbei, auf denen Schafe grasten, hin und wieder durchschnitten von kleineren Flüsschen, eine liebliche Hügellandschaft, die sich insgesamt mit einem Wort beschreiben ließ: Grün.

England, East Sussex

England ist grün, dieser Eindruck hat sich auf meiner gesamten Reise gefestigt; nie habe ich so viele verschiedene Grüntöne auf einem Flecken Erde gesehen. Grasgrün, dunkelgrün, blaugrün, graugün, braungrün, gelbgrün, hellgrün, smaragdgrün, olivgrün, blassgrün, neongrün, schlammgrün…endlos war die Farbpalette, die an mir vorbeizog, bis nach dem Umsteigen auf die Bahn in Ashford und auf dem Weg nach Brighton, sich das viele Grün im Süden endlich mit dem blassbraunen Sandstrand und dem dahinterliegenden blau des Ärmelkanals kontrastierte.

England, East Sussex

Knapp 3 Stunden nach meiner Abreise, stieg ich in Brighton, welches seit Ende der 1990er etwas uncharmant Brighton and Hove heißt (die beiden benachbarten Städte wurden zu einem Stadtkreis zusammengefasst) aus dem Zug und fand mich erst eine relativ anstrengende dreiviertel Stunde später im gewählten Hotel wieder, welches sich im Stadtteil Kemptown, nicht unweit von der Strandpromenade befand, aber vom Bahnhof gesehen doch etwas mühsam zu erreichen war. Das Gefälle vom Bahnhof bis zur Strandpromenade würde ich am nächsten Tag noch verfluchen, da wandelte es sich nämlich in eine gnadenlose Steigung und führte mir erstmals das Gewicht meines Rucksackes vor Augen. Trotz allem ging sich nach einer kurzen Verschnaufpause doch noch eine gemütliche Erkundungstour durch Brighton aus, und die inkludierte auch die Pflichtpunkte aus Cs Akronym, nämlich zunächst den Pier, später ein Spaziergang rund um den Pavilion und am nächsten Tag beim Rückweg zum Bahnhof noch einen Abstecher durch die Lanes.

Brighton Pier

Der Pier ist kaum zu übersehen, befindet er sich doch zentral an der Strandpromenade gelegen und ist das was man im angloamerikanischen Raum gemeinhin unter einem Pier versteht, nämlich hauptsächlich Vergnügungszentrum mit allen möglichen Attraktionen, die angeblich Spaß machen. Nachdem ich mich dafür kaum erwärmen konnte, ließ ich eine genauere Erkundung bleiben, viel interessanter schien mir der nur wenige hundert Meter weiter westlich gelegene West Pier. Oder das was vom West Pier übrig war, denn aus dem Wasser ragte bloß noch das rostige Skelett des Bauwerks, welches 1866 in Glanz und Glorie vom Architekten Eugenius Birch als herausragendes Exempel viktorianischer „seaside architecture“ konstruiert und aufgestellt wurde. Bereits 1975 wurde der Pier geschlossen und dem Verfall überlassen. Stürme und ein gewaltiger Brand 2003 machten jegliche Renovierungspläne zunichte, die verbliebenen Überreste des West Pier lassen nur noch ganz entfernt auf die einstigen Hochzeiten schließen, das traurige Gerippe jedoch mag Brightons vergnügungssüchtigen Besuchern, die sich wochenends von einer Bar zur nächsten drängen, vielleicht den nötigen Schuss Vergänglichkeit in den Drink mischen. Ich stelle mir kaum Ernüchternderes vor als nach einer durchzechten Nacht am Strand aufzuwachen und den ersten Blick auf das verrottende Gerüst des ehemaligen West Piers zu werfen.

Brighton Westpier

Derlei Gedanken hielten nicht lange und ich suchte alsbaldig selbst ein Pub auf, denn es hatte mittlerweile zu regnen begonnen. The Victory Inn, welches sich für die Regenpause anbot, war dann auch gut besucht, sehr gastfreundlich und verfügte sogar über einen gratis Wifi-Zugang. Nachdem der Regen nachgelassen hatte und sich auch die Abendsonne noch durchsetzen konnte, setzte ich meinen Spaziergang durch Brighton fort und kam schließlich zum zweiten P. dem Pavilion oder Royal Pavilion, der mit Sicherheit die herausragendste und exotischste Sehenswürdigkeit in Brighton, vermutlich ganz England, darstellt. König George IV. (1762-1830), damals noch Prinz und ein genauso kunstliebender wie unterhaltungsfreudiger Mann, hatte sich Brighton als seinen bevorzugten Aufenthaltsort auserkoren und sich mit diesem architektonischen Exoten ein Denkmal gesetzt. Ein Prunkbau im Stile von indischen Mogulbauten, mit Einflüssen aus der islamischen Architektur und einer Inneneinrichtung in chinesisch-indischem Stil, allesamt umgesetzt und verwirklicht vom Architekten John Nash (zwischen 1812 und 1822). Nachdem das Gebäude Mitte des 19. Jahrhunderts an die Stadt verkauft wurde und ein Großteil der Inneneinrichtung im Buckingham Palace und in Windsor landete, ist der Gutteil der aktuell im Inneren befindlichen Ausstattung nachgebaut.

Ich selbst habe mir das Innere des Pavilion nicht angesehen, ich kann deshalb auch keinerlei Auskunft darüber geben, ob die aktuell 8,80 Pfund Eintritt lohnenswert sind oder nicht. Ich hatte mich für die Abendsonne entschieden und in dieser Hinsicht war die Entscheidung noch ein wenig entlang der Strandpromenade zu wandeln nicht nur lohnenswert sondern auch gratis.

