Literatur für alle Lebenslagen – Teil I: Liebe

Nachdem musikalisch in Wien derzeit wenig los ist, habe ich beschlossen, neben den herkömmlichen Literaturrezensionen und -empfehlungen eine neue Rubrik im Sandworm zu eröffen. Sie nennt sich “Literatur für alle Lebenslagen” und spiegelt auch eine persönliche Haltung im Bezug auf literarische Werke wider. Ich wähle die Bücher, die ich lese nämlich nicht allein aufgrund meiner Vorlieben für bestimmte Genres oder Autoren aus, die Selektion eines bestimmten Romans, oder einer ganz spezifischen Gattung, ist auch immer abhängig von der Stimmung in der ich mich befinde, viel mehr noch, ich erachte je nach Situation und Aufenthaltsort, ganz bestimmte Bücher als besonders lesenswert.

Ein Buch also für jede erdenkliche Lebenslage. Unabhängig davon, ob es sich um Dramen, Romane, Poesie oder sonstige literarische Richtungen handelt. Literatur ist und war für mich immer viel mehr als bloßer Zeitvertreib, sie ist quasi soetwas wie eine Begleiterin durchs Leben. Mit dieser Ansicht stehe ich auch nicht alleine da, im Gegenteil, ein von mir sehr bewunderter Schriftsteller – Umberto Eco – teilt meine Sichtweise. Ich hatte im April 2008 das große Glück ihn in einer Vorlesung im Rahmen des Pen Festivals in New York zu erleben und konnte mir unter dem Titel der Veranstaltung (The Advantages of Fiction for Life and Death/Der Vorteil von Fiktion für Leben und Tod) zunächst zwar nicht viel vorstellen, war aber am Ende des Referats nicht nur von der Belesenheit, der Eloquenz und dem Humor des Autors (erneut) begeistert, sondern auch von seinem Fazit. Eco meinte nämlich, dass die prinzipielle Funktion von Fiktion, von der Unveränderlichkeit fiktiver Geschichten, diejenige sei, uns über Schicksal und Tod zu belehren. Wir würden darin auch immer unsere eigene Geschichte wiederfinden und sie gerade dafür lieben.

Den ersten Teil meiner Serie also widme ich einem der bliebtesten Themen der Literaturgeschichte – der Liebe. Erstaunlicherweise ist mir, als ich die Liste meiner persönlichen Favoriten erstellt habe, aufgefallen, dass keines der Bücher besonders aktuell ist. Ja es scheint fast, als ob literarische Abhandlungen zum Thema Liebe in der Postmoderne, oder der Post-Post-Moderne, nicht mehr besonders populär sind. Mir ist auch nach besonders intensivem Nachdenken kein einziger Roman eingefallen, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts veröffentlicht und in welchem diesem Thema in seiner vollen Tragweite Raum gegeben worden wäre. Meine eigenen Präferenzen finden sich da schon eher in länger zurückliegenden Zeiten wieder. Im Folgenden die Top 3 literarischen Werke zum Thema Liebe, wobei die Reihung keiner Präferenz, sondern bloß der Chronologie geschuldet ist:

1. Gabriel García Márquez Liebe in Zeiten der Cholera“(1985): Auch wenn ich keine Präferenzen ausdrücken wollte, so muss ich doch zugeben, dass der Hinweis am Einband des Buches, es handle sich um “die schönste Liebesgeschichte aller Zeiten” voll und ganz zutrifft. García Márquez schafft es nicht nur eine leidenschaftliche Liebesgeschichte rund um die Protagonisten Florentino Ariza und Fermina Daza zu konstruieren, durch seinen ganz eigenen Erzählstil, einer Mischung aus realistischer bis fast schonungsloser Beschreibung südamerikanischen Alltagslebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Prostitution, Armut, Krankheit oder Kriege werden nicht verharmlost oder verschwiegen – und einem lyrischen, sehr bildlichen Erzählstil, legt er über die Dauer der Erzählung jede erdenkliche, mit dem Begriff Liebe in Verbindung stehende, Emotion frei. Alles mündet erst auf den allerletzten Seiten in einem Finale Furioso, dessen Ende ich nicht verraten will, weil ich der Meinung bin, dass gerade die im gesamten Leseverlauf angesammelte Antizipation auf das mögliche Ende des Buches den Großteil des Vergnügens daran ausmacht.

2. Jane Austen “Persuasion” (1817): Ich gebe zu, dass Jane Austen generell zu meinen Lieblingsautoren zählt, bis auf Mansfield Park schätze ich auch alle ihre Romane sehr, Persuasion (Überredung/Verführung) jedoch ist mein persönlicher Favorit. Das liegt möglicherweise darin begründet, dass die Protagonisten, im Unterschied zu den anderen Büchern Austens, bereits etwas “älter” sind. Wobei man davon ausgehen muss, dass in damaligen Zeiten eine unverheiratete Frau im Alter von 27 Jahren bereits fast als jenseits von Gut und Böse befindlich angesehen wurde. Trotz der gesellschaftlichen Vorurteile, die in Austens Büchern auch immer mit der nötigen Distanz bis hin zum Zynismus behandelt werden – eine Leistung die der Autorin hoch anzurechnen ist, wenn man weiß, dass ihre Bücher deshalb nicht unter ihrem eigenen Namen, sondern bloß mit dem Hinweis “by a Lady” publiziert wurden, weil es damals für eine Frau nicht schicklich war zu schreiben – spiegelt sich in diesem Buch eine reifere Betrachtungsweise von Liebe wider. Es geht um verpasste Gelegenheiten, um richtige oder falsche Entscheidungen und um die Dauerhaftigkeit von tiefen Gefühlen, auch wenn jede Hoffnung auf Erwiderung vergebens scheint. Letztlich geht es auch um die klassische zweite Chance. Ein Buch, das auch nach mehrmaligem Lesen nicht enttäuscht, vor allem, weil man in Bezug auf leidenschaftliche Liebeserklärungen voll und ganz auf seine Kosten kommt.

3. William Shakespeare “Romeo and Juliet” (~1591 -1595): Es mag vielleicht plakativ erscheinen, dass sich dieses Werk unter meinen Top 3 befindet, es ist aber tatsächlich einer meiner absoluten Favoriten in Sachen Literatur und Liebe. Ich bin grundsätzlich ein Fan von Shakespeare und mag besonders dessen Komödien, Romeo and Juliet ist aber nicht unbegründet DER Klassiker, wenn es um die Liebe geht. Er besteht nicht nur aus einer fesselnden Geschichte, sondern besitzt auch die passende Lyrik, um für immer und ewig die Ranglisten anzuführen. Romeo and Juliet entspricht in bestmöglicher Form dem Archetypus von tragischer, wahrer Liebe, der sich in der gesamten Literaturgeschichte und in allen Kulturen wiederfindet, der aber durch das Genie Shakespeare in eine Form gebracht wurde, die meines Erachtens nach keinerlei Verbesserungen mehr ermöglicht. Gewisse Passagen lesen sich wie Musik, lassen den Text in den Hintergrund treten und reißen den Leser mitten hinein in das Wechselbad aus Freude, Verzweiflung, Hoffnung und letztlich tiefer Trauer. Alle drei bis vier Jahre also sehe ich mich geradezu gezwungen das Buch auszugraben und es wieder zu lesen. Jedes Mal ertappe ich mich dann beim Hinzittern auf das Finale, erwische ich mich beim Lesen der entscheidenden Passage, jenem Moment in dem Romeo das Gift trinkt und einen Augenblick vor Julias Erwachen stirbt, dabei, mir ein Happy Ending herbeizuwünschen. Diese irrationale Hoffnung, Julia möge diesmal doch zum rechten Zeitpunkt aufwachen, verleiht dem Stück jedes Mal aufs Neue Spannung. Wobei jedoch betont werden muss, dass in der Literatur gerade die Tragödie, das Eintreten des schlimmstmöglichen aller Fälle, ihren ganz besonderen Reiz hat, bietet sie doch die Möglichkeit bittere Tränen über grandiose Schlusssätze zu vergießen: “For never was a story of more woe / Than this of Juliet and her Romeo“.

In unregelmäßiger Reihenfolge werden im aktuellen Jahr noch weitere Veröffentlichungen zur Serie “Literatur für alle Lebenslagen” folgen, angedacht sind bereits die Themen Gewalt/Tod, Humor und Reise. Jegliche Anmerkungen, Empfehlungen oder Kritik sind jederzeit herzlich willkommen, des Weiteren empfehle ich allen des Englischen mächtigen Literaturfreunden, sich unbedingt die oben erwähnte Vorlesung von Umberto Eco beim Pen Festival in NY 2008 anzuhören:

Umberto Eco “The advantages of Fiction for Life and Death (2008)(engl. Audiofile)

Susanne, 7. Februar 2010

Veröffentlicht in:  on Februar 7, 2010 at 6:01 pm Hinterlasse einen Kommentar
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Skizzen aus Wien – Nr. 46

Naturgemäß sollte man einen Beitrag über eine Ausstellung zum Thema “Thomas Bernhard und das Theater” mit einem seiner Lieblingswörter beginnen, andererseits wäre es wohl übertrieben, danach noch in eine der typischen Wort- und Satzkaskaden Bernhards zu ver- und über die grenzenlose Debilität der Österreicher herzufallen. Letzteres beherrscht Bernhard viel besser und lässt sich in seinen vielen Werken in zeitloser Gültigkeit nachlesen.

Somit also weiter zum Thema des heutigen Eintrages. Ich habe mich vergangene Woche das erste Mal in meinem Leben ins Theatermuseum in Wien begeben, um mir dort die Ausstellung “Thomas Bernhard und das Theater” anzusehen. Freitag Nachmittag gegen halb zwei betrat ich also gemeinsam mit meiner Begleitung, die mich erst auf die Ausstellung aufmerksam gemacht hatte, das Museum und erstand zum günstigen Preis von 4,50 Euro die Eintrittskarte, wobei ich mich rückblickend doch etwas ärgere, warum ich mir nicht gleich die zum großartigen Preis von 29 Euro erhältliche Jahreskarte für das Kunsthistorische Museum gekauft habe. Diese Jahreskarte gilt nämlich auch für die Außenstellen des KHM, wovon das Theatermuseum eine ist und gerade beim Wandeln durch die Bernhard-Theaterausstellung wurde mir durch die verpasste Kaufgelegenheit schmerzlich bewusst, dass ich ja erst vor Kurzem dessen äußerst amüsantes Buch “Alte Meister” gelesen hatte und mit dieser Jahreskarte sich auch für mich die Möglichkeit eröffnen würde, regelmäßig, so wie Bernhards Kunstkritiker Reger im Bordonesaal auf der Bordonesaalsitzbank zu sitzen und zu verifzieren, ob dort tatsächlich der von Bernhard beschriebene “Weißbärtige Mann” von Tintoretto hängt.

Wie dem auch sei, ich und meine Begleitung fanden im Theatermuseum eine sehr liebevoll und hochinteressant gestaltete Bernhard-Ausstellung, in der sich in zwei kleineren Räumen, amüsant durch die Überschriften “Einerseits” und “Andererseits” getrennt, nicht nur handschriftliche Aufzeichnungen des Autors fanden, sondern auch Gelegenheiten sich Ausschnitte aus mittlerweile legendären Theateraufführungen anzusehen und Berichte über die dadurch ausgelösten Skandale nachzulesen. Besonders schön arrangiert die künstliche Empörung der Kronenzeitung zur Heldenplatzpremiere, samt hochempörtem Staberl-Kommentar. All das findet sich im einen Raum, im zweiten beschäftigt man sich intensiver mit Ausstattung und Kostümentwürfen, mehr mit dem Theater an sich als mit den zugrundeliegenden Stücken, und beleuchtet auch Bernhards familiären Hintergrund in Bezug auf seine frühe Förderung durch den Großvater. “Beleuchtet” ist diesbezüglich auch gleich ein Stichwort, welches eine der Schwächen im zweiten Saal beschreibt. Da gibt es Schaukästen mit Fotos von der Mutter und dem Großvater, handschriftliche Aufzeichnungen und mehr, alles hochinteressant und einladend sich darüberzubeugen, um es genauer zu begutachten, leider jedoch hat man die Beleuchtung so schlecht platziert, dass gerade beim Darüberbeugen der eigene Schatten auf Bilder und Dokumente fällt.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei “Thomas Bernhard und das Theater” um eine zwar kleine aber sehr feine Ausstellung, die ich jedem Bernhardbewunderer unbedingt ans Herz legen möchte. Umso mehr, als er oder sie auch dasselbe skurrile Glück haben könnte, so wie ich und meine Begleitung in eine sehr surreale ”Besucherszene” zu wandern, wie sie Bernhard wohl nicht besser hätte inszenieren können: Ein älteres Ehepaar befand sich gleichzeitig in der Ausstellung, wobei die weibliche Hälfte davon die meiste Zeit damit verbrachte, über die Schaukästen gebeugt vor sich hinzusudern und in Bezug auf eine offenbar gerade zu Ende gegangene Schülerführung z.B. meinte: “Wos mochn die Kinda do herinnen? Die verstehn des doch net! Warum bringen die die Kinder in die Ausstellung?” oder aber sie starrte minutenlang auf die ausgefransten Jeans meiner Begleitung und zwar so intensiv, dass ich kurzfristig befürchtete, es würde Handgreiflichkeiten geben. Trotzallem war gerade dieses Ehepaar so grandios passend für diese Ausstellung, dass ich es, wäre ich verantwortliche Kuratorin gewesen, wohl selbst so angeordnet hätte: pro Stunde 1x Auftritt typisch bernardesker Charaktere. Wobei, wir sind ja in Wien. Und wie sich zeigt, ist eine Inszenierung gar nicht nötig, es sagt ja schon das der Ausstellung vorangestellte Bernhard-Zitat alles was man diesbezüglich wissen muss: “Österreich selbst ist nichts als eine Bühne“.

Ich werde also nochmal in mich gehen und darüber nachdenken, ob ich mir die KHM Jahreskarte nicht doch noch zulegen werde. Der Bordonesaal, die Bordonesaalsitzbank und die damit einhergehende Möglichkeit regelmäßiger, regerartiger Sitzungen ist wohl doch zu verlockend.

Die Ausstellung “Thomas Bernhard und das Theater” läuft noch bis 4. Juli 2010 im Theatermuseum in Wien.

Susanne, 31. Jänner 2010

Veröffentlicht in:  on Januar 31, 2010 at 12:53 pm Kommentare (1)
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Demokratie für Fortgeschrittene – Teil I

Es ist einiges an Zeit vergangen, seit ich mich das letzte Mal zum Thema Demokratie gemeldet habe. Ich kann auch nicht leugnen, dass mich die diversen politischen Ereignisse der vergangenen Wochen ziemlich aufgeregt haben. Trotz allem werde ich den vergangenes Jahr begonnenen Demokratiekurs weiterführen, sowohl virtuell als auch im realen Leben, denn trotz aller Ärgernisse habe ich sehr viel dazugelernt und erkannt, dass sich mein persönliches Engagement so gut wie immer bezahlt gemacht hat. Sei es, weil ich andere Leute durch meine Blogbeiträge zum Nachdenken angeregt habe, sei es, weil ich mich selbst aktiver als je zuvor politisch betätigt habe. Ja, selbst die allergrößten Frustrationen konnten mich schließlich nicht davon abhalten, mich weiter in die Untiefen dessen zu begeben, was hierzulande dauerhaft die Gemüter erregt: die Politik.

Wir leben in einem Land, in dem uns die Demokratie, so will ich behaupten, zwischen den Fingern zerbröselt, mehr oder weniger lang zurückliegende Ereignisse haben mir das deutlich vor Augen geführt und es ist wohl müßig die Einzelfälle aufzuzählen, ich bin überzeugt, dass jeder, der sich aktiv mit Politik beschäftigt, aus dem Gedächtnis in der Lage ist, mindestens fünf Vorfälle aus der jüngeren Vergangenheit aufzuzählen, die ihm demokratiepolitisch die Haare zu Berge stehen haben lassen, oder ihr die Frage vor Augen geführt haben: was zum Teufel ist nur los in unserem Land?