Royal Pavilion, Brighton

Der nächste Morgen brachte nicht nur das Auschecken aus dem Hotel und die Bewältigung des einigermaßen anstrengenden Anstiegs bis zum Bahnhof, sondern auch noch eine kurze Frühstückspause im letzten Pflichtprogrammpunkt, in den sogenannten Lanes, die günstigerweise am Weg zum Bahnhof lagen. Viel gibt es dazu nicht zu sagen, außer dass es sich um ein kleineres Netz von hübschen Straßen handelt, welche als einzige den großen Brand, den die Franzosen bei einem Angriff auf Brighton 1514 gelegt hatten, unbeschadet überstanden haben. Dort finden sich dann kleinere Shops und Antiquitätengeschäfte und es hätte sich dort wunderbar entlang schlendern lassen, hätte ich nicht die nächste Station meiner Reise erreichen wollen. So aber musste ich Brighton schließlich verlassen, ich machte mich auf die Weiterreise und nahm nicht nur einen herrlichen Ort an der Südküste Englands in die Erinnerung auf, ich hatte auch beschlossen künftig keinem Halt entlang der Route weniger als 2 Übernachtungen zu widmen. Irgendwie war mir das dann alles etwas zu schnell gegangen, schließlich habe ich zwar die Punkte PPL im Reiseplaner abhaken können, aber der Afternoon Tea im Grand Hotel harrt noch immer meines Besuches.

Nächster Stopp: Salisbury

Hilfreiche Infos:

Die Anreiseplanung mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten via Nationalrail oder Nationalexpress, wobei die Bus-Variante wesentlich preisgünstiger ist.

Brighton bietet jede Menge Übernachtungsmöglichkeiten, das von mir gewählte Hotel Brighton Breeze, erwies sich als günstige (30 Pfund/Nacht) und saubere, aber etwas uncharmante und relativ weit vom Zentrum entfernte Option. Diverse Hotelsuchmaschinen bieten eine insgesamt sehr große Auswahl, es sollte sich in jeder Preisklasse und Lokalität Passendes finden lassen.

Zusätzliche Informationen über Brighton finden sich auf Wikipedia sowie auf diversen weiteren (meist englischsprachigen) Webseiten.

Susanne, 9. Juli 2009

Veröffentlicht in: on Juli 9, 2009 at 4:07 Kommentar schreiben
Tags: , , , ,

On the road in England – Part II: Canterbury, Kent

Flying andworm

 

When one steps through Canterbury’s Westgate, the last remainder of several gates that adorned the medieval city wall, one feels like taking a trip back in time. Along St. Peter’s Street, High Street, the Parade and lastly St. George’s Street – a stretch of pavement that cuts through the old town centre from north-west to south-east – you’ll find yourself in the midst of a pretty ensemble of medieval houses and bridges, which transport you back into the olden days, regardless of what the likewise beauty-struck passengers, that wander in flocks next to you, may look like.

 

Canterbury Westgate

 

Canterbury is one of the most beautiful cities of southern England and well worth a lenghty stay, especially since its walls and buildings ooze history on every corner. Centerpiece and gem of the town is Canterbury Cathedral. It can easily be reached when you turn from High Street into Butcher’s Lane and enter Buttermarket Square. That’s when you’ll stop short in front of the marvellous Christchurch Gate, which marks the entrance into Cathedral territory. You won’t get by unless you’re willing to pay the entrance fee of 7,50 Pounds, but even though that’s far from cheap, the investment is well worth it.

Step through the gate and behold the first stunning view of a gothic cathedral, its green surroundings and additional buildings that embrace the church. The cathedral, like many other places of prayer in Europe stands on the remains of buildings that served older cultures for rites and rituals. The construction of the building that can be seen today, commenced in the late 11th century, and it is certainly one of the most beautiful gothic churches in Europe.

 

Canterbury Cathedral

 

I admit that time constraints, which resulted from only 12 days allocated for travels around parts of southern England left me with only one afternoon dedicated to exploring Canterbury, but having the benefit of insider knowledge from my generous hosts, little escaped my city-search, though it was easily agreed on that I shall have to return to Canterbury.

All medieval history comes with its share of tales around treason, murder and penance and due to my own propensity torward dramatic literature and poetry I cannot deny that my venturing into the cathedral wasn’t at least in part owing to the search for traces of bloodshed, even centuries after the crime. For, after all, no modern crime serial or movie even comes close to the drama that took place in some of those dark alleys, damp crypts or gloomy backwoods that medieval times provided ample space for.

 

Tomb in Canterbury Cathedral

 

When it comes to Canterbury, Thomas Becket’s murder is a story that cries out for telling and after a leisurely stroll through the vast complex of the cathedral, I found myself searching for the scene of the crime. For those of you who are not familiar with the drama, I’ll try to give a brief narrative of the facts (or hearsay, myth and legend respectively): Thomas Becket (c.1120-1170) was a friend and confidant of Henry II., king of England at the time. Henry (1154-1189) cunningly sought to strengthen his position within the, then catholic, church, which led him to conclude it would be best to promote his buddy Thomas to Archbishop of Canterbury. Only he miscalculated and instead of following Henry’s orders, Thomas Becket engaged in a series of legal bouts over the position and power of the catholic church in England. After a particularly aggravating argument, Henry is supposed to have exclaimed the following sentence: “Will no one rid me of this turbulent priest?“ (or at least a variation thereof), which quickly found a following of four fearless fellows (I would have written ruthless, if it wasn’t for the beautiful alliteration…) or honorable knights – whichever way one wants to look at it – who were more than ready to excecute Henry’s will.

So on December 29th 1170 the qualified quartet ventured into Canterbury Cathedral and confronted the bishop, who was getting ready for evening prayers. Thomas wouldn’t budge, which led the four brutes to brutally bludgeon him, finally splitting his scull with their swords’ blows (whoever wants the even bloodier details, head on over to Wikipedia).

After a very speedy canonisation of Thomas Becket in 1173 and an increasing flow of pilgrims visiting his relics, Henry found himself tormented by guilt and finally had to do penance in 1174. Back then rituals like these definitely had more of a demonstrative character, which is why Henry found himself naked except for a sinner’s shirt, walking barefoot all the way to the cathedral where he then had to beg forgiveness on his knees and to make things a little more memorable was afterwards flogged by the entire group of monks (some 80), bishops and abbots, who were present to bear witness to Henry’s remorse. He was then allowed to spend the night in the crypt, praying and fasting (more information can be found here).