Im vergangenen Jahr schließlich habe ich erstmalig meine Nase direkt in den Sumpf der Politik gesteckt und bin bei den Grünen Vorwahlen gelandet, welche mir einerseits die vielen Möglichkeiten, sich direkter am politischen Prozess zu beteiligen vor Augen geführt, mich aber auch des Öfteren frustriert und ratlos zurückgelassen haben. Trotz aller Enttäuschungen jedoch hat mir die 63. Landesversammlung, von der ich vor Ort berichtet habe, verdeutlicht, dass die Demokratie hierzulande noch einen kleinen Funken Leben in sich hat, hat mich diesbezüglich so weit motiviert, nicht achselzuckend das Handtuch zu werfen, sondern im Gegenteil, zu beschließen, mich im heurigen Jahr weiter aktiv am politischen Prozess zu beteiligen. Deshalb habe ich mich auch in den vergangenen Wochen mit meinen Einträgen zu diesem Thema zurückgehalten und mich sozusagen dem Aktenstudium gewidmet. Habe Schriften zum Thema Freiheit konsultiert, habe Studien über die Demokratie gewälzt oder mich bei Romanciers in Sachen Gerechtigkeit und Mitsprache kundig gemacht.

Mein bisheriges Fazit: Ich habe erkannt, dass es sich immer lohnt, sein Gewicht, egal wie leicht es sein mag, in die Waagschale der Demokratie zu legen. Solange man sich beteiligt und seinen Mund nicht hält, gibt es selbst in Österreich noch so etwas wie einen Funken Hoffnung, dass das bereits sehr nah am Abgrund befindliche System nicht vollständig in Richtung Scheindemokratie, Korruption und Nepotismus kippt.

Im neuen Jahr habe ich mir also gleich mehrere Betätigungsfelder ausgesucht, die es mir wert scheinen, mich zu engagieren. Zum Einen, indem ich mich auch weiterhin öffentlich zu gewissen Anliegen äußern werde, sei es hier auf The Sandworm oder als Gastbloggerin, zum Anderen, indem mich wieder der Baustelle „Wiener Grüne“ widme. Ersteres ist mir deshalb ein Anliegen, weil ich der Meinung bin, dass man sich als Bewohnerin einer Stadt, als Bürgerin eines Lande zu gewissen Themen äußern sollte, auch wenn man der Überzeugung ist, nicht gehört zu werden. Zu Zweiterem, also mich weiterhin bei den Wiener Grünen einzubringen, und zwar als kritische Unterstützerin, habe ich mich durch die Erfahrungen bei den Grünen Vorwahlen durchgerungen. Über die Dauer dieses Engagements ist mir klar geworden, dass es in den Reihen der Grünen nicht nur Blockierer und Betonierer gibt, sondern tatsächlich inspirierende Leute, die nicht aus reinem Selbstzweck die Öffentlichkeit suchen, sondern weil sie aktiv dazu beitragen wollen, dass die politische Kultur sich verbessert und dass Missstände im Land und in der Stadt nicht ignoriert oder instrumentalisiert werden. Und nicht zuletzt, dass politische Gestaltung auch und vor allem durch die Bürger und Bürgerinnen selbst geschehen kann. Die Wiener Grünen haben diesbezüglich eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die sich Grüncamp nennt – eine Art Konferenz zu der jeder und jede nicht nur eingeladen ist seine oder ihre Ideen für ein lebenswerteres Wien vorzustellen und zu diskutieren, sondern in der den Leuten auch Unterstützung bei der Umsetzung ihrer Ideen angeboten werden wird.

Ich bin naturgemäß Skeptikerin und ich erwarte mir nicht, dass durch eine kleine Veranstaltungsreihe eine heile Welt in Wien geschaffen wird, ich erhoffe mir aber Impulse und mehr noch, ich wünsche mir, dass durch diese Art der Partizipation wieder ein paar Menschen mehr dafür gewonnen werden, ihre Unzufriedenheit mit den aktuell herrschenden politischen Umständen nicht im stillen Kämmerlein auszusitzen, sondern sie in aktive Teilhabe umwandeln. Selbst wenn es nur ein paar Kommentare auf einer Webseite sind, oder eine kleine Idee, ein Mini-Konzept, das sie auf einem der Grüncamps einbringen, wenn sich einige Wenige dadurch aus der allgemeinen hierzulande herrschenden Lethargie reißen lassen, dann ist schon sehr viel erreicht.

Mein Demokratiekurs geht also hiermit als Fortgeschrittenenveranstaltung weiter, was aber Anfänger oder Quereinsteiger nicht ausschließen soll, im Gegenteil, so lange wir in einer Demokratie leben und davon gehe ich vorerst aus, hat jeder Bürger, jede Bürgerin, egal ob Profi oder Amateur, das Recht, sich in den politischen Prozess in diesem Land aktiv einzumischen. Ich würde fast sagen, wir sind im Moment an einem Punkt angelangt, wo aus diesem Recht langsam aber sicher eine Pflicht wird. Es geschehen mittlerweile wieder Dinge, die von gewählten Politikern im Namen des Souveräns – das ist in Österreich aktuell noch das Volk – betrieben und umgesetzt werden, und die dem Volk als “im Sinne des Gemeinwohles” in den Mund gelegt werden. Es geht nicht zuletzt auch darum, zu verhindern, dass sich Zustände, wie sie Alexis de Tocqueville bereits 1835 beschrieben hat, etablieren:

It had been supposed, until our time, that despotism was odious, under whatever form it appeared. But it is a discovery of modern days that there are such things as legitimate tyranny and holy injustice, provided they are exercised in the name of the people“ (A. de Tocqueville, Democracy in America, 1835)

Bis zur heutigen Zeit ist man davon ausgegangen, dass Despotismus hassenswert sei, egal in welcher Form er auftritt. Es ist jedoch eine Entdeckung moderner Zeiten, dass es Dinge gibt, wie legitimierte Tyrannei und heilige Ungerechtigkeit, vorausgesetzt sie werden im Namen des Volkes ausgeübt.

Susanne, 24. Jänner 2010

P.S.: Für ein besseres Verständnis der neuen Serie empfiehlt es sich, die diversen Teile der im vergangenen Jahr verfassten Reihe “Demokratie für Anfänger“, am besten chronologisch, zu lesen.

Veröffentlicht in:  on Januar 24, 2010 at 2:40 pm Kommentare (5)
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Skizzen aus Wien – Nr. 45

Seit ich vor etwa eineinhalb Jahren das erste Mal eines seiner Bücher aufgeschlagen habe, zählt David Foster Wallace zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Ich schätze ihn stilistisch ebenso sowie in Bezug auf seine Ausdrucksfähigkeit auf emotionaler Ebene und egal ob Roman oder Essay, immer wieder erstaunt mich seine Fähigkeit Gefühle in Worte zu fassen oder Protagonisten so treffend zu beschreiben, dass man sich sicher ist ein exaktes Bild von ihnen vor Augen zu haben. Nachdem ich sein Opus Magnum „Infinite Jest“ bereits vergangenes Jahr gelesen habe und mehr als begeistert war, fand ich kurz vor Jahresende endlich die Zeit, seinen ersten Roman „The Broom of the System“ anzugehen. Letzte Woche beendete ich die Lektüre und fand es äußerst passend die vergangene Dekade mit DFW abgeschlossen, die neue mit einem seiner Werke begonnen zu haben. Den Sandworm-Lesern möchte ich diesen Roman nachfolgend ans Herz legen (1).

Mit „The Broom of the System“, hat sich Foster Wallace in die Herzen der US-amerikanischen Literaturkritik geschrieben und wurde mit Lobeshymnen und Preisen überhäuft. Nicht zu unrecht. Der Roman entpuppt sich für ein Erstlingswerk als unglaublich komplex und vor allem hochkreativ was die Sprachverwendung und den literarischen Stil betrifft. Wer DFW kennt und schätzt taucht in diesem Buch in genau jenen absurden Schreibstil ein, den der Autor später, in seinem hervorragenden „Infinite Jest“, auf die Spitze treiben wird. Man könnte das Buch fast als Stilübung und Vorbereitung darauf betrachten, das würde die Qualität von „The Broom of the System“ jedoch herabsetzen und wäre ungerecht, handelt es sich doch um ein eigenständiges Werk, welches für sich großes Lesevergnügen bereitet, ohne dass man “Infinite Jest” jemals gelesen haben müsste.

Ich will mich hier nicht zu sehr auf die Handlung des Buches konzentrieren, diese ist, wie auch im späteren „Infinite Jest“ meines Erachtens sekundär, wiewohl es sich nicht um einen Mangel in der Ausgestaltung des dem Buch zugrunde liegenden Plots handelt. Viel mehr fasziniert die blühende Fantasie des Autors, die sich im erzählerischen Entwurf der absurden Welt, in der die Geschichte spielt, manifestiert und die DFW so wortmächtig umsetzt, dass trotz aller Absurdität, ein gewisser Realismus nicht verloren geht. Ja, im Grunde erzählt er seine Geschichte so überzeugend, dass man sich über die gesamte Lektüre durchaus vorstellen kann, derlei könne sich tatsächlich so zugetragen haben.

Kurz also zur Handlung. Der Roman spielt zum größten Teil in Cleveland, Ohio, wo die Protagonistin, eine gewisse Lenore Beadsman damit konfrontiert wird, dass ihre Urgroßmutter, die ebenfalls Lenore Beadsman heißt, von einem Tag auf den anderen aus dem Altersheim in dem sie lebte, verschwunden ist. Nicht nur sie, sondern auch eine Reihe anderer Bewohner der Einrichtung. Für Lenore, die Urenkelin, ihres Zeichens Tochter eines Babynahrungsmagnaten, die sich in einer eher ungesunden Beziehung zum Chef jenes Unternehmens, in dem sie in der Telefonvermittlung arbeitet, befindet, beginnt damit nicht nur die Suche nach ihrer Urgroßmutter, sondern auch ein höchst skurriler, aber für den Leser ungemein amüsanter, Begegnungsmarathon.

Genau darin liegt das Vergnügen das die Lektüre von „The Broom of the System“ bereitet. Selbst wenn sich zu Beginn des Buches ein ausgeklügelter Handlungsstrang herauskristallisiert, die Handlung selbst tritt sehr rasch in den Hintergrund und die Konzentration des Autors richtet sich auf die Dialoge der Protagonisten, auf die peinlich genaue Skizzierung der Welt in der sie sich bewegen und insbesondere auf die Komposition von Stimmungen, die DFW so grandios in der Lage ist, allein durch seine Sprachgewandtheit heraufzubeschwören. So schafft er es jedem der handelnden Charaktere seinen eigenen persönlichen Jargon zu verleihen und entpuppt sich als einer der kreativsten Namenserfinder in der Literaturwelt überhaupt. Allein diese Kreationen sind für mich ein eigenes Lesevergnügen. Da gibt es dann nicht nur Lenore Beadsman, sondern unter Anderem ihren Vater, Stonecipher Beadsman, Chef der Firma Stonecipheco. Lenores Geliebten, Rick Vigorous, Gründer des Verlags Frequent and Vigorous, einen Papageien der sich Vlad the Impaler nennt, Lenores Bruder Stonecipher LaVache Beadsman, der sich am College lieber als The Antichrist ansprechen lässt sowie einen weiteren Protagonisten namens Andrew Sealander Lang, der den Spitznamen Wang Dang Lang trägt.

Selbst wenn sich Foster Wallace in diesem Buch noch nicht der für ihn charakteristischen Fußnoten bedient, tritt man von Beginn an, in ein nahezu endloses, hochamüsantes literarisches Universum ein. Eine Parallelwelt, in der Geschichten innerhalb von Geschichten erzählt werden, in der die wittgensteinsche Sprachphilosophie ebenso Platz findet, wie gewisse Seitenhiebe auf psychotherapeutische Sitzungen. Ein Buch für Leser, die außergewöhnliche Sprachgewandtheit, einen skurrilen Sinn für Humor, großartiges Storytelling, präzisest gezeichnete Charaktere und ein, durch eine streckenweise sehr poetische Erzählweise, hervorgerufenes Stimmungsbild, welches die Sprache an sich überlagert und übersteigt, lieben. Diesen Lesern sei hiermit „The Broom of the System“ allerwärmstens ans Herz gelegt.

(1) Der Roman heißt zu Deutsch „Der Besen im System“ – meine Empfehlung bezieht sich ausdrücklich auf die englische Fassung!

Susanne, 17. Jänner 2010

Veröffentlicht in:  on Januar 17, 2010 at 2:01 pm Hinterlasse einen Kommentar
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Skizzen aus Wien – Nr. 44

Wir schreiben ein neues Jahr, 2010, falls noch jemand einen sehr üblen Silvesterkater auskuriert, und eine neue Dekade, was in den vergangenen Tagen als eine Flut von Berichten à la „Das waren die Nuller-Jahre“ über die Medienlandschaft schwappte. Ich habe nur wenige davon gelesen, in Bezug auf den angloamerikanischen Raum hat wohl “The Village Voice” Societykolumnist Michael Musto eine sehr adäquate Beschreibung geliefert, ich hingegen habe beschlossen keine Dekadenrückblicke und -analysen anzustellen, sondern mich im ersten Eintrag des neuen Jahres, ganz und gar egoistisch, einfach einem meiner Lieblingsthemen zuzuwenden, der Literatur, und den Sandwurmlesern für das kommende Jahr ein paar herausragende Autoren zu empfehlen. Autoren, die zwar nicht brandaktuell, dafür aber zeitlos herausragend sind. Ich darf vorausschicken, dass es sich ausnahmslos um Empfehlungen aus den USA handelt, die, wenn irgendwie möglich, auf Englisch gelesen werden sollten.

Der jüngste Autor, den ich bereits vor 2 Jahren gelesen habe, der sich jedoch auf einer dieser „Die besten Bücher der Dekade“-Listen wieder fand, heißt Jonathan Lethem (1964 – ) und hat mit „Fortress of Solitude“ einen hervorragenden Roman verfasst. Er erzählt die Lebensgeschichte von Dylan Mingus, einem Jungen, der als eines der wenigen weißen Kinder in den 1970er Jahren im afroamerikanisch dominierten Brooklyn aufwächst. Das Buch handelt von Rassenkonflikten, von Comics und Superhelden, von einem magischen Ring, von dem Einzug der gehobeneren weißen Schichten nach Brooklyn und der Verdrängung der Schwarzen, von Funk-Musik und Graffiti, und ist – besonders was den ersten Teil des Buches und die Kindheit von Dylan Mingus, die auch durch seine Freundschaft mit dem Afroamerikaner Mingus Rude geprägt ist, betrifft – eine hervorragende, stilistisch exzellent verfasste, Erzählung, die immer wieder Genre-Grenzen auslotet und überschreitet.

Es folgen zwei persönliche Neuentdeckungen im unendlich scheinenden Literaturuniversum. Der erste Autor, der sich besonders für Freunde des Noir-Genres eignet, heißt Jim Thompson (1906 – 1977). Thompson machte sich durch diverse Hard-Boiled und Pulp-Fiction Veröffentlichungen einen Namen als Erzähler von fast irrwitzig brutalen, aber dadurch sehr realitätsnahen Kriminalgeschichten, in späterer Folge arbeitete er auch als Drehbuchautor. So war er unter Anderem für die Drehbücher zu Stanley Kubricks „The Killing“, und „Paths of Glory“ verantwortlich. Ein persönlicher Favorit ist „The Killer Inside Me“, der die wohl realistischste und schonungsloseste Charakterstudie eines Psychopathen darstellt, die ich seit Patricia Highsmiths „The Talented Mr. Ripley“ gelesen habe. Thompsons Geschichten sind kurz, aber intensiv und lassen sich in einem Nachmittag/Abend fertiglesen, was auch gut so ist, da man die Bücher, einmal begonnen, ohnehin nicht mehr zuklappen kann. Weitere exzellente im vergangenen Jahr gelesene Werke: „The Grifters“ (mit Anjelica Huston und John Cusack verfilmt) sowie „After Dark, My Sweet“. Der Rest steht bereits auf der Bestellliste.