Another Henry finally did away with the increasing stream of pilgrims, the 8th in the order of Henrys – due to some „private troubles“ – had decided to end catholic domination in England and simply pronounced himself head of the church of England. He had Thomas’ shrine and remains destroyed, the place where they once rested is now marked by a simple candle.

If anyone by this time needs peace and quiet I would recommend taking part in one of the informative Historic River Tours, that take you and your rowing guide along the river Stour and will complete the day of exploring Canterbury in a relaxing, humorous mood.

 

Canterbury

 

Of course all these events couldn’t but inspire the literary talents of the country, of which England has so many to offer, and who were one of the main reasons I decided to travel to England. As for Canterbury there’s certainly Geoffrey Chaucer, who – though born in London – immortalised the town in his Canterbury Tales. Its greatest son is probably poet and spy Christopher Marlowe, who found his life involuntarily ended in London (another grisly tale…).

Not much more remains to be said, after all I only spent an afternoon in Canterbury, but in the few hours that I found myself wandering the town, it didn’t take long for me to decide, that I shall quite like to return, some day.

 

Next Stop: Brighton

 

Useful Information

Getting there from London: by train search via Nationalrail, round-trip will cost around 40 Pounds or more, the cheaper version is taking the bus which can get you to Canterbury and back to London for 10 Pounds (search Nationalexpress for fares)

Helpful information about Canterbury can be found on the official website of the city, which will also provide advice on accommodation, sights &c.

Historic River Tours of the Stour will take about 40 minutes and cost you 7 Pounds, a great deal for an entertaining alternative to the regular type of sight-seeing.

 

Susanne, July 5 2009

Veröffentlicht in: on Juli 5, 2009 at 1:10 Kommentar schreiben
Tags: , ,

Will no one rid me of this turbulent priest?

Traveling Sandworm - artwork zoer

 

Ich begann erst kurz vor der Abreise nach England meine Wunschroute festzulegen. Diese Route ergab sich aus einer Kombination jener Dinge, die ich während der Reise unbedingt sehen wollte und Personen, die ich aufzusuchen gedachte. Da gab es eine gute Freundin, die besucht werden wollte, eine Vielzahl von Autoren, die an diesem oder jenem Ort gelebt und gearbeitet hatten, wichtige historische Stätten und in jedem Fall eine Mindestaufenthaltszeit am Meer. Kurz vor der Abreise war schließlich mein Reiseführer eingetroffen (Lonely Planet England – den ich übrigens sehr empfehlen kann) und mir wurde sofort klar, die Reise musste entweder auf mindestens drei Monate ausgedehnt werden oder es war unvermeidlich den einen oder anderen Tourstopp einfach zu streichen. Da ersteres nicht möglich war, musste es zweiteres sein, was nachdem ich in England gelandet war, noch offensichtlicher wurde und ich erkannte, dass dieses Land nicht im Eiltempo bereist werden will, schon gar nicht als eine Art „Race Across Southern England“, sondern in einer Manier erlebt werden sollte, die eher dem entspricht, was man im 18. oder 19. Jahrhundert als Reisen definierte: eine gemächliche Erkundung, die genügend Raum und Zeit lässt, die Orte, die man besucht, auch zu erleben.

Einer der Orte, welcher der anfänglichen Reisehektik zum Opfer fiel war Canterbury und ich gebe mit Bedauern zu, dass ich nur einen Nachmittag in dieser wunderschönen Stadt verbracht habe. Ein Glück jedoch, dass ich ortskundige Führer an meiner Seite hatte, denn so war es auch in relativ kurzer Zeit möglich das Wichtigste zu sehen und sich zumindest vorzunehmen, Canterbury bei nächster Gelegenheit mehr Zeit zu widmen.

 

Canterbury Westgate

 

Canterbury liegt knapp 11 km südlich von Whitstable und egal, ob man mit Bus oder Auto fährt, man kommt irgendwann unweigerlich vor die Tore der Stadt, sprich zum sogenannten Westgate, welches das einzig verbliebene Stadttor der mittelalterlichen Befestigung rund um Canterbury ist. Es gibt auch noch Teile dieser Stadtmauer, die erhalten sind, auf Abschnitten dieser „wall“ kann man entlang spazieren und einen schönen Blick auf die Stadt erhaschen.

Durch das Westgate hindurch, tritt man ein in die historische Altstadt von Canterbury und somit in ein kleines Universum aus alten Gassen, Brücken und mittelalterlichen Fachwerkbauten. Gleich hinter dem westlichen Stadttor beginnt die St. Peter’s Street, welche in die High Street übergeht, diese wiederum wird zur Parade und endet schließlich als St. George’s Street -  der gesamte Straßenzug durchschneidet die Altstadt Canterburys von Nordwesten nach Südosten und lädt zum Promenieren und Entdecken ein.

 

Canterbury, Kent

 

Biegt man von der Parade in Richtung Südosten nach links in die Butchery Lane ab, gelangt man nach ein paar Schritten zum Herzstück der Stadt: zur Canterbury Cathedral, einer der berühmtesten und ältesten Kathedralen Englands. Das grandiose Bauwerk ruht wie viele mitteleuropäische Kirchen auf Grundfesten von Gebetsstätten älterer Kulturen, der Bau, so wie er sich heute präsentiert, wurde gegen Ende des 11. Jahrhunderts begonnen und zählt mit Sicherheit zu den schönsten gotischen Kirchenbauten Europas. Zusätzlich ist die Kathedrale der Amtssitz des anglikanischen Erzbischofs, der das geistliche Oberhaupt der Kirche von England ist.