Nummer zwei der Neuentdeckungen des vergangenen Jahres ist William Kennedy (1928 – ), der sich mit seinen Geschichten, die er rund um die Stadt Albany in New York geschrieben hat, ein Denkmal gesetzt hat. Erstaunlicherweise habe ich selbst in dieser Stadt gelebt, Kennedy ist mir aber damals nicht untergekommen. Umso mehr freut es mich, ihn doch noch entdeckt zu haben und ihn hier auch gleich weiterempfehlen zu können. In seinem Pulitzerpreisgekrönten Hauptwerk “Ironweed“, welches auch meine erste Kennedy-Lektüre bildete, beeindruckt er durch seinen, ein wenig an James Joyce anklingenden, sehr poetischen Erzählstil. Er beschreibt die Geschichte des Obdachlosen Francis Phelan, der in den Zeiten der großen Depression nach Jahren in seine Heimatstadt Albany zurückkehrt und sich dort mit seiner Vergangenheit konfrontiert sieht. Kennedy schildert eindringlich das Leben auf der Straße, die Kälte und alkoholgetränkte Nächte, verlorene Menschen, die nichts mehr haben und nichts mehr sind und es gelingt ihm dabei das Kunststück, die brutale Lebensrealität der Protagonisten in einer wunderschönen, sehr poetischen Sprache zu erzählen.

Alle drei Autoren möchte ich den Sandwurmlesern allerwärmstens ans Herz legen – ein spannendes Literaturjahr wünscht,

Susanne, 3. Jänner 2010

Veröffentlicht in:  on Januar 3, 2010 at 5:56 pm Hinterlasse einen Kommentar
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Skizzen aus Wien – Nr. 43

Noch ist das Jahr 2009 nicht zu Ende und ich möchte die Gelegenheit nutzen einen Beitrag zu einem Gedenkjahr zu leisten, in dem wir nicht nur den 200. Geburtstag von Charles Darwin (1809 – 1882), einem der bedeutendsten Wissenschaftler der Neuzeit, feiern, sondern auch den 150. Jahrestag seines Hauptwerkes „On the Origin of Species. By Means of Natural Selection“ (dt. „Über die Entstehung der Arten“). 

Ich habe mir schon viele Jahre lang vorgenommen, dieses Buch endlich zu lesen, nicht nur weil es mir mein akademischer Mentor als wissenschaftliche Pflichtlektüre ans Herz gelegt hat, sondern weil er insbesondere erwähnt hat, dass es in einem wunderschönen Englisch geschrieben wäre. Bis heuer also hat es schließlich gedauert, dass ich mir die beiden Jubiläen zum Anlass genommen und nicht nur „On the Origin of Species“, sondern quasi als Einleitung und zum besseren Verständnis des Werdegangs von Darwin auch dessen Reisebericht „The Voyage of the Beagle“ (dt. „Die Fahrt der Beagle“) gelesen habe. Diese beiden Bücher möchte ich im Folgenden auch den Sandwurmlesern näher bringen. 

Was mich an Darwin immer fasziniert hat, war nicht bloß die Tatsache, dass er mit seiner Evolutionstheorie die Wissenschaft revolutioniert hat, ich würde sagen, er hat nach Galileo Galilei den Menschen erneut ein Stück weiter vom selbsterschaffenen Thron im Universum gestoßen (1), sondern auch die Art und Weise wie er diese herausragende Theorie entwickelt hat, die bis auf wenige kleinere Punkte bis heute nicht widerlegt ist. Was also war Charles Darwin für ein Mensch und wie war es ihm möglich, zu seinen Erkenntnissen zu gelangen, sich schließlich zu überwinden und diese gegen eine Sturmflut entrüsteter und beleidigter Fachkollegen, eine empörte Öffentlichkeit und insbesondere die Kirche zu veröffentlichen und verteidigen? Diese Fragen waren es, die mich vor Beginn der Lektüre am meisten interessiert haben und die Darwin selbst in seinen Schriften schließlich auch ausführlich beantwortet hat.

Charles Darwin war erst 22 Jahre als er auf der HMS Beagle anheuerte und in der Funktion eines sog. „official naturalist“, also eine Art offiziell an Bord befindlichem Naturforscher, unter der Aufsicht von Kapitän Robert Fitz Roy am 27. Dezember 1831 von Devonport (England) aus in See stach. Fast 5 Jahre würde er unterwegs sein und während dieser Reise nicht nur große Teile des südamerikanischen Kontinents erforschen, sondern bis nach Neuseeland und Australien reisen, um erst am 2. Oktober 1836 wieder in seine Heimat zurückzukehren. Mit einem völlig veränderten Bild von der Welt und mit ersten Ansätzen und Gedanken zur späteren Evolutionstheorie.

Darwin war während der Reise auf der Beagle, bis auf die längeren Seewege, die er unter schlimmen Anfällen von Seekrankheit hinter sich brachte, zumeist zu Land unterwegs. Der Hauptteil der Zeit fiel auf die Erforschung Südamerikas (2), das Buch jedoch ist nicht chronologisch angelegt sondern beschäftigt sich in den einzelnen Kapiteln mit verschiedenen geographischen Zonen und Orten. Nachdem die fast 500 Seiten dieses Buchs kaum detailliert beschrieben werden können, möchte ich mich in meinen Ausführungen diesbezüglich zurückhalten und mich auf die wichtigsten Eindrücke, mit denen mich die Lektüre dieses Reiseberichts zurückgelassen hat, beschränken. Zum Einen ist es für mich, die ich selbst sehr viel in der Welt unterwegs bin und Reisen immer als viel mehr als bloße Erholung oder Studienzweck betrachte, nämlich vordergründig immer als Horizonterweiterung, erfreulich zu lesen, wie Charles Darwin seine Expeditionen durchgeführt hat. Während der gesamten Zeit war er ständig mit offenen Augen unterwegs, hat in bester wissenschaftlicher Manier aufmerksam beobachtet, hat sich nicht von vorgefertigten oder damals als State-of-the-Art geltenden Fachmeinungen ablenken oder einschüchtern lassen (3). Hat mit den unterschiedlichsten Leuten geredet, hat abertausende Proben von Tieren, Pflanzen und Gesteinen gesammelt und nach England geschickt, um sie dort von Fachkollegen untersuchen, analysieren und klassifizieren zu lassen. Eine hervorragende, breit gefächerte, Ausbildung in Cambridge (4) ermöglichte ihm die detaillierte Analyse geologischer Formationen und der Verbreitung bestimmter Tier- und Pflanzenarten über bestimmte Regionen, was schließlich bereits während der Reise erstmals zu ernsthaften Zweifeln am Ursprung der Arten führte. So fand Darwin zunehmend Beweise dafür, dass sich geologische Strukturen nicht rapide durch gewaltige Umstürze und Abbrüche entwickelt hatten, sondern im Gegenteil durch sehr langsame Verschiebungen und Transformationen. Auch machte er sich darüber Gedanken, wo sich welche Säugetiere fanden und begann die Annahme, sämtliche Spezies wären singulär und jede für sich einzigartig erschaffen in Frage zu stellen. Schließlich beschreibt Darwin auch Begegnungen mit verschiedensten Eingeborenenvölkern und insbesondere auch seine Sichtweise in Bezug auf die weit verbreitete Sklaverei, welche er in einem besonders emotionalen Plädoyer auf das strikteste ablehnt – diese Passagen zählen wohl zu den interessantesten des Buches. 

Nicht zuletzt ist Darwins Reisebericht auch eine meisterhafte literarische Leistung, eine brillante Erzählung, in der evident wird, dass der Autor viel mehr war als bloßer Wissenschaftler, dass er ein Bewunderer der Natur war, ein Neugieriger, jemand der sich nicht von vorgefertigten Meinungen leiten ließ, der aber immer darauf bedacht war, sich so umfassend wie möglich über seine Studienobjekte zu informieren. Diese Eigenschaften machen es auch verständlich, wie seine Überlegungen zur späteren Evolutionstheorie entstehen konnten, illustrieren den Nährboden jener Gedanken, welche schließlich erst im Jahre später veröffentlichten Hauptwerk „On the Origin of Species. By Means of Natural Selection“ von ihm ausgeführt und verteidigt wurden. Jenes Werk ist schließlich das beste Beispiel für das Genie Darwins, weil die Publikation nicht nur, wie auf der Rückseite des Buchs zurecht vermerkt „eines der wichtigsten je veröffentlichten Bücher“ ist, sondern es darüber hinaus auch noch leicht lesbar und nachvollziehbar formuliert ist.