 

Canterbury Cathedral

 

Der Eintritt in die Kathedrale ist mit 7,50 Pfund zwar nicht billig, es zahlt sich aber aus ihn zu berappen, denn hinter dem Christ Church Gate, durch das man vom Buttermarket Square hindurch tritt, eröffnet sich ein spektakulärer Blick auf die Kathedrale, umliegende Gartenanlagen und weitere Kirchengebäude. Die Kathedrale selbst ist eine architektonische Glanzleistung, über die Jahrhunderte haben sich romanische, früh- und spätgotische Teile zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk gefügt. Nicht zuletzt sind Kirchen aber immer auch ein ausgezeichneter Ort für jede Menge blutrünstige Geschichten, Anekdoten und wilde Spekulationen.

Dass ein weltberühmter Mordfall mich, neben meinem Interesse für Kunst und Kultur, in die Kirche trieb, will ich nicht leugnen, die Geschichte von Thomas Becket schreit auch danach sich selbst hunderte Jahre später noch am vermeintlichen Ort des Meuchelmordes nach eventuell physisch sichtbaren Spuren der Gewalt umzusehen. Wer sie nicht kennt, hier kurz das, was als Fakten (angereichert mit Hörensagen, Mythos und Legende) über die Jahrhunderte ins Heute gespült wurde: Thomas Becket, seines Zeichens Vertrauter und Freund des damaligen Regenten Henry II., wurde von diesem nicht nur als Zeichen der Verbundenheit, sondern auch um die Machposition in der Kirche mit einem Verbündeten (zeitgenössisch vielleicht als Spezi zu bezeichnen) zu besetzen, zum Erzbischof von Canterbury befördert. Nachdem Thomas Becket aber absolut keine Lust hatte, sich lenken und kontrollieren zu lassen, im Gegenteil, er eine Reihe von Scharmützeln mit dem König über Einfluss und Zuständigkeit der Kirche austrug, wurde es Henry zu bunt und um zur Essenz einer langen Geschichte zu kommen, dieser soll in seiner Verzweiflung über den renitenten Priester oben angeführten Ausspruch getan haben, wodurch sich auch gleich vier, wenig zimperliche, Gefolgsleute bzw. ehrbare Ritter (je nach Sichtweise) fanden, die die Umsetzung des vermeintlichen Befehls in die Tat pflichtgetreu auf sich nahmen. Am 29. Dezember 1170 schließlich begab sich das rücksichtlose Quartett in die Kathedrale, schlug mit ihren Schwertern auf den Bischof ein und zwar in einer Art und Weise, dass es dem armen Mann den Schädel spaltete. (Wer die Geschichte nachlesen möchte, auf Wikipedia zum Beispiel gibt es die grausigen Details – wobei die englische Ausgabe um einiges informativer ist).

Noch heute ziert ein in rotem Stein gehaltenes „Thomas“ den Ort des Verbrechens, Henry schließlich blieb, nachdem Becket in einem Schnellsiedeverfahren bereits 1173 heilig gesprochen worden war und sich die Pilgerscharen nach Canterbury verdichteten, nichts anderes übrig, als um Vergebung zu bitten. Anno dazumal hatten diese Gesten auch noch entsprechend ausholenden Charakter: Henry machte sich barfuß, in Sack und Asche gekleidet, auf den Weg in die Kathedrale, kniete am Ort des Verbrechens nieder und wurde nach öffentlicher Reue und priesterlicher Absolution auch noch von allen 80 Mönchen, diversen Bischöfen und Äbten ausgepeitscht. Die folgende Nacht durfte er betend und fastend in der kalten Krypta der Kathedrale verbringen. 

 

Canterbury Cathedral

 

Thomas’ Reliquien schließlich wurden zu einem Magnet in Sachen Pilgerschaft. In Scharen strömten die Gläubigen aus ganz Europa nach Canterbury, bis ein weiterer Henry dem Treiben ein Ende setzte. Der 8. In der Reihe der Heinriche, machte sich aufgrund einer heiklen Privatangelegenheit schlicht zum Oberhaupt der Kirche von England und beendete die katholische Herrschaft im Lande. Der Schrein der zum Zwecke der Anbetung des Heiligen errichtet worden war, wurde vernichtet, ebenso Thomas’ Gebeine, heute ziert eine simple Kerze die Stelle wo das Monument einmal gestanden hat. Die Kathedrale lädt aber trotz blutrünstiger Vergangenheit zum Umherwandeln und Betrachten ein, außergewöhnliche Steinmetzkunst und herrliche Glasfenster versetzen die Kunstliebhaberin in Staunen, besonders schön der gotische Kreuzgang.

 

Canterbury Cathedral (Cloisters - Kreuzgang)

 

Die Kirche, die tragischen Ereignisse rund um die diversen Personen, die in ihr und um sie herum wirkten, mit Sicherheit auch die Stadt und ihre malerischen Gassen und Straßen haben schließlich auch in der Literatur ihren Niederschlag gefunden. Am bekanntesten ist wohl Geoffrey Chaucer (ca. 1343 – 1400) – Fluch jedes Anglistikstudenten – dieser hat sich, obwohl in London geboren, mit seinen Canterbury Tales verewigt und der Stadt ein Denkmal gesetzt. Größter Stolz ist vielleicht Shakespeare-Zeitgenosse, Dichter und Spion, Christopher Marlowe (1564 – 1593), der in Canterbury geboren wurde, sein Ende jedoch in London fand (nicht weniger dramatisch übrigens als Thomas Becket).

 

Canterbury, river Stour

 

Wer nun noch nicht genug gesehen hat von Canterbury, der begibt sich hernach einfach auf eine der launigen Historic River Tours, auf der man, gerudert vom charmanten Boots- und Stadtführer, jede Menge Wissenswertes über die historischen Gebäude entlang des Flüsschens Stour erfährt. Wenn sich der Tag dann dem Ende zuneigt und man wieder weiterreist, steht eines auf jeden Fall fest: ein einzelner Nachmittag ist viel zu kurz, um Canterbury auch nur annähernd kennen zu lernen. Auf ein nächstes Mal also!