Dazu ist zunächst zu erwähnen, dass sich Darwin nach seiner Rückkehr von der Reise mit der Beagle und in den Jahren danach als Wissenschaftler bereits einen Namen gemacht hatte. Er war über die Grenzen Englands hinaus als Naturforscher bekannt und hatte sozusagen einen Ruf zu verlieren. Seine Überlegungen bereiteten ihm nicht zuletzt deswegen Skrupel, weil als Fazit sämtlicher Gedanken und Theorien das Resultat stand, dass weder der Mensch noch jegliche andere Arten auf der Erde (von Gott) einzigartig kreiert worden waren und dass diese Theorie schließlich nicht mehr und nicht weniger ein Affront gegen Kirche und Religion wäre bzw. um es mit den Worten Darwins zu formulieren, eine Veröffentlichung dieser Thesen nichts anderes bedeutete als einen Mord zu gestehen („it is like confessing a murder“). Darwin war jedoch zur damaligen Zeit nicht mehr der Einzige, der sich handfeste Überlegungen in Bezug auf die Entstehung der Arten machte, auch andere Wissenschaftler setzten sich mit evolutionstheoretischen Spekulationen auseinander, insbesondere ein jüngerer Forscher namens Alfred Russel Wallace, dessen anstehende Veröffentlichung Darwin dazu drängte seine eigenen Ergebnisse zu publizieren (dazu ist zu erwähnen, dass Darwin dem Kollegen nicht die Show stahl – beide Männer präsentierten ihre Ergebnisse gemeinsam), was schließlich dazu führte, dass sich „On the Origin of Species“ wie ein relativ schnell verfasstes wissenschaftliches, nahezu im Vortragsstil dargelegtes, Argument liest.

Gerade diese stilistische Besonderheit verleiht dem Buch, meiner Meinung nach, seine Einzigartigkeit und seinen Nachdruck. Beim Lesen des in vierzehn Kapitel geteilten Werkes, kann man sich Charles Darwin nahezu bildlich beim Ausführen und Verteidigen seiner Theorie vorstellen, viel mehr noch es handelt sich bei diesem Buch wohl um die beeindruckendste wissenschaftliche Publikation, fast im klassischen Stile einer Verteidigungsrede verfasst, die ich je gelesen habe. Dies deshalb, weil man spürt, dass sich Darwin der Ungeheuerlichkeit seiner Theorie bewusst war, dass er wusste, dass seine Ausführungen von nicht wenigen als persönliche Beleidigung, ja als Blasphemie, aufgefasst werden würden. Umso mehr jedoch ist man schließlich von Darwins hervorragender Präsentationsstrategie beeindruckt, denn auch wenn er sich im Klaren darüber war, dass er wohl recht hatte, wählte er nicht einen überheblichen, dogmatischen Stil, sondern präsentierte seine Evolutionstheorie als Verteidigungsschrift, die er mit größter Demut, aber mit nachdrücklichen Beweisen vortrug (5). 

Immer wieder rechtfertigt er sich, dass er seine Argumente in der Eile nicht bis zum letzten Buchstaben ausführen könne, immer wieder aber bringt er genügend Beweise vor, die seine Thesen untermauern. Mehr als einmal entschuldigt er sich für die abrisshafte Darstellung, um seinen wohl zahlreichen Gegner gleich darauf mit einer in größter Bescheidenheit dargelegten empirischen Beweiskette den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er schildert und erklärt, er rechtfertigt und verteidigt sich, er deduziert und induziert und am Ende seiner Ausführung kommt man zum Schluss, dass Charles Darwin auf die bestmögliche Art, stilistisch wie wissenschaftlich-analytisch Recht hat. Dass das Werk als „wissenschaftliche Literatur“ klassifiziert ist, trägt schließlich auch Darwins bereits oben erwähntem schriftstellerischen Talent Rechnung. Was schließlich auch evident werden lässt, dass jegliche Anschuldigung in Bezug auf Blasphemie oder Gotteslästerung außer Acht gelassen werden kann, denn Darwin leistet viel mehr, er liefert eine wissenschaftliche, vernunft-basierte Theorie über die Entstehung und Entwicklung der Arten und hat es dabei gar nicht nötig sich hinter lächerlichem Hokus-Pokus zu verstecken, weil er der Natur rein gar nichts von ihrer Faszination nimmt, im Gegenteil, gerade die Tatsache, dass sich die Arten auf eine so faszinierende Weise entwickelt haben, stellt sie als viel interessanter und beeindruckender dar, als irgendein biblisches Kindermärchen. Viel besser lässt sich das mit Darwins eigenen Worten ausdrücken, sie bilden den letzten Satz der besprochenen Publikation: “There is grandeur in this view of life, with its several powers, having been originally breathed into a few forms or into one; and that, whilst this planet has gone cycling on according to the fixed law of gravity, from so simple a beginning endless forms most beautiful and most wonderful have been, and are being, evolved.” (6).

Selbst wenn beide Bücher mit manchen detaillierten Ausführungen über geologische Formationen und dergleichen einige Längen aufweisen, Darwin macht sie durch seinen wunderschönen Schreibstil mehr als wett. Ein Faktum übrigens, welches mich endlich auch verstehen lässt, warum mir mein Professor diese Lektüre so sehr ans Herz gelegt hat – es handelt sich um eine wohl längst vergessene Kunst, Wissenschaftler derart umfassend auszubilden, dass sie auch in der Lage sind einen lesbaren, schön formulierten Satz aufs Papier zu bringen, was mich meinen heutigen Eintrag mit dem Wunsch beschließen lässt, dass, sofern nicht bereits geschehen, jeder und jede, die sich auch nur Ansatzweise mit Wissenschaft auseinandersetzen, ob beruflich oder privat, Charles Darwin allerschnellstens auf ihre Leseliste setzen sollten, dass zumindest „On the Origin of Species“ Pflichtlektüre in den Einführungsveranstaltungen jeglicher wissenschaftlicher Fachdisziplin sein sollte und dass der Ausdrucksweise und Verständlichkeit einer wissenschaftlichen Publikation ebenso hohe Wertigkeit zugestanden wird, wie ihrem fachspezifischen Inhalt. Nicht zuletzt finden sich in den beiden Publikationen auch die grundlegenden Tugenden, die in der Wissenschaft aktuell immer mehr verloren zu gehen scheinen wieder: Neugier, fächerübergreifende Forschung, Empirie, logische Schlussfolgerung, der Blick über den Tellerrand und die kritische Hinterfragung der eigenen Thesen, Offenheit für unorthodoxe Ansätze und gleichzeitiger Respekt vor den wissenschaftlichen „Konkurrenten“, alles Eigenschaften, die meiner Meinung nach den richtigen Forscher, die echte Wissenschaftlerin erst ausmachen.

 

(1)    Was übrigens gut so ist.

(2)    Die gesamte Route der Beagle ist hier grafisch dargestellt.

(3)    Er hat aber die geltende Fachmeinung gekannt und sich gegebenenfalls daran orientiert.

(4)    Darwin war wohl auf die Gebiete Geologie und Botanik spezialisiert, war aber am besten Wege Pastor zu werden…

(5)    Darwin hat sich in den Jahren davor quasi als klassischer Naturforscher und Empiriker betätigt und sämtliche Schlussfolgerungen, die er aus seinen Beobachtungen gezogen hatte, mehrfach ausgetestet oder von Experten austesten lassen. So betätigte er sich als Taubenzüchter, kreuzte Pflanzen im eigenen Garten, beobachtete wie lange Samenkörner in Salzwasser überleben können usw. usf.

(6)   „Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und daß, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.“ (Das Wort „Schöpfer“ fügte Darwin übrigens erst in späteren Ausgaben des Buches bei.)

 

Susanne, 27. Dezember 2009

Frohe Weihnachten – Merry Christmas!

In wenigen Tagen ist Weihnachten und ich möchte mich hiermit bei den Sandworm-Lesern und Leserinnen bedanken und allen schöne Feiertage wünschen.

In a few days it’s Christmas and I would hereby like to thank the readers of The Sandworm and to wish you all peaceful holidays.

Susanne, 20. Dezember 2009

Veröffentlicht in:  on Dezember 20, 2009 at 6:46 pm Hinterlasse einen Kommentar
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On Art – Jeff Sher

Last week I got an email from Bob Dylan. Not from him personally of course, but rather from his record company, who was kind enough to inform me, that Dylan’s latest video „Little Drummer Boy“ was being released and could be viewed on Amazon.com. I didn’t lose much time and headed over to Amazon, where I found some information as to the fact that the entire proceeds of Dylan’s new album „Christmas in the Heart“ would go to charitable causes, mainly to people who don’t have enough money to feed themselves or their families. I already own the album, but hadn’t spent any of my own money on it and so I felt bad for a while, because after all Dylan’s cause is a noble one.

Feeling somewhat guilty I decided I’d still watch the video, where only seconds later I found myself in the middle of an astonishing work of art. The video had been done by an artist called Jeff Sher, and it confirmed my long held belief, that Dylan knows what he’s doing. Not only that, but he also knows what other people are doing (right).

After all he’s made some great videos – „Subterranean Homesick Blues“ comes to mind – on the Album „Together Through Life“ he used photographies of Bruce Davidson in the clip for „Beyond Here Lies Nothing“. There wouldn’t have been any reason to doubt that Jeff Sher was the right choice.

I was really moved by the way he had made the clip, the way the pictures spoke to me, about what Christmas means to me personally. Which is not so much that it’s a religious holiday, but rather one where you get together with your family, reunite and have a good time.

Actually, I was so impressed that I started looking around on the web to find more information about Sher and a moment later, I decided that I would just go ahead and write him an email, to let him know how much I liked his video. I did that because I was thinking about my own feelings of satisfaction, when people who don’t even know me, comment on my work. I admit, I love that. And I thought maybe Mr. Sher would too. So I wrote him that email.

To my surprise he wrote back, only a few hours later and not only did he write back, he thanked me for complimenting him and was nice enough to share some insights into his work for the video as well as some very interesting details about his personal background.

His grandfather, he says, was actually from Vienna (Austria), which is where I’m sitting at the moment, but he had left the city right after World War I to emigrate to the US. He had worked as a barber here, but was apparently an extremely talented man, speaking seven languages. Unfortunately he died young and much of his life remains a mystery to Mr. Sher, who must have, however, inherited some of his grandfather’s talents.

Jeff Sher works in New York City now, he paints and he’s an experimental filmmaker. Successfully so! You can see some of his artwork on the New York Times Opinionater Blog, and not to forget, he’s responsible for the latest Bob Dylan video.

Mr. Sher was kind enough to share some photos with me (and with permission, the rest of the world as of now…) and told me a little bit about how it all happened. He’s admittedly a great Dylan fan, as am I, and he was asked to do the video for „Little Drummer Boy“ by the people working for Dylan. They told him that „he wants you to do what you do“, which actually makes me very jealous, because I continually find myself imagining how it would be if Dylan, or rather the people who work for him, told me something like that one day. Anyhow, Mr. Sher was left completely free in his choice of theme for the video. They only gave him five weeks time, which he spent painting picture after picture, which needed to be filmed, in order to create the video. Mr. Sher ended up painting around 2000 pictures, a workload, which is beautifully illustrated by the picture he sent along displaying all the paintings neatly stacked in his home.

Which makes one appreciate a work of art even more. Coincident or not, the fact that I live in Vienna and Mr. Sher having a grandfather who came from here, more so, the fact that he actually came here himself in 1969 and still remembers the morbid atmosphere of the town (nothing has changed…), the wine, the old master paintings at the Kunsthistorische Museum, and apparently to this day fancies the Austrian experimental film-maker Peter Kubelka, all that seems like it was made for being written here on my blog. Dylan meets Sher meets The Sandworm. A Christmas Carol.

More information about Jeff Sher:

The New York Times’ Opinionator Blog

Jeff Sher’s Website

Jeff Sher on Youtube

Jeff Sher on Twitter

Susanne, 13 December 2009

Veröffentlicht in:  on Dezember 13, 2009 at 6:16 pm Hinterlasse einen Kommentar
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Skizzen aus Wien – Nr. 42

Gestern Vormittag war einer jener Tage, die gleich in der Früh ausgezeichnet beginnen. Ich schalte meinen Computer ein und in der Mailbox ist eine Nachricht von Bob Dylan. Natürlich nicht von ihm persönlich, aber von seiner Plattenfirma, die mir höflichst mitteilt, dass Dylan ein neues Video veröffentlicht hat, welches man sich auf Amazon ansehen kann. Was ich auch sofort mache und mich Sekunden später mitten in einem Kunstwerk wiederfinde.

Ich schlage also vor, sich das Video jetzt selbst anzusehen, bevor Sie weiterlesen. Schalten Sie auf den Vollbildmodus (im eingebetteten Clip unten rechts ein fernseherartiges Symbol).

Bob Dylan ist bekannt für kreative Videos, man denke nur an “Subterranean Homesick Blues” (alles auf Youtube zu finden), er ist selbst auch als bildender Künstler tätig und verwendete für das Video zu „Beyond Here Lies Nothing“ (am Album „Together Through Life“) die Fotografien von Bruce Davidson. Es überrascht also nicht, dass er auch am neuen Weihnachtsalbum (“Christmas in the Heart”) einen Künstler für die Gestaltung seines Videos ausgesucht hat. Ich sah mir also den Clip an – „Little Drummer Boy“ – und fand mich durch die darin montierten Aquarelle mit einem Mal in einer anderen Welt, fand mich emotional durch sie angesprochen, weil sie genau das darstellen was Weihnachten für mich bedeutet: Geborgenheit, Wiedersehen, Zusammensein.

Das Video hat mich so sehr angesprochen, dass ich dem Künstler, der übrigens Jeff Sher heißt (alle Infos weiter unten), eine Email geschrieben und ihm zur hervorragenden Arbeit gratuliert habe. Ich ging in diesem Falle einfach von mir selbst aus – ich freue mich wenn mir unbekannte Leute zu meiner Arbeit, meinen Texten gratulieren.

Zu meiner Überraschung geht es ihm offenbar genauso, denn am selben Abend kam eine Nachricht zurück, in er der sich nicht nur für mein Email bedankte, sondern mir auch noch zwei Fotos mitschickte, mir etwas über die Arbeit an dem Video für Bob Dylan sowie ein wenig über seinen persönlichen Hintergrund erzählte. Netterweise gab er mir die Erlaubnis, diese Informationen mit den Kunst- und Musikliebhabern unter den Sandworm-Lesern zu teilen.

Jeff Sher ist bildender Künstler, malt und gestaltet experimentelle Filme und veröffentlicht unter Anderem auch auf dem New York Times’ Opinionator Blog hin und wieder seine Arbeiten. Sein Großvater stammt übrigens aus Wien, verließ die Stadt aber irgendwann kurz nach dem ersten Weltkrieg, um in die USA zu emigrieren. Für Jeff Sher und seine Familie war er eine eher mysteriöse Figur, bekannt ist auf jeden Fall, dass er in Wien als Friseur gearbeitet hat und offensichtlich sehr talentiert war – er sprach z.B. sieben Sprachen. Vielleicht hat er etwas davon an seinen Enkel vererbt, der jedenfalls ist ebenfalls hochtalentiert und hat neben seiner künstlerischen Tätigkeit auch auf Wien nicht vergesssen. So kam er im Jahr 1969 für ein ganzes Schuljahr lang hierher und scheint bis heute von der morbiden Atmosphäre Wiens beeindruckt. Jedenfalls hat er den Wein, die Bruegels und Dürers und das Kunsthistorische Museum in guter Erinnerung behalten. Und er ist ein großer Bewunderer des Experimentalfilmers Peter Kubelka.

Das Video für Dylan kam kurzfristig zustande. Jeff Sher outete sich als großer Fan Dylans, vor allem aber meinte er, es wäre großartig gewesen, dass Dylan bzw. die Leute, die ihn beauftragt haben, ihm völlig freie Hand gelassen hätten. Ein Videoclip solle es werden, Inhalt egal, Hauptsache Artwork von Jeff Sher. “He wants you to do what you do” hätten die Leute, die mit Dylan arbeiten gesagt. (Und eben versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, wenn die Leute, die mit Dylan arbeiten, soetwas einmal zu mir sagten.)