 

Hilfreiche Informationen:

Anreise von London: Mit dem Zug via Nationalrail, hin und retour muss man aber mit etwa 40 Pfund Fahrtpreis rechnen, ungleich günstiger die Fahrt mit dem Bus, die zwar etwas länger dauert, aber bereits um 10 Pfund (hin und retour) zu haben ist.

Wissenswertes rund um Canterbury liefert die offizielle Webseite der Stadt, dort finden sich auch Informationen in Sachen Unterbringung. Die Bootstouren sind mit einem Preis von 7 Pfund und einer Dauer von 40 Minuten nicht nur günstig, sondern auch sehr informativ und äußerst unterhaltsam.

 

Nächster Stopp: Brighton

 

Susanne, 1. Juli 2009

Veröffentlicht in: on Juli 1, 2009 at 2:52 Kommentar schreiben
Tags: , , ,

On the road in England – Part I: Whitstable, Kent

Flying Sandworm - artwork zoer

 

When one contemplates traveling, the first thing that needs to be determined is the answer to the question: where to? I have traveled quite a bit in my life and I have recently found that it is by no means a mistake to let your intuition guide you in the search for an adequate destination. Maybe there’s a friend you haven’t seen in a very long time, or there’s this town that you’ve read about so many times in your favorite novel or this stunning beach you saw in this one movie that was no good at all, but boy, this beach! No matter how that one particular place, which you now can’t seem to get out of your head, got there in the first place, several years of experience have made me an expert in the field and I strongly advise you to follow your gut feeling.

My gut feeling together with the restrictions dictated by a tight budget have brought me to England and I’d like to invite you to, retrospectively, come along with me on the journey, because not only have I discovered a beautiful new destination, but I have also added new places on my travel to-do list.

 

Whitstable High Street

 

The first stop on my itinerary was Whitstable. I tiny town about 60 miles east of London. A good friend of mine lives there and on first sight I instantly realized that Whitstable wasn’t the god-forsaken place in the middle of nowhere, which I thought it to be, not at all! Having arrived there, after passing little more than an hour on a train from London Victoria (Southern Railway – oneway tickets cost about 20 Pounds), I discovered a charming little town on the southeastern coast of England.

Of course I’m not the first to discover Whitstable’s qualities – thousands of Londoners have done so long before me and on the weekend they flock to the east in order to enjoy a range of distractions from the hectic city. There’s a beach of course, where the ones who consider themselves lucky to still have some money in the bank, can try to buy one of those tiny huts that crowd some of the stretches along the coast. Be aware though that the best ones can cost you up to 15.000 Pounds, and they don’t include the property they’re built on. If you know what the terms „beam reach“, „starboard“ and „hoist“ mean, then you might want to go sailing. Excellent location and good conditions will make the space on the sea scarce on busy sailing weekends.

 

Whitstable, Beach

 

Of course there’s one downside when you’re staying with a friend, you’re absolutely not in the position to make any recommendations on where the future Whitstable disoverer might want to stay overnight. But seeing that the streets are filled with tourists, especially in the summer and even more so on the weekend, I am quite certain that by searching the usual websites adequate, or even luxurious, accommodation can be found quite easily (unless of course someone else has found it before you…). But this is all meaningless, when it comes to the upsides of visiting a friend who happens to live in a lovely sea side resort, especially when this friend is able to provide insider knowledge about what to do in and around Whitstable.

First things first. There’s one vital condition that needs to be satisfied when one sets out to do some touristic discovering – regardless how small the place – a decent breakfast that provides enough energy for several hours of walking, looking, taking pictures &c. The best choice in this case is a so-called „full English breakfast“. Howard’s Kitchen, a charming little Café/Restaurant in Whitstable is an expert in the field. Typically consisting of 2 eggs (scrambled or sunny side up), 2 sausages, 2 strips of bacon, fried tomatoes or mushrooms and not to forget the notorious baked beans, in some cases you might even find smoked fish on your plate, all accompanied by your choice of drink and buttered toast. I was only able to ingest about 2/3rd of the full amount, or what felt like approximately 5000 calories, but – and here comes the positive effect of this type of culinary start into the day – I didn’t feel hungry until about 6 p.m. of the same day. So there was plenty of time to discover Whitstable whithout the distractions of a hungry stomach.

You may want to start out by walking along High Street, which I would call the main route through Whitstable. On the weekend the street is busy with all kinds of locals as well as tourists going about their business of weekend shopping, finding the right place to get coffee or souvenirs and so forth. When walking north, High Street splits up into Harbor and Sea Streets, from each of these routes it’s only a short walk to the shore, where you’ll find your usual array of cafés, bars, or just plain beach, which in Whitstable’s case is shingle beach.

 

Whitstable, Kent

 

Along the waterfront you may want to take a break at the „Tea Gardens“. Situated just a few steps above the beach, inside a beautifully landscaped garden, it’s only open during the summer months and provides for an adequate outdoor setting to observe the obligatory English tea-hour. If in contrast to me you do get hungry, you might want to try for the oysters. Whitstable and oysters go hand in hand, according to my travel guide (Lonely Planet England) they’ve been harvested here since Roman times and whoever likes them might want to try Whitstable’s best known oyster place „Wheeler’s Oyster Bar”. Of course I can’t recommend it, since I didn’t eat there, remember I wasn’t hungry! 

 

Whitstable, Wheeler's Oyster Bar

 

Anyhow, there’s still plenty to see in Whits, as I recall the locals like to call it, for example walking back and forth between the beach and the streets that run parallel to the shore. This is accomplished by sneaking along so-called alleys, tiny public pathways that connect the streets with the waterfront and which, due to being lined with a thicket of plants and flowers, make you feel like a smuggler in the old (pirate) days.

 

Whitstable, Kent

 

And when you’re finished with walking, sneaking, or whatever else you’ve done on your day in Whitstable I suggest you spend your evening hours in a traditional English pub. For people like me, coming from a country that has no sea, there is only one rule whenever I get near any body of water that rightfully qualifies as „sea“: Spend sufficient time near the water! So my friendly host and I chose a pub called „Old Neptune“. Not only is it located right on the beach, it’s also one of the favorites with the native Whitstable folk (which is always a good sign for any place where food and/or drink is served) and there’s even live music on some nights. No better way to end a lovely day in a beautiful little town than spending it with a good friend and one or more glasses of ale.

 

Whitstable, Kent

 

Oh and by the way, if you happen to bump into one of those celebrity people who like to come to Whitstable, like, say, Rod Stewart, my advice is, don’t look at them too intently. They might just turn to you and say something like: „Yes, it’s me!“. But of course that’s only hearsay and you always have to use a bit of caution when talking to people who live near the sea, it might after all just be a fish story…

 

Next stop: Canterbury

Useful Information:

Traveling to England: I took Aer Lingus from Vienna, Austria, but wherever you’re traveling from, London is a popular destination, you should be able to find good fares from most points around the globe, I suggest a simple airline search with e.g. Google.

Connection: From London Victoria take Southern Railway, one way tickets cost about 20 Pounds. If you’re using public transportation in England I recommend purchasing a round-trip ticket whenever possible – they usually reduce the cost of traveling considerably.

Information about Whitstable can be found on Canterbury’s official tourist information site, however an internet search will come up with several other sites that offer information on tourist activities, accommodation etc. in Whitstable.

On my travels through England I have used the latest edition of Lonely Planet England as a handy source of all kinds of information, especially concerning public transportation, basic historic information and accommodation.

 

Susanne, 28 June 2009

Veröffentlicht in: on Juni 28, 2009 at 3:09 Kommentare (2)
Tags: ,

The Sandworm goes bilingual!

Literary Sandworm - artwork zoer

 

Ever since The Sandworm was launched more than a year ago, it was our goal to publish not exclusively in German but in English as well. It has taken some time, but as of today The Sandworm is proud to announce that it is bilingual!

In the weeks to come I will be blogging about my travels in England and from now on – every once in a while – there will be additional articles on subjects like arts, literature, music, film or other cultural issues that cross the Sandworm’s path. If you want to find out more about us, you can do so here; all future entries in English can be found in the category „English“ or through the respective tags!

 

Susanne, June 26 2009

Veröffentlicht in: on Juni 27, 2009 at 2:28 Kommentar schreiben
Tags:

Yes, it’s me

The Sandworm

 

Wenn man sich Gedanken über eine anstehende Reise macht und ich halte es da fast quasireligiös mit einer der Grundregeln des Dalai Lama (Besuche einmal im Jahr einen Ort, den du noch nicht kennst), dann überlegt man sich zunächst wohin man eigentlich reisen möchte. Ich lasse mich diesbezüglich gerne von der Literatur inspirieren und nach einem begeisterten Einstieg in die Welt des James Joice (A Portrait of the Artist as a Young Man, danach Dubliners), stand zunächst Irland im Zentrum meiner Suche. Nach einigen Wochen auf diversen Webseiten verschiedenster Fluglinien, fand ich mich schließlich durch ein unschlagbares Angebot der Aer Lingus erstmals zum Nachdenken darüber verführt, was wohl wäre, wenn ich nicht nach Irland, sondern nach England führe. 30 Euro hin und retour (inklusive Taxen) waren nicht zu überbieten und fast gleichzeitig mit dem geografischen Gedankensprung, fanden sich auch noch weitere triftige Gründe für eine Reise nach England. Erstens eine gute Freundin, die südöstlich von London in der Grafschaft Kent lebt und schon seit viel zu langer Zeit nicht mehr gesehen war und nicht zuletzt die Leidenschaft für englische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, noch weiter präzisiert, die Tatsache, dass Jane Austen mit Sicherheit einen der Topplätze in meiner Liste von hochgeschätzten Schriftstellern einnimmt. 

 

Ein paar Klicks und wenige Wochen später fand ich mich also im Flugzeug besagter Airline wieder, Direktverbindung Wien – Gatwick mit dem ersten Reisestopp „Whitstable“ am Programmplan. Durch eine tageszeitlich (für meine Begriffe, denn ich kann nichts weniger ausstehen, als im Morgengrauen zum Flughafen zu fahren) günstige Reisezeit, betrat ich gegen 17 Uhr Ortszeit den Boden ihrer königlichen Majestät Elisabeth II. und fand mich im Weltrekordtempo über eine Bahnverbindung nach London Victoria (Züge fahren je nach Betreiber in etwa alle 15 Minuten, die Verbindung über Southern Railways benötigt nur wenig länger als der angepriesene Gatwick Express, ist dafür aber mit ca. 10 Pfund pro Strecke wesentlich billiger), im Zug nach Whitstable sitzend wieder, gegen 20 Uhr schließlich hatte ich mein Ziel erreicht, Freundin C. stand bereits winkend am Bahnsteig.

 

Whitstable, High Street
 

Über Whitstable gibt es so einiges zu erzählen und selbst wenn ich den Ort bloß deswegen in meine Reiseroute aufgenommen hatte, weil ich Freunde und Unterkunft dort fand, so zeigte sich auf meiner weiteren Reise, dass Whits, so nennen es die Einheimischen gern, unter den Engländern relativ bekannt war und insbesondere von der betuchteren Londoner Gesellschaft gerne für Wochenendausflüge ans Meer genutzt wird. Whitstable also liegt knapp 100 km östlich von London und etwa 11 km nördlich von Canterbury, was die Attraktivität von Whits zusätzlich steigerte, war doch schnell beschlossen, dass Canterbury Reisestopp Nummer 2 werden würde.

 

Whitstable - Segelhafen

 

Der malerische kleine Ort an der Küste Südostenglands besticht durch hübsch aneinander gereihte Häuschen, mit gepflegten Gärten, die dank der Jahreszeit alle in voller Blüte standen und welche sich in einem länglichen Steifen von West nach Ost an den Strand schmiegten. Über mögliche Unterkünfte und deren Qualität kann ich an dieser Stelle leider keine Auskunft geben, nachdem sich der Ort aber zunehmender Beliebtheit, vor allem wegen seiner Nähe zu London, erfreut, bin ich sicher, dass sich adäquate Quartiere leicht finden lassen (so sie nicht ausgebucht sind!). Am Wochenende herrscht dann schließlich auch Hochbetrieb und Einheimische wie Erholungssüchtige treibt es auf die Straßen, wobei sich ein Großteil davon früher oder später entweder in einem der Cafés und Restaurants am Strand, oder in der zentralen High Street einfindet. Nach Norden spaltet sich die High Street in die Harbour und die Sea Street auf, von jeder dieser Straßen ist es bloß ein Katzensprung zum Strand, den man immer wieder auch auf kleinen, “alley” genannten, Schleichwegen erreicht, die mit dichtem Grünzeugs umwuchert fast schmugglerpfadartig zum Hin- und Herschleichen einladen.

 

Whitstable, Strandpromenade

 

Entlang der Strandpromenade finden sich wahlweise Hafenbars und Cafés, Badestrände oder Anlegeplätze für die unzähligen Segelboote, die sich bei günstigem Wind in der Bucht drängen. Die Lage macht Whitstable schließlich zum idealen Erholungsort, egal ob man nun segeln will, oder bloß ein Wochenende lang dem Großstadttrubel entkommen möchte, ob man fein Essen geht (Whitstable ist in ganz England für seine Austern bekannt) oder ob man sich, wenn es das Wetter erlaubt, an den Kieselstrand legt (einfache Strandhütten werden zu einem Preis von bis zu 15.000 Pfund gehandelt!), es findet sich für jeden irgendwas in diesem Ort. In meinem Fall war es morgens ein gigantisches Frühstück in Howard’s Kitchen – einem kleinen Café-Restaurant mit hübschem Wintergarten und ausgezeichneter Küche. Ein typisches englisches Frühstück schließlich, also das was sich vor Ort dann „full English breakfast“ nennt, ist eine optimale Unterlage, um bis mindestens zum frühen Abend ohne jegliches Hungergefühl touristischen Aktivitäten nach zu gehen. Bestehend aus (im Regelfall) zwei Eiern (als Omelett oder Spiegeleier), zwei Würsteln, zwei Streifen Speck (jeweils gebraten), den obligaten Baked Beans und je nach Tradition gebratenen Champignons oder Tomaten (in Abhängigkeit von der Region in der man sich aufhält, kann auch geräucherter Fisch dazustoßen) und jede Menge dick mit Butter bestrichenem Toastbrot (im Idealfall geschnittenes Weißbrot statt dem herkömmlichen Industrietoast), habe ich nach ungefähr 2/3 der auf meinem Teller aufgehäuften Nahrungsmittel oder gefühlten 5000 Kalorien w.o. gegeben. Mit genügend Energie ausgestattet reichte es jedoch für eine ausgiebige Erkundung von Whitstable, die über den Hafen zur Strandpromenade führte, vorbei an einem sehr netten kleinen Café namens „Tea Gardens“, welches nur in der warmen Jahreszeit geöffnet hat und wo man stilvoll in einem gepflegten Garten den englischen Pflichttee zu sich nehmen kann, bis zur Stätte an der meine Freundin C. eine recht eigentümliche Begegnung mit einem nach Whitstable gereisten Prominenten namens Rod Stewart hatte.

 

Whitstable, Tea Garden

 

Zugetragen hat sich das „celebrity sighting“ im Hotel Continental (passender hätte der Herr auch kaum auswählen können), das über einen sehr netten Tea-Room samt Meerblick verfügt und in dem man, so wie es in England oft üblich ist, seine Bestellung an einer Art Tresen selbst ordert und auch gleich bezahlt. Ebendort hatten sich ausgerechnet Herr S. und meine Bekannte C. eingefunden, als C., die einigermaßen kurzsichtig ist und die, um die Tafel mit den Tagesangeboten zu lesen, ihre Augen zusammenkniff, schließlich mit entsprechend fragendem Gesichtsausdruck nicht nur auf die Anbotstafel, sondern zufällig auch in die Richtung des neben ihr stehenden Herrn S. starrte, woraufhin dieser sich zu ihr drehte und mit einer Mischung aus Wohlwollen und Freude erkannt worden zu sein folgenden Satz von sich gab: „Yes, it’s me.“ Natürlich hat C. erst zu diesem Zeitpunkt erkannt, dass es sich tatsächlich um Rod Stewart handelte, hat höflich gelächelt, ihren Tee in Empfang genommen und dann doch lieber das Weite gesucht.

 

Whitstable, The Old Neptune

 

Nach derlei Abenteuern, die sich in Whitstable mit Sicherheit täglich zutragen, sollte man für eine sinnvolle Abendgestaltung am besten ein klassisches Pub auswählen. C. und ich haben uns für „Old Neptune“ entschieden, welches an jenem Abend nicht nur ausgzeichnete Live-Musik bot, sondern auch voll mit Einheimischen war, was in Bezug auf die Lokalwahl immer ein gutes Zeichen ist. Old Neptune liegt darüber hinaus direkt am Strand, das machte es für mit Binnenlandstatus gestrafte Reisende wie mich eindeutig zur ersten Wahl gegenüber jenen Pubs, die sich auch zu Hauf in den Whitstabler Straßen fernab vom Meer finden. Bei einem Ale und musikalisch untermalt fand schließlich ein gemütlicher Tag in Whitstable seinen entsprechend entspannten Ausklang.

 

Nützliche Links:

 

Neben der von mir erwähnten Aer Lingus, gibt es auch noch zahlreiche andere Airlines die Direktflüge zu den verschiedensten Flughäfen rund um London anbieten, ich empfehle eventuell eine Flugsuche mit Checkfelix.

Wissenswertes über Whitstable findet sich auf der offiziellen Webseite von Canterbury, es finden sich aber mittels Google-Suche noch jede Menge anderer Seiten, die Informationen über Whitstable zur Verfügung stellen.

Anreise von London: Mit Southern Railway – One Way Ticket ca. 20 Pfund, je nach Tageszeit und Verfügbarkeit – es empfiehlt sich bei der Benützung des öffentlichen Verkehrs in England grundsätzlich (wenn möglich) Hin-und Retourfahrten zu kaufen, da sich dadurch der Fahrpreis mitunter erheblich reduzieren lässt.

 

Nächster Stopp: Canterbury

 

Susanne, 24. Juni 2009

Veröffentlicht in: on Juni 24, 2009 at 8:29 Kommentar schreiben
Tags: , ,

Skizzen aus Wien – Nr. 31

the sandworm - artwork zoer

Nach mehr als zweiwöchiger Abwesenheit bin ich heute wieder in Wien eingetroffen. 12 Tage dieser Zeit habe ich in Südengland verbracht, bis ich inklusive einer Erholungspause in der westlichen Steiermark, samt Weinverkostung bei der Domäne Müller in Groß St. Florian (sehr empfehlenswert für alle Freunde von guten Weißweinen!), nun wieder in der pulsierenden Hauptstadt Österreichs angelangt bin.

Verschiedenste Gründe haben mich nach England geführt, einem Land, dem ich in den letzten Jahren nur über die Nabelschnur Literatur die Treue gehalten habe, als Urlaubsland war es schlicht nicht attraktiv genug – eine völlig unbegründete Auffassung, die ich nunmehr nicht nur korrigiert sehe, sondern die mich auch veranlasst, viel mehr als nur einen einzigen Reisebericht zu verfassen, um auch den werten Sandwurm-Lesern möglicherweise die Entscheidung über den nächsten Urlaub zu erleichtern – der Hauptgrund meiner Reise nach Albion war wieder einmal dem Zufall geschuldet und einem verknappten Reisebudget, nämlich der Tatsache, dass mich der Flug nach Gatwick und retour bloß 30 Euro (inkl. Taxen) gekostet hat und die Flugsuche mit dem Ziel Dublin dann doch nach England abgezweigt ist.

Trotz dieser etwas fatalistischen Reiseplanung hat sich die Bauchentscheidung (bzw. jene meiner Geldbörse) voll und ganz bezahlt gemacht, ja ich habe nach dieser Reise überhaupt beschlossen in meiner künftigen Urlaubsplanung dem Zufall und der Intuition viel mehr Platz zu lassen, haben sich doch sämtliche der in den vergangenen zwei Jahren getätigten Auslandsausflüge, die auf diese Weise zustande kamen, als Erfolg auf allen Längen erwiesen. Zutaten für eine derartige Planung sind in meinem Fall meist in Musik und Literaturquellen gefundene Lokalitäten bzw. die günstigen Umstände, dass ich durch längere Aufenthalte im Ausland auch über Bekannte und Freunde verfüge, die mir (so meine ich) auch gerne für ein paar Tage Unterkunft gewähren und mit ihrem topographischen Spezialwissen auch gleich den Urlaub lohnenswerter machen (Stichwort: Insiderwissen).

Ich war in den vergangenen Reisetagen mit Bus, Bahn oder zu Fuß unterwegs, habe größere Städte und kleinere Orte besucht, verschiedenste Menschen kennen gelernt und um die geplante Berichterstattung vielleicht bereits jetzt dem einen oder der anderen schmackhaft zu machen, soll in der folgenden Auflistung ein kurzer Abriss davon gegeben werden, was die Leser in den kommenden Einträgen erwartet. Vorkommen wird in jedem Fall:

  • eine seltsame Begegnung mit Rod Stewart (Achtung: Hörensagen!)
  • was ein „full English breakfast“ ausmacht,
  • was man unter einem sogenannten Ha-Ha versteht,
  • die Aufklärung eines Missverständnisses in Bezug auf warmes Bier,
  • dass hinter dem Tresen eines Pubs oftmals auch hochtalentierte Künstler und Musiker das Ale zapfen,
  • die eindringliche Aufforderung die Finger von sog. Audioguides zu lassen,
  • ein „berühmter“ Autor, der nicht verstehen will warum römische Göttinnen nicht ansprechender modelliert werden,
  • ein Kitschinferno namens Jane Austen Center in Bath,
  • eine Reise durchs Shire, Mittelerde,
  • jede Menge Literatur von Tennyson zu Austen über Hardy bis Keats,
  • ein herrliches Städtchen an der Südküste, in dem Louisa Musgrove vom Cobb fiel,
  • ein skurriler Fossilienjäger und die Aufklärung darüber was man unter “Jurassic beef” versteht,
  • jede Menge schiefer Steine, Kathedralentürme und -wände,
  • die Tatsache, dass Winchester, England, nicht der Ursprungsort der gleichnamigen Flinte ist, sowie

eine Vielzahl weiterer Informationen über Kunst, Kultur, Musik, Essen, Unterkunft, Land, Leute und was sonst in Bezug auf eine halbwegs erfolgreiche Bereisung Südenglands noch wissenswert sein mag.

In diesem Sinne hoffe ich, dass mich der eine oder die andere nicht nur regelmäßig auf dieser retrospektiven Reise begleitet, sondern vielleicht auch, so wie ich, ein neues attraktives Reiseziel in seinem Wunschurlaubsplaner hinzufügt, eines steht für mich nämlich fest, ich werde wieder nach England reisen, dort findet sich für Sandwürmer nämlich überaus fruchtbarer Boden!

 

Susanne, 21. Juni 2009

Veröffentlicht in: on Juni 21, 2009 at 6:40 Kommentare (2)
Tags: , ,