Was für eine Arbeit insgesamt in dem Video steckt, hat mir Jeff Sher in einem sehr persönlichen Bild, das er mitgeschickt hat, verdeutlicht: es zeigt sämtliche Einzelbilder, die er malen musste um sie für den Clip abzufilmen (innerhalb von nur 5 Wochen). Alles in allem ungefähr 2000 Bilder!

Es war also gestern einer jener Tage, die gleich in der Früh gut beginnen. Ein hervorragendes, bewegendes, Video, der Entschluss dem Künstler direkt mitzuteilen, wie sehr mir seine Arbeit gefallen hat und darauf eine sehr persönliche Antwort von einem offenbar sehr sympathischen Jeff Sher. Ich werde mich also auf die Suche nach Shers Bildern in Wien machen, vielleicht gibt es auch einmal eine Ausstellung. Sandworm-Leser werden rechtzeitig davon erfahren.

Zusätzliche Informationen zu Jeff Sher:

Opinionator Blog der New York Times

Jeff Shers Webseite

Jeff Sher auf Youtube

Jeff Sher auf Twitter

Susanne, 10. Dezember 2009

Veröffentlicht in:  on Dezember 10, 2009 at 1:23 pm Hinterlasse einen Kommentar
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Skizzen aus Wien – Nr. 41

Mittlerweile schreiben wir den 6. Dezember, das Jahr geht unzweifelhaft zu Ende und nachdem ich mir kaum erwarte, dass heuer noch weitere der von mir angebeteten Musikgötter in Wien Halt machen werden, lasse ich das Musikjahr 2009 schon heute Revue passieren und werfe noch einmal einen kurzen Blick auf die Konzerte, die ich besucht habe.

Es war kein besonders intensives Konzertjahr, alles in allem habe ich sechs besucht, wobei ich zwei davon gleich von vorneherein links liegen lassen muss, da ich es über das Foyer des WUK nicht mal in den Konzertsaal geschafft habe. (Falls es jemanden interessiert, am Programm standen Mark Lanegan & Greg Dulli zu Beginn des Jahres und Portugal. The Man Mitte November.) Somit verbleibt die relativ magere Ausbeute von 4 Konzerten, bei denen ich nicht nur physisch anwesend war. Hier also noch einmal ein kurzer Abriss:

Der erste Termin stand im März am Programm und war für mich rückblickend betrachtet das Konzerthighlight des Jahres 2009. Es handelt sich um den Auftritt von Candi Staton, der alles bot, was man sich von einem fantastischen Konzert erwartet. Großartige Stimmung, eine gut gelaunte Staton, die mit hervorragender Stimme, toller Band und ausgezeichneten Backing Vocalists überzeugte. Und trotz des relativ melancholischen Songwriting-Schwerpunktes der beiden jüngsten Alben, hat es die Frau geschafft, das ganze im Porgy&Bess anwesende Publikum mitzureißen. Partystimmung, Rat und Trost für unter der Krise und sonstigem Lebensschmerz leidende Zuhörer (…everything’s gonna be alright…), die eine oder andere nachdenkliche Nummer (Elvis’ “In the Ghetto”) und jede Menge mitreißende, tanzbare Songs aus den verschiedensten Schaffensperioden der Künstlerin. Facit: Einfach genial.

Bis zum nächsten Konzert musste ich dann doch einige Zeit warten und zwar bis Juli, als dann Lambchop im WUK auftraten. Nicht mein erster Lambchop-Abend und somit keine musikalischen Überraschungen, aber für ein relativ langweiliges Monat im Jahr eine willkommene Abwechslung. Frontman Kurt Wagner und Band boten gewohnt gediegenen, entspannten Alt-Country.

Wieder musste ich mich bis zum nächsten Termin etwas gedulden, die Sommermonate sind da eher eine Qual, weil ich mich für Festivals absolut nicht interessiere und sofern es sich gar nicht vermeiden lässt, lieber Solo-Shows der Artists, die ich sehen möchte, ins Auge fasse. Diesbezüglich hat es dann doch bis Oktober gedauert, bis die jeweilige Konzertsaison auch für mich wieder interessant wurde. Magnolia Electric Co., die ich bereits zwei Jahre zuvor in der Wiener Szene erlebt habe, schafften es schließlich mit einer mitreißenden Show, den ersten Kälteeinbruch vergessen zu machen. Jason Molina, der vor kurzem aus Krankheitsgründen Shows absagen musste, befand sich in Hochform, möge er bald gesund werden, denn ich würde mir einen neuerlichen Wien Besuch der Truppe nicht entgehen lassen.

Kurz darauf stand für mich die musikalische (und in Bezug auf Frontman Willy Vlautin, auch literarische) Neuentdeckung des Jahres am Terminkalender: Richmond Fontaine traten im Gasthaus Vorstadt, das sich als sehr nette Konzert-Location entpuppte, auf und lieferten eine großartige Show, die sich in Bezug auf die mir bekannten CD-Veröffentlichungen der Truppe und dem was an diesem Abend live gespielt wurde, als Mischung aus ruhig-entspanntem bis traurig-nachdenklichem Alt-Country beschreiben lässt. Daraus resultierte die große Freude meinerseits, endlich wieder Neues entdeckt zu haben und zwar in gleich zweifacher Weise, da die Personalunion aus hervorragendem Singer-Songwriter UND großartigem Schriftsteller ja nicht gerade häufig vorkommt und sich, wenn man weiß, wie viele gute Leute immer wieder einen Bogen um Wien machen, hierorts noch seltener live erleben lässt.

Das Abschlusskonzert des Jahres 2009 schließlich bestritt Kris Kristofferson, dessen musikalisches Oeuvre ich erst heuer so richtig kennen und schätzen gelernt habe. Diesbezüglich war es auch ein passender Konzertjahresausklang, der mit Anfang November die meist doch eher melancholisch eingefärbte Jahreszeit eröffnet hat. Kristofferson ließ an jenem Abend auch keine Wünsche offen und spielte sich kreuz und quer durch seinen Songkalender, ganz allein auf der Bühne der neuen Halle F der Wiener Stadthalle, lediglich mit Gitarre und Mundharmonika ausgerüstet. Seine warme tiefe Stimme und die als ehrlich empfundene Herzlichkeit dem Publikum gegenüber waren wohl diejenigen Faktoren, mit denen vermutlich auch die hargesottensten Konzertgeher des Abends weichgekocht wurden, die weiblichen Gäste lagen ihm ohnehin zu Füßen. Ein mit dem Song „Don’t Tell Me How the Story Ends“ sehr bewegender Ausklang, gefolgt von einer mehr als 20-minütigen Signierstunde am Bühnenrand, beschlossen für mich ein Konzertjahr, in dem es zwar quantitativ keine Exzesse gab, welches mich dafür aber qualitativ mehr als zufrieden gestellt hat und somit in bester Erinnerung bleiben wird.

Ein Ausblick? Schwer zu sagen, was 2010 bringen wird. Ich hatte bereits heuer auf einen Abstecher von Conor Oberst und seiner Mystic Valley Band gehofft, vielleicht schaut er im neuen Jahr nach Wien, dann wäre die 2010-er Konzertsaison auf jeden Fall gerettet, auch wenn sich sonst niemand mehr hierher verirren sollte. Natürlich würde es mich auch sehr freuen Okkervil River wieder zu sehen. Die Partie rund um den genialen Songwriter Will Sheff wird vermutlich bald ein neues Album herausbringen, dann wäre auch eine größere Tour wieder angesagt. Als besonderen Weihnachtswunsch, welchen ich als ceterum censeo eigentlich ans Ende aller meiner Einträge anfügen könnte, wäre dann noch die Hoffung darauf zu erwähnen, dass Bob Dylan bald wieder nach Wien kommen möge. Dessen erst vor kurzem veröffentlichtes Weihnachtsalbum „Christmas in the Heart“ kann ich übrigens allerwärmstens empfehlen. Man sollte sich durch von einander abschreibende Rezensenten (national wie international) nicht beirren lassen, das Album ist weder seltsam, noch skurril oder absurd, sondern eben ein Weihnachtsalbum und wer zu Weihnachten Weihnachtsmusik hören möchte, der liegt damit absolut richtig.

Susanne, 6. Dezember 2009

Veröffentlicht in:  on Dezember 6, 2009 at 7:49 pm Hinterlasse einen Kommentar
